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Full text of "Skizzen und Vorarbeiten"

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Af/ZT.'i/.^iW 




HARVARD COLLEGE 
LIBRARY 




FROM THE FUND OF 

CHARLES MINOT 
cLAss OF i8a8 




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• ^ ;i.» ^ 



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G 



SKIZZEN UND VORARBEITEN. 



VON 



J. WELLHAUSEN. 



SECHSTES HEFT. 




BERLIN. 

DRÜCK UND VERLAG VON GEORG REIMER. 
1899. 



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Y r w r t. 

Die Studien, die in diesem Hefte vereinigt sind, gehn auf 
verechiedene Zeiten zurück. Am längsten habe ich mich mit den 
Verbis mediae und ultimae vocalis getragen, Stades und Müllers 
Ansicht ist schon vor ihnen gelegentlich ausgesprochen in einem 
Aufsatze, der in einer philologischen oder pädagogischen Zeitschrift 
vor Herbst 1872 erschienen sein muss. Ich hatte sie daraus kennen 
gelernt und machte sie, bei Gelegenheit der Durchsicht hebräischer 
Abiturientenarbeiten von 1874, gegenüber einem Stettiner Gymna- 
siallehrer, Alexander Kolbe, geltend, da ich sah, welche Mühe es 
machte, das eingeführte mittlere Vau wieder aus der Mitte zu 
schaffen. Ich kam freilich schön an und verdiente es auch nicht 
anders. Aber ich hielt fest an der Betrachtungsweise und dehnte 
sie von den mediae vocalis auf die ultimae vocalis aus, ohne jedoch 
zu einem runden Ergebnis zu kommen. Dazu bin ich auch jetzt 
noch nicht gelangt. Gleichwol scheue ich mich nicht, mich mit 
einem Versuch hervorzuwagen, in der Hoffnung, dass vielleicht 
Andere ihn berichtigen und ihn vervollkommnen. 

Mit dem Tabari habe ich mich seit 1887 ernstlich abgegeben. 
Und zwar zunächst mit den beiden letzten Teilen, weil diese zuerst 
herauskamen. Die Vollendung des ersten Hess lange auf sich 
warten. Da ich nun nicht anders als mit dem Anfang anfangen 
wollte, so verzögerte sich mein Vorhaben, eine Vergleichung der 
vei-schiedenen Traditionen des Compilators auszuarbeiten und zu 
veröffentlichen. Endlich ging ich doch ans Werk, ehe noch die 
erste Serie fertig gedruckt wai\ Ich glaubte, der Schluss des Saif 
ben Umar, der Hauptautorität Tabaris für die Zeit der vier ersten 
Chalifen, fehle noch. Durch das letzte Stück der Serie, das mir 
erst nach Ablieferung des Manuscriptes zukam, bin ich angenehm 
enttäuscht worden. Saif ben Umar hört grade da auf, wo ich ab- 
gebrochen habe. 



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IV Vorwort. 

Die Abhandlung über den Menschensohn ist, ebenso wie die 
damit zusammenhangende über die Apokalyptik, einwachsen aus 
neuerer Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte. Das Thema 
ist wichtig, auch für die Redaction der Evangelien. Nachdem es 
eine Zeit lang für erschöpft gegolten hatte, wird es jetzt wieder 
eifrig behandelt. Durch das jüngste inzwischen erschienene Buch 
sehe ich mich veranlasst, hier noch einmal darauf zurückzukommen. 
Es ist verfasst von G. Dalman (Die Worte Jesu, Leipzig 1898). 

Auf Grund des arabischen zakäthabe ich für StSovai IXer^iAoaüVYjv 
Luc. 11, 41 ein Verbum zakki postulirt (p. 189). Dalman hat 
mein Postulat bestätigt und das Verbum (nicht aber das Substantiv 
von dem es herkommt) nachgewiesen. Nun rechnet er es mir zur 
Schuld an, dass ich es nicht gekannt, sondern nur erschlossen habe, 
und erschwert meine Schuld (es richtig erraten zu haben), indem 
er meine Worte misversteht (p. 71). Dagegen, dass in der an- 
geführten Stelle des Lukas die richtige Übersetzung reinigen 
gewesen wäre, wendet er ein, dass das Verbum diese Bedeutung 
nicht habe. Es hat sie wenigstens in späterer Zeit nicht mehr, es 
hat lediglich eine übertragene Bedeutung behalten und die eigent- 
liche an das jüngere dakki abgegeben, das ui^^rünglich identisch 
ist. Es könnte aber wol sein, dass diese Begriffsverteilung in der 
Zeit Jesu noch nicht reinlich vollzogen war. Sonst müsste man 
annehmen, dass nicht ein Übersetzungsfehler sondern ein Lese- 
oder Schreibfehler (zakki für dakki) voriiege — was auf das selbe 
hinausläuft und wol den Vorzug verdient. Dalman meint, Lukas 
sei vom griechischen xadapiCstv aus zu ^56vai iXsTjiioaiSvTfjv gelangt, 
er habe das Reinigen des mit Raub gefüllten Bechers bei Matthäus 
auf Ausleerung d. h. Verschenkung des Inhalts gedeutet. Das ist 
sinnig. Schade, dass Lukas gar nicht wie Matthäus vom Inneren 
des Bechers redet, sondern vom Inneren des Menschen (icmAev 
ü|iü)v 11, 39); zweifellos mit Recht. 

Meiner Vermutung, dass es in Luc. 4, 26 für -pvatxa x^P^ 
heissen müsse y« cjöpav d. i. IXXTf]vt8a (p. 189) setzt Dalman den Ein- 
wand entgegen, dass -pvotixa x^?^^ ^^ Schluss den icoXXal x^P°* ^^^ 
Anfang völlig passend gegenüberstehe. Man würde dann vielmdir 
erwarten: viele Witwen .... und nur zu einer einzigen 
. . . ., wenn überhaupt der (Jegensa^ zwischen der Vielzahl und 
Einzahl und nicht zwischen Israel und den Heiden spielte. Jeden- 
falls steht in der Parallele den vielen Aussätzigen in Israel, die 



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Vorwort V 

den vielen Witwen in Israel entsprechen, nicht Na«miin d^ Axui^ 
^tzige, sondern Naeman der Heide gegenüber. Dass ifovi] XV^ 
aus 1 Reg. 17, 9 stammt, ist richtig; man sieht daraus, durch 
welche Eemiliiscenz der Schreiber zu seinem Irrtum verleitet wurde. 

Bei Gelegenheit meiner Retroversion von Matth. 12, 41 (p. 188) 
wirft Dalman mir vor, dass ich ohne weiteres für aramäisch an- 
sehe, was ebenso gut hebräisch sein könne. Das tue ich grund- 
sätzlich. Was nicht entschiedener Hebraismus ist, gilt mir als 
aramäisch in den Evangelien. Ich frage nur, ob griechisch oder 
nicht griechisch; ob im zweiten Fall aramäisch oder hebräisch, ist 
mir keine Frage. Ein nicht griechischer Ausdruck kann an sich 
sehr oft grade so gut hebräisch wie aramäisch sein; ich setze vor- 
aus, dass er in allen Fällen aramäisch ist, in denen er es über- 
haupt sein kann. Manchmal könnte er an sich auch arabisch sein; 
es braucht nicht ausdrücklich gezeigt zu werden, dass dies in Wirk- 
lichkeit ausgeschlossen ist. Ebenso darf es als völlig ausgemacht 
gelten, dass, da Jesus und seine Jünger aramäisch sprachen , die 
ursprün^che mündliche Überlieferung des Evangeliums aramäisch 
war und dass auch ein etwaiger schriftlicher Niederschlag derselben 
nicht hebräisch sein konnte, wenn nicht die Absicht bestand, dass 
die älteste Gemeinde nichts davon verstehn sollte. Da Dalman 
selber diese Überzeugung teilt, so ist sein Mäkeln (das er auch 
gegen Blass übt) um so unbegreiflicher. Oder verlangt er, man 
solle wie er längst Erwiesenes mit den selben Gründen noch ein- 
mal erweisen und läiigst Gesagtes au^hrlich wiederholen? 

Ich komme nun zu dem^ was Dalman über den Menschensohn 
sagt. Er bemerkt zunächst mit Recht, dass der Plural häufiger 
und vielleicht ursprünglicher ist als der Singular, so wie im 
Syrischen bnai here (die Adlichen) vielleicht ältw- als bar here. 
Er teilt sodann das Ergebnis einer Statistik mit, welche er für 
denjenigen Dialekt des palästinischen Aramäisch angestellt hat, den er 
für spezifisch judäisch hält. Der Singular barnasch und barnascha 
sei ungebräuchlich, der Plural bnenascha selten; das gewöhnliche 
Wort für Mensch sei vielmehr nasch und nascha ohne Vorsatz. 
Indem Dalman nasch und nascha dm*chweg auf eine Linie setzt, 
aeigt er «ich ausser Stande, die lexikalische Frage richtig zu stellen. 
Das indeteiminirte Wort muss nämlich sorg&ltig von dem determi- 
nirten unterschieden werden. Schon im Eebräischen wird ad am ohne 
Artikd siiigiilarisdi gebraucht und im Pfaönicischen in Folge dessen 



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TI Vorwort 

der Plural adamim gewagt. Ebenso nimmt im Aramäischen das in- 
determinirte nasch (Plural naschin) singularische Bedeutung an; 
im Daniel kommt es meist mit kol und la vor (jedermann, niemand) 
und im Syrischen hat es unbestimmten Sinn (quidam). Dagegen das 
determinirte nascha (hebräisch ha-adam) hat stets den ursprüng- 
lichen generellen oder pluralischen Sinn bewahrt und bildet darum nie- 
mals einen grammatischen Plural; es bedeutet nicht der Mensch, 
sondern die Menschen. So ist es nicht bloss im Syrischen, 
sondern auch im Daniel. Ohne mit dem Aramäisch, das Dalman 
als specifisch judäisch anspricht, näher vertraut zu sein, kann man 
gelassen behaupten, dass es dort nicht anders sein wird. Einen 
Beweis dafüi* liefert er selber, indem er bemerkt, dass nascha dort 
niemals mit dem Demonstrativ verbunden werde, dass man für 
„jener Mensch" nicht sage hau nascha, sondern nur hau gabra 
(jener Mann). Er ahnt nicht, warum. 

Mit anderen Woi-ten deckt sich nascha mit dem Plural bne 
nascha. Es ist keineswegs ein Ersatz für barnascha, wie Dalman 
meint. Wenn also barnascha im s. g. judäischen Aramäisch 
nicht vorkommt, so kommt „der Mensch" (im determinirten Singular) 
nicht vor. Das ist nicht unglaublich. Man sagte dann füi' gewöhn- 
lich „der Mann" oder im Notfall „die Frau", und nur im Plural 
„die Menschen" — nach der älteren Sitte, die im Hebräischen 
überwiegt und auch in das Syrische noch stark hineim'agt, wie ein Ver- 
gleich des Sinaiticus und Cm*etonianus mit der Peschita lehrt. 
Hätte aber ein Bedürfnis vorgelegen, den neutralen Ausdruck „der 
Mensch" zu gebrauchen, so hätte man dafür nicht breh dnascha 
gewählt, weil diese Verbindung des Singularsuffixes mit nascha 
trotz Dalman unmöglich ist, sondern barnascha. Dass dies Wort 
auch in Palästina als längst geprägtes zu Gebote stand, erhellt aus 
Dan. 7, 13, aus dem jerusalemischen Evangeliar, und aus demjenigen 
Teil der spätjüdischen Literatur, dessen Ai^amäisch specifisch 
galiläisch sein soll. Dalman lehnt zwar diese Zeugnisse ab, aber 
nur deshalb, weil sie nicht aussagen, was er wünscht. 

Wie Jesus nach Dalman barnascha wenigstens als Appellativ 
nicht gebrauchen darf, so auch nicht aläha (Gott), weil die Rabbinen 
statt dessen „der Himmel" u. a. sagen. Sollte der eigentliche 
Ausdruck wirklich durch die Pedanten auch aus dem Munde des 
galiläischen Volkes verdrängt worden sein? Ist es unmöglich, dass 
Jesus wie das Volk redete und nicht wie die Schriftgelehi-ten? 



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Vorwort Vü 

Auch olh^ TOü Oeoü als jüdischen Torminus für Messias zur Zeit 
Jesu beanstandet Dalman, weil ihn die Rabbiner nicht gebrauchen. 
Trotz einigen Zugeständnissen übersieht er gar zu gern den mög- 
lichen Unterachied zwischen der Sprache Jesu und der mehrere Jahr- 
hunderte späteren der jüdischen Literatur; er ist bei etwaigen 
Differenzen immer geneigt, die letztere als das Prius und das Allge- 
meingiltige zu betrachten. Ich füge noch hinzu, dass auch auf 
die Vollständigkeit des in der rabbinischen Literatur erhaltenen 
Lexikon kein Verlass ist. Das Wort für Almosen z'kota 
scheint sich dort nicht zu finden. Dass diese Bedeutung aber 
existirt hat, ergibt sich aus dem arabischen zakät und aus dem 
Derivat zakki d. i. Almosen geben. Es lässt sich darnach an- 
nehmen, dass auch für das hebräische hasid einst ein aramäisches 
Aequivalent nicht gefehlt hat und dass die Essäer von h'saija 
benannt sind. 

Ich gebe natürlich zu, dass Jesus und die Jünger nicht mesopo- 
tamisches, sondern palästinisches Aramäisch geredet haben, und 
dass der Anstoss nicht vorhanden ist, den ich fiiiher einmal an 
XsfAa (Mc. 15, 34) genommen habe, in momentaner Geistesab- 
wesenheit, da mir die Targume bekannt und zugänglich waren. 
Aber Dalman verfährt tendenziös, wenn er die ihm auffälligen 
Berührungen der Sprache des jerusalemischen Evangeliars mit dem 
Syrischen auf Inficirung durch das Syrische zurückführt. Er übertreibt 
die Bedeutung der dialektischen ünterechiede. Das Aramäische war 
Weltsprache (Thuc. 4, öO.Diod. 19, 23) und als solche auch inPalästina 
eingedrungen, man verstand sich darin überall, wenngleich vielleicht 
weniger wenn man sprach als wenn man schrieb. Es kommt 
schliesslich auf die Probe an. Meine Beobachtungen am Neuen 
Testament sind vom Syrischen aus gemacht, indem nur in Zweifels- 
fällen Lexikon und Grammatik des Palästinischen zu Rate gezogen 
ist; ich wai^te darauf, dass Dalman sie zu schänden gemacht. Er 
selbst hat bisher aus seinem jerüsalemischen Dialekt wenig Gewinn 
für das Verständnis des Neuen Testaments gezogen. Was er über 
den Gebrauch von aiwv und xoafAoc in den Evangelien sagt, ist 
zwar richtig und wertvoll, aber aus dem griechischen Text geschöpft. 
Dagegen scheinen mir die sachlich geordneten griechisch-aramäischen 
Vocabularien, die er aufzustellen sucht, keinen der Mühe ent- 
sprechenden Nutzen abzuwerfen; bezeichnend für die Systematik sind 
die Überschriften: „die Gottesherrschaft ist ein Gut, Inhalt einer 



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Vin Vorwort. 

Verkündigung, eintretender Zustand, eine Zuständlichkeit innerhalb 
deren Menschen sich befinden, in welche Menschen gelangen." 
Wenn das aramäische Urevangelium in extenso hergestellt werden 
soll, so kann das allerdings nur in der besonderen Mundart 
geschehen, in der es verfasst war; die blossen Formen und die 
gleichgiltigsten Worte, namentlich die Synonyma, kommen dabei 
in Betracht und machen oft die meisten Schwierigkeiten. Dalman 
scheint sich die Aufgabe so zu stellen, er veröffentlicht gleichsam 
Vorarbeiten für eine vollständige Übersetzung. Er ist stolz auf 
sein systematisches Verfahren und tadelt die bloss gelegentliche 
Beobachtung. Mit Unrecht. Das Verständnis des Ausspruchs: 
„das Reich Gottes kommt nicht dadurch dass man darauf wartet" 
(d. h. den Mund für die gebratene Taube oflfen hält) ist aus 
dem Griechischen zu gewinnen und nicht durch lange Erörterungen 
darüber, welches aramäische Wort wol dem jjätä itapaTn^pi^ascoc ent- 
sprochen haben möchte. Vielmehr nur in den Fällen, wo der sprach- 
liche Ausdruck oder der Sinn aus dem Griechischen sich nicht er- 
klärt, hat man Anlass zur Retroversion; sie ist auch nur dann einiger- 
massen gesichert, wenn der Anstoss dadurch verschwindet. Meistens 
entsteht derselbe durch Idiotismen, die durch alle aramäischen 
Dialekte gehn, und sogar oft durch solche, die das Aramäische mit 
dem Hebräischen und dem Arabischen gemein hat. 

Nach 25jähriger Beschäftigung mit der rabbinischen Literatur 
findet Dalman seine eigene Ausrüstung noch immer sehr der Ver- 
vollständigung bedürftig, um so weniger versteht er, wie ich ohne 
nennenswerte Vorkenntnisse auf diesem Gebiet meinen könne, mich 
bei der Erklärung evangelischer Ausdrücke aus dem Aramäischen 
beteiligen zu dürfen. Es kommt indessen nicht bloss auf die Brille 
an, sondern auch auf die Augen. Damit soll das grosse Verdienst 
Dalmans nicht herabgesetzt werden, er darf sich mit vollem Rechte 
seines Fleisses und seiner Energie Anderen und auch mii* gegenüber 
rühmen. Ausserhalb des Neuen Testaments haben ihm diese Eigen- 
schaften wertvollere Früchte getragen. Seine Grammatik des jüdisch- 
palästinischen Aramäisch ist des Dankes wert. Leider beschränkt 
er sich darin auf die Formenlehre; es wäre sehr zu wünschen, dass 
er auch die Syntax hinzufügte. Diese Aufgabe ist allerdings feiner 
und schwieriger; doch wird sie erleichtert durch das nicht genug 
gewürdigte Vorbild, welches Nöldeke gegeben hat. 

Göttingen, 30. Dezember 1898. W, 



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r: 



. PROLEGOMENA 

ZUR 

ALTESTEN GESCHICHTE DES ISLAMS. 



Well hausen, Skizzen und Vorarbeiten. VI. 1 

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1. Saif ben Umar. 

Die Untersuchungen, die ich hiermit beginne, beschäftigen sich 
mit der Geschichte des Islams soweit sie noch zusammenfällt mit 
der Geschichte der Araber, in der prägnanten ersten Zeit, in 
der sich schon alle Keime der Zukunft regen. Was hier vorzugs- 
weise nachzuholen ist, das ist die Scheidung der verschiedenen 
Berichte. Die Werke der ursprünglichen Berichterstatter sind uns 
nämlich nicht in ihrer selbständigen Form erhalten, sondern nur 
als Bestandteile von Compilationen. In der Art, wie sie darin 
verwertet sind, besteht aber ein grosser Unterschied. Die späteren 
Compilatoren verschmelzen ihr Material, welches sie selber gewöhn- 
lich schon nicht mehr aus erster Hand beziehen, möglichst zu 
einer einheitlichen Masse; so lange nur sie bekannt und zugäng- 
lich waren, war die Kritik sehr unsicher. Jetzt ist sie leicht ge- 
macht, seit einige der wichtigsten älteren Compilatoren veröffentlicht 
sind^). Diese stellen die Varianten unverarbeitet neben einander- 
und geben .dabei ihre Herkunft an. Darin besteht z. B. der Vor- 
zug Tabaris vor Ibn alAthir, obgleich dieser verständiger und 
vollständiger ist als jener. Neben Tabari kommt für uns beson- 
ders Balädhuri in Betracht. Er ist älter als jener und hat weit 
mehr Urteil; er unterscheidet jedoch seine Autoritäten nicht so 
deutlich und zerstückelt sie stärker durch das Princip rein geo- 
graphischer Anordnung. Die Ausgabe des Ibn Sa* d, der dem Balä- 
dhuri an Alter voranzustehn scheint, steht in Aussicht. Er wird 
die Excerpte Tabaris, namentlich die aus Vaqidi entnommenen, 
wesentlich vervollständigen; aber wir brauchen nicht auf ihn zu 



^) Das Hauptverdienst daran hat M. J. de Goeje in Leiden, der auch 
in der Kritik die ersten glücklichen Schritte getan hat. 

1* 



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4 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 1. 

warteD, um mit Erfolg die Aufgabe in AngriflF zu uebmen, die wir 
uns gesteckt haben. 

Unter den ursprünglidien Berichterstattern versteh ich die 
ältesten historischen Schriftsteller. Diese sind natürlich auch 
Sammler, in dem Sinne wie es jeder Historiker ist. Sie haben 
ihren StoflF nicht aus den Fingern gesogen, sondern aus Quellen zu- 
sammengetragen. Sie geben in der Regel für jedes Erzähjungs- 
stück den sogenannten Isnäd an, d. h. die Filiation der Über- 
lieferung von ihrem Ausgangspunkt herab, nämlich von einem 
Zeitgenossen, welcher Zeuge für das betreffende Factum und oft 
auch activ dabei beteiligt war. Trotzdem aber sind sie nicht 
Compilatoren von dispyaten und widerspruchsvollen Traditionen, 
sondern Vertreter einer einheitlichen historischen Anschauung, in 
die alle von ihnen gesammelten Data passen, bis auf gewisse aus- 
drücklich erwähnte Ausnahmen. Man braucht also in der Regel 
nicht weiter auf die bunten Isnade der Einzeltraditionen einzugehn, 
sondern darf Historiker wie Abu Michnaf, Ibn Ishaq, Abu Ma* schar, 
Yaqidi u. a. als letzte Autoritäten betrachten, an die man sich zu 
halten hat; wie es auch schon Baladhuri und Tabari tun, wenn 
sie sich mit der Angabe „Ibn Ishaq sagt, Vaqidi sagt" begnügen, 
ohne den Isnad beizufügen, auf den sich jene stützen. Man darf 
sogar behaupten, dass für uns der Wert des Isnad von dem Wert 
des Historikers abhängt, dem er als zuverlässig erscheint; bei 
schlechten Historikern ist auch auf gute Isnade kein Verlass, und 
gute Historiker verdienen auch dann Zutraun, wenn sie keinen 
Isnad geben, sondern nur bemerken: ich habe es von einem, dem 
ich Glauben schenke. Dies bedeutet eine grosse Vereinfachung der 
kritischen Analyse^). 

Die Zeit, mit der wir zu tun hab6n, zerfällt in zwei Perioden, 
die der vier ältesten Chalifen und die der ümaijiden. Für die 
erste Periode folgt Tabari hauptsächlich dem Saif b. Umar al- 
Usaidi alTamimi, der unter Harun alRaschid gestorben ist und 
zwei an einander schliessende Werke hinterlassen hat, eins über . 
den Abfall der Araber nach dem Tode des Propheten und die 
grossen Eroberungen '), und ein anderes über die Wirren nach der 



^) Ich rede hier natürlich nur von dem eigentlich geschichtlichen Hadith, 
der chronologisch erzählt und häufig annalistisch geordnet ist. 
^ Die ^y^ d. i. die Gesta Dei per Arabes. 



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Saif ben Umar. 5 

Ermordupg Uthmans^). Tabari citirt ihn zuerst zerstreut seit 1794, 17 
(r= 1749, 16); von 1844, 13 an benutzt er ihn als fortlaufende 
Hauptquelle, und zwar nach zwei Recensionen, der des Ubaidallah 

b. Sa* id alZuhri (\j30ss>) von seinem Oheim Ja* qub von Saif und 

der des Sari b. Jahia (^^Sjo oder *Jt v^) ^^^ Schu^aib b. 
Ibrahim alTamimi von Saif). Sehr häufig gibt er beide Recensionen 
als sich deckend an und bemerkt dann wol kleine, rein formale 
Differenzen'); doch citirt er auch die eine oder die andere einzeln, 
ohne damit sagen zu wollen, dass er das betreffende Stück nur in 
der einen und nicht auch in der anderen gefunden hätte*). Saif 
selber führt seine Informationen bis auf den Urquell zurück ^) und 
verwendet, im Unterschied von den Älteren, besondere Sorgfalt 
auf die vollständige und kunstgerechte Angabe des Isnad. Er gibt 
sich durchaus als selbständiger und primärer Sammler und Redactor 
des Materials, auf gleicher Stufe mit Ibn Ishaq, Abu Ma* schar u. A. 
Der Tenor des Saif wird bei Tabari gelegentlich unterbrochen 
durch meist ku^:ze Mitteilungen aus Ibn Ishaq, Vaqidi, Madäini 
(bez. Abu Ma* schar), Ibn Ealbi (bez. Abu Michnaf), welche sich 
nach Baladhuri und Anderen ergänzen lassen. Vergleicht man 
damit den Bericht des Saif, so ergibt sich ein durchgehender 
Widerspruch. Er ist der Art, dass man nicht ausgleichen kann, 
sondern für oder wider sich entscheiden muss. Für oder wider 
Saif? das ist die Frage, auf deren Beantwortung unsere Aufgabe 
in diesem ersten Stück zumeist hinausläuft. Saif besticht zunächst 
sowol durch seinen zusammenhangenden Pragmatismus als auch 
durch die Fülle seines Details, an Sachen und Namen. Aber er 
steht vereinzelt den Anderen gegenüber, er ist der Vertreter einer 



^) Fihrist des Nadim p. 94. Fihrist des Abubakr b. Chair (Bibl. ar. 
hisp. 9.10) p. 237. Sprenger 3,544 n. 1. Ober die Banu üsaijid von Tamim 
s. Tab. 1 1932, 15 (1933, 10). 2208 1. 

2) Im Fihrist 94,6 steht falsch Saif von Schu'aib statt Schu'aib von 
Saif. Der Zuhrit heisst im Fihrist 95,7 Abdallah b. Sa'd; vgl. Tab. 2016b. 

3) 1856,10 Guschaisch, Guschnas? 1858, 14s Aihala, Abhala. 1859,3 
1872, 7, 2050, 18. 

*) Vgl. 1794, 17 Ubaidallah mit 1749, 16. 18 Ubaidallah und 
Sari. Später beschränkt sich Tabari auf die Wiedergabe des Saif nach Sari 
von Schu'aib. 

^) Eüi paar mal citirt er den Ibn Ishaq. 



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6 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 1. 

spezifisch iraqischen gegenüber der alten higäzischen d. h. medini- 
schen Tradition. Um zu einem sicheren Urteil zu gelangen, dazu 
^jd^darf es freilich eines Tertiums, eines unabhängigen und zu- 
verlässigen Masses. Urkunden, die diesen Diensf verrichten könnten, 
sind kaum vorhanden. Doch gibt es einen Ersatz dafür in zwei 
den Ereignissen gleichzeitigen oder nahezu gleichzeitigen Berichten 
christlicher Kleriker. Nach den in der Ztschr. der Deutschen 
Morgenl. Gesellschaft 1875 p. 76 ss. veröffentlichten Aufzeichnungen 
eines Syrers hat die entscheidende Schlacht gegen die Romäer am 
Jarmuk stattgefunden im August 636. Das gleiche Datum, nemlich 
Ragab 15 A. H., geben Ibn Ishaq bei Tabari und Vaqidi bei 
Baladhuri. Saif dagegen setzt die Schlacht in den Gumäda I 13 
A. H. = Juni 634, also über zwei Jahr zu früh. Nach der von 
Zotenberg veröffentlichten und bearbeiteten Chronik des Bischofs 
Johannes von Nikiu ist das ägyptische Babylon (bei Fustät) im Jahre 
641 gefallen und Alexandria im Jahre 642 übergeben. Die ent- 
sprechenden Ansätze, nemlich 20 A. H. für Babylon und 21 für 
Alexandria, finden sich auch bei Ibn Ishaq; dagegen ist nach Saif 
das Jahr der Eroberung Aegyptens A. H. 16 = A. D. 637. Mit der 
Chronologie fällt der ganze Pragmatismus Saifs; die Datirung der 
Schlacht am Jarmuk zieht die der Schlacht bei Qadisia nach sich, 
und mit der Ansetzung des Zuges nach Aegypten hängt die des 
völlig gesicherten Besitzes von Palästina zusammen. Diese beiden 
Fälle genügen; ich will indessen noch zwei weitere hinzufügen. 
Nach Saif ist der ganze Osten bis zum Oxus und Indus schon im 
Jahre 18 A. H. vollständig unterworfen, und ebenso Spanien schon 
unter Uthmän erobert*). Auch ohne Urkunden steht es fest, dass 
dies Ungeheuerlichkeiten sind. 

Dadurch wird nun ein starkes Vorurteil gegen Saif begründet^). 
Wir sind berechtigt und verpflichtet, ihm von vornherein zu mis- 
trauen und der higäzischen Tradition den Vorzug einzuräumen. 
Wir können uns darum aber doch nicht davon dispensiren, das 



1) Tab. 1,2817: Aufüthmans Befehl setzten die beiden Abdallah b. Näfi% 
mit Arabern und Berbern, über das Meer und eroberten Andalus und Franken; 
Uthman sagte, nur auf diesem Wege, über Andalus, werde Konstantinopel 
eingenommen werden. Über die wirkliche Eroberung Spaniens unter Valid I 
gibt Tabari nur die magersten Notizen. 

^ auch gegen Tabari, sofern dieser vorzugsweise den Saif reproducirt. 



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Asad und Gbatafän. 7 

Einzelne -der Reihe nach durchzugehn; zumal es der Mühe lohnt, 
die bei der Entartung der Tradition wirkenden Triebe zu verfolgen. 
Wir beginnen mit der Niederwerfung der Ridda, mit der Erobe- 
rung Arabiens, das von Muhammad nur sehr oberflächlich bezwungen 
war und alsbald nach seinem Tode wieder abfiel (A. H. 11 = 
29. März 632 bis 17. März 633). 



2. Asad nnd Ghatafän. 

Die Ridda war nur ein Abfall von der Herrschaft der Quraisch 
in Medina, nicht von der Religion des Islams; die Propheten, die 
an der Spitze standen, traten ebenso wie Muhammad im Namen 
Allahs auf und nicht im Namen irgend eines Götzen. Die Auf- 
ständischen Hessen zum Teil in Medina erklären, sie wollten wol 
den Gottesdienst verrichten, aber keine Steuer bezahlen. Abgesehen 
von den Abgaben richtete sich ihr Widerwillen gegen die Boten, 
die Muhammad in der letzten Zeit seiger Herrschaft an viele 
Stämme gesandt hatte, um sie im Recht und in der Religion zu 
unterrichten und um die Steuer einzunehmen; es waren noch 
keine richtigen Provinzialbeamten und Statthalter, aber sie beauf- 
sichtigten doch tatsächlich die einheimische Aristokratie und konnten 
für Coutroleure und Spione der Centralregierung in Medina gelten. 
Sehr häufig standen sich zwei Parteien in einem Stamme gegen- 
über und zwei Rivalen um die Herrschaft; die Minorität wandte 
sich nach Medina und suchte Halt im Anschluss an den Islam; 
das war dann der Anlass für Muhammad, sich einzumischen, seine 
Boten zu schicken und den ihm genehmen Prätendenten zu unter- 
stützen. Das Signal zum Abfall gab der Tod des Propheten, da- 
mit schien die Theokratie in sich zusammen zu brechen. Wol 
hatte die Unzufriedenheit schon früher bestanden, und an einzelnen 
Stellen soll sie sich auch schon früher Luft gemacht haben. Aber ' 
in grossem Umfange und in gefährlicher Weise kam sie doch erst 
nach Muhammads Tode zum Ausbruch, und zwar sofort darnach. 

„Dem Propheten haben wir gehorcht, sagt Hutai'a, aber dem 
Vater des Kamelkalbes gehorchen wir nicht, sonst müssten wir am 
Ende auch noch dem Kamelkalbe selber gehorchen" — wenn näm- 
lich die Herrschaft einfach unter den Quraisch forterbte, von dem 



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8 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 2. 

Propheten auf Abubakr und von diesem auf seinen Sohn überginge^). 
Die Steuer wurde zurückbehalten, die Boten mussten fliehen, wenn 
sie nicht bei einer treu gebliebenen Minorität Zuflucht fanden. Es 
traf sich glücklich für die Abgefallenen, dass Medina etwa zwei 
Monate lang von Truppen entblösst war, weil alsbald nach des 
Propheten Tode das Heer unter Usäma nach Syrien geschickt war. 
Ausserdem schien ihnen der Zwist zwischen den Quraisch und den 
An^är günstig zu sein ; es war nicht vorauszusehen, dass 'der Kampf 
gegen den Aufstand in Wahrheit am meisten dazu beitrug, diesen 
Zwist zu begraben. 

So viel zur Orientirung über die Sachlage. Nach Saif b. 
ümar benutzten nun die Aufständischen in der Nähe von Medina, 
die zu dem Volke Ghatafän gehörten, die Zeit der Abwesenheit des 
Heeres unter Usäma, um die Offensive zu ergreifen. Sie hatten 
drei Lager, das grösste in alAbraq (Rabadha), die beiden andern 
nahe bei Medina in DhulQa^^a und Dhu Husä. Von Dhu Husä 
aus machten sie einen Überfall, indessen die Mediner unter Abu- 
bakr waren auf ihrer Hut und trieben sie bis in ihr Lager zurück. 
Dort freilich wurden ihre Kamele durch aufgeblasene Schläuche 
scheu gemacht und gingen mit ihren Reitern durch, nach Medina 
zurück. Auf die Nachricht von diesem angeblichen Erfolge ihrer 
Brüder kamen nun auch die in DhulQa^^a lagernden Ghatafän ag, 
wurden indes von Abubakr und den drei Söhnen Mugarrins über- 
rascht, flohen in ihr Lager zurück und mussten auch dieses räumen. 
Siegreich nach Medina heimgekehrt, wurden die Muslime ermutigt 
durch die Ankunft der Steuern, von Tamim und durch die Rück- 
kunft Usämas. Jetzt ging Abubakr zum Angriff über und zog mit 
seiner alten Mannschaft, ohne die noch zu ermüdeten Truppen 
Usämas, gegen die Ghatafän in alAbraq, die er völlig zerspreogte^ 
Er kam dann nach Medina zurück und gin^ nun von dort nach 
DhuIQa^^a, wo er ein grosses Heer organisirte, dessen Kern aus 
den inzwischen erholten Truppen Usämas bestand. Er teilte es 
in elf Abteilungen, ernannte elf Emire, gab allen eine schriftliche 
Instruction und wies einem jeden seine Provinz an. Den Heeren 
voraus sandte er Boten mit Schreiben an die Stämme, um die 



1) Hutara 34, 4.5. ed. Goldziher DMZ 1893 p. 43. Vater des Kamel- 
kalbes ist ÜbersetzuDg von Abubakr; er heisst auch Abul Fa^il d. i. 
Vater des entwöhnten Kalbes (Tab. 1827, 10. 1866, 15. 1890, 6). 



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Asad und Ghatafän. 9 

Abtrünnigen zu bedrohen und die Treuen zu stärken und zu 
sammeln. . Nachdem Saif auf diese Weise Alles durch den Chalifen 
hat vorbereiten lassen, geht er nun über auf Chalid b. alValid, 
einen der elf Emire. Chalid machte zunächst eine Diversion gegen 
die Taiji und es gelang ihm, sie von Anschluss an die Auf- 
ständischen abzuziehen oder zurückzuhalteo, wobei er von Adi b. 
Hatim unterstützt wurde. Durch die Taiji verstärkt marschirte 
er dann gegen den falschen Propheten Tulaiha in Buzächa, den 
Führer der Asad. Die Asad standen seit Alters mit den Ghatafän 
im Bunde, eine Zeit* lang hatte sich (in Folge verschiedener Partei- 
stellung zu einem Dritten im Bunde, den Taiji) das Verhältnis ge- 
lockert, nach dem Tode Muhammads aber durch die gemeinsame 
Auflehnung gegen die Herrschaft von Medina wieder hergestellt. 
Ujaina mit einem Teil der Ghatafän befand sich im Lager Tulaihas, 
auch der bei alAbraq geschlagene Teil hatte sich dorthin ge- 
flüchtet. Den Bericht Saifs über Jie Schlacht von Buzacha, in der 
Tulaiha und üjaina von Chalid schimpflich besiegt wurden, gibt 
Tabari nicht. Die Schlacht entschied die Unterwerfung auch der 
Sulaim und der Haväzin, die auf den Ausgang gewartet hatten. 
Die dem Islam treu gebliebenen Minoritäten regten sich und be- 
kamen die Oberhand. Chalid unternahm von Buzacha, wo er 
einen Monat blieb, Streifzüg« nach verschiedenen Seiten, um die 
Abgefallenen zum Gehorsam zurück zu bringen. Ein buntef Haufe, 
der sich in Hauab um die Umm Ziml und ihr Kamel geschaart 
hatte, zerstob vor ihm. Darauf marschirte er gegen die Tamim 
nach Butäh. Vgl. Tab. 1873—1887. 1892—1903. 1922. 

Anders lautet der Bericht bei Baladhuri (94 ss.), in den sich 
die bei Tabari erhaltenen Angaben des Ibn Kalbi von Abu Michnaf 
(1887-9), Madäini von Abu Ma schar (1870), und Ibn Ishaq 
(1890 s. 1896. 1904—8) fügen. Abubakr wies die Forderung der 
Stämme auf Erlass der Steuern standhaft zurück, obwol er ihren 
Angriffen gegenüber wehrlos gewesen wäre. Er blieb bis zur Rück- 
kehr Usämas in Medina. Erst dann rückte er aus nach^Dhul- 
Qa^^a an der Nagdstrasse, um dort sein 4leer zu sammeln und zu 
ordnen; im Gumada I oder II A. H. 11 = August 632 (Abu 
Ma' schar 1870, 11). Dort wurde er von einem Haufen *der Fazära 
unter Chäriga b. Hi^n und Mantzur b. Zabbän überrascht, musste 
Deckung in einem sumpfigen Gebüsch suchen (Abu Ma schar 1870, 
18), trieb aber die Angreifer am Ende doch glücklich ab. flr 



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10 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 2. 

Übertrug nun dem Chalid b. alValid den Befehl über das ganze 
Heer, das sich im Lager zusammengefunden hatte (Abu Michnaf 
1887, 15. 18). Dieser wandte sich, veranlasst durch Adi b. Hatim, 
zunächst gegen die Taiji, hielt sie beim Gehorsam fest und ver- 
stärkte sich durch sie (1888 s.) , Darauf marschirte er nach Buzächa, 
wo sich die Asad unter Tulaiha und siebenhundert Fazara unter 
Ujaina b. Hi^n gesammelt hatten, und schlug sie; Ujaina gab den 
Kampf auf, da er sah, dass Tulaiha sich nicht' daran beteiligte, 
sondern sich in seinem Zelte einhüllte, um zu prophezeien (Ibn 
Ishaq 1890s). Daneben fanden noch kleinere Gefechte statt, bei 
Rammän und Abanain, und namentlich bei Ghamr gegen die 
Fazara unter Chäriga b. Hi^n. Nach der Unterwerfung der Asad 
und Ghatafan machte sich die der Sulaim und Haväzin (Amir) 
leicht. Chalid schlug den Sulaimiten Abu Schagara, den Sohn der 
Chansä. Darauf marschirte er gegen die Tamim nach Butäh. . 

Statt der Ghatafan im Allgemeinen werden hier bestimmter 
die zu ihnen gehörigen Fazara genannt, die zu einem Teile unter 
Ujaina sich mit den Asad vereinigt haben, zum andern unter 
Chariga, dem'Bruder Ujainas, in ihrem Lande verblieben sind^). 
Von den Lagern der Beduinen in Dhu Husa und DhulQa^^a ist 
keine Rede, und ebensowenig von zwei Angriffen derselben von dort 
aus auf Medina, die Abubakr glücklich abschlug, ehe Usäma zurück- 
kehrte. DhulQa^^a wird nur einmal erwähnt, und zwar als 6p|i7]- 
T^ptov Abubakrs, nach der Rückkehr Usämas. Dort erlitt er einen 
Überfall durch Chäriga, der sich gefährlich anliess aber doch zu- 
letzt glücklich bestanden wurde. Diesen Kampf bei DhulQa99a 
scheint Hutaia 34, 4') im Auge zu haben. Er wird identisch 
sein mit dem, der nach Saif bei Dhu Husa stattfand, wo die Kamele 
der Muslimen vor aufgeblasenen Schläuchen ausgerissen sein sollen ^); 
Dhu Husa ist ein sonst liirgend vorkommender Ort, der nur von 
Saif erwähnt und wahrscheinlich zu Unrecht von DhulQa99a 
unterschieden wird. Ausser unfreiwillig bei DhulQa^^a ist Abu- 



^) Nach Hutaia 34, 3 scheint es, dass bei Buzächa auch die 'Abs, bei 
Ghamr dagegen nur die Dhubiän (Fazara) gekämpft haben. 

2) „am Abend als Abubakr mit den Lanzen in Trab gebracht wurde". 
Es ist damit jedenfalls ein Kampf gemeint, der vor Ghamr fiel; denn die 
Schlacht von Ghamr hat in dem Liede Nr. 34 überhaupt noch nicht statt- 
gefunden; die Dhubiän lagern noch in Ghamr. 

^) Vgl. Kamil 223, 11, wo dem Saif gegen Hutaia Recht gegeben wird. 



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Asad und Ghatafän. 11 

bakr nach der älteren Tradition überhaupt nicht an den Feind ge- 
kommen, t^ Insonderheit hat er nicht das Hauptlager der Ghatafän 
bei Abraq (Rabadha) in der Mitte ihres Landes angegriffen und 
gesprengt. Das Hauptlager befand sich gar nicht in Abraq, sondern 
in Ghamr (vielleicht nahe bei Abraq), wo aber nicht ABubakr, 
sondern Chalid den Chariga besiegte*). Auch das Verdienst der 
systematischen Disposition des Feldzugs hat Abubakr in Wahrheit 
nicht gehabt. Nach Saif entwirft er den Plan und instruirt elf 
Führer ihn auszuführen — genau so wie es später Umar bei der 
angeblichen Eroberung von Iran im Jahre 18 gemacht haben soll 
(Tab. 2568 s. 2634 s.). Hinterher verläuft indessen der Feldzug gar 
nicht nach dem Programm; die elf Führer, deren jedem ein Heer 
beigegeben sein soll (1881, 7), lassen wenig oder nichts von sich 
merken; sie verschwinden vor Chalid. Und nach der älteren 
Tradition ist dieser in der Tat der einzige von DhulQa^^a aus- 
gesandte Feldherr gewesen; ihm allein hat Abubakr das ganze 
medinische Heer') übergeben und ihn nach eigenem Ermessen 
handeln lassen. Es treten zwar neben ihm, namentlich nachdem 
er seine Erfolge gewonnen hatte, noch andere Führer auf, z. B. 
Ikrima, aber diese hatten nur wenige Mediner bei sich; sie waren 
wesentlich Legaten, auf Diplomatie angewiesen. Sie mussten sich 
ein Heer erst an Ort und Stelle bilden durch die Zusammen- 
fassung der treugebliebenen Minoritäten in den Beduinenstämmen, 
mit denen sie den Majoritäten überlegen waren, weil diese sich 
weder jemals alliirten, noch unter sich entschlossen zusammen- 
hielten. Ausser diesen medinischen Emissären gab es auch Be- 
duinen, die innerhalb ihres eigenen Stammes erfolgreich mit den 
Muslimen gegen die Abtrünnigen operirten. 



') Nach Baladhuri war die Schlacht von Ghamr erst nach der von Buzächa 
und dies wird bestätigt durch Hutaia 34, 3.4, wo es heisst, dass, nachdem 
die Abs und Taiji und Asad klein beigegeben hätten, d. h. nach Buzächa, 
nur noch die Dhubiän (Fazära) in Ghamr unter den Waffen stünden. Saif 
hat auch von Ghamr läuten hören; er erwähnt es 1897, 12 in dem 
bleichen Zusammenhang wie 1879, 8 Abraq, nur dass er als Sieger von 
Ghamr 1897, 8 Chalid uod nicht Abubakr nennt. Er setzt Ghamr (wie Abraq) 
vor Buzächa, und das geschieht auch Jaqut 3, 814: Chalid kam von Aknäf 
d. h. von dem Zuge gegen die Taiji (Tab. 1886, 7. 1893, 1) nach Ghamr. 

2) wesentlich das Heer üsämas, das nach Vaqidi (übers, von Wellhausen) 
d. 435 dreitausend Mann stark war. 



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12 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 3. 

Darum kann natürlich doch diese oder jene Nachricht etwas 
taugen, die wir nur bei Saif finden, z. B. die über das Verhältnis 
der Asad Ghatafan und Taiji zu einander und über das erste Auf- 
treten Tulaihas 1892 s. Doch empfiehlt sich grosse Voi-sicht; die 
Bestimmtheit der Angaben, die Nennung von Namen, gewährt 
keine Sicherheit. Saif bezeichnet Harith und Auf als Führer der 
Ghatafan (1873. 78), während in Wahrheit Chariga und Mantzur 
neben Ujaina an der Spitze gestanden haben, von denen er völlig 
schweigt. Er berichtet, der Asadit Hibäl, von seinem Bruder 
Tulaiha ins Lager der Fazara nach DhulQa^^a gesandt, habe von 
dort den zweiten Angriff auf Medina mitgemacht und dabei seinen 
Tod gefunden, noch vor der Rückkehr Usämas; zur Rache dafür 
hätten die Ghatafan (denen die Rache gar nicht oblag) die unter 
ihnen befindlichen Muslime getötet (1873. 77). In Wahrheit trafen 
bei dem Marsch nach Buzächa zwei der Avantgarde Chalids an- 
gehörige Männer, Ukkäscha und Thäbit, auf Hibal und töteten ihn; 
zur Rache wurden sie dann selber von Tulaiha erschlagen. 

3. Tamim. 

Das grosse Ereignis für die Tamim im Jahre 11 war das Auf- 
treten der Prophetin Sagäh in ihrer Mitte. Sie stammte aus ihnen, 
wohnte aber unter den Taghlib in Mesopotamien (Tab. 1911, 14) 
und brach mit ihren Anhängern von dort auf, ohne Zweifel aus 
Anlass von Muhammads Tode, der den Zusammenbruch seines 
Lebenswerks zu bedeuten schien. Die muslimische Tradition er- 
zählt eigentlich nur das Nachspiel des grossen Ereignisses, nämlich 
das .Verfahren Chalids gegen das Geschlecht der Sagah, das ihr 
unter allen Tamimiten am längsten treu blieb, gegen die Jarbrf 
•^ und ihren Fürsten Malik b. Nuvaira; die Berichte darüber stimmen 
im Wesentlichen überein ^). Indessen kommen doch auch die Vor- 
aussetzungen dieses Nachspiels notgedrungen zur Sprache, und 
dabei zeigt sich eine bedeutsame Differenz zwischen Saif und den 
übrigen Überlieferern. 

Saif beginnt mit einer allgemeinen Schilderung der Verhält- 
nisse unter den Tamim. Er teilt sie in vier Gruppen. Erstens 
die Srfd b. Zaidmanät; das sind die Auf und Abnä, und die Muqa is 



1) Z. B. Saif (Tab. 1924—27) mit Ibn Ishaq (1927—29). Vgl. Noldeke, 
Beiträge zur Kenntnis der Poesie der alten Araber p. 87 ss. 



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Tamim. 13 

und Butun. Zweitens die Amr b. Tamim; das sind, die Bahda 
und die Chaddam. Drittens die Hantzala; das sind die Jarbü^ 
und die Mälik^). Viertens die Ribäb; das sind die Abdmauät 
und die Dabba. Er gibt die Fürsten an, bei denen die Steuer- 
kamele deponirt wurden; bei den Tamim fungirten nämlich ein- 
heimische Fürsten als Steuerempfanger und nicht medinische Be- 
amte '). Es handelte sich nach dem Tode Muhammads darum, ob 
die deponirten Steuerkamele an die zuständige Stelle abgeliefert 
wurden oder nicht; das war das Kriterium der Treue gegen den 
Islam oder des Abfalls. Die Amr und die Ribäb blieben treu. 
Ebenso die Srfd, obgleich Qais b. 'A^im, der Führer der einen 
Hälfte, eine Weile schwankte, da er das Gegenteil von dem tun 
wollte, was Zibriqän tat, der Führer der anderen Hälfte. Die 
Hantzala fielen ab, nämlich die Jarbrf unter Malik b. Nuvaira und 
die Malik unter Vaki'; einzelne Häuptlinge, die nicht mit tun 
wollten, mussten flüchten.. So standen die Sachen unmittelbar 
nach dem Tode Muhammads, ehe Sagah erschien (1911, 4. 5). 
Durch ihr Auftreten veränderte sich in der Stellung der Parteien 
nichts. Nur die Hantzala, die schon vorher vom Islam abgefallen 
waren, schlössen sich ihr an. Von ihnen bewogen, wandte sie 
sich nicht gegen Abubakr, wie sie eigentlich vorhatte, sondern 
gegen die übrigen Tamimiten, und zwar griff sie zunächst die Ribäb 
an. Aber sie wurde von den Ribäb geschlagen und dann auch 
noch von den Amr. Da verliess sie das Land der Tamim und 
zog mit ihrem mesopotamischen Anhange ab nach Jamäma, wo 
Musailima mit Thumäma b. Uthäl im Kampfe lag. Als Chalid in 
das Gebiet der Tamim kam, hatten auch die Jarbrf ihre Parteinahme 
für Sagah bereut, allerdings erst, nachdem diese von Jamama, mit 
Zurücklassung einiger Taghlibiten unter Akka und Hudhail, wieder 
nach Mesopotamien zurückgekehrt war. Sie erklärten ihm, sie 
hätten nur deshalb mit ihr gemeinsame Sache gemacht, um eine 
Gelegenheit gegen die Ribäb zu haben (1921).. a 

Nach dieser Daipstellung hätte Sagah im Grunde gar keine 
Wirkung auf die Tamim ausgeübt. Aber Saif selber führt ein- 
zelne Data an, die im Widerspruch zu seiner Gesamtanschauung 

Auch 3179 unterscheidet Saif diese drei Gruppen der Tamim. 

^ Ob dies allgemein gilt, ist die Frage, da erzählt wird, dass Malik b. 
Nuvaira einen Steuerempfanger erschlagen habe. Das Deponiren der Kamele 
scheint keine ordentliche, sondern eine ausserordentliche Maassregel zu sein. 



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14 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 3. 

stehn. Er, teilt Verse mit, aus denen erhellt, dass doch noch 
manche andere tamimitische Edle, als Ihn Nuvaira und Vaki% in 
die Bewegung hineingerissen wurden (1911 — 1914). Sogar von 
Qa*qä b. Amr, den er anders\^o als Niederwerfer der Ridda und 
als Ideal eines muslimischen Helden feiert*), gesteht er zu, dass 
er in naher Verwandtschaft und enger Verbindung mit Sagah 
gestanden hat, und führt einen Vers an, wonach er auf ihrer Seite 
fechtend in die Gefangenschaft der Ribäb geraten ist (1911, 13. 20). 
Dazu kommen nun diejenigen Angaben Tabaris, die nicht auf 
Saif, sondern auf Kalbi und Andere zurückgehn (1917 — 19). 
Hier werden mehrere vornehme Tamimiten aus allen Stämmen als 
Anhänger der Prophetin aufgeführt, darunter Zibriqän und Utärid, 
die Saif als ihre Gegner nennt. Die Teilnahme für sie beschränkte 
sich nicht auf die Hantzala. Die Kalb und die Rabfa neckten 
und ärgerten ganz Tamim mit der Sagäh (1919, 10). Ein dem 
Qais b. ^A^im oder dem Utärid b. Hagib zugeschriebener \ers 
lautet: unsere Prophetin ist ein Weib um das wir kreisen^ während 
sonst die Propheten der Menschen Männer sind (1919, 9. Agh. 
12, 157. 18, 166). Baladhuri sagt 99, 18, dass nur die eigentlich 
nicht zu den Tamim gehörigen Ribäb feindlich gegen Sagah auf- 
getreten seien. Von den Taghlib brachte sie nur wenige Männer 
mit, den Hauptanhang fand sie bei den Tamim. Nach Agh. 18, 
166 war die Parteinahme für sie allgemein unter den Tamim, und 
alle angesehenen Männer traten auf ihre Seite; sie machten mit 
ihr den Zug') nach Jamäma. Letzteres wird auch Tab. 1919 vor- 
ausgesetzt, während Saif nur weiss, dass die Tamim auf Seiten 
der Muslime die Ridda in Jamäma und Bahrain bekämpfen halfen. 
Von Musailima, zu dem Sagah in ein freundliches Verhältnis trat, 
sollen sie die Vergünstigung erhalten haben, dass sie nur dreimal 
täglich zu beten brauchten, eine Vergünstigung, von der sie noch 
lange nachher Gebrauch machten (Tab. 1919. Agh. 18, 166). ^ 
Mit dem Auftreten der Sagah hängt ohne Zweifel der Abfall 
der Tamim zusammen, den Saif, soweit er. ihn überhaupt zugibt, 

») Tab. 1899. 2021, vgl. Jaq. 1 602, 12. 

2) Der Bericht des Aghani wird dem Saif zugeschrieben. Saif widerspricht 
sich allerdings unwillkürlich in Einzelheiten, kann sich aber doch in seiner 
Gesamtanschauung nicht total widersprechen. In der Tat wird von Tabari 
die Version, die der des Aghani entspricht, ausdrücklich auf Andere als Saif 
zurückgeführt 1917, 7. 



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Hanifa. 1 5 

als davon unabhängig und schon vorher ausgebrochen darstellt. 
Dass die Hantzala darin allen anderen vorangingen, erklärt sich 
eben daraus, dass sie der Stamm der Sagah waren. Vielleicht ist 
sie von ihnen ins Land gerufen; jedenfalls wurde sie nicht von den 
Persern aus Mesopotamien verdrängt, wie A. Müller meint, denn sie 
durfte ruhig dorthin zurückkehren, nachdem sie ihre Rolle in Arabien 
ausgespielt hatte. Man kann auch kaum einen zeitlichen Zwischen- 
raum zwischen. dem Tode Muhammads, dem Terminus a quo der 
Ridda, und der Ankunft der Sagah bei den Tamim annehmen, 
wenn man nicht ihren Aufenthalt in Arabien gar zu sehr verkürzen 
will; denn schon bevor Chalid in Butah erschien, war sie längst 
wieder in Mesopotamien. Die Schilderung, die Saif von dem Zu- 
stande in Tamim vor ihrem Auftreten entwirft, passt nur auf die 
Zeit nach ihrem Abzüge: sie wird in der Tat fast wörtlich an 
viel späterer Stelle wiederholt (1963 vgl. 1910). Anfangs hatten 
bloss die Ribäb der Sagah zu widersteha'" gewagt; die übrigen 
Tamim waren gern oder ungern auf ihre Seite getreten. Durch den 
Sieg der Ribäb und dann besonders durch das Auftreten Chalids 
in ihrer Nachbarschaft wurden sie veranlasst, ihre Haltung zu 
ändern. Die Fürsten beeilten sich, die bisher im Depot zurück- 
behaltene Steuer abzuliefern; zum Teil schickten sie die Kamele 
direkt nach Medina, zum Teil zu 'Alä nach Bahrain^). Nur die 
Hantzala warteten, sie hielten am längsten an ihrer Prophetin fest. 
Doch erreichte Vaki* mit den Malik noch zu rechter Zeit den An- 
schluss an den Islam, während Ibn Nuvaira mit den Jarbrf sich 
etwas verspätete und dafür büssen musste. Nach dem Ablauf des 
grossen Schwindels wollte keiner dabei gewesen sein. Unter dem 
Einfluss dieser Stimmung entstand die tamimitische Tradition, welcher 
Saif folgt, weil er selber Tamimit war. Was in Wahrheit nur 
Ernüchterung vom Rausch war, macht er zum Anfangsstadium, als 
ob gar kein allgemeiner Rausch stattgefunden hätte. 

4. Hanifa. 

Ein Rückfall der Hanifa nach dem Tode Muhammads hat 
nicht stattgefunden, da sie dem Islam bei seinen Lebzeiten noch 

^) Zibriqan prahlt, dass er die Kamele abgeliefert habe, während Qais b. 
'A^im noch nicht. Dieser entgegnet, er habe die Steuer jetzt auch entrichtet 
(angeblich an'^Alä) Tab. 1964 s. Es handelt sich bloss um das Prius; ur- 
sprünglich hatten beide sie zurückbehalten. 



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16 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 4. 

gar nicht beigetreten waren. Die Gesandtschaft, die sie an ihn 
geschickt haben sollen, besagt nicht viel, da die Ankunft von be- 
liebigen Privaten in Medina leicht zu einer offiziellen Huldigung 
ihres Stammes aufgebauscht wird^. Sicher ist, dass von Steuer- 
verweigerung und von Steuerempfängern bei ihnen keine Rede ist 
und dass sie keine Spur von der Unentschlossenheit und Schwach- 
herzigkeit zeigten, welche das böse Gewissen des Abfalls bei anderen 
nicht weniger mächtigen Stämmen erzeugte. Die überwiegende 
Menge der Hanifa gehorchte dem Musailima. Nach BSa'd §33 
schrieb Muhammad an diesen, um ihn zum Islam aufzuforden; er 
dagegen schlug eine Teilung der Herrschaft zwischen den Quraisch 
und den Hanifa vor. Nach Baladh. 87, 4 erklärte er sich bereit 
Muhammad anzuerkennen, wenn nach dessen Tode die Herrschaft 
auf ihn selber übergehn sollte. Nach 87,6 machte schon der 
Hanifit Haudha b. Ali, an den Muhammad nach BSa'd §7 eben- 
falls einen Brief schickte, das gleiche Anerbieten unter der gleichen 
Bedingufig. Haudha hielt es mit dtsn Persern und war Christ 
(Tab. 987, 19). Er starb A. H. 8 (BSid § 7), nach seinem Tode 
scheint Musailima in die Höhe gekommen zu sein. Nur eine 
Minorität der Hanifa folgte dem Thumäma b. üthäl (BH. 996 s.); 
er konnte gegen Musailima nicht aufkommen und suchte darum 
Halt am Islam. Wahrscheinlich zu seiner Unterstützung schickte 
Abubakr Ikrima und Schurahbil nach Jamama; sie richteten jedoch 
nichts aus. Darauf erschien das Heer der Muslime unter Chalid, 
der an der Grenze stand'). Auf die Unterwerfung der Tamim 
musste die der Hanifa folgen, da beide Stämme bei einander 
wohnten und durch die Verbindung der Sagäh mit Musailima sich 
complicirt halten.^ 

Die Tradition verzerrt im Allgemeinen das Bild Musailimas. 
Sie sieht in ihm den Erzlügner. Muhammad war sein Vorbild; 

^) Die Berichte widersprechen sich. Rahhäl, der bei dem Vafd war und 
sich bei dieser Gelegenheit im Islam unterrichten Hess, soll von Muhammad 
den Auftrag bekommen haben, gegen Musailima zu wirken. Aber dieser war 
selber auch dabei, noch in ganz untergeordneter Stellung, so dass er gar nicht 
mit Tor Muhammad erschien. Freilich stand er nach anderen Nachrichten da- 
mals längst an der Spitze seines Volkes. BHischam 945 s. 964 s. Tab. 1737 s. 
1932, 2. 1939, 1, Bai. 87. BSaM § 101 vgl. 33. 

2) Nach Butäh ging Chalid für einen Augenblick nach Medina, um sich 
wegen eines schweren Vorwurfs zu verantworten ; er erschien in der Moschee 
mit Pfeüen im Turban (BIshaq 1928). 



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Hanife. 17 

er versuchte ihm auch seine Segnungen und Heilwunder nachzu- 
machen, jedoch mit schlechtestem Erfolge, wie sich später heraus- 
stellte, leider erst nach seinem Falle (Tab. 1935,8). Sein Rat- 
geber und Einbläser war ein abtrünniger Muslim, Nahär alRahhäl 
oder alRaggäl, der sich verführen Hess ihm zu dienen statt ihn zu 
bekämpfen. Wie Muhammad und Asvad gebrauchte auch er den 
Gottesnamen Rahmän^); wie jener richtete er einen regelmässigen 
täglichen Gottesdienst ein, wenngleich nicht mit fünf, sondern nur 
mit drei Hören, er Hess die Hören ebenfalls ausrufen durch einen 
Muaddhin. Indessen daraus geht keine wirkliche Abhängigkeit 
vom Islam hervor; der Name Rahman und die Form des Gottes- 
dienstes waren keine Erfindungen Muhammads, und Musailimas 
Gehilfe Hugair (Ibn alNauväha) wurde vielleicht nur von den 
Muslimen mit einem ihnen geläufigen Titel als sein Muaddhin be- 
zeichnet, d, h. wie wir sagen würden, als sein Küster '). Vor allem 
wird Musailimas Verhältnis zur Sagäh, das in Freundschaft über- 
ging, von der Tradition in gehässigster und widerwärtigster Weise 
ausgebeutet. Nur Saif bildet eine Ausnahme. Wie Tabari (1917,7) 
ausdrücklich angibt, hat er den Skandal über den Verlauf der 
ersten Begegnung zwischen Prophet und Prophetin nicht berichtet. 
Musailima wird zwar natürlich auch bei ihm als Lügner und Nach- 
äffer Muhammads geschildert, erscheint aber trotzdem durch die 
angeführten Tatsachen in einem sehr günstigen Lichte. Er war 
Ascet, legte Wert auf Fasten und verbot den Wein. Er ermahnte 
zur Keuschheit und gestattete den ehelichen Verkehr nur so lange, 
bis ein Erbe, ein männliches Kind, geboren war. In den Seher- 
sprüchen, die von ihm mitgeteilt werden, gebraucht er die Aus- 
drücke: das Himmelreich, das Senfkorn der guten Werke, das 
Leben (in der gesteigerten religiösen Bedeutung). Sein Horizont 
ist der seiner Landsleute, der Hanifa, welche Bauern waren; er 
redet von den schwarzen Schafen und der weissen Milch, vom 
Mahlen und Backen, von dem Frosche, dem Tier der bewässerten 



*) Er nannte sich auch selber den Rahman, d. h. er redete nach Seher- 
manier im Ich der Gottheit, wie Muhammad auch tat. Tab. 1935, 14 vergl. 
Bai. 105. 

2) Der islamische Ursprung des Adhän ist übrigens durch BHischam 347 
(Tab. 2894) Buchari 1, 83 nicht gesichert. Auch Sagäh soll ihren Muaddhin 
gehabt haben. 

Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten. VI. 2 



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18 Prolegomena zur ältesten Geschichte des, Islams. § 4. 

und bebauten Gegend ^).*- Er zeigte sich gegen jedermann freund- 
lich und suchte seine Schwächen nicht zu verbergen, wollte also 
nicht imponiren (Tab. 1931,15). Trotzdem, und obgleich er nur 
ein kleines gelbes Männlein war, begeisterte er die Seinen ganz 
anders wie Tulaiha oder Asvad. Die Hanifa fochten für ihn wie 
die Löwen; nach dem Spruch „ein Lügner von Rabia ist uns lieber 
als ein Lügner von Mudar" (Tab. 1937,5) soll das zwar nur aus 
Stammhass geschehen sein, aber das ist blinde Verläumdung. Er 
war umgeben von einer Reihe hervorragender Männer, deren Namen 
uns mitgeteilt werden. Einzelne von ihnen blieben ihm treu, selbst 
nachdem er durch seine Niederlage und seinen Fall Lügen gestraft 
war. Ibn alNauväha wurde in Kufa hingerichtet, weil er den 
Glauben an ihn lange Jahre bewahrt hatte und ihn noch immer 
nicht verleugnen wollte (Bai. 87. vgl. Tab. 1932). Es muss sich 
unter den Tamim, von der Zeit her, wo sie durch Sagäh mit ihm 
in Verbindung gekommen waren, eine gewisse Sympathie für ihn 
erhalten haben, die sich durch die erbitterte Feindschaft des Islams 
gegen ihn nicht ganz ersticken Hess. Daraus erklärt sich, dass 
der Tamimit Saif manche unbefangene Mitteilungen über ihn be- 
wahrt hat. Saif gehörte zu dem Geschlecht Usaijid, und grade den 
Usaijid, die in Jamama wohnten, hatte sich Musailima in Tat und 
Wort freundlich erwiesen. Er hatte sich in Bezug auf sie folgender- 
maassen geäussert: die Tamim sind reine, edle Leute; ihnen ge- 
schieht kein Leid und sie brauchen keine Abgabe zu zahlen; wir 
gewähren ihnen Wohnrecht und schützen sie so lange wir leben, 
und nach unserm Tode befehlen wir sie dem Barmherzigen'). 

Das eigentliche Interesse der Tradition ist nur auf den Schluss- 
act der Tragödie gerichtet, auf den Fall Musailimas und den Triumph 
Chalids. In dem Berichte darüber stimmt Saif mit Ibn Ishaq über- 
ein; er beruft sich auf ihn und auf seinen Gewährsmann Abu 
Huraira/ Zuerst wird die Gefangennahme Muggäas erzählt, dann 



») Tab. 1916 s. 1933 s. 

^ Tab. 1932 s. Hasan alBa^ri scheint günstig über Musailima geurteilt 
zu haben; als er Ton einer angeblichen abfölligen Äusserung Ahnafs über 
ihn horte, sagte er: ja, der (Ahnaf) war sicher davor, dass ihm Offenbarung zu 
teil wurde (Agh. 18, 167). In der Ascese eines Vorgängers des Hasan,' des 
bekannten Tamimiten Amir b. Abdqais in Ba^ra, die der herrschenden Rich- 
tung des Islams geßlhrlich erschien, konnte sich eine Nachwirkung des Propheten 
von Jamama zeigen. 



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Bahrain. 19 

die Schlacht von Akrabä, dann die Kapitulation durch Vermittlung 
Muggäas, der sie noch ziemlich glimpflich für sein Volk zu gestalten 
wusste '). Die Bedingungen gibt Saif, auf Grund einer angeblichen 
Urkunde, ungünstiger an als Ibn Ishaq. Abubakr habe sie noch 
härter stellen wollen, sei aber damit zu spät gekommen, ähnlich 
wie bei den Kinda in Nugair: der Chalif muss immer die Hand 
im Spiel haben, wenn auch post festum. Bezeichnend ist Saifs 
Versuch, die Mediner, durch deren Blut der Sieg erkauft wurde, 
hinter den Beduinen, d. h. besonders den Tamim, zurückzustellen: 
letztere hätten weit weniger Tote gehabt und das sei immer ein 
Beweis grösserer Tapferkeit (Tab. 1946 s). Den Tamim schreibt 
Saif auch das Verdienst zu, die von Sagah in Jamäma zurück- 
gelassenen Taghlib unter Akka und Hudhail aus Arabien vertrieben 
zu haben (1930 s.) 

Schade, dass wir nicht genauer über Sagah und Musailima 
unterrichtet sind. Wir würden dann vielleicht die selben Kräfte 
in einer anderen Gegend wirken sehen, die in Mekka und Medina 
den Islam erzeugt haben. Sagah hatte unter den Taghlib das 
Christentum kennen lernen (Tab. 1916). Der Vorgänger Musailimas, 
Haudha b. Ali, war Christ gewesen. Bei ihm selber weisen einzelne 
religiöse Ideen und besonders die Ascese auf christlichen Einfluss. 
Geschlechtliche Enthaltsamkeit wird auch von einer arabischen 
Sekte des Ostjordanlandes, den Valesiern, berichtet; sie war sogar 
den ältesten Muslimen nicht so fremd, wie man nach den Extra- 
vaganzen ihres Propheten annehmen sollte. Kriegerisch war die 
Religion sowol bei Muhammad als bei Sagah und Musailima ge- 
worden durch ihre enge Verbindung mit dem arabischen Volkstum. 
Dadurch war die Form der Theokratie von selbst gegeben, wie 
einst bei den Hebräern. 



5. Bahrain. 

Muhammad sandte den 'Alä b. Hadrami nach Bahrain mit 
Briefen an den Abdqaisiten ') Mundhir b. Sava und an den Perser 
Sebocht; beide befanden sich in Hagar, der Hauptstadt des inneren 



^) Muggäa wurde für seine Verdienste von dem Chalif en reich belohnt; 
nach Baladh. 93 geschah das schon im voraus von Muhammad selber. 
2) Bai 78, 8: Tamimit. Das ist irrig. 

2* 



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20 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 5. 

Bahrain, welches nur von Arabern (Abdqais, Bakr) bewohnt wurde, 
ebenso wie die Wüste Dahnä zwischen Bahrain und Jamäma 
(Tamim), während die Küste, das Chatt, ausser der arabischen eine 
sehr gemischte Bevölkerung hatte ^). Diese Sendung soll schon 
A. H. 8 oder noch früher erfolgt sein. Sicher war Ala etwa A. H. 10 
in jener Gegend Steuerbeamter; die Araber hatten damals den 
Islam angenommen, die Perser, Christen und Juden zahlten Gizia *). 
Ala konnte 80000 Dirham nach Medina schicken, die grösste 
Summe, die bei Lebzeiten des Propheten je dort einging. Er 
wurde dann abberufen und durch Abän b. Said ersetzt; dieser aber 
floh beim Ausbruch der Ridda und Abubakr sandte nun den Ala 
abermals nach Bahrain. So berichtet Baladhuri, er lässt indessen 
die Möglichkeit ofl'en, dass Ala neben Aban im Lande geblieben 
sei. Ibn Ishaq sagt ausdrücklich, dafss Ala noch beim Ausbruch 
der Ridda Emir des Propheten über Bahrain gewesen sei (BH. 945). 
Es wird sich herausstellen, dass dies das Richtige ist. Bald nach 
Muhammads Tode starb auch Mundhir b. Sava, die Hauptstütze 
des Islams in Hagar, und nun erfolgte der Abfall. Er ging aus 
von den zu Bakr gehörigen Qais b. Thalaba. An die Spitze stellte 
sich Hutam, er hob den Gharür auf den Schild, einen Überständer 
des alten Königsgeschlechts von Hira, das einst auch in Bahrain 
d. h. in Hagar zu sagen gehabt hatte '). Aber ein Teil der Abd- 
qais blieb dem Islam treu, ihr Führer war Garüd, ein gewesener 
Christ (Tab. 1736. 1958. BSa'd §98. BH. 945). Die Aufständischen 



Hagar bedeutet Hauptstadt (Hamdani 85, 26—86,5); auch die von 
Jamäma heisst so Tab. 1930, 14. Die Citadelle von Hagar, am anderen Ufer 
des Vadi, ist Muschaqqar. — unter der Bevölkerung des Chatt erwähnt Saif 
die Saiäbiga und die Zutt, Matrosen und Lastträger in den Hafenstädten. 

^ Die Autoritäten in Bahrain und Umän scheinen damals ebenso wie die 
in (^an'ä ihren Rückhalt am persischen Reich (gegenüber den Beduinen) ver- 
loren zu haben, wegen der dort herrschenden Verwirrung. Das kam dem Islam 
zu gut. 

3) Früher herrschten die Kinda in Bahrain wie in Jamäma, bis zur Schlacht 
von Schieb Gabala, wo Muawia b. Gaun getötet und Hassan b. Amir b. Gaun 
gefangen wurde (Agh. 10, 36. 47. Nöldeke, Beiträge p. 102 v. 36). Darauf 
mögen auch dort die Hirenser die Erbschaft der Kinda angetreten haben. 
Aber das Chatt stand gewiss damals längst unmittelbar unter den Persern. 
Später finden wir den persischen Statthalter auch in Muschaqqar (Hagar); die 
dortigen Abdqaisiten, an deren Spitze Ibn Sava stand, hiessen Aspadi, dem 
Ispabad unterworfen (Nöldeke, Tabari 260). 



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Bahrain. 21 

belagerten nun den Alä in Guvätha, einem Castell nördlich von 
Hagar, wohin er sich geworfen hatte; er hatte nur die treugebliebenen 
Abdqais bei sich. Eine Urkunde darüber ist uns erhalten in einem 
poetischen Appell, den Abdallah b. Hadhaf an Abubakr und die 
Mediner richtete, im Namen der Eingeschlossenen von Guvatha^). 
Diese vermochten sich indessen aus eigener Kraft zu helfen. In 
einem nächtlichen Überfall töteten sie Hutam und trieben die Be- 
lagerer ab. Als dann nach dem Falle Musailimas Hilfe von dem 
Heere Chalids eintraf, ging Ala zum Angriff über. Er eroberte 
die Burg, in die sich Gharur geworfen hatte (wahrscheinlich Mu- 
schaqqar, die Citadelle von Hagar), und wurde mit ihm fertigt). 
Damit war der Aufstand der Araber bewältigt und die Oase 
von Hagar unterworfen. Aber auch die Perser im Chatt hatten 
das Joch abgeworfen und die Steuer zurückgehalten. Von Sebocht 
ist keine Rede; statt dessen wird der Muka'bir genannt, Feroz 
oder Azadferoz b. Guschnas'). Er setzte sich fest in der am Meer 
gelegenen Stadt Zara, wahrscheinlich dem jetzigen Qatif. Dort 
blieb er eine ganze Weile unbehelligt, erst im Anfang der Regierung 
Umars belagerte ihn Ala mit den Abdqais. Der Marzban von 
Zara, der vom Muka^bir unterschieden wird'), fiel im Zweikampf 
gegen Bara b. Malik, den Helden von Akrabä. Nachdem die 
Wasserleitung abgeschnitten war, musste Zara kapituliren. Die 
Belagerten hatten aber vergessen, ihre Familien in die Kapitulation 
einzuschliessen, die sie nach der benachbarten Insel Darin gebracht 



Bai. 84, 1.2. Die Verse bestätigen, dass die Muslimen die Belagerten 
und die Heiden die Belagerer waren. 

2) Baladhuri gibt nach einerTradition als die Zuflucht GharursMu seh aqqar 
an, das er unter Wasser setzte (Maralq. ed. Ahlw. 20, 7); nach einer anderen 
aber das Chatt. Das ist der Name des Küstenstrichs, der vom Lande auf die 
Hauptstadt übertragen sein müsste. Dort aber hatte Gharur nichts zu 
suchen, wir finden vielmehr später dort den persischen Statthalter belagert. 
Es scheint also eine Verwechslung vorzuliegen, die bei Saif, wie wir sehen 
werden, noch stärker ausgewachsen ist. Gharur soll kapitulirt haben und dann 
zu Musailima übergegangen sein. Das widerspricht der Chronologie, Chalid 
war damals mit Musailima schon fertig. Dass er freilich selber an der Belage- 
rung Gharurs teilgenommen habe, ist nach Vaqidi nicht richtig, er ging von 
Jamama nach Medina. 

3) Bai. 85. Tab. 985,7. DerMuka'bir ist die Hauptperson ; sein Verhältnis 
zu Sebocht und dem Marzban von Zara ist sehr unklar. Vgl. Nöldeke, Tabari 
p. 260 n. 1. p. 263 n. 2. 



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22 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 5. 

hatten. Ala ging durch das seichte Meer und bemächtigte sich 
der Insel. Wie es scheint um seine gefangene Familie heraus zu 
bekommen, trat der Muka'bir nun auch noch zum Islam über*). 

So erzählt Baladhuri nach Ma'mar b. Muthanna, Ibn Kalbi 
und anderen Älteren. Tabari teilt ein unbedeutendes Stück von 
Ibn Ishaq mit (1959 s.), sonst reproducirt er ausschliesslich Saif. 
Dieser kennt eine mit Baladhuri übereinstimmende und auf die 
auch von ihm citirten Verse gegründete Nachricht, dass die mus- 
limisch gesinnten Abdqais von den Bakr unter Hutam in Guvatha 
eingeschlossen worden seien. Aber in seinem sehr ausführlichen 
Hauptbericht (1962 — 76) ist davon keine Rede; derselbe weicht 
total von Baladhuri ab und stellt den Hergang folgendermaassen dar. 

Als der Aufstand in Bahrain ausbrach, sandte Abubakr den 
Alä von Medina dorthin. In Jamäma vereinigten sich mit ihm 
die Muslime der Banu Hanifa unter Thumäma b. üthäl, weiterhin 
die Tamim, nämlich die Ribäb, die Amr und auch die Sa*d, nur 
nicht die Hantzala, die im Abfall verharrten oder schwankten — 
die Situation ist also die vor dem Auftreten Chalids in Butäh und 
lange vor dem Sturz Musailimas. Wir, d. h. die Tamim, zogen 
nun mit Ala durch die Wüste Dahnä. Als wir nachts Halt machten, 
zerstreuten sich unsere Kamele nach allen Seiten, mit dem Gepäck 
und dem Mundvorrat. Wir verbrachten eine schlechte Nacht und 
waren am Morgen in heller Verzweiflung, da wir auch kein Wasser 
hatten. Aber Ala erinnerte uns daran, dass wir Muslime wären 
und von Gott nicht verlassen werden könnten. Nachdem er den 
Gottesdienst mit uns in aller Ordnung verrichtet und zum Schluss 
ein Gebet getan hatte, wurde eine Wasserspiegelung zu wirklichem 
Wasser, zu dem sich alsbald auch die verlaufenen Kamele wieder 
einfanden: später war die Stelle sonderbarer Weise (durchaus nicht 
wieder aufzufinden. Wir zogen nun weiter nach Hagar. Dort 
sammelten sich alle Muslime zu Alä, alle Heiden, wesentlich Ba- 
kriten, zu Hutam und Gharur. Beide Parteien lagerten hinter 
Wall und Graben und plänkelten einen Monat mit einander. Eines 
Nachts aber erfuhr Ala durch einen Kundschafter — es war wie 
üblich ein Schwestersohn — , dass grosse Trunkenheit bei den 
Feinden herrsche. Da überfiel er ihr Lager und zersprengte sie. 



') Nach Tab. 2699, 9 s. focht er später mit Hakam gegen Schahrak in 
Ardeschirchurra. 



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Bahrain. 23 

Hu tarn fiel, auch Mundhir b. Suvaid der Bruder (?) Gharurs; Gharur 
selber wurde gefangen und nahm den Islam an. Die Übrigen 
flüchteten über das Meer nach der Insel Darin. Den Qais b. Thrflaba 
unter Hutam hatten sich auch die übrigen Lahäzim angeschlossen, 
unter Abgar b. Bugair; andere Bakriten hielten jedoch zu Ala, 
darunter Muthanna b. Haritha. Ala wartete nun so lange, bis er 
sich aller auf dem Festlande verbliebenen Bakriten versichert hatte 
— nur die Schaiban unter Masruq waren verdächtig, aber sie 
wurden von den Lahazim in Schach gehalten. Dann schritt er 
zum Angriff auf die Insel Darin, nach der man zu Schiff in vier- 
undzwanzig Stunden hinüberfahren kann. Er hielt den Seinen 
eine Predigt: wie Gott sie durch die Wüste geführt habe, so werde 
er sie auch durch das Meer führen. Sie stürzten sich zu Pferd, 
Kamel, Maultier und Esel in die Flut, die nur die Hufe benetzte, 
kamen glücklich hinüber und gewannen den Sieg. Bei der Rück- 
kehr wurde Thumäma erschlagen, weil er ein Gewand des Hutam 
trug und deshalb für seinen Mörder gehalten wurde. Zum Schluss 
wird ein Bericht des Ala an Abubakr über das Wunder in der 
Dahna im Wortlaut mitgeteilt. Die Höhepunkte dieser Geschichte 
sind Wunder: und zwar Wunder beim Passiren der Wüste und 
des Meeres, ganz im Stil des Alten Testaments, aber völlig ab- 
weichend vom Stil der alten arabischen Überlieferung, die dergleichen 
nicht kennt. Bei Baladhuri findet sich zwar auch der Übergang 
nach Darin, jedoch als Nebensache und als etwas völlig Natürliches. 
Er scheint darunter eine kleine Insel bei Zara (Qatif) zu verstehn, 
die nur durch ein schmales Watt vom Festland getrennt ist, Saif 
dagegen die grosse jetzt Bahrain genannte Insel, die man nur zu 
Schiff erreichen kann: so entstand das Wunder. ^ Baladhuri setzt 
die Einnahme von Darin in die Zeit der Eroberung des persischen 
Chatt, zwei Jahre nach der Bezwingung der Araber in Hagar. Saif 
macht keinen Unterschied zwischen den beiden zeitlich weit aus- 
einander liegenden Feldzügen gegen die Araber und gegen die Perser, 
er redet überhaupt nicht von den Persern : die bei Hagar geschlagenen 
Araber fliehen ohne weiteres über die See nach Darin. Er wirft 
ferner den Kampf bei Guvätha mit dem bei Hagar zusammen; 
Hutam fällt bei Hagar, bei der selben Gelegenheit, bei der Gharur 
gefangen wird. Dass indessen der Überfall auf Hutam in Wahrheit 
bei Guvätha geschah, verrät sich auch in dem Hauptberichte Saifs 
durch den Namen des Mannes, der dem Ala als Spion diente, Abd- 



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24 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 6. 

allah b. Hadhaf. Dies ist nämlich der Dichter der Verse, in 
denen Abubakr angerufen wird, den in Guväthä belagerten Mus- 
limen zu helfen: man sieht daraus zugleich, woher solche Namen 
bei Saif stammen und was darauf zu geben ist^). Die auf diese 
Weise räumlich und zeitlich zusammengedrängte Unterwerfung von 
Bahrain wird dann noch vor die Unterwerfung von Jamama gesetzt, 
obgleich sich nicht begreifen lässt, wie in diesem Fall Thumama 
b. Uthal daran teilnehmen konnte. In diesem Punkte stimmt 
freilich auch eine Nachricht bei Baladhuri mit Saif überein, wie 
sich denn überhaupt des öftern ergibt, dass die von ihm darge- 
stellte Form der Tradition ihre Vorstufen hat. 

Wiederum tritt der tamimische Standpunkt Saifs hervor, hier 
noch viel stärker und deutlicher als sonst. Wir sind die Tami- 
miten, die in erster Person Pluralis in dem Hauptbericht erzählen, 
während dagegen in dem Nebenbericht über Guvätha (1961) ein 
Abdqaisit das Wort hat. Bei Baladhuri sind überall nur die Abd- 
qais beteiligt, Tamimiten traten gar nicht auf. In den eigentüm- 
lichen Angaben über Abgar b. Bugair fädelt Saif, geradeso wie 
in denen über Aqqa und Hudhail in Jamama, Anknüpfungen für 
die Folgezeit ein^); später nämlich erzählt er, dass Chalid gegen 
diese Bakr und Taghlib im Iraq und in Mesopotamien mit besonderer 
Härte verfuhr. Er liebt es überhaupt, die handelnden Personen 
zunächst bei einer unscheinbaren Gelegenheit verstohlen einzuführen, 
damit sie, wenn sie wirklich hervortreten, nicht unbekannt sind. 
So stellt er uns den Qa*qa b. Amr vor 1899, 10, den Muthama 
b. Haritha 1971,9. Verlass ist darauf nicht, wie in Bezug auf 
Qa'qa schon gezeigt wurde (p. 14); es ist ein pragmatisirender 
Kunstgriff der im historischen Roman ja oft genug angewandt wird. 



6. Umän und Mahra. 

Tabari gibt hier ausschliesslich den Bericht Saifs, womit der 
des Baladhuri wesentlich übereinstimmt. In Umän wohnten die 
Azd Uman, die auch Mazün genannt werden. Ferner die angeblich 
den Quraisch nah verwandten Nägia, die in späterer Zeit auf der 



^) Nach 1969 s. haben Afif und Qais den Hutam erlegt, nach 1975 Zaid 
und Misma (lies Ma'mar). 

2) Mit der Erwähnung des Masruq verhält es sich allerdings nicht so. 



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Um an und Mabra. 25 

Insel Ibn Eavan herrschten, wenn gleich auch hier die Menge der 
Bevölkerung azditisch gewesen zu sein scheint *). Persische Beamte 
werden in ümän nicht genannt, wodurch persische Oberhoheit nicht 
ausgeschlossen wird; Magusier gab es auch hier' (Tab. 1, 1686). 
Doch war das Geschäft, die Fischerei und die Seefahrt vorzugs- 
weise in den Händen der Araber, die freilich dadurch ihre Stammes- 
reinheit einbüssten; die Azd Uman werden als Schiffer und Misch- 
linge bezeichnet, ihr Symbol ist der Fisch. Zu den Azd gehörte 
die Dynastie der Gulanda in der Hafenstadt ^'uhär; sie bestand 
noch in der abbasidischen Zeit und gehorchte damals dem Sultan 
nicht'). Sie nährte sich von Handel und Seeraub; mit dem Sur. 
18, 78 genannten König, der jedes Schiff wegnahm, soll ein Mit- 
glied dieser Dynastie gemeint sein. Gaifar und Abd, die Söhne 
Gulandas, traten dem Islam bei; Muhammad sandte den Amr b. A9 
zu ihnen, wahrscheinlich im Jahre 10'). Er unterstützte hier 
das städtische Element gegen das beduinische. Schon vor dem 
Ausbruch der Ridda waren nämlich die Beduinen, geführt von La- 
qit b. Malik mit der Krone, in Fehde mit den Söhnen Gulandas 
(Tab. 1977, 7); vermutlich darum suchten diese Halt an Medina. 
Nach dem Tode Muhammads musste Amr fliehen und die beiden 
Brüder in (^uhär gerieten in Bedrängnis vor Laqit. Abubakr 
sandte zuerst den Hudhaifa b. Mih^an, einen Azditen von Jaman*), 
dann den Ikrima, der in Jamäma nichts machen konnte: also vor 
der Niederwerfung Musailimas. Es gelang ihnen die Muslime in 
Uman und Nachbarschaft zu sammeln und den Laqit, dessen 
Hauptquartier Daba war, unschädlich zu machen. Ein urkundliches 
Zeugnis dafür ist uns erhalten in Versen eines Mannes von Nägia 
(Tab. 1980). Ein abweichender, wol fälschlich dem Vaqidi zuge- 



1) Jaqut 3, 217. Tab. 2. 1288. Baladhuri nennt die Insel Abarkavän. 
Sie heisst auch Läfit Jaq. 4, 342. Jetzt Kischm, in der Meerenge. Die Nagia 
und Rasib geboren zu Garm von Qudäa (Bakri 31.32). 

2) Jaq. 2, 711. BAthir 4, 312. Tab. 2, 1949. 

3) So BH. 965. Tab. 1894, 12. Nach anderen Angaben schon A. H. 6 
(Bai. 77. Tab. 1561, 4) oder A. H. 8 (BSa'd § 8. Bai. 76. Tab. 1600. 1686). 
Abkommen beider Brüder werden erwähnt BAthir 4, 312. Tab. 2, 1949; die 
Bruderherrschaft scheint also eine bleibende Einrichtung gewesen zu sein. 
Zu Abd gibt es die Varianten Abbädund'Udh (BH. 971). 

*) nach Saif zwei Azditen, ausser Hudhaifa auch noch den Arfaga b. 
Harthama. Saif rechnet diese beiden mit zu den elf von DhulQa^^a aus- 
gesandten Feldherrn (Tab. 1880, 17 s.) So wird es gemacht. 



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26 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 7. 

schriebener Bericht über die Eroberung von Daba findet sich bei 
Jaqut 2, 543; unter den Gefangenen soll darnach Abu Qufra ge- 
wesen sein, der Vater des berühmten Muhallab. 

Mit seinem aus Leuten von Nagia Azd Abdqais und Tamim 
bestehenden Heere (Tab. 1980, 8. 1995, 15) zog Ikrima nun 
weiter nach Mahra, wohin sich nach Baladhuri ein Teil der feind- 
lichen Azd geworfen haben soll. Auch dort gab es zwei Rivalen 
um die Herrschaft. Die alten ansässigen Bewohner von Mahra*) 
folgten dem Schichrit in Gairut, dagegen die beduinischen Muharib 
im Nagd dem Mu^abbih. Schichrit trat auf die Seite Ikrimas; 
Mu9abbih wurde geschlagen. Dies wird bestätigt durch Verse eines 
Muharibiten, worin dem Schichrit über sein Verhalten schwere Vor- 
würfe gemacht werden (Tab. 1982). Dadurch wird zugleich die 
Angabe Baladhuris widerlegt, dass kein Kampf stattgefunden habe. 



7. Jaman. 

Von Mahra wandte sich Ikrima nach Hadramaut und Jaman, 
wo das Feuer am frühesten ausgebrochen war und am spätestens 
gelöscht wurde. Es hatte verschiedene Heerde, die jedoch mit 
einander in Verbindung standen. Zur Orientirung sei Folgendes 
vorausgeschickt. 

Das den Namen Jaman ^) tragende Bergland am Roten Meere 
ist die südliche Fortsetzung des Higaz, führt auch teilweise noch 
diesen Namen. Die Grenze lässt sich da annehmen, wo das durch 
das Nagd streifende Quergebirge ansetzt, also etwa bei Täif. Die 
Küste westlich des Gebirges heisst auch hier das Ghaur oder die 
Tihäma; die dort wohnenden Stämme, die 'Akk, Asch'ar, Hakam, 
stossen an die Kinäna. Die breite Abdachung des Gebirges er- 
streckt sich nach Osten; dies ist das eigentliche Jaman. Es zer- 
fällt in zwei grosse Teile. Die nördliche Hälfte, zu der noch Na- 



1) Zu ihnen gehören „die Leute der Myrrhe und des Balsams und der 
verschiedenen Arten von Baumharz" Tab. 1981, 15. Man kann die richtigen 
alten ümanier und Mahriten schon an den fremdartigen Namen von den 
Beduinen unterscheiden, die gemeinarabische Namen führen. 

2) Der Name (das Sädland) findet sich griechisch zuerst Matth. 12, 42. 
Ob Arabiafelix Obersetzung von Jaman ist, bezweifle ich. Die Bezeichnung 
war nicht blos bei den nördlichen Nachbarn, sondern auch im Lande selber 
üblich. 



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Jaman. 27 

grän gerechnet werden muss, reicht etwa so weit wie der Vadi 
Daväsir, der nicht weit vom Rande der östlichen Wüste von Süd 
nach Nord geht, die Wassermenge des Gebirges aufnimmt, und schliess- 
lich in die Afläg mündet'). Hier ist das Land der Qabilen, der 
richtigen Araber, die indessen grossenteils feste Sitze gehabt zu 
haben scheinen '). Die beiden Hauptgruppen sind die Azd Schanüa 
und die Madhig, zu denen auch die Gald gehören d. i. die Harith 
b. Ea' b und die Nacha* . Dazu kommen noch die Anmär d. i. Ba- 
gila und Chathiam (neben den Azd) und die spät eingewanderten 
Garm und Nahd (neben den Madhig). Die Gruppen sind ganz 
locker, sie beschränken die Selbständigkeit der einzelnen Stämme 
beinah gar nicht. Die Gebiete sind nicht abgerundet, sondern 
gehn, wie auch sonst in Arabien, strichförmig durch einander; 
man kann häufig nur für einzelne Punkte feststellen, dass sie diesem 
oder jenem Stamme gehören. Im Ganzen wohnen die Azd höher 
im Gebirge, die Madhig mehr östlich und zugleich mehr südlich. 
Nicht so lang als diese nördliche Hälfte von Jaman, aber breiter, 
ist die südliche Hälfte, wenn man das Gauf und Marib und ferner 
Hadramaut einrechnet. Dies ist das Land der alten Sabäer und 
Himiariten. Es wohnen aber auch hier Qabilen; so die Chaulän 
und Hamdän, die sich den Namen alter Culturvölker oder -land- 
schaften angeeignet haben, auch einige Madhig, und in Hadramaut 
die Einda mit den Sakun und Sakäsik. Als der Islam aufkam, 
hatten die Qabilen schon das Übergewicht über die alte südara- 
bische Bevölkerung, die zu politischer Bedeutungslosigkeit herab- 
gesunken war und unter der Herrschaft der Abnä, d. i. der Perser, 
stand. Auch gegen die Perser strebten die Qabilen auf. 

Die Residenz der persischen Statthalter war ^arfä. Der letzte 
von ihnen hiess Badhäm. Er soll schon bald nach der Ermordung* 
des Parwez durch Schiruia sich dem Islam angeschlossen haben, 
A. H. 7 (Tab. 1574s.) Damals begann der rapide Niedergang 



^) Der Name Vadi Daväsir ist modern, der alte Name war vielleicht Vadi 
Nagran, womit nur der V. Daväsir gemeint sein kann. Der alten Angabe 
über den Lauf des V. Turaba widerspricht das was Doughty 2, 532 er- 
kundet hat. 

^ Manche ethnische Namen scheinen von Ortsnamen abgeleitet zu sein, 
z. B. Bäriq, Ghämid, Ghassän, Madhig. Qabilen sind die Araber, die 
ihre genealogische Gliederung bewahrt haben, an deren Stelle bei den richtigen 
Himiariten die Einteilung nach Wohnorten getreten ist. 



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28 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 7. 

des persischen Reichs; die arabischen Provinzen, besonders Jaman^ 
wurden sich selbst überlassen und gerieten in Gefahr der Anarchie 
zu verfallen. Damit war allerdings für Muhammad der Boden 
bereitet. Aber vor dem Jahre 8 konnte er nicht wirklich in 
Jaman eingreifen, denn bis dahin lag Mekka im Wege. Der 
Bericht Tab. 1574s. ist wertlos; wir haben in der Tat keine Über- 
lieferung darüber, wann Badham und die Perser dem Staate von 
Medina beitraten *). Dagegen hören wir von vielen Araberstämmen 
des Jaman, dass sie im Jahre 9 oder 10 der Higra Deputationen 
zum Propheten schickten, um über den Anschluss an den Islam zu 
verhandeln. Die Unterhändler waren in Wahrheit nicht immer 
Deputirte, sondern gingen oft auf eigene Faust vor, in der Hoffnung 
dass der Stamm ihnen folge. Privat und Öffentlich war nicht 
streng unterschieden, der Staat noch nicht abgelöst vom Volke. 
Jeder Einzelne repräsentirte, ohne Amt, einen Teil des Gemein- 
wesens, klein oder gross, so weit sein Einfluss reichte. Seine Ab- 
machungen verpflichteten einen mehr oder minder starken Teil des 
Stammes, manchmal auch den ganzen Stamm: doch konnten sie 
auch nichts bedeuten. Vielfach suchten die Gesandten bei Mu- 
hammad Schutz gegen äussere und noch häufiger gegen innere 
Feinde : ein Rival gegen den anderen, eine Partei gegen die andere, 
die Minorität gegen die Majorität. Garir b. Abdallah sah im Islam 
das Mittel, um seinen zersplitterten und zerstreuten Stamm, die 
Bagila, zu restituiren; er Hess sich von Muhammad gegen Tabäla 
schicken und besiegte die Chath' am, die feindlichen Brüder der Ba- 
gila'). Der Azdit Qurad b. Abdallah rückte auf Muhammads Be- 
fehl mit den Muslimen seines Stammes gegen Gurasch, wo Madhi- 
giten und auch Chattfamiten wohnten, und lagerte einen Monat 
vor der Stadt; dann zog er scheinbar ab, lockte die Belagerten 
heraus und schlug sie am Berge Kaschar'). Parva b. Musaik hatte 
nach der Schlacht von Razm, in der die Macht seines Stammes 
Muräd (Madhig) durch die vereinigten Harith und Hamdän 



^) Sie behielten dabei zunächst ihre zoroastrische Religion. 

^ Muhammad gab ihm keine Truppen mit, er lieh ihm nur seinen Namen 
und seine moralische Unterstützung. Merkwürdig, wie viel an dieser gelegen 
war. Das zeigt sich nicht nur in diesem Falle. 

3) BHischam 954 s. Tab. 1730. BSa'd § 121. Bakri 481. Nach Ibn Sa'd bei 
Wüstenfeld Register p. 164 und Agh. 14, 26 s. hat Chalid b. Sa'id den Amr 
b. Madikarib am Berge Kascbar geschlagen; das ist eine arge Verwechslung. 



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Jaman. 29 

gänzlich gebrochen wurde, zunächst bei den Kinda in Hadramaut 
Halt gesucht aber nicht gefunden; darauf wandte er sich an Mu- 
hammad und fand bei diesem seine Rechnung. Sein Rival in Mu- 
rad war Qais b. (Hubaira)Makschuh; diesen hatte sein Mutterbruder 
Amr b. Ma'dikarib, vergebens zu bereden gesucht, dem Parva bei 
Muhammad zuvorzukommen. Amr ging dann selber nach Medina, 
als Vertreter der Zubaid (Sa*d alAschira von Madhig), gewann 
aber durch den Anschluss an den Islam nicht so viel wie Parva 
und blieb neidisch auf ihn. Die Fürsten von Himiar sandten den 
Malik b. Murära von Rahä (Madhig) als ihren Boten; aus Hadra- 
maut erschienen verschiedene Könige der Kinda, AscKath b. Qais, 
Väil b. Hugr und die Banu Vali* a. Wenn ein Stamm nicht von 
selber kam, so half Muhammad etwas nach. Er beorderte eine 
Truppe unter Chalid b. Valid zu den Harith b. Ka'b in Nagran. 
Diese verstanden den Wink und erklärten in Medina ihre Unter- 
werfung. Vielleicht gleichzeitig fanden sich dort auch die Gesandten 
der Christen von Nagran ein^). Ali soll die Hamdan mit sanfter 
Gewalt zum Übertritt bewogen haben, indessen der Bericht 
Tab. 1731s. ist legendarisch und die Voraussetzung, dass Chalid 
nichts ausgerichtet habe, falsch. Nach BHischam 967. 999 und 
Vaqidi 417 s. scheint Ali nur eine unbedeutende Razzia gemacht 
zu haben, zur Zeit der letzten Wallfahrt Muhammads. 

Darauf unternahm Muhammad kurz vor seinem Tode^) eine 
allgemeine Regelung der Verhältnisse in Jaman. Es scheint fast 
so, als wäre dies die erste eigentliche Provinz des Islams geworden; 
die dortigen Steuersätze bekamen vorbildliche Bedeutung, als vom 
Propheten selbst normirt. Indessen sind doch nicht wirkliche Ver- 
waltungsbeamten nach Jaman geschickt, sondern nur wie sonst 
Sendboten und Residenten der Centralgewalt, neben denen die ein- 
heimischen Autoritäten ruhig belassen wurden. Die Boten führten 
eine Art Aufsicht und nahmen die Steuer ein, daneben richteten 
sie den Gottesdienst und das Gericht ein. In ^anä behielt der 
Perser Schahr, der Nachfolger des damals schon verstorbenen Ba- 



1) Tab. 1740. BHisch. 401 ss. BSaM § 143. Agh. 10, 143 ss. Baladh. 63 ss. 
Sie waren ursprüoglich Banu Af a, gingen aber dann auf unter den Harith 
b. Ka'b (Tab. 1897). 

2) Muhägir, dem er damals ein Amt in Jaman übertrug, ging erst nach 
seinem Tode dahin ab. 



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30 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 7. 

dham, die Regierung; neben ihm fungirte Chälid b. Sa'id^) als Ver- 
treter Muhammads. In Nagran blieb Qais b. Hu^ain, ein Sohn 
des im hohen Alter bei Razm gefallenen DhulGhu^^a, an der 
Spitze der Harith; ihm wurde Amr b. Hazm von Medina bei- 
gegeben. Auch die Könige der Kinda wurden bestätigt; medinischer 
Steuereinnehmer in Hadramaut war Ziäd b. Labid. Und so über- 
all. Natürlich wurde jedoch nicht bei jedem kleinen Stamme ein 
eigener Resident gehalten. Manchmal waren auch die einheimischen 
Fürsten zugleich medinische Beamte, z. B. Farva b. Musaik^) bei 
den Madhig und Amir b. Schahr bei den Hamdän. Allgemeiner 
fahrender Rechts- und Religionslehrer im südlichen Jaman und in 
Hadramaut war Mrfädh b. Gabal. 

Als Steuereinnehmer waren die Boten Muhammads nicht be- 
liebt. Sie waren geneigt, durch rücksichtsloses Auftreten das An- 
sehen ihrer Amtsgewalt zu heben. In Hadramaut stempelte Ziäd 
b. Labid bei der Verzehntung der Heerde eines Mannes von den 
Amr b. Muävia (Kinda) eine Kamelin mit dem Regierungsstempel, 
die gar nicht zu der Heerde gehörte. Er wollte aber das Versehen 
nicht redressiren: was ich gestempelt habe, habe ich gestempelt. 
Darauf wurde ihm die Kamelin gewaltsam entrissen. Da bot er 
die Sakun und ^adif auf, die mit den Muävia auf gespanntem 
Fusse standen, und verhaftete die Häupter des Widerstandes gegen 
die Staatsgewalt. Nun gerieten die sämtlichen Amr b. Muävia in 
Harnisch und rotteten sich zusammen, wagten indessen keinen 
Kampf, so lange ihre Leute in der Haft Ziäds waren. Ziäd höhnte 
sie, sie seien ja doch nur Beisassen und Clienten der Sakun und 
Qadif, sprengte sie dann durch einen Überfall aus einander und 
Hess schliesslich die Gefangenen laufen. Nun aber machten jene 
erst Ernst, versagten die Steuer, und zogen sich unter ihren 
Königen, den Banu Vali^a, in ihre Schlupfwinkel zurück. Ziäd ver- 
trieb sie daraus, tötete ihre fünf Könige, die er in seine Gewalt 
bekam, und schleppte Weiber und Kinder gefangen. Die Harith 
b. Muävia, unter Asch ath b. Qais, hatten sich bis dahin von ihren 
Brüdern, den Amr, fern gehalten ; als aber die gefangenen Weiber 



1) Bai. 69. 102. Abän b. Said p. 107 ist irrige Auflösung von Ibn 
Sa'id; vgl. p. 81. 

2) Die Angabe Saifs, dass dem Farva auch ein medinischer Oommissar 
gegeben sei, nemlich Chalid b. Said, ist falsch. 



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Jainan. 31 

und Kinder durch ihr Gebiet geführt wurden, entriss AscKath sie 
der Eskorte. Nun sammelten sich alle Muävia b. Einda, sowol 
die Amr als die Harith, zu Asch ath. Es kam zu einer Schlacht 
im Mihgar Zurqän, die für die Aufständischen unglücklich auslief; 
muslimische Streifscharen durchzogen mordend und plündernd das 
Land; die Flüchtigen warfen sich in die Burg Nugair. Sie waren 
entschlossen bis zum Äussersten dort auszuhalten ; aber ihr Führer, 
Asch ath, verriet sie, um sein eigenes Leben zu retten^). Das Ver- 
fahren der Muslime erscheint hier überaus gehässig: sie hetzten die 
benachbarten und verwandten Stämme gegen einander, entzündeten 
ohne ürsach einen Brand und erstickten ihn in Blut, vergewaltigten 
und mordeten dabei die Unschuldigen und schonten Verräter wie 
Asch ath. Als Ikrima von Mahra her in Hadramaut erschien, war 
der Kampf schon aus, er kam noch eben recht zu der Beute- 
teilung. 

Über die Zeit, in der dieser Aufstand der Kinda in Hadra- 
maut begann, sind wir nicht unterrichtet'). Früher noch scheint 
der Aufstand im eigentlichen Jaman ausgebrochen zu sein , 
jedenfalls noch vor Muhammads Tode. Ohne Zweifel hatten auch 
hier ähnliche Ursachen ähnliche Wirkungen; die neuen Beamten 
erregten die Bevölkerung, namentlich in ihrer Eigenschaft als 
Steuereinnehmer. Aber es kam noch etwas hinzu, was in Hadra- 
maut fehlt, nämlich das Auftreten eines Propheten unter den* Ans, 
einem der drei Hauptstämme des mächtigen Volkes der Madhig. 
Er hiess ' Aihala b. Ka' b, mit Beinamen alAsvad, der Schwarze, 
oder DhulChimär, der mit der Hülle'). Er redete im Namen 
Allahs oder im Namen des Rahmäu (Baladh. 105,6), nicht im 
Namen irgend eines Götzen. Der Monotheismus, der jüdische so- 
wol als der christliche*), war in Jaman weit verbreitet. Asvad 



was ihm beinah mislungen wäre, da er vergessen hatte, sich selber 
mit unter den Zehn zu nennen, denen die Belagerer das Leben schenken 
wollten. Der Zug scheint anekdotisch und wiederholt sich, z. B. Balädhuri 
378. 405. 

^) Die Zeit der Beendigung stünde fest, wenn Muhägir dabei beteiligt 
gewesen wäre; aber dies ist sehr fraglich. Jedenfalls war Muhammad schon 
gestorben, als Nugair belagert wurde (Bai. 102, 11). 

3) Vgl. Reste arab. Heident 1897 p. 135. Albern Baladh. 105: der mit 
dem abgerichteten Esel. 

*) Rah man ist bekanntlich auch christlich. 



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32 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 7. 

hatte ihn gewiss nicht vom Islam bezogen und darf nicht als ab- 
gefallener Muslim betrachtet werden. Vgl. Bai. 105, 12. 

Tabari gibt über ihn einen ausführlichen Bericht, der von 
Saif stammt. Nachdem er eine Weile im Stillen sein Wesen ge- 
trieben hatte, trat er öffentlich hervor auf die Nachricht, dass 
Muhammad von seiner letzten Pilgerfahrt krank heimgekehrt sei, 
Ende A. H. 10. Seine Stadt war Kahf Chubbän, nicht weit von 
Nagrän; von da unterwarf er Nagran, dann rückte er mit den 
Madhig und anderen Qabilen, die sich ihm anschlössen, gegen die 
Abnä in Qarfä. Er schlug und tötete denSchahr beiSchrfub, zog 
siegreich in ^arfä ein, und feierte den Sieg in üblicher Weise 
durch die Heirat mit der Witwe des gefallenen Gegners. Seine 
Herrschaft verbreitete sich wie ein Brand mit überraschender 
Schnelligkeit; fünfundzwanzig Tage nach seinem Ausmarsch von Kahf 
Chubbän lag ihm Qarf ä und ganz Jaman zu Füssen. Auch die Harith 
b. Ka* b leisteten ihm Heeresfolge. Der Kern seiner Macht bestand 
aus einer Schaar von 700 Reitern. Die Muslime paktirten mit 
ihm um Schonung ihres Lebens. Hie und da hielten sie sich 
jedoch, namentlich in Ganad^) und Hadramaut; ferner Tahir b. 
Abi Hala bei den Akk und Amir b. Schahr bei den Hamdan. 
Dahin zogen sich auch diejenigen muslimischen Beamten zurück, 
die ihre Position aufgeben mussten, z. B. Muädh b. Gabal nach 
Ganad, wo er bei den Sakun einheiratete; nur. Chalid b. Said^) 
und Amr b. Hazm flohen nach Medina. Farva b. Musaik verlor 
zwar seine Stellung an der Spitze der Madhig, behauptete sich 
aber in Ahsia. Asvad stellte ihm den Amr. b. Madikarib, als 
seinen Statthalter bei den Madhig, gegenüber; die beiden hielten 
sich in Schach, taten sich aber weiter nichts zu leide, als dass sie 
schlechte Verse gegen einander richteten ^). Muhammad Hess 
trotz seiner Krankheit Jaman nicht aus den Augen, er suchte 



1) So zu sprechen Tab. 1854, 1. 2009, 6. 2136, 2; trotz 1855, 7. Ganad 
lag auf der Grenze zwischen Jaman und Hadramaut, im Bereich der Sakun; 
Abubakr fügte es zu Hadramaut (Bai. 69). 

2) Der flüchtige Chalid wurde durch Amr b. Ma'dikarib aufgehalten; er 
fing aber weibliche Verwandte Amrs ab und dieser löste sie durch Dahingabe 
seines Schwerts (Jam^äma und Hess Chalid passiren (Bai. 119). Daraus ist 
hernach der Sieg Chalids bei Kaschar geworden, vgl. p. 28. n. 3. 

3) Wortlaut zweier Verse bei BHischam 953, 1. 2. Tab. 1995, 7. 8. 
Wüstenfelds Register 164. 



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Jaman. 33 

durch Boten und Briefe dahin zu wirken, dass die Treuen conspi- 
rirten und die Minoritäten in den verschiedenen Gegenden sich 
mit einander in Verbindung setzten. Zu diesem Zwecke sandte er 
Vabar b. Johannes, einen Azditen von vermutlich christlicher Her- 
kunft, nach (?arfä zu den Häuptern der Abnä, Daduia und 
Feroz. Diese hatten sich natürlich nur ungern der Herrschaft 
Asvads gefügt; ihr Mut wurde belebt durch den glücklichen 
Widerstand, der sich in Ganad und Hadramaut, in Nagrän, und in 
der Nähe von ^arfä bei den Hamdän und *Akk gegen den 
Tyrannen regte. Sie suchten nun seinen wichtigsten Parteigänger 
von ihm abzuziehen, den Qais b. Makschuh alMurädi, der mit ihm 
in ^arfä eingezogen war. Seine Treue gegen Asvad war ins 
Wanken geraten, er kam ihnen überraschend bereitwillig entgegen. 
Es kam also zu einer Verschwörung zwischen den Persern Daduia 
und Feroz und zwischen dem Araber Qais. Asvad aber erhielt 
Wind davon. Er berief eine grosse Versammliing auf den Markt 
von Qarfä, stiess vor allem Volk dem Königsross das Königs- 
schwert in den Leib und jagte es bluttriefend durch die Strassen, 
bis es tot niederfiel. Dann zog er einen Strich durch den Sand, 
legte hundert Kamele oder Rinder mit ihren Hälsen darauf, und 
kehlte sie alle ab, ohne dass ein einziges sich von dem Striche 
rührte. Mit dem blutigen Schwert in der Hand horchte er nun 
am Boden und sagte: „er') heisst mich dem Qais das Haupt ab- 
hauen", und nach einer Weile abermals: „er heisst mich dem Fe- 
roz die rechte Hand und den rechten Fuss abhauen'^. Ich, erzählt 
Feroz in erster Person^), verbarg mich unter den Menschen, aber 



*) d. i. : der Erdgeist der ihn inspirirte. 

^ Saif gibt noch einen Parallelbericht, wo nicht Feroz, sondern sein 
Bruder Guschnas (so zu sprechen statt Guschaisch der Leidener Ausgabe) 
in erster Person erzählt (1856—63). Dieser Bruder ist aber ein 7uape(a- 
.axToc dSsXcpdc, denn 1859, 15 ist das Ich = Feroz und nicht Guschnas, 
d. h. es ist aus der ursprünglichen Redaktion stehn geblieben, in der Feroz 
erzählt. Ebenso 1862, 6 wir drei = Feroz, Daduia und Qais. Es ist auch 
bezeichnend, dass 1860 s., nachdem erst Guschnas zur Königin geht, den 
Mord berät und dabei von Asvad überrascht wird, gleich darauf ganz das 
Gleiche noch einmal von Feroz berichtet wird. Ebenso ist der Isnäd 1856, 9 
sonderbar: Dahhäk ben Feroz, aber nicht von seinem Vater Feroz, der doch 
erst A. H. 53 als Statthalter Muävias über Qan'ä starb, sondern von seinem 
Oheim Guschnas. Ähnlich Tab. 1, 3430 ss. 



Wellhaaseu, Skizzen und Vorarbeiten. VI. 3 

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34 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 7. 

in der Nähe meiner Wohnung stiess mich einer von seinen Leuten 
in den Nacken und berief mich zu ihm. Ich nahm mein Messer 
aus dem Schuh und kam. Er Hess mich indessen nicht nahe 
an sich heran, sondern befahl mir, das Fleisch der geschlachteten 
Tiere unter das versammelte Volk zu verteilen. Dem Manne, der 
mich in den Nacken gestossen hatte, gab ich nichts; er beschwerte 
sich darüber bei Asvad, und ich hörte diesen noch sagen, als ich 
ihm den Vollzug meines Auftrages meldete: „morgen will ich ihn 
schlachten". Unter diesen Umständen mussten wir uns beeilen. 
Seine Frau, eine Verwandte von mir, stand mit uns im Vernehmen, 
wir Hessen ihr Bescheid sagen. Sie Hess mich holen und wir beide 
brachen ein Loch in die Wand des hintersten Gemachs; überall 
sonst standen Wachen. Wie wir nun weiter uns über einen nächt- 
lichen Überfall besprachen, trat Asvad plötzlich ein und trieb 
mich mit Faustschlägen heraus. Ich dachte, nun wäre nichts mehr 
zu machen. Aber die Frau schalt ihn, dass er einen Besuch, 
einen Bruder von ihr, hinausgeprügelt habe, bis er ganz beschämt 
wurde und sich entschuldigte. Darauf Hess sie uns sagen, wir 
sollten nur ruhig kommen und unseren Anschlag ausführen. Also 
schlüpften wir nachts durch das Loch, aber nur ich wagte mich 
weiter vor, dahin wo Asvad lag. Ein Licht brannte, die Frau 
zeigte mir seinen Kopf auf dem Teppich. Er schlief mit offenen 
Augen *und sein Geist redete aus ihm; da ich glaubte, er sei auf- 
gewacht, stürzte ich mich auf ihn und würgte ihn, bis ich ihn für 
tot hielt; denn ich hatte mein Schwert draussen gelassen. Darauf 
ging ich zu meinen Genossen, sie schickten mich aber mit dem 
Schwert wieder hinein um ihm den Rest zu geben. Er brüllte 
laut, ich stopfte ihm den Mund zu, hieb seinen Kopf ab und kehrte 
damit zurück zu den Anderen. Wir holten nun den Vabar b. 
Johannes ab und stiegen beim Morgengrauen auf einen hohen 
Turm. Vabar Hess den Gebetsruf des Islams erschaUen, wir 
schrien: „Gott hat den Asvad getötet!" und warfen seinen Kopf 
unter die Menge. Seine Reiter sattelten um zu fliehen, sie führten 
dreissig Kinder aus ihren Quartieren als Geiseln mit, uns aber 
gelang es, siebzig von ihnen festzuhalten. Es erfolgte dann eine 
Auswechselung; die Reiterschaar trieb sich zwischen ^anä und 
Nagrän herum. Asvad wurde vier Monate nach seinem Auszuge 
von Kahf Chubbän ermordet, einen Tag vor dem Tode des Pro- 
pheten. Damit siegte der Islam in Jaman wieder; die muslimischen 



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Jaman. 35 

Beamten begaben sich auf ihre Posten zurück (1863). Jedoch 
nur für kurze Zeit. Denn alsbald nach dem Tode Muhammads 
erfolgte ein neuer Abfall; der Islam war eben noch zu wenig in 
Jaman eingewurzelt (1868,4). In ^arfä hatte Abubakr den Feroz 
zum Nachfolger des Schahr ernannt*). Damit war Qais b. Mak- 
schuh nicht zufrieden. Nachdem er vergebens die Adhvä') für 
sich zu gewinnen versucht hatte, um die Abnä zu vertreiben, 
setzte er sich in Verbindung mit der Reiterschaar des Asvad und 
fand an ihr eine Stütze. Hinterlistig ladete er die Häupter der 
Abnä zu einem Mahle ein und tötete dabei den Daduia, der zuerst 
erschien, während Feroz und sein Bruder Guschnas zu den Chau- 
län ins Gebirge entrannen. Er bemächtigte sich nun der Herr- 
schaft in ^anä und schickte eine Anzahl Familien der Abnä 
zwangsweise nach Persien zurück. Aber einige arabische Stämme 
nahmen sich der Ausgetriebenen an, als sie durch ihr Gebiet kamen, 
und töteten die Eskorten. Sie taten das auf Betreiben des Feroz 
und ermöglichten es ihm auch, den Kampf gegen Qais aufzunehmen, 
namentlich halfen ihm die'Akk unter ihrem Häuptling Masruq und 
dem muslimischen Beamten Tähir b. Abi Hala. Als nun auch 
Ikrima von Abian heranrückte (1996,7), musste Qais aus ^anä 
fliehen und begab sich in seine Heimat zurück, obgleich er 
mit Amr b. Madikarib, der die Madhig befehligte, schlecht 
stand. Abubakr hatte sich lange Zeit begnügen müssen, 
mit Boten und Briefen in Jaman zu wirken; jetzt sandte er ein 
Heer nach ^arfä unter Muhägir, der schon von Muhammad für 
einen Teil von Hadramaut ernannt war, aber wegen Krankheit 
dorthin nicht hätte abgehn können. Muhagir bekam unterwegs 
den Amr b. Madikarib und den Qais b. Makschuh in seine Hand 
und schickte sie nach Medina; in Q'an ä angelangt säuberte er das 
Land von den schwärmenden Banden, dem Rest von Asvads 
Schaaren, und stellte die Ordnung wieder her. 

Dieser Bericht zeigt teilweise die epische Art, durch die Saif 
sich auszeichnet, namentlich in def wirkungsvollen Verwendung 
des grossen Opferfestes, womit Asvad vielleicht seinen Regierungs- 
antritt feierte, zur Vorbereitung des Schlussactes. Er hat jedoch 
seine Vorzüge vor dem kürzeren Bericht Baladhuris, dem einzigen. 



') 1983, 7. 89, 14. 90, 1. In Wahrheit war Daduia das Haupt der Abnä, 
aber nicht muslimischer Beamter. 

^ Plural von Dhu, so heissen die himiaritischen Fürsten und Herren. 

3* 



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. 36 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 7. 

den wir vergleichen können. Nach Baladhuri zog Qais nicht gleich 
anfangs mit Asvad aus nach ^an^ä und fiel nicht erst nach ge- 
raumer Zeit von ihm ab. Er gehörte überhaupt nicht zu seinen 
-Anhängern, wurde vielmehr von Muhammad gegen ihn entsandt. 
Er wusste sich mit seinen Madhig und Hamdän Einlass in ^an'ä 
zu verschafifen, gewann den Daduia für den Islam, und dieser be- 
kehrte die übrigen Abnä. Das ist, wenn ich mich so ausdrücken 
darf, eine Islamisirung der Tradition. Eine solche hat freilich auch 
bei Saif stattgefunden. Nach Saif leitet ein Bote Muhammads, 
Vabar b. Johannes, die Bewegung gegen Asvad in Qarfä ein. 
Diese Bewegung ist darauf gerichtet, den Islam zu restituiren. 
Feroz, Daduia, Qais sind Werkzeuge des Propheten; durch den 
Fall Asvads siegt der Islam. Der Sieg ist jedoch von kurzer Dauer; 
es . tritt sogleich ein zweiter Abfall ein. Das Spiel beginnt von 
vorn, Alles wiederholt sich^). Die muslimischen Beamten, die für 
einen Augenblick auf ihre verlassenen Posten zurückkehren, befinden 
sich alsbald wieder in ihren alten Zufluchtsstätten; Ibn Said und 
Ibn Hazm fliehen zum zweitenmal nach Medina. In Wahrheit ist 
natürlich Alles beim Alten geblieben, wenigstens insofern als 
sich der Abfall Jamans einfach über den Tod Asvads hinaus fort- 
gesetzt hat. In Bezug auf den Islam ist durch dies Ereignis die 
Sachlage nicht verändert worden, er hat keinen unmittelbaren Vor- 
teil davon gehabt. Die Abnä waren noch Magusier; auch Feroz, 
Daduia und Qais waren keine Muslime, geschweige denn musli- 
mische Beamte. Sie handelten durchaus im eigenen Interesse, 
wenngleich sie es sich gefallen Hessen, dass Vabar b. Johannes 
mit ihnen sympathisirte. Dieser ist übrigens in der Erzählung 
Saifs bei der eigentlichen Aktion ganz unbeteiligt; er wird zum 
Schluss bei den Haaren herbeigezogen, um bei der Gelegenheit, wo 
die Mörder ihre Tat proklamiren, vorher die hora matutina aus- 
zurufen; bei Baladhuri fehlt er. Auch ohne den Islam erklärt sich 
die Ermordung Asvads mit ihren Folgen, und zwar viel besser. 
Asvad hatte mit Hilfe der Araber die Herrschaft der Abnä in 
Qanä gestürzt. Diese intriguirten gegen ihn, nicht weil sie Mus- 
lime, sondern weil sie Perser waren. Sie setzten sich mit Qais 
ins Vernehmen. Auch diesen bewog nicht etwa der Islam, dem 
Asvad die Treue zu brechen, sondern die Selbstsucht: Ehrgeiz, 



1) Vgl. besonders 1852—55. 1983 s. 

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Chalid am Euphrat. 37 

HeiTschgier, vielleicht auch Furcht. Er benutzte die Abnä zu seinen 
Zwecken. Als Asvad aus dem Wege geräumt war, trat er an 
seine Stelle und setzte seine antipersische Politik fort. Er stützte 
sich auf die Araber, sogar auf die Truppe des Asvad. Er tötete 
Daduia, zwang Feroz und andere Abnä zur Flucht, und trieb ihre 
Familien aus. Da sie nun sahen, dass sie mit Qais anstatt Asvads 
keinen guten Tausch gemacht hatten, traten sie mit den Muslimen 
in Verbindung, die ohnehin vor der Tür standen. So gelang es, 
den Qais und die Reiter Asvads aus Qanä zu vertreiben. 

Bemerkenswert ist die Differenz, dass nach Bai. 102 Abubakr 
befahl, einigen bei Nugair gefangenen Weibern (darunter einer 
Jüdin), die den Tod Muhammads mit Spottliedern gefeiert hatten, - 
Hände und Füsse abzuschneiden, während nach Saif (Tab. 2014) 
diese Grausamkeit ohne seinen Willen begangen und von ihm ge- 
tadelt wurde. 

8. Chalid am Enphrat. 

Die Unterwerfung der Araber fand statt A. H. 11. Muhammad 
starb am 12 Rabi I 11 = 8. Juni 632. Nach der Rückkehr üsä- 
mas schlug Abubakr Lager in DhuIQa^^a im Gumada = August 
oder September 632 (Tab. 1870, 11). Zwischen dem Ausmarsch 
von da und der Schlacht von Buzächa lägen einige Diversionen. 
In Buzächa blieb Chalid dann einen Monat, um von da Streifzüge 
zu machen (1901,4). Als er gegen die Tamim rückte, war es 
wol nahezu December geworden; er befahl (nach seiner Ausrede) 
die Gefangenen vor Kälte zu schützen. Kalt war es auch noch 
bei dem Feldzuge in Jamäma; die^ Hanifa hielten ihre Klingen 
gegen die Sonne, damit das Eisen seine Sprödigkeit verliere. Nach 
Saif bei Tab. 1954,2.17 stand der Winter damals erst bevor; 
das ist unmöglich. .Dagegen nach BIshaq bei Tab. 1976 und nach 
Baladh. 84. 90 fiel der Kampf gegen die Hanifa erst in das Jahr 12, 
welches am 18. März 633 begann. Auch im Frühling konnte wol 
noch ein kalter Morgen vorkommen. 

Die Ehre, den Kampf gegen das Perserreich eröffnet und da- 
durch die Herrschaft des Islams zuerst über die Grenzen Arabiens 
hinaus erweitert zu haben, kommt nicht den Medinern, sondern den 
beduinischen Banu Bakr zu, die zusammen mit den Tamim im 
Süden des unteren Euphrat ihre Reviere hatten. Sie hatten schon 
am Anfang des siebten Jahrhunderts bei Dhu Qär den Persern die 



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38 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 8. 

Zähne gewiesen und seitdem die Scheu vor ihnen verloren. Jetzt 
benutzten sie die Thronwirren im sasanidischen Reiche zu Einfällen, 
die nicht kräftig zurückgewiesen wurden, da die Tatkraft der Marz- 
bane durch die Schwäche der Centralregierung gelähmt und ihr 
Interesse durch die beständigen aufregenden Wechsel der obersten 
Gewalt in Madäin verschlungen wurde. Die Menge der Bewohner 
in der Grenzgegend, gegen welche der Angriff sich richtete, war 
aramäisch (nabatäisch); aber darüber hatte sich eine arabische 
Schicht gelegt. Hira, die damalige Hauptstadt des altbabylonischen 
Culturlandes am Maarsares oder Pallakopas (westlich oder südlich 
vom eigentlichen Euphrat), war der Mittelpunkt eines arabischen 
Reiches, dessen Könige erst vor Kurzem von der persischen Ober- 
herrschaft beseitigt worden waren. Noch immer aber waren die 
Araber dort und in Anbar das dominirende Element. Sie hatten 
das Christentum angenommen, waren zu städtischem Leben und 
zur Cultur übergegangen, behielten aber ihre Sprache bei und ge- 
brauchten sie, als die ersten, auch beim Schreiben. Daneben gab 
es in allen Weidestrecken zwischen Euphrat und Tigris zerstreute 
arabische Stämme, die wol auch einmal sich einer festen Stadt 
bemächtigten und dort eine Dynastie errichteten. Arabien war 
also längst ab und zu über die Ufer getreten. Die Vorgänger lockten 
zur Nachfolge; kein Wunder, wenn jetzt bei günstiger Gelegenheit, 
da die Dämme nicht ordentlich in Stand gehalten wurden, ein 
grösserer Durchbruch erfolgte. 

An der Spitze eines Teils der zum Volke Bakr gehörigen Banu 
Schaibän b. Tha'laba, des danaals stolzesten und mächtigsten Be- 
duinenstammes, stand ein unternehmender und doch vorsichtiger 
Mann, Muthanna b. Haritha. Er hatte in Chaffän am Rande der 
Wüste, nicht weit von Hira, Lager geschlagen und von da aus 
Razzien gemacht'). Jetzt schloss er sich dem Islam an, um ganz 
Arabien hinter sich zu haben. Das islamische Heer war in der 
Nähe; nachdem Jamäma und Bahrain und die Tamim unterworfen 
waren, reihte sich die Annexion des halbarabischen Saväd') von 
Hira höchst natürlich an. Es wurde nicht von vornherein die Er- 



^) Er war nicht der einzige, aber der hervorragendste unter den Con- 
currenten. 

^ Savad, das schwarze Land, heisst das fruchtbare Alluvium, und da- 
gegen die (salzige?) Wüste ard baidä, white country (Doughty 2, 462), 
weiss wie Kampher (Agh. 7 6, 18). Vgl. Herod. 2, 12. 



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Chalid am Euphrat. 39 

oberung des persischen Reiches ins Auge gefasst, diese war nur 
ein anfänglich ganz unbeabsichtigtes Ergebnis allmählich fortschreiten- 
der Erfolge. Muthanna ging persönlich nach Medina, und liess 
sich zum Kampfe gegen die Perser ermächtigen (Tab. 2018). Ihm 
nach sandte Abubakr den Chalid b. Valid, der mit der Nieder- 
werfung der Ridda eben fertig geworden war. Seine Truppen 
standen noch im Felde, sie folgten ihm jedoch nicht alle auf den 
neuen Kriegsschauplatz, der Ausfall wurde durch die Bakriten unter 
Muthanna gedeckt. Saif sucht auch bei der Eroberung des Iräq 
die Tamim in den Vordergrund zu rücken, mit ihren Führern 
Ä^im b. Amr und Qa'qä b. 'Amr*). Er behauptet freilich zu- 
gleich, rückfällige (d. h. an der Ridda beteiligte) Araber wären 
unter Abubakr vom Heere durchaus zurückgewiesen und erst unter 
Umar zugelassen. Damit schlägt er sich ins Gesicht, denn auch 
die Tamim waren zum grössten Teil abgefallen, vor allem Saifs 
Liebling Qaqä b. Amr. Gegen die Mediner ist er eingenommen; 
er lässt sie des öfteren gegen Chalid meutern und behauptet, nach 
dem Iräq seien sie überhaupt nicht mitgegangen, sondern mit Er- 
laubnis des Chalifen von Jamäma heimgekehrt (2021, 1). Das ist 
unrichtig; Chalids Kerntruppen waren auch im Iraq Mediner'). 
Aber es waren nicht viele, die Mehrzahl scheint sich in der Tat 
nicht beteiligt zu haben. Abubakr sandte den Bakriten weniger 
ein Heer als einen Feldherrn von Medina, der bedeutende persön- 
liche Eigenschaften hatte und ausserdem die Autorität des Islams 
repräsentirte. 

Zwei Abschnitte lassen sich in dem Feldzuge des Jahres 12 
(633) unterscheiden; der erste schliesst mit der Einnahme der 
Stadt Hira. Nach Vaqidi ist Chalid von Medina aus über Faid 
und Tha'labia nach Hira gegangen (Bai. 242, 14. 340, 19. Tab. 
2016). Ibn Ishaq sagt, er habe schriftlichen BefehP) von Abubakr 
bekommen, sei zunächst nach Baniqia, Barusma (= Beth Arscham) 
und UUais gegangen, für welche Ortschaften Ibn^aluba^) kapitu- 



1) 2021, 2. Vgl. Ibn Badroun ed. Dozy p. 144. 

') Mit diesen zog er A. H. 13 nach Syrien, während er ihre Frauen und 
Kinder nach Medina heimschickte (BIshaq 2121 s). Es waren einige hundert 
Mann. Unter Medinern versteh ich natürlich nicht bloss die An^är. 

^ Also nicht in Medina. Nach BIshaq 1928 hatte Chalid vor der Er- 
oberung von Jaman einen Abstecher nach Medina gemacht. 

*) So heisst auch ein Jude in Medina (BHischam 351, 19). 



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40 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 8. 

lirte, und darauf südlich gegen Hira vorgerückt, welche Stadt er 
ebenfalls durch Kapitulation gewann (Tab. 2016 s.) Ibn Kalbi 
berichtet nach Abu Michnaf, dass nachdem Chalid auf schriftlichen 
Befehl des Chalifeu von Jamama ausmarschirt war, der erste Sieg 
durch Muthanna bei üllais gegen Gaban erfochten wurde und bei 
weiterem Vorrücken auf Hira der zweite durch Chalid selber am 
Zusammenfluss der Kanäle gegen Azädbeh, den Marzban von Hira, 
dass darauf zunächst Hira, dann Baniqia, unter Bu^puhra b. ^aluba, 
sich ergab (Tab. 2018 s.) Bei Baladhuri 2428. heisst es, Muthanna 
habe den Gaban am Blutfluss bei üllais geschlagen, dann Chalid 
den Azadbeh am Zusammenfluss der Kanäle; auf den ersten Sieg 
folgte die Kapitulation von Ullais, auf den zweiten die von Hira, 
darauf die von Baniqia, nachdem inzwischen dort der Mediner 
Baschir b. Sa'd den Farruchbundäd geschlagen hatte. Nach Saif 
(Tab. 2032 SS.) überfiel Chalid den Gaban, einen Offizier des Bahman 
Gaduia, Statthalters in Qusiatha (später in Bahurasir 2032,7. 2053,3) 
bei üllais, richtete ein so furchtbares Morden an, dass die Mühlen 
drei Tage mit Blutwasser mahlten, und zog ohne Schwertstreich 
in Amgischia ein, das er leer von Bewohnern fand. Darauf Hess 
Azadbeh durch seinen Sohn das Wasser aus dem Kanal von Am- 
gischia ableiten. Chalid, der von Amgischia zu Schifl^ nach Hira 
wollte, sass plötzlich auf dem Trockenen. Er zog nun nach Maqr 
oder Fam Furät Bädaqla, d. h. nach der Stelle, wo der Wasser- 
zufluss gesperrt war, vertrieb den dort stationirten Sohn des Azad- 
beh, leitete das Wasser in den Kanal zurück und nahm dann wieder 
die Richtung auf Hira. Azadbeh floh, die arabischen Geschlechts- 
häupter von Hira kapitulirten, darnach auch die Dihkane der Land- 
schaft, z. B. ^aluba b. Nastuna b. Bu^puhra von Baniqia. Die 
Einnahme von Hira fand statt im Rabi I A. H. 12 (Mai/Juni 633), 
die vorhergehenden Kämpfe im ^afar (April/Mai). Letztere An- 
gabe scheint bestätigt zu werden durch alte, den Ereignissen gleich- 
zeitige Knittelverse: im ^afar der ^afare^) wurden die Kriegsprotzen 
getötet am Zusammenfluss der Kanäle (Tab. 2026, 14s). 



^) D. h. in dem (Jafar, der der Superlativ aller diesen Namen tragenden 
Monate ist. Es ist indessen nicht ganz unmöglich, dass hier Qafar eine Jahres- 
zeit bezeichnet, nemlich den Herbst. Dies muss angenommen werden, wenn 
wirklich im Frühjahr 633 Chalid noch in Jamam kämpfte, wie Ibn Ishaq und 
Vaqidi überliefern. 



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Chalid am Euphrat. 41 

Es finden sich einige Differenzen in diesen Traditionen, auf 
die ich hier nicht weiter eingehe. Übereinstimmung herrscht bei 
den Historikern, die überhaupt über die Kämpfe vor der Einnahme 
von Hira berichten, darin, dass zuerst (und am hartnäckigsten 
2048, 20) bei üllais gefochten sei. Darin hat Nöldeke Vologesias 
erkannt (DMZ 1874 p. 93 ss.), welches am rechten Ufer des grossen 
babylonischen Kanals Maarsares nicht weit von Borsippa lag. 
üllais war indessen nur ein Kastell, und vielleicht ein Dorf. Die 
alte Stadt selber lag dicht dabei, und trug den Namen Amgischia, 
der aus Algischia^) corrumpirt sein muss; sie war damals ein un- 
bewohntes Trümmerfeld*). Jetzt liegt gegenüber von Burs Nimrud 
am westlichen Ufer des Nähr Hindia ein Ort, der auf Kieperts 
Karte der Ruinenfelder von Babylon (Berlin 1883) ümmischi- 
gedia heisst. Der Name wird von den englischen Offizieren, denen 
die Terrainaufnahme zu danken ist, schlecht gehört und schlecht 
wieder gegeben sein; er ist vermutlich identisch mit Amgischia. 
Das zweite Treffen, mit Azadbeh von Hira, hat nach Ibn Kalbi 
und Baladhuri stattgefunden bei dem Zusammenfluss der Kanäle. 
Saif scheint unter dieser Ortslage Fam Furät Badaqla zu verstehn, 
wenigstens lässt er den Chalid von üllais dorthin marschiren 
und dort mit dem Sohne des Azadbeh kämpfen. Fam Furat Ba- 
daqla liegt nun aber nördlich von üllais'), während doch Chalid 
im Vormarsch auf Hira, nach Süden, begriffen war. Wie kam er 
zu dieser Digressioh? Saif weiss Rat. Der Sohn Azadbehs hatte 
im Rücken Chalids dem Kanal das Wasser abgeschnitten, auf 



So heisst Vologesias bei Vogue Palmyr. 4. 

2) Saif behauptetj Amgischia sei erst von Chalid zerstört. Aber er sagt 
zugleich, Chalid habe die Stadt ohne Kampf eiDgenommen und sie völlig leer 
gefunden, die Bewohner seien als Hörige auf den Dörfern und Domänen der 
Umgegend überall zerstreut gewesen. Das reimt sich nicht. Ausserdem hatten 
die Muslime nicht den Grundsatz: alles muss verruinirt werden. Auch war 
Hira längst die Hauptstadt dieser Gegend. 

^ Fam war der Anfang des Furat Badaqla, der bei Amgischia aufhörte 
(Tab. 2037,2). Ist Fam Furat Badaqla identisch mit dem einfachen Fam 
Furät (Tab. 3 13, 6)? Bei Jaqut 4 605, 18 wechselt es damit; daneben er- 
scheint wie bei Saif (Tab. 2038, 7. 8) Maqr als benachbarter Ort. „Wir kehrten 
zurück auf Strömen und töteten die Einwohner von Maqr mit offener Gewalt; 
dann bogen wir ab nach Fam Furat . . . ., wo wir auf die unverzagten 
persischen Reiter trafen." In anderer Verbindung steht Maqr bei Jaq. 1 363,18. 
Ober den Furät Badaqla vgl. noch Tab. 2184, 8. 9. 



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42 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 8. 

dem jener zu Schiff nach Hira fahren wollte. Dies Hindernis 
musste also zunächst beseitigt werden, nicht dadurch, dass die 
Muslime nun zu Fuss marschirten, sondern dadurch, dass sie den 
Missetäter am Kragen packten; nachdem das geschehen war, floh 
sein Vater Azadbeh ohne Kampf. Saif setzt sich damit in voll- 
kommenen Widerspruch zu Ibn Kalbi und auch zu Baladhuri, 
seine Darstellung hat keinen Wert. Wenn aber der Zusammen- 
fluss der Kanäle nicht Fam Furat B. sein kann, was ist es denn? 
Es ist kein eigentlicher Ortsname, es kommt nirgend sonst so vor 
und wäre auch zu vieldeutig und unbestimmt dafür. Der Verdacht 
steigt auf, dass die Historiker ihre Ortskunde geschöpft haben aus 
den bereits angeführten alten Versen, worin es heisst, die Perser seien 
im Qafar getötet beim Zusammenfluss der Kanäle. Der 
Dichter gebraucht hier jedoch keinen Eigennamen, sondern er be- 
schreibt das Terrain; er kann dabei sogar ganz gut Uliais selber 
im Auge gehabt haben, worauf die Bezeichnung ausgezeichnet passt. 
Bei Tabari 2, 103. 161 bedeuten die Kanäle eine Landschaft. 
Dann wäre also in Wahrheit der Name des Ortes, wo der zweite 
Zusammenstoss stattgefunden hat, unbekannt. Man könnte selbst 
daran zweifeln, ob wirklich zwei Schlachten vor der Einnahme 
von Hira geliefert sind, an zwei einander ganz nahe gelegenen 
Stätten am Westufer des Nähr Hindija, resp. des Keri Saide. Die 
Schlacht von Uliais war jedenfalls die wichtigste und Gaban (2047, 2) 
der Hauptgegner; nach Saif wäre sogar Azadbeh ohne Kampf ge- 
flohen. 

Ibn Ishaq und Vaqidi^) wissen nicht anders, als dass Chalid 
sich geradeswegs nach Hira gewandt habe, sei es von Ja- 
mäma sei es von Medina aus; dasselbe scheint auch noch Ibn 
Kalbi anzunehmen. Aber die Anderen lassen ihn auf dem Umwege 
über Ba^ra nach Hira gelangen. So Madäini (Tab. 2016): Chalid 
erhielt Befehl nach Hira zu gehn, nahm aber den Weg dorthin 
über Ba^ra. Da ist freilich Hira noch immer das befohlene Ziel 
des Marsches. Anders schon Baladhuri 241s.: nachdem Chalid 
in Nibäg^) mit Muthanna sich vereinigt hatte, ging er von da 
nach der Gegend von Ba^ra, besiegte die Leute von UbuUa, nahm 
das persische Kastell Churaiba ein und vertraute dasselbe dem 

^) Vgl. besonders Bai. 340, 19 ss. Vaqidi leugnet, dass Chalid nach Ba^ra 
gekommen sei. 

2) im Norden von Jamäma an der Ba^rastrasse. Ebenso Ibn Kalbi 2018, 11. 



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Cbalid am Euphrat. 43 

Haväziniten Schuraih ed; er soll auch bei Madhär gekämpft und 
mit den Leuten von Nähr al Mar'a (= Kanal der Frau) eine Ka- 
pitulation geschlossen haben; dann marschirte er durch die Land- 
schaft Kaskar über Zandavard und Hurmuzgard nach Uliais. Am 
meisten macht Saif aus diesem bayrischen Feldzuge (Tab. 2022 ss.). 
Die Muslime marschirten in drei Abteilungen, voran Muthanna und 
andere bakritische Führer, dann Adi b. Hatim von Taiji und A^im 
b.Amr von Tamim, zuletzt Chalid selber, nach der Hafenstadt Hufair, 
schlugen die Perser bei Kätzima in der Kettenschlacht, töteten 
ihren Führer Hurmuz und besetzten Ubulla. Dann besiegten sie, 
im ^afar 12, den Qarin am Flusse von Madhär; Qarin und die 
beiden Offiziere des Hurmuz, die ihm den Rest des bei Katzima 
geschlagenen Heeres zugeführt hatten, fielen. Nachdem Chalid die 
eroberte Provinz organisirt hatte, ging er über den Fluss in die 
Landschaft Kaskar und schlug im (^afar 12, den Andarzgar bei 
Valaga^). Auf Seiten der Perser fochten bei Valaga christliche 
Bakriten, besonders von den Banu IgP); zur Rache für die 
Niederlage, wobei sie edles Blut verloren hatten, sammelten sie 
nun ein neues Heer bei Ullais; persische Truppen, unter Gaban, 
kamen ihnen zu Hilfe. Auf diese Weise, halb zufällig, wurde 
Chalid nach Ullais und nach Hira gezogen, im, ^afar 12. 

Man wird die ältere, higäzische (Baladh. 242, 14) Tradition 
bei Ibn Ishaq und Vaqidi derjenigen, die besonders bei Saif aus- 
gebildet vorliegt, hier wie in anderen Fällen vorziehen müssen. 
Gegen die letztere, d. h. dagegen, dass zuvörderst die Gegend von 
Ba^ra und dann erst die von Hira oder Kufa erobert worden sei, 
spricht 1) dass auch nach ihr der Angriff auf Hira nicht von Südost, 
von Ba^ra her, sondern von Nordwest erfolgt und dass nirgend 
von einem Euphratübergang die Rede ist, 2) dass die Schlacht von 
Ullais und die Kapitulationen der Dihkane in jener Gegend noch 
in den Qafar fallen, so dass für die Kämpfe bei Madhär und Va- 
laga, die auch in den ^'afar gesetzt werden, gar keine Zeit mehr 
übrig bleibt, 3) dass die Provinz Ba^ra erst im Jahre 14 von Utba 
b. Ghazvan erobert und organisirt ist, wobei sich die Ereignisse 

*) Andarzgar = "l^imx Dan. 3,2; s. Bevan zu der Stelle und Noldekes 
Tabari 462. Valaga lag da, wo später Väsit gegründet wurde, in der Mitte 
zwischen Ba^ra und Kufa. 

2) „Die Igl haben das Kreuz zum Baal« Agh. 13 47, 4. Vgl. Tab. 3460, 
2. 3. Doch gab es damals auch schon muslimische Igl Tab. 2032, 5. 



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44 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 8. 

zum Teil wiederholen, die Saif schon ins Jahr 12 setzt, z. B. die 
Schlacht von Madhär: selbst dem stumpfsinnigen Tabari ist dies 
aufgefallen und er übt an Saif eine ganz zutreffende Kritik 
(2025, 18 SS.). Allerdings sind schon vorher, durch Muthanna und 
Andere, Razzien in die Landschaft von Ba^ra und nach Easkar 
unternommen worden, und das hat vielleicht Anlass gegeben zur 
Entstehung der Legende, dass jene Gegenden schon durch Chalid 
erstmalig unterworfen seien. 

Ich gehe jetzt über zu den Ereignissen, welche auf die Ein- 
nahme von Hira folgten. Nach Saif (Tab. 2053—76) hätte Chalid 
während der grossen Verwirrung, die nach dem Tode Ardeschirs 
und Schiruias im Perserreich herrschte, Madäin selber jetzt leicht 
mit Erfolg angreifen können, durfte das aber nach Abubakrs Be- 
fehl nicht eher tun, als bis er den Rücken vollständig frei hatte. 
Er drang also weiter am Euphrat vor, um die Grenze gänzlich von 
den persischen Garnisonen zu säubern. Er nahm zunächst Anbar 
mit Dependenzen ein ^) ; der persische Befehlshaber Schirzad erhielt 
freien Abzug. Bei Ain Tamr stellten sich ihm Araber von den 
Namir Taghlib nnd lad entgegen, er schlug sie und nahm ihren 
Führer Akka gefangen, der ein Jahr zuvor den Zug der Sagäh 
mitgemacht hatte. Die Flüchtigen warfen sich in die von der 
persischen Besatzung (unter Mihran b. Bahram Tschubin) geräumte 
Burg, konnten sich aber nicht halten: die Gefangenen wurden 
allesamt hingerichtet, zuerst ' Akka. Von da zog Chalid nach Du- 
mat alGandal, um dem dorthin ausgesandten Fihriten 'lad b. 
Ghanm beizustehn, der bei der Belagerung des Ortes selber ins 
Gedränge gekommen war, da ein sehr starkes Entsatzheer (Kalb, 
Bahrä, Ghassän, Tanuch, Dagä* im) ihn im Rücken bedrohte. Cha- 
lid besiegte die Feinde im Felde und räumte fürchterlich unter 
ihnen auf; nur ihrem alten Bündnis mit den Tamim hatten die 
Kalb einige Schonung zu verdanken. Darauf erstürmte er die 
Burg und richtete alle gefangenen Krieger hin, auch den König 
Ukaidir, der sich schon früher freiwillig in seine Gewalt begeben 
hatte. Nach diesen als sehr grossartig geschilderten Aktionen 



^) Anbar, die arabische Schwesterstadt Hiras, lag stromaufwärts und am 
linken Ufer des Euphrat, an der Stelle des jetzigen Teil Akar, der auch 
Medinet Ombarra heisst; s. Georg Hoffraann in der Berliner Ztschr. für 
Erdkunde 1883 p. 443. 



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Chalid am Euphrat. 45 

kehrte er wieder um oach Hira. Aber eine neue Zusammenrottung 
der Taghlib und ihrer Verbündeten, die das Blut des 'Akka und 
ihrer übrigen Brüder rächen wollten und dabei von Persern aus 
Bagdad (unter Zarmihr und Rudbeh) unterstützt wurden, rief ihn 
zurück nach Ain Tamr. Der Tamimit Qrfqä b. Amr, Commandant 
von An bar, hatte schon einen Haufen der Feinde bei Hu^aid ge- 
sprengt; hinterher hatten sie sich bei Mu^aijah gesammelt, unter 
Hudhail b. 'Imrän, der ebenso wie Akka ein Parteigänger der 
Sagäh gewesen war. Dort überfiel sie Chalid, dabei fand Hurqü^ 
b. Nrfmän trinkend seinen Tod. Dann machte er noch weitere 
Überfalle auf verschiedene Lager der Taghlib, auf die er eine ganz 
besondere Wut hatte. Inzwischen hatten sich die Romäer in Ver- 
bindung gesetzt mit den persischen Besatzungen an der Euphrat- 
grenze und mit den dortigen Arabern. In der Mitte des Monats 
Dhulqa'da (Januar 634) gingen sie über den Euphrat zum Angriff 
gegen Chalid, der bei Firäd lagerte, wo das Iraq mit Mesopotamien 
und Syrien zusammenstösst. Er schlug sie aber mit ungeheurem 
Verluste ab. Ende des Monats sandte er sein Heer nach Hira zu- 
rück und begab sich selber nach Mekka zum Hagg, allein, ohne 
Führer, auf unbekannten Wegen durch die Wüste. Trotzdem war 
er fast gleichzeitig mit dem Heere wieder in Hira. Dort traf ihn 
das Schreiben Abubakrs, wodurch er nach Syrien beordert wurde, 
und er ging im Muharram A. H. 13 (März 634) dorthin ab. 

Nach Saif hat also Chalid im Jahre 12 das ganze Euphrat- 
gebiet den Persern entrissen, von Ba^ra bis Hira und von Hira 
bis an die romäische Grenze bei Firäd. Die ungeheure Schlacht 
von Firäd krönte sein grosses Werk im Iraq. Damit war der Plan 
verwirklicht, den Abubakr für den Feldzug entworfen hatte. Er 
hatte freilich die Aufgabe nicht dem Chalid allein zugedacht. Nach 
seiner Anweisung sollte Chalid vom unteren Euphrat her, 'lad b. 
Ghanm alFihri vom oberen nach Hira vordringen; wer zuerst dort 
ankäme, sollte den Oberbefehl haben und Madäin angreifen, der 
Andere zur Reserve in Hira zurückbleiben: die persische Haupt- 
stadt, die freilich sehr exponirt lag, war also von vornherein das 
Ziel Abubakrs. Er hielt jedoch sehr auf vorsichtige Rückendeckung 
und schärfte darum ein, dass der Angriff auf Madäin erst erfolgen 
dürfe, wenn der Besitz des Euphratgebietes vollkommen gesichert 
sei. Nun aber vermochte *Iäd nichts auszurichten, er wurde vor 
Duma festgehalten und geriet dabei in grosse Gefahr. So fiel die 



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46 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 8. 

ganze Aufgabe ungeteilt dem Chalid zu; auch allein war er im 
Stande, sie yorschriftsmässig zu lösen. Alles höchst systematisch 
und höchst grossartig. Chalid macht keine Razzien, sondern grosse 
militärische Feldziige (Tab. 2063,14. 2152,8); er kämpft nicht 
bloss gegen vereinzelte persische Besatzungstruppen, sondern auch 
gegen ganze Heere, die von Schiruia und Ardeschir ausgesandt sind. 
Neben dem planmässigen wird auch der pragmatische Zusammen- 
hang von Saif nicht vernachlässigt. Von der Ridda her ziehen sich 
die Fäden hinüber zu den Kämpfen im Iraq. Bei Valaga fochten Ba- 
kriten unter Abgar b. Bugair (3460, 2) auf persischer Seite, die schon 
in Bahrain den Muslimen gegenüber gestanden hatten; der Versuch 
ihre Niederlage bei Valaga zu rächen führte zur Wiederholung des 
Kampfes, bei üllais. Die Führer der Taghlib und ihrer Bundes- 
genossen bei Ain Tamr waren mit Sagah in Jamama eingebrochen 
und schon damals beinah mit Chalid zusammengestossen; auch in 
diesem Falle hatte die erste Niederlage der Beduinen einen Rache- 
feldzug zur Folge, der freilich nur noch unglücklicher für sie aus- 
lief. Saif hebt die Feindschaft Chalids gegen diese Araber viel 
geflissentlicher hervor als die gegen die Perser und schildert sie 
als wahrhaft mörderisch. Er hatte sie zu züchtigen wegen ihrer 
Teilnahme an der Ridda, er fand es aber auch überhaupt unnatür- 
lich , dass diese christlichen Araber auf Seite der Perser standen, 
da er den Islam für die gemein arabische Sache ansah (Tab. 2041). 
Saif wundert sich selber über die Siegeslaufbahn Chalids im 
Iraq, von Kavätzim den Euphrat hinauf bis Firäd ; er sagt, im Ver- 
gleich dazu seien alle späteren Kämpfe den Kufiern verächtlich er- 
schienen (2076, 15). Ganz anders die ältere Tradition. Sie weiss 
nichts von ' lad b. Ghanm im Jahre 12, nichts von dem Feldzugs- 
plan Abubakrs und nichts von dessen grossartiger Ausführung durch 
Chalid. Insbesondere ist von Firäd keine Rede. Anbar und Ain 
Tamr, zwei noch zum alten Gebiet von Hira gehörige Städte, 
wurden erobert, dabei ein Beduinenhaufe gesprengt und dessen 
Führer Hiläl b. 'Akka gekreuzigt. Die Überfälle von Hu^aid und 
Mu^aijah und die Tötung des trunkenen Hurqu^ b. Nu man werden 
auf Chalids Zug nach Syrien verlegt *). Ibn Ishaq setzt auch schon 
die Affäre von Ain Tamr bei dieser Gelegenheit an, während er 
von Anbar in seiner recht ausführlichen Darstelhmg (Tab. 2120ss.) 



1) Baladh. 111. Tab. 2109 (Madäini). 2123 (BIshaq). 

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Ghalid am Euphrat. 47 

überhaupt nicht redet*). Desgleichen soll die Affare von Dumat 
alGandal auf dem Wüstenmarsch nach Syrien von Chalid erledigt 
sein'). Man sollte freilich glauben, er habe damals keine Zeit 
dazu gehabt, zumal Duma ganz aus seiner Richtung lag'), da er 
im Norden von Damaskus aus der Wüste herauskam, während der 
Weg vom Iraq über das Gauf in Edom mündet. Vaqidi bei Bai. 
111, 9 gibt in der Tat seine Route anders an (über Qarqisia), steht 
aber damit allein und behauptet bei Bai. 62, 6 das Gegenteil. Wie 
dem auch sei, so viel ist sicher, dass die ältere Tradition die Ak- 
tionen Chalids im Iraq nach der Einnahme von Hira nicht für 
bedeutend ansieht und im Vorübergehn abmachen lässt, wahrschein- 
lich auch die Zeit knapper bemisst als Saif, da sie den Fall Hiras 
später ansetzt als er^). Saif hat Geringfügiges aufgebauscht und 
Nichtzusammengehöriges aus verschiedenen Zeiten eflfectvoU zu- 
sammengedrängt. Die Kämpfe bei Hu^aid und Mu^aijah, die er 
zuerst (2067 SS.) als gegen die Taghlib gerichtet vorführt, erzählter 
selber später (2114) noch einmal als gegen die Bahrä gerichtet, 
an derselben Stelle wie die Anderen, bei Gelegenheit von Chalids 



') Tab. 2122; nach Bai. 246 wurde Anbar unter ümar erobert, aber da- 
mals vielleicht zum zweiten Male. Nach BIshaq traf Abubakrs Befehl zum 
Abmarsch nach Syrien den Chalid in Hira, nach Anderen in Ain Tamr; vgl. 
Bai. 110. 249. 

2) Bai. 62, 6. 116, 12 s.: Chalid zog über Duma nach Tadmur. Ibn Ishaq 
redet überhaupt nicht von Duma. 

3) Eine Digression war indessen der Zug nach Duma unter allen umständen. 
A. Müller (Islam 1, 229, vgl. de Goeje Mem. 3, 10. 28) will sie vermeiden, 
indem er das gemeinte Duma nicht für Dumat alGandal im Gauf, sondern 
für Dumat alHira ansieht. Das widerspricht nicht nur aller Tradition, sondern 
ist auch geradezu sinnlos. Denn mit der Eroberung von Hira hatte Chalid 
auch Dumat alHira erobert. Das war weiter nichts als ein Quartier in Hira, wohin 
sich ükaidir aus Dumat alGandal zurückgezogen hatte. Später erscheint er 
freilich doch wieder in Dumat alGandal, als Chalid es belagerte. Vergebens 
sucht Ibn Kalbi diese Schwierigkeit wegzuräumen. In Wahrheit war damals 
nicht ükaidir, sondern der Ghassanit Gudi Befehlshaber in Dumat alGandal. 
Vgl. Bai. 61-63. Jaq. 2 852, 16. 

*) Zwischen der Einnahme von Hira und dem Abzüge Chalids aus dem 
Iraq lag nach Saif (2056, 9) mehr als ein Jahr. Dazu stimmt freilich nicht, 
dass er jenes Ereignis in den Rabi 12 und dieses in den Muharram 13 setzt 
(2116, 4. 2076). Aber Madäini setzt den Abmarsch nach Syrien in den Rabi 13 
und so auch Saif selber 2089, 2. 



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48 Prolegomena- zur ältesten Geschichte des Islams. § 8. 

Marsch nach Syrien '). Der Nachricht, dass schliesslich die Romäer 
sich mit den Persern zur Abwehr Chalids bei Firäd') vereinigt 
hätten, liegt vielleicht eine dunkle Kunde von einem Bündnisse 
des Heraklius mit Schahrbaraz zu Grunde. Dies ist allerdings in 
der Tat schon im Juni 629 geschlossen, aber Saif setzt den Tod 
Ardeschirs III gleichzeitig mit dem Falle Hiras (Sommer 633) und 
lässt etwa ein Jahr darauf die Thronbesteigung des Schahrbahräz 
folgen (Tab. 2216). Trotz der zahlreichen und genauen Daten, die 
er gibt, hat er in Wahrheit gar keinen Begriff von Chronologie, 
wie sich später noch öfter herausstellen wird. 

Wie er übertreibt, sieht man an den Zahlen. Chalids Heer 
war 18000 Mann stark, mit 9000 Mann zog er durch die Wüste 
nach Syrien — nach den Anderen mit nur einigen Hundert^). 
Bei Madhar fielen 30000 Feinde, bei Uliais 70000, bei Firäd 100000. 
Die Beute war von Anfang an sehr beträchtlich. So kamen nach 
der Einnahme von Amgischia auf jeden Reiter 1500 Dirham 
(2037, 6) und nach den Kämpfen um übuUa 1000 Dirham (2026,12): 
damit vergleiche man die Angabe Madäinis (2385, 1), dass nach 
der Einnahme von übulla im Jahre 14 anf jeden Kopf 2 Dirham 
baaren Geldes gefallen seien. Der Stadt Hira wurde eine Steuer 
von 190000 Dirham auferlegt (2044,18); dagegen nach Ibn Ishaq 
(2018, 1) nur 90000 und nach Baladh. 243, 20 nur 84000 Dirham 0- 
Ibn (^aluba zahlte für Baniqia und Barusma ausser der Charaza *) 
noch 10000 Dinar (2049, 14) oder für die Landschaft zwischen 
Falälig und Hurmuzgard 2000000 (resp. 1000000 schwere) Dirham; 



*) Saif zu lieb unterscheidet Jaqut zwei Mu^aijah, eins der Taghlib und 
eins der Bahrä, aber mit unrecht, da sich das Detail wiederholt, z. B. die Ge- 
schichte von dem trinkenden und singenden Hurqü^. 

*) Firad bedeutet „die Furten". Der Name wird sonst im Plural nur 
appellativisch gebraucht (Tab. 2500, 8. 2506, 4), so auch wol in dem Verse 
Jaq. 3 864, 10. Ich vermute, dass dieser Vers den Ausgangspunkt der von 
Saif reproduzirten Tradition gebildet hat und dass Firäd nur durch Misver- 
ständnis zu einem Eigennamen gemacht ist — ähnlich wie der Zusammen- 
fluss der Kanäle (oben p. 42). 

3) Tab. 2035, 18. 2089, 15. 2115, 3 — dagegen 2109,- 2. 3. Baladh. 110. 

*) je 14 Dirham auf den Kopf; Hira hatte also eine steuerzahlende Be- 
völkerung von 6(X)0 Einwohnern. 

5) Ist dies der Beitrag für den Kranz? Vgl. 1 Macc. 10,29—31. 11, 34.35. 
Gothofredus zum Cod. Theodos. 12, 11. Er konnte sich aus der hellenistischen 
Zeit im Orient fortgeerbt haben. 



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Chalid am Euphrat. 49 

üach Ibn Ishaq (2017, 7) und Ibn Kalbi (2019, 18) nur 1000 Dir- 
ham und einen Mantel. Die Differenz der Zahlen Saifs von denen 
der älteren Überlieferung ist also ganz ungeheuerlich; man kann 
daran seine Glaubwürdigkeit oder vielmehr ünglaubwürdigkeit ab- 
messen, 

Besonders reich sind bei Saif die Mitteilungen von „Zeugnissen", 
d. h. von Versen und Urkunden, womit er seine Darstellung be- 
kräftigt; er gleicht in der Vorliebe dafür den späteren jüdischen 
Historikern, z. B. dem Verfasser der Bücher Esdrae und Nehemiae 
und der Chronik. Was nun zunächst die Lieder betrifft, so hat 
man über sie genau ebenso zu urteilen wie über Saif selber, wenn sie 
der alten Tradition inhaltlich unbekannt sind und im Widerspruch 
zu ihr stehn. Zum Beispiel wird die Angabe, dass bei üllais und 
Anjgischia 70000 Mann gefallen seien, dadurch nicht glaubhafter, 
dass sie auch in Versen vorkommt, die einem gewissen Asvad b. 
Qutba zugeschrieben werden (Jaq. 1,363). Aber allerdings zeigt 
sich, dass Saif sich seine Tradition nicht aus den Fingern gesogen 
hat, wie ja auch von vornherein angenommen werden muss. Sie 
lag ihm schon vor, insbesondere in poetischer Form. Es muss eine 
Art Epos über die grosse arabische Völkerwanderung gegeben haben, 
in Liedern, die den Helden selbst in den Mund gelegt waren 0- 
Jaqut teilt Vieles daraus mit, mehr als Saif. Die Dichter sind 
vor Allem Qa' qä b. Amr und ' Apim b. Amr, die beiden Haudegen 
von Tamim'O; das Epos scheint also vorzugsweise tamimi tisch zu 
sein. Namentlich Qa'qä ist überall dabeigewesen, in Arabien, am 
Euphrat, in Syrien, am Tigris, in Medien u. s. w.; als Pensionär 
hat er dann wahrscheinlich seine allumfassenden Erlebnisse auf Verse 
gebracht. Er kennzeichnet sich dadurch, dass er schon im Jahre 
11 bei BuÄacha, gegen die Asad und Ghatafän, mit gefochten haben 
will (Jaq. 1,602) und dass er der Einnahme von Hira Kämpfe 
Chalids am unteren Euphrat, bei Kavätzim und Madhär, vorausgehn 
lässt (Tab. 2046s). Für gänzlich wertlos braucht man indessen 
diese Bruchstücke eines poetischen Geschichtscompendiums nicht 



Vgl. Tab. 2073, 15. 

^) Vgl. Wüstenfelds Register zu Jaqut unter diesen beiden Namen. Auf 
das Jahr 12 beziehen sich von A9im: Jaq. 2, 375 (Hira). 852 (Duma). 4, 605 
(Maqr). 633 (Hira); von Qa'qä: 1,937 (bis Hira). 2, 280 (Hu^aid). 3,864 
(Firäd). 4,557 (Mu9aijah Bahrä). 939 (Valaga) 1016 (Marsch Chalids nach 
Syrien). 

Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten. VI. 4 



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50 Prolegomena zur ältesten Geschiebte des Islams. § 8. 

zu halten; sie scheinen volkstümlich zu sein und können allerlei 
Einzelheiten erhalten haben, die sonst vergessen sind. Ganz künst- 
lich zurecht gemacht sind dagegen die Verse des Ihn Buqaila 
(Tab. 2042). 

Unter den Urkunden muss man die Briefe für sich betrachten. 
Damit nahm man es so wenig genau wie mit den Reden; die 
späteren Juden haben ganze Historien in Form einer Correspondenz 
der beteiligten Hauptpersonen verfasst. So sind denn auch die 
Briefe Chalids und Abubakrs bei Saif (2053s. 2076) nicht ernst 
zu nehmen. Aber die eigentlichen Urkunden bei Saif unterliegen 
ebenfalls schweren Bedenken. Echt ist der von Ibn Ishaq (2017) 
mitgeteilte Kapitulationsvertrag mit Ibn Qaluba; darin wird die 
Steuer auf 1000 Dirham festgesetzt. In dem entsprechenden Ver- 
trag bei Saif (2050) wird der Satz auf 10000 Dinar erhöht, d. h. 
etwa auf den hundertfachen Betrag! Ähnlich in anderen Fällen. 
Dazu kommt, dass Saifs Urkunden schon im Jahre 12 nach der 
Ära der Higra datirt sind, die bekanntlich erst im Jahre 16 vom 
Chalifen Umar eingeführt wurde. Freilich könnte das Datum später 
umgerechnet oder zugesetzt sein, wie es in dem bei Baladh. 123 
erwähnten Beispiel von Damaskus nach Vaqidis ausdrücklicher An- 
gabe wirklich geschehen ist. Aber Saif sagt nichts davon, und wollte 
man es stillschweigend annehmen, so täte man ihm zu viel Ehre 
an ; man vergleiche nur seine zahlreichen Urkunden vom Jahre 18 
über Kapitulationen, die erst viel später abgeschlossen sein können. 
Er selbst ist indessen nicht der Fälscher gewesen. Denn er setzt 
die Kapitulation von Hira vor die von Baniqia; in seinen Urkun- 
den dagegen ist die erstere vom Rabi, die letztere schon von dem 
vorhergehenden Monate Qafar datirt. 

Saif ist ein ausgezeichneter Erzähler; daraus erklärt es sich, 
dass er einen durchschlagenden Erfolg gehabt hat. Er besticht 
durch sein genaues Detail. Doch verbürgt die Bestimmtheit seiner 
Mitteilungen nicht ihre Richtigkeit. Anekdotisch sind der Elephant 
(als Beutestück von Ubulla) in Medina (2025), die Kamelfüllen 
als Sattelgepäck vor Anbar (2059), die wunderbare Giftprobe Chalids 
(2044), sein romantischer Abstecher nach Mekka (2075). Anderes 
ist bloss Beispiel der Anwendung eines Grundsatzes, und aus dem 
Grundsatz selber abgeleitet. Der Chalif entwirft und dirigirt die 
Feldzüge von Medina aus. Vor dem Beginn des Kampfes werden 
die Feinde jedesmal zunächst angefordert, binnen einer gewissen 



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Gbalid in Syrien. 51 

Frist dem Islam beizutreten. Wenn zwei sonst selbständige Führer 
zusammen wirken müssen, wird ihr Verhältnis zu einander immer 
nach einer festen Regel bestimmt. Wenn Chalid zu Felde zieht, 
wird nicht vergessen zu sagen, wen er als seinen Stellvertreter 
hinterlassen habe — genau, so wie Ibn Hischam stets die Stell- 
vertreter Muhammads in Medina nachträgt, wenn Ibn Ishaq darüber 
schweigt. Saif gibt allenthalben das Personal viel vollständiger 
an als die übrigen. Er nennt viel mehr Namen, nimmt sich dabei 
aber allerhand Freiheiten. Er sagt u. a. ^aluba b. Nastuna b. 
Buppuhra statt (Buppuhra) ibn Qaluba, Amr b. Abdmasih statt 
Abdmasih b. Amr, Akka b. Abi Akka statt Hiläl b. Akka. Be- 
sonders auf die vielen persischen Namen — er kennt jeden Befehls- 
haber einer kleinen persischen Besatzung — ist gar kein Verlass. 
Saif tut sich etwas zu gut auf seine Kenntnis der; persischen 
Dinge. Er ist vertraut mit dem persischen Kalender und mit 
der Benennung der Monatstage nach einem Patron (räfid 2032), 
er weiss, dass ohne höheren Befehl die Marzbane einander nicht 
beistehn durften (2037). Er orientirt uns immer gewissenhaft über 
die verworrenen inneren Verhältnisse im persischen Reich, aber er 
kennt sie in Wahrheit durchaus nicht. Ich werde darauf am 
Schluss des zehnten Kapitels zurückkommen. 

9. Chalid in Syrien. 

Das Jahr 13 (beginnend am 7. März 634) führt uns auf den 
syrischen Kriegsschauplatz. Der Ausbruch der Araber über die 
Grenzen, nach der grossen inneren Umwälzung, die durch den 
Islam bewirkt war, lässt sich in gewisser Hinsicht vergleichen mit 
dem Ausbruch der Franzosen nach der Revolution. Die treibende 
Ursache war eine materielle, die Land- und Beutegier, und eine 
ideelle. Natürlich war die Idee nicht von der philosophischen Art, 
sondern von der enthusiasmirenden, ein Hebel der Massenbewegung: 
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bei den Franzosen, die Herr- 
schaft Gottes bei den Arabern. Die Tyrannei der menschlichen 
Herrscher sollte gebrochen werden, sei es zu Gunsten der Demo- 
kratie, sei es zu Gunsten der Theokratie. Geschickte Führer diri- 
girten die Instinkte der Menge und benutzten sie schliesslich für 
ihre eigenen Zwecke, so dass das Endergebnis der grossen Be- 
wegung ihrem Anfang durchaus zuwiderlief. 

4* 



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52 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 9. 

Syrien, das heilige Land, war schon von Muhammad ins Auge 
gefasst und halbwegs in Angriff genommen worden. Um seinen 
Apostel zu rächen, welcher von einem Ghassaniden, den er zum 
Islam auffordern sollte, getötet war, sandte er eine Expedition 
unter Zaid b. Haritha nach dem Ostjordanlande; nach ihrem 
kläglichen Ausgange bei Muta unternahm er selber im folgenden 
Jahre mit einem grossen Heere einen romantischen Zug nach dem 
Norden, den er indessen bei Tabuk plötzlich abbrach. Kurz vor 
seinem Tode ordnete er noch einen Rachezug für Muta an, dessen 
Commando er dem Sohne des dort gefallenen Führers übertrug, 
dem Usama b. Zaid b. Haritha. Abubakr führte, trotz- der Gefahr 
in der Medina schwebte, die letztwillige Anordnung des Propheten 
aus; das Heer unter Usama ging ab, raubte und sengte ein wenig 
j in der Gegend von Muta, und kehrte dann heim, als sei damit das 
Ziel erreicht. An die Eroberung Syriens wurde nicht gedacht; 
das geschah vielmehr erst, nachdem die Eroberung Babylouiens in 
überraschender Weise gelungen war. Der Appetit kommt beim 
Essen. Der Islam machte Ansprüche auf die Einverleibung aller 
Araber in das arabische Gesamtreich, das er begründet hatte. 
Die Mediner wollten nicht hinter den Bakriten zurückstehn. 
Nachdem diese die persische Arabermark vom Hira zum Reich ge- 
bracht hatten, nahmen jene sich die romäische Arabermark von 
Damaskus vor, die vor ihren Toren lag und ihnen schon durch 
den Propheten zum Ziel gewiesen war. Es ist zu vermuten, dass 
insbesondere Amr b. A9, der islamische Beamte unter den süd- 
lichen Qudäa, sich gereizt fühlte, in seinem Bereich den Erfolgen 
Chalids nachzueifern, und den Chalifen zum Angriff auf Syrien 
überredete. Während aber im Iraq sich Alles von selber machte, 
wurde der syrische Feldzug von Medina aus vorbereitet und mit 
grossen Mitteln ins Werk gesetzt. 

Saif teilt zwei im Ganzen übereinstimmende Berichte über 
Beginn und Verlauf des syrischen Feldzuges mit, einen längeren 
Tab. 2080—2107 und einen kürzeren Tab. 2110—2116. Am 
Anfang des Jahres 12 *) sandte Abubakr den uns von Jaman her 



^) Das Datum findet sich nur 2110, 16: zu der gleichen Zeit, wo er den 
Chalid b. Valid in das Iraq sandte. Nach Madäini bei Tab. 2079 wurde Ihn 
Said erst Anfang 13 abgesandt, aber dies Datum gilt nicht für den folgenden 
Bericht des Saif (Tab. 2080 ss.) Denn nach Saif lagerten Anfang 13 bereits 



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Chalid in Syrien. 53 

bekannten (Chalid) Ibn Sa*id nach Talma, mit dem Auftrage, die 
Araber jener Gegend um sich zu sammeln, jedoch mit Ausschluss 
derer, die sich an dem Rückfall beteiligt hätten; er hatte bald ein 
grosses Heer zusammen. Die Romäer boten dagegen die ihnen bot- 
mässigen Araber auf, von Bahrä Kalb Salih Tanuch Lachm Gudham 
Ghassan ; sie sammelten sich an einer Stelle, die drei Tagereisen von 
Ziza (in Peträa) entfernt lag. Als ihnen aber Ibn Sa* id aufrückte, 
verliefen sie sich und schlössen sich hernach zum grossen Teil dem 
Islam an. Er marschirte dann vorsichtig, wie ihm eingeschärft 
worden war (2081,12), weiter nach Norden, lagerte zwischen Abil 
Ziza und Qastal, und schlug in jener Gegend den Patricius Bahan, 
der sich ihm entgegenstellte. Er wurde verstärkt durch Jamanier 
unter Dhulkala und durch das Heer Ikrimas: es waren aber nicht 
die alten Krieger, die bei der Niederwerfung der Ridda gekämpft 
hatten, sondern Ersatzmänner, die auf des Chalifen Befehl für sie 
eingestellt waren ^). Auf diese Weise wurde Abubakr in den 
syrischen Krieg gezogen (2082,7). Er befahl nun auch dem Amr 
b. A9, dem er die Steuerverwaltung bei den Qudäa zurückgegeben 
hatte, ins Feld zu ziehen, desgleichen dem Valid b. Uqba, der bei 
einem anderen Teil der Qudäa die Steuern einnahm: letzterer ver- 
einigte sich mit Ibn Said. Weiter sandte er den Jazid b. Abi 
Sufian mit einem starken Heere von Medina ab und dann auch 
noch den Abu Ubaida. Dem Amr wies er Filistin als Provinz an, 
dem Valid Urdunn, dem Jazid Damaskus, dem Abu Ubaida Him^. 
Als Ibn Said durch Dhulkala und Ikrima und ferner durch 
Valid verstärkt war und vernahm, dass noch weitere Heere nach- 
kämen, wurde er unvorsichtig, folgte dem Bahan, der sich auf 
Damastus zurückzog, und lagerte sich in der Nähe dieser Stadt 
auf der Vogelwiese. Dort aber erlitt er eine schmähliche Nieder- 
lage, floh und machte erst bei DhulMarva Halt, in geringer Ent- 
fernung • von Medina: nur Ikrima hielt an der Grenze Syriens 
Stand. Damit hatten Ibn Said und Valid b. Uqba ihre Rolle als 
Befehlshaber in Syrien ausgespielt. Die Reste ihres Heeres ver- 
einigten sich mit Schurahbil b. Hasana und mit Muavia^), die 



die medinischen Truppen unter Amr b. A9 etc. gegenüber den Romäern am 
Jarmuk. Dem war aber der zum Schluss verunglückte Feldzug des Ibn Said 
schon vorausgegangen. 

^) 2082, 5s. 2084, 16s., daher der Name gaisch alabdäl, Ersatzheer. 

2) Vgl. 2093, 7. 



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54 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 9. 

jetzt von Medina aus nachgesandt wurden; Schurahbil erhielt an 
Stelle Valids die Provinz ürdunn angewiesen, Muavia wurde seinem 
Bruder Jazid beigegeben. Die Muslime marschirten in vier Ab- 
teilungen in Syrien ein, mit insgesammt 21000 Mann, wozu noch 
6000 Mann Reserve unter Ikrima kamen ^). Heraklius sandte von 
Him9 aus, wohin er sich von Jerusalem (2102s.) begeben hatte, 
den Theodor, seinen Bruder, mit 90000 Mann gegen Amr, den 
Garaga gegen Jazid, den Duräqis gegen Schurahbil, den Bikarius 
b. Nastas mit 60000 gegen Abu Ubaida. Auf Amrs Rat, dem 
Abubakr zustimmte, vereinigten sich aber die getrennten mus- 
limischen Heerhaufen beim Jarmuk. Darauf vereinigten sich auch 
die Romäer und lagerten bei Vaqupä, an einer durch eine tiefe 
Schlucht (des Flusses Jarmuk) geschützten Stelle; sie waren voll 
Furcht^). Ermutigt wurden sie durch die Ankunft des Bahan, 
gleichzeitig wurden aber auch die Muslimen durch Chalid verstärkt, 
der 10000 Irakier mitbrachte. Nachdem die Heere sich drei 
Monate lang gegenüber gelegen hatten, kam es im Gumadal*) des 
Jahres 13 zu der entscheidenden Schlacht, bei der Chalid den 
Oberbefehl führte. Man focht tapfer auf beiden Seiten. Ibn Said, 
der mit dabei war, wurde verwundet und hinterher vermisst; Ikrima 
starb an seinen Wunden in den Armen Chalids. Gegen Abend 
wichen die Romäer; sie stürzten zum Teil an einander gefesselt 
in den Abgrund des Flussbettes. Garaga trat zum Islam über und 
fiel im Kampf gegen seine eigenen Landsleute. Der Bikarius 
suchte und fand den Tod, auch der Bruder des Heraklius fiel, 
Tadhariq wurde gefangen*). Während der Kampf tobte, brachte 



1) Die Angaben variiren 2087, 4 s. 2090, 13 ss. 

2) Etwas anders lautet die kürzere Darstellung Saifs bei Tab. 2110 s., die 
Differenzen betreffen jedoch weniger die Facta als die Combination. Dem 
Befehl des Chalifen zuwider ging Ibn Said zum Angriff über, die Romäer 
lockten ihn durch absichtliches Zurückweichen bis nach der Vogelwiese bei 
Damaskus und brachten ihm dort eine grosse Niederlage bei. Sie sammelten 
nun ein starkes Heer am Jarmuk in der Absicht, selber den Abubakr anzu- 
greifen. Dieser Absicht kam aber der Chalif zuvor. Er schickte nach einander 
Amr, Abu Ubaida und Jazid, und Schurahbil nach Syrien, sie vereinigten sich 
beim Jarmuk. Die Romäer dachten nun nur auf ihre Verteidigung und be- 
zogen eine sehr feste Stellung bei Vaqu^a. 

3) begann 8. Juli 634. Anders 2176, 15. 

*) 2104, 5. Tadhariq wird hier von dem Bruder des Kaisers unterschieden, 
der 2087, 1 Theodor heisst: Vgl. dagegen BIshaq 2107, 11. 2127, 7. Es ist 



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Cbalid in Syrien. 55 

ein Bote von Medina dem Chalid insgeheim die Nachricht vom 
Tode Abubakrs, und übergab ihm ein Schreiben Umars, das jener 
in seinen Köcher steckte: es enthielt die Ernennung des Abu 
übaida zum Oberbefehlshaber an seiner statt*). Die Romäer 
retirirten nach Fihl. Abu übaida verlegte das Lager der Muslime 
nach der Vogelwiese bei Damaskus und erstattete Bericht nach 
Medina mit der Bitte um Weisung. Genau nach Umars Vorschrift 
wurde dann weiter operirt. Zunächst wurde Damaskus in An- 
griff genommen; ein von Him^ aus versuchter Entsatz der Stadt 
wurde durch Dhulkala abgeschlagen, der zwischen Himp und 
Damaskus Posten gefasst hatte. Den Belagerten entfiel der Mut, 
weil die Feinde sich auch durch den eingetretenen Winter nicht 
stören Hessen. Nach siebzig Tagen kapitulirten sie mit Abu 
Übaida, als auf einer anderen Seite Chalid schon mit Gewalt ein- 
gedrungen war. Die Iraqier im muslimischen Heere gingen nun 
in ihre Heimat zurück, wo sie nötiger waren als in Syrien*). 
Jazid blieb in Damaskus, der Hauptstadt der ihm zugewiesenen 
Provinz. Die übrigen Muslime wandten sich nicht gegen Heraklius 
in Him9, sondern zunächst nach Fihl gegen die 80000 Romäer, 
die noch in ihrem Rücken standen. Diese gingen von Fihl auf 
Baisan zurück, wo sie die Dämme durchstachen und die Gegend 
unter Wasser setzten, machten aber von dort aus einen Überfall 
auf die Muslime, die sich ih Fihl gelagert hatten. Das bekam 
ihnen übel; ihr Führer, der Sacellarius, fiel, sie wurden ab- 
geschlagen und kamen auf der Flucht samt und sonders in den 
von ihnen selbst geschaffenen Sümpfen elendiglich um. Damit 
war die Provinz Urdunn für Schurahbil erobert, er blieb dort und 
unterwarf sich mit Hilfe Amrs, der in Filistin blieb, die Städte. 
Nun zog Abu Übaida mit Chalid in die für ihn bestimmte Provinz 
und belagerte Him9, von wo Heraklius inzwischen nach Edessa 
geflohen war*). 

Ganz anders stellen Ibn Ishaq und Vaqidi, bei Tabari und 
Baladhuri, den Lauf der Begebenheiten dar; ich reproducire den 

freilich richtig, dass am Jarmuk Theodor der Sacellarius, und nicht Theodor 
der Bruder des Kaisers commandirte. 

*) Abubakr starb nach Saif zehn Tage vor dem grossen Siege, im Gu- 
mada I (Tab. 2089, 17). 

2) Damaskus kapitulirte einen Monat vor der Schlacht von Qadisia 2305. 

3) Vgl. Tab. 2147 s. 2150 ss. 2156 ss. 2390 ss. 



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56 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 9. 

Bericht des Ersteren, weil er uns vollständiger erhalten ist^). 
Nach seiner Rückkehr vom Hagg, Ende des Jahres 12 oder Anfang 
13, sandte Abubakr den Amr b. A9 über Aila nach Filistin, ferner 
Jazid und Abu übaida und Schurahbil hintereinander über Tabuk 
nach der Balqä. Amr fasste Posten in Ghamr alArabat im 
niederen Filistin (2107,10. 2125,6); die Romäer, unter Tadhäriq 
dem Bruder des Kaisers, lagerten bei Gilliq im oberen Filistin 
(2107,11), in der Stärke von 80000 Mann'). Amr bat den 
Chalifen um Verstärkung, worauf Chalid vom Iraq nach Syrien 
abkommandirt wurde. Dieser zog von Hira über Ain Tamr durch 
die Wüste, überfiel die Ghassan in Marg Rahit und traf bei Qanät 
mit den drei ostjordanischen Heerführern zusammen. Mit ihnen 
vereint kam er, nachdem Bostra als erste syrische Stadt kapitulirt 
hatte, dem Amr zu Hilfe. Auf die Kunde davon zogen auch die 
Romäer von Gilliq südwärts nach Agnadain'); ihnen gegenüber 
vereinigte sich Chalid mit Amr. Folgt der Sieg von Agnadain im 
Gumada 13. Die flüchtigen Romäer sammelten sich in Fihl jeu- 
seits des oberen Jordans, sie durchstachen die Dämme von Baisan 
um die Passage in Sumpf zu verwandeln. Sie hinderten aber 
dadurch die Muslime nicht am Übergange, erlitten bei Fihl eine 
zweite Niederlage im Dhulqada 13 und zogen sich nun auf 
Damaskus zurück. Ihnen nach die Muslime; die Romäer, unter 
Bahan, wurden bei Damaskus noch 'einmal geschlagen und darauf 
die Stadt belagert. Sie kapitulirte gegen Chalid im Ragab 14, 
nachdem Bahan inzwischen zu Heraklius abgezogen war. Erst 
jetzt übernahm Abu übaida den Oberbefehl an Stelle Chalids, zu 
dem er bereits früher von ümar ernannt war. Den Winter über 
blieb er in Damaskus. Im Sommer 15 sandte Heraklius von 



Tab. 2078 s. 2107. 2121 s. 2145 s. 2148 s 2155. 2347-2360 

2) Gilliq liegt bei Damaskus. Aber man begreift, dass BIshaq es nach 
dem oberen Filistin versetzt. Denn die wahre Lage passt hier nicht. Die 
Römer müssen den Amr in Filistin bedrohen und nicht die anderen Feldherrn 
im Ostjordanlandes; sonst ist es unverständlich, dass Amr Hilfe erbittet und 
sie vom Ostjordanlande her erhält. 

3) Es ist nach dem Zusammenhange unmöglich, dass die Romäer erst 
dann sich gegen Amr wendeten, als das ostjordanische Muslimenheer zu ihm 
abmarschirt war, und in Folge davon. Dieser Abmarsch geschah ja nur in 
der Absicht, deta Amr gegen die romäische Übermacht zu helfen, die also 
damals schon ihm gegenüber stand. 



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Chalid in Syrien. 57 

Äntiochia aus, woselbst er sich befand, ein Heer von 100 000 Mann 
nach Süden. Es bestand aus Romäern unter dem Sacellariua, 
Arabern unter Gabala b. Aiham, und Armeniern unter Garaga; 
den Oberbefehl führte der Sacellarius. Im Ragab 15 erfolgte deer 
Zusammenstoss mit den 24000 Mann starken Muslimen am Jar- 
muk. Die Romäer wurden geschlagen, der Sacellarius fiel, auch 
Bahan. Qais b. Makschuh, der am Jarmuk mitgefochten hattie, 
wurde darauf mit 700 Mann nach dem Iraq geschickt; ihm folgte 
später noch 'lad b. Ghanm mit 1000 Mann, der aber erst nach 
der Schiacht von Qadisia ankam. 

Was hier sich auf drei Jahre (13—15) verteilt, wird bei Saif 
in eins (13) zusammengedrängt; was hier das Ende ist, die 
Katastrophe am Jarmuk, ist dort der Anfang; die Folge der Er- 
eignisse wird umgekehrt. Mit Recht hat zuerst de Goeje den 
Bericht Saifs verworfen ^). Sein Urteil ist bestätigt worden 
durch die uns Jeider nur bruchstückweise erhaltenen Aufzeichnungen 
eines den Ereignissen ganz nahestehenden syrischen Klerikers, diö 
von W. Wright entdeckt und entziffert, von Nöldeke weiter auf- 
gehellt und historisch verwertet sind'). Darnach hat der grosse 
Entscheidungskampf der Araber mit den Romäeni im August 636 
stattgefunden, die Einnahme von Damaskus durch die Araber aber 
schon ein Jahr früher. Diese Daten stehn im schönsten Einklang 
mit denen des Ibn Ishaq und des Vaqidi und im vollsten Wider- 
spruch zu denen des Saif. De Goeje hat vielleicht auch die 
Ursache der chronologischen Confusion bei Saif richtig erkannt. 
Die Schlacht am Jarmuk hat bei ihm die Stelle gewechselt mit der 
bei Agnadain; jene setzt er a. 13 (im Gumada) an und diese 
a. 15 (Tab. 2400), statt umgekehrt. Schuld daran könnte der 
Umstand sein, dass Agnadain ebenfalls Jarmuk hiess. Statt des 
alten Namen Jarmuth (losue 10, 4), scheint man schon im vierten 
christlichen Jahrhundert, wie heute, Jarmuk gesagt zu haben. 
Das lässt sich nach dem Onomastiken des Eusebius vermuten; 
'Ispfiouc cpüX^? 'loü8a xtt)fi7] vuv icjTtv 'Iep[jLox«>?. Indessen nicht 
bloss Saif, sondern auch Madäini datirt die Schlacht am Jarmuk 
auf das Jahr 13; er setzt sie aber richtig nach der von Agnadain und 



^) Memoires d' bist, et de geogr. Orientale No. 3. Leiden 1864! 
2) DMZ 1875 p. 76 ss.; vgl. oben p. 6. 



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58 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 9. 

gibt auch die Monate richtig an: Agnadain im Gumada, Jarmuk 
im Ragab^). 

Nimmt man die ältere arabische Tradition mit dem syrischen 
Fragment zusammen, so ergibt sich folgender Sachverhalt. Zu 
Anfang des Jahres 13 (beginnt am 7. März 634) griffen die Mediner 
von zwei Seiten Syrien an; Amr fiel in Filistin ein, d. h. in das 
südwestliche Palästina, Jazid Schurahbil und Abu Ubaida in die 
Balqä, d. h. in das alte Moab. Amr hatte glückliche Erfolge in 
seiner Provinz*); die Romäer wurden dadurch veranlasst, ihm mit 
einem grösseren Heere entgegenzutreten. Dem fühlte er sich nicht 
gewachsen. Er erhielt Succurs durch das ostjordaniscbe Heer, an 
dessen Spitze der mit einigen hundert Mann aus dem Iraq herbei- 
geeilte Chalid trat*). Darauf wurden die Romäer bei Agnadain 
besiegt, im Gumada 13^). Erst bei Fihl, jenseit des Jordans, 
sammelten sie sich wieder. Die Muslime, unter Chalid, rückten 
ihnen nach, passirten glücklich den Übergang von Baisan, der 
durch Durchstechung der Dämme unwegsam gemacht war, griffen 
im Dhulqada*) die Feinde in Fihl an und zwangen sie ihren Rück- 
zug fortzusetzen bis nach Damaskus*). Gleichzeitig wurde 



») Tab. 2127. 2145. 

^ Nach Bai. 140, 14 soll er schon damals bis nach Cäsarea vorgedrungen 
sein. 

») NachSaif (Tab. 2075 s. 2089. 2116) marschirte Chalid im Muharram 13 
(März 634) ab und kam im Rabi in Syrien an. Nach Madäini (2109, 2) ging 
er im Rabi II (Juni) erst von Hira ab: dann kann er aber nicht schon am 
Osterfeste die Ohassan in Marg Rahit überfallen haben (2109, 11). 

*) Es herrscht Differenz darüber, ob im Gumada I (Juli 634) oder im 
G. II (August 634). Vgl. Tab. 2126. 2127. Bai. 114. 

^) Nach Bai. 115 am 28. Dhulqada t= 23. Januar 635. Man hat Ursache 
zum Mistrauen, wenn die Späteren bestimmtere Data angeben als BIshaq — - 
in der späteren Geschichte so gut wie in der Geschichte Muhammads. 

^ Hier zeigt sich, wie böse die ümkehrung der Zeitfolge bei Saif auch 
auf den Causalzusammenhang wirkt. Nach ihm lagern die von dem bereits 
eroberten Damaskus her kommenden Muslime bei Fihl und werden dort von 
den auf Baisan zurückgegangenen Romäem überfallen. Dadurch verliert die 
Zerstörung der Dämme von Baisan jeden Sinn; denn die Romäer wollten sich 
doch natürlich dadurch schützen. Statt dessen bildet bei Saif das Über- 
schwemmungsgebiet nur ein Hindernis für sie selber, sowol bei ihrem Über- 
fall auf Fihl, als auch bei ihrem Rückzuge auf Baisan: sie graben sich selber 
die Falle. Das war freilich eben die göttliche Absicht. — Nach Bai. 118, 15 
soll schon Abu Michnaf die Schlacht von Fihl nach der Einnahme von 
Damaskus gesetzt haben. 



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Chalid in Syrien. 59 

durch ein Detachement ein Handstreich auf Him^, weit im Norden, 
unternommen, mit bestem Erfolge*). Das Hauptheer, unter Chalid, 
rückte gegen Damaskus vor und lieferte den Romäern dort noch 
eine Schlacht, worauf dieselben sich in der Stadt einschlössen und 
belagert wurden'). Im Ragab 14 (beginnt am 21. August 635) 
ergab sich Damaskus dem Chalid'); die romäischen Truppen hatten 
sich aber schon vorher, wenigstens zum Teil, aus dem Staube ge- 
macht*). Nunmehr ging der Oberbefehl von Chalid auf Abu 
übaida über^; doch blieb jener die Seele der kriegerischen 
Unternehmungen. Noch während der Belagerung von Damaskus 
hatten die Romäer (von Antiochia aus) einen Verstoss unternommen, 



So nach dem syrischen Fragment Zeile 8. 9 : im Januar 635, also viel- 
leicht schon vor der Schlacht bei Fihl. Auch Vaqidi, bei Bai. 130. 137, weiss 
von einer vorläufigen Einnahme von Him^, wenngleich er sie zu sp&t datirt 
und in einen falschen Zusammenhang bringt: ein Versuch der Romäer, das 
belagerte Damaskus zu entsetzen, sei abgeschlagen und bei dieser Gelegenheit 
sei Him9 von den Muslimen eingenommen, dann beim Vordringen der Romäer 
a. 15 wieder aufgegeben. 

2) Der Ort der Schlacht war nach Bai. 118 die Vogelwiese (Marg alQuffar) 
bei Damaskus (Tab. 2104, 10} und das Datum der 1. Muharram 14 = 25. Februar 
635; die Belagerung begann nach Bai. 120 am 16. Muharram und endete nach 
Vaqidi bei Tab. 2155. Bai. 123 nach sechs Monaten im Ragab 14. Vaqidi 
sagt, die Urkunde sei zwar auf den Rabi 11 15 datirt, aber dies Datum und 
die Unterschriften der Zeugen seien erst später zugesetzt, urspranglich sei sie 
undatirt gewesen und ohne die Unterschriften des Abu Ubaida und der üb- 
rigen Emire (ausser Chalid?) 

^ Die Späteren sind bestrebt, dem Abu Ubaida einen Anteil an der Ehre 
zu verschaffen, die nach BIshaq dem Chalid allein zukommt. Vergl. n. 5. 

^) So das syrische Fragment. Damit übereinstimmend sagt BIshaq, Bahan 
sei vor der Einnahme der Stadt zu Heraklius abgegangen. 

^) Also war Chalid bis dahin Generalissimus (Tab. 2109, 1). Im Wider- 
spruch mit dieser seiner Angabe bezeichnet ihn freilich BIshaq schon früher 
nur als Führer der Vorhut, was er auch noch später unter Abu Ubaida blieb. 
Von Saif, Madäini u. A. wird der Wechsel des Oberbefehls combinirt mit dem 
Obergange des Chalifats von Abubakr auf Umar, welcher am Montag dem 
achtletzten (falsch Elias Nisibenus: dem achten) Gumada II 13 (22. August 634) 
erfolgte. Der Bote von Medina, Mahmia b. Zunaim oder b. Gaz' (Tab. 2097, 3. 
2145, 11), soll mitten in der Schlacht am Jarmuk angelangt sein. Aber die 
Schlacht wurde erst a. 15 geschlagen. Die Absetzung des Chalid b. alValid 
ist vielleicht verwechselt mit der des Chalid b. Said, deren Urheber Umar 
war, und dadurch verfrüht. Nach BIshaq (Tab. 2146) erhielt Abu Ubaida 
seine Ernennung zum Generalissimus während der Belagerung von Damaskus, 
publicirte sie aber erst nach der Einnahme der Stadt, 



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60 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 9. 

wol um die Stadt zu entsetzen; es gelang ihnen wenigstens, Him^ 
wieder zu gewinnen^). Dann scheinen die Waffen fast ein Jahr 
lang geruht zu haben. Im Sommer 15 (636) eröffneten die Ro- 
mäer den Angriff mit einem gewaltigen Heer; der Sacellarius 
(Theodor) stand an der Spitze, auch Bahan hätte ein wichtiges 
Commando. Die Muslime concentrirten sich am Jarmuk. Dort 
brachten sie den Romäern eine vernichtende Niederlage bei, am 
20. August 636 = 12. Ragab 15'). Darauf drangen sie erobernd 
gegen Norden vor und nahmen Himp wieder ein'). 

Mit diesem Sachverhalt ist die Darstellung Saifs gänzlich un- 
vereinbar, man muss sie einfach aus dem Spiel lassen. Nur das, 
was er über Ibn Said und seine Genossen erzählt, könnte man 
Bedenkon tragen beiseit zn schieben. Valid b. Uqba und Ikrima 
werden indessen von den Älteren überhaupt nicht als Heerführer in 
Syrien erwähnt. Von Ibn Said berichtet Ibn Ishaq, er sei anfangs zum 
Führer des ersten der vier syrischen Corps ernannt, dann aber 
auf Umars Drängen durch Jazid ersetzt, weil er in seinem umaji- 
dischen Adelsstolz sich gesträubt habe, die Herrschaft des Plebejers 
Abubakr anzuerkennen; später sei er dann bei Verrichtung des 
Regeugebets auf der Vogelwiese (bei Damaskus) überfallen und ge- 
tötet, und zwar in der Zeit, als Amr den Chalifen um Hilfe ge- 
beten hatte*). Madäini sagt, er habe anfangs ein Commando von 
Abubakr erhalten, es aber noch vor dem Abmarsch der Truppen 
an Jazid abgeben müssen, und sei dann auf der Vogelwiese in 



^) So das syrische Fragment. Vaqidi redet von dem Versuch, Damaskus 
zu entsetzen, behauptet Jaber irrig, damals Sei Him^ den Romäern verloren 
gegangen, statt den Muslimen; vgl. p. 59 n. 1. Ein unklares Echo von diesen 
und den folgenden Begebenheiten findet sich bei Tabari 2398 s. (ohne Isnad) ; 
g<-JLw neben Theodorus (dem Sacellarius) ist ohne Zweifel BäoivTjc, die letzte 
Quelle also griechisch. 

2) 3q Jas syr. Fragm., übereinstimmend mit BIshaq und Vaqidi (Tab. 2155. 
Bai. 137). 

') Dass die Muslime ausser Uim^ auch Damaskus den vordringenden 
Romäern geräumt und dann nach der Schlacht von Jarmuk wieder eingenommen 
hätten,finde ich nicht bezeugt. Möglich ist es trotzdem; nur darf man sich 
nicht darauf berufen, dass die Eapitulationsurkunde auf den Rabi II 15 datirt 
war (Bai. 123), denn der Sieg am Jarmuk wurde, erst im Ragab 15 erfochten. 

*) Tab. 2079. 2107, 13 s. Es wird vorausgesetzt, dass Ibn Said nach 
Verlust seiner Charge den Feldzug dennoch mitmachte. 



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Chalid in Syrien. §1 

einer Schlacht gegen den Drungarius gefallen, kurz ehe Chalid 
nach Syrien kam^). Bei Baladhuri heisst es, die Fahne, das In- 
signe des Befehlshabers, sei ihm wegen seiner gefahrlichen politischen 
Gesinnung auf ümars Betreiben in DhulMarva abgenommen und 
dem Jazid übergeben; er sei aber doch mit zu Felde gezogen, 
unter Schurahbil, und auf der Vogelwiese gefallen, zu Anfang des 
Jahres 14'). Die Elemente dieser älteren Tradition über Ibn 
Said kehren nun bei Saif wieder, nur ein bischen verzogen. 
Auf der Vogelwiese fiel zwar nicht er, aber doch sein Sohn, als 
er das Regengebet verrichtete: so wird die Angabe des Ibn Ishaq 
adaptirt'). In DhulMarva wurde er auch nach Saif abgesetzt 
oder vielmehr mit Schimpf und Schande aus dem Heere gestossen, 
aber ei*st nachdem er es durch seine Niederlage auf der Vogel- 
wiese und seine schimpfliche Flucht reichlich verdient hatte: seine 
Flucht muss sich nur aus dem Grunde von Damaskus bis nach 
DhulMarva, dicht bei Medina, erstrecken, weil dort nach der alten 
Tradition der Sammelplatz seiner Truppen war, wo er des Be- 
fehls enthoben wurde -- freilich noch ehe der Abmarsch erfolgte. 
Für die Angabe Saifs, dass Ibn Said am Jarmuk verwundet und 
dann vermisst wurde, gibt es natürlich keinen Anhalt bei den 
Älteren; sie fusst auf der falschen Annahme, dass die Schlacht 
am Jarmuk in den Anfang des syrischen Krieges gefallen sei*). Der 
wesentliche Unterschied Saifs von seinen Vorgängern besteht aber 
darin, dass er den Ibn Said eine grosse Rolle als Befehlshaber 
spielen lässt, während derselbe nach jenen zwar ein Commando 
haben sollte, es aber nicht wirklich erhielt und ausübte. Nach 
Saif war er, als oberster Führer eines beträchtlichen Beduinen- 
heeres, der eigentliche Anfänger des syrischen Krieges, noch bevor 

») Tab. 2079. 2108. 

-0 Bai. 108. 118 s. Die Aifare auf der Vogelwiese, bei der Ibn Said fiel, 
wird hier irrig identificirt rioit dem Gefecht, welches vor der Belagerung von 
Damaskus in der Nähe der Stadt geliefert wurde, Anfang 14. Die Andern 
setzten einstimmig seinen Tod ganz in den Anfang des syrischen Feldzugs, 
Anfang 13. 

3) Tab. 2085, 4. 2111, 3. 

*) Nach 2147, 9 erhielt Ibn Said erst von ümar wieder Erlaubnis am 
Kriege teilzunehmen, nach dem Tode Abubakrs. Diese Angabe ist unvereinbar 
damit, dass er schon, und zwar als Offizier, an der Schlacht am Jarmuk teil- 
nahm ; denn nach Saif traf erst während dieser Schlacht die Nachricht vom 
Tode Abubakrs beim Heere ein. 



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62 * Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 9. 

derselbe von Medina aus oCQziell organisirt wurde. Die Älteren 
wissen nichts von einem Beduinenheere, das schon vor den Me- 
dinern mit den Kaiserlichen angebunden hätte; sie wissen nicht, 
dass der wirklichen Eroberung von Syrien, die im Jahre 13 begann, 
ein Vorspiel vorherging, das sich zuerst glücklich anliess, dann aber 
ein böses Ende nahm. Ibn Said zog einfach mit den übrigen Me- 
dinern a. 13 zu Felde, und zwar so zu sagen als gemeiner Soldat, 
nachdem er das Corps, zu dessen Führung er ausersehen war, an 
seinen Vetter Jazid hatte abgeben müssen. In der grossartigen 
Aktion, die Saif an den Namen des Ibn Said knüpft und auf der 
Vogelwiese unglücklich enden lässt, kann man einen Reflex des 
ostjordanischen Feldzuges vor dem Eingreifen Ghalids erkennen^). 
Im Übrigen wiederholen sich hier bei Saif die Züge, die ihn 
auch sonst zeichnen. Er hat die Neigung zu systematisiren; es soll 
Alles planmässig und ordentlich zugehn, und den Umständen nichts 
überlassen bleiben. So lange Ibn Said sich an die Vorschriften 
Abubakrs band, hatte er Glück; sobald er auf eigene Hand vor- 
ging, kam er zu Fall. Gorrect dagegen benahm sich Abu Ubaida. 
Als er nach dem grossen Siege am Jarmuk den Oberbefehl antrat, 
führte er zwar das Heer vor Damaskus, begann aber die Belagerung 
nicht eher, als bis er die Befehle Umars eingeholt hatte. Dieser 
schrieb ihm den Feldzugsplan genau vor: erst sollte er Damaskus 
erobern, dann die Romäer von Fihl vertreiben, dann Him^ an- 
greifen — und gewissenhaft führte Abu Ubaida diese Anweisungen 
aus*). Die Emire, die in Syrien einfielen, hatten ein jeder das 
Patent für eine bestimmte Provinz in der Tasche, die allerdings 
noch zu erobern war; sie zogen aus als Statthalter in partibus 



1) Man kann sich vorstellen, dass Jazid Schurahbil und Abu Ubaida, nach 
einigen Erfolgen, auf der Vogelwiese bei Damaskus eine Schlappe erlitten, 
bei welcher Gelegenheit Ibn Said fiel, und dass sie darauf in die Gegend von 
Bostra zurückgingen, während die Kaiserlichen von ihrem Lager in Gilliq 
(vgl. p. 56 n. 2) sich nun gegen Amr nach Filistin wendeten. Dann kam 
Chalid, vereinigte sich mit den ostjordanischen Fuhrern und zog dem Amr 
zu Hilfe gegen die Romäer. Ein bedeutender Mann scheint Ibn Said doch 
gewesen zu sein, er war aber dem herrschenden Regiment unbequem, nament- 
lich dem Umar (Tab. 2079 s.) Die Hypothese, dass Ibn Said mit Chalid b. 
Yalid verwechselt sei (so z. B. A. Muller 1, 248), erklärt die Extravaganzen 
Saifs nicht. 

2) Tab. 2105. 2150. 



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Chalid in Syrien. 63 

infidelium*). Amr gewann Filistin durch eigene Kraft, ffir Jazid 
und Schurahbil strengten sich Chalid und Abu Ubaida an. Nach dem 
Fall von Damaskus blieb Jazid dort und richtete sich häuslich 
ein, ebenso Schurahbil im ürdunn nach der Schlacht von Fihl; 
darauf durfte Abu Ubaida sich Him^ erobern, das ihm zugewiesen 
war. Jeder Emir hatte in seiner Provinz den Oberbefehl über die 
ganze Armee, dementsprechend, dass der Kampf darin zu seinem 
Besten geführt wurde*); nur zeitweilig und freiwillig stellten sie 
sich wol einmal allesamt unter den Befehl des Chalid: in Wahr- 
heit war dieser einfach vom Chalifen ihnen übergeordnet und vor- 
gesetzt. Vermutlich sind in diesem Falle Grundsätze und Ein- 
richtungen aus anders gearteten Verhältnissen einer späteren Zeit 
auf die Anfange übertragen. Das ist auch sonst geschehen. Be- 
reits unter den ersten Chalifen fand nach Saif eine regelrechte 
Aushebung und Ablösung der Soldaten statt; die Steuerbeamten 
waren die Aushebungscommissare '). Bei Fihl war das Heer unter 
zehn Quväd geteilt, deren jeder weitere fünf Quväd unter sich 
hatte; Qäid ist der Amtsname für die churasanischen Offiziere der 
Abbasiden. 

Die Ordre de bataille in der Schlacht am Jarmuk wird von 
Saif genau angegeben. Er nennt die Anführer der fünf Divisionen 
und die der sechsunddreissig Regimenter (Kurdus); er weiss, wer 
der Qädi, der Qä^p und der Qäri war*). Meist sind es sehr be- 
kannte Namen, die er zusammenstellt; darunter Ibn Said und sein 
(schon auf der Vogelwiese gefallener?) Sohn. Über Heraklius und 
seine Generale weiss er ebenfalls mehr und anderes als seine Vor- 
gänger '). Garaga, der Führer der Armenier, trat zu den Muslimen 
über und fiel auf ihrer Seite. Das interessante Detail, das anek- 
dotische Element, tritt stark hervor. Mitten im Grewoge des Reiter- 
kampfes überbrachte der Bote von Medina dem Chalid heimlich 
die Nachricht vom Tode Abubakrs und zugleich das Schreiben, 
wodurch er abgesetzt wurde; Chalid steckte es in seinen Köcher 



Nur auf Chalid wird diese Betrachtungsweise nicht angewendet. 

>) 2151, 10. 2156, 13. 

^ 2082, 5 s. 2084, 16. Schon p. 1988 ist von einer Aushebung vi^J 
die Rede, wobei die Provinz Mekka fünfhundert ausgerüstete Kriegsleute 
stellen musste, jeder Bezirk von Taif zwanzig. 

*) Tab. 2092. 2095. 

*) 2087, 2. 3. 2161, 13. 2157, 16. 



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64 Prolegomena zur ältesten Geäcbichte des Islams § 9. 

und tat als ob nichts geschehen sei, um das Heer nicht zu beun- 
ruhigen — ^ recht eindrucksvoll, aber ganz und gar unmöglich. 
Unter den Regimentsobersten der Muslime befand sich ein merk- 
würdiger Mann, namens Qabath b. Aschiam: er war sehr alt und 
hatte in Mekka noch den Mist von Abrahas Elephanten gesehen; 
in seiner Jugend hatte er bei einem berühmten Räuber gelernt, 
den er jetzt aufsuchte und auch noch am Leben fand'). Roman- 
tisch und ungeschichtlich ist auch die Erzählung, dass die Stadt 
Damaskus auf der einen Seite kapitulirt habe, während sie gleich- 
zeitig auf der anderen erstürmt sei Sie findet sich indessen nicht 
erst böi Saif, sondern schon früher, in etwas anderer Fassung^). Man 
darf überhaupt Saif nicht für den Erfinder der Tradition ansehen, deren 
klassischer Repräsentant er dutch Tabari geworden ist. Auch bei 
Anderen findet sich z. B. die Vorstellung, oder wenigstens ein An-y 
satz dazu, dass die Anfang 13 von Medina ausgesandten Emire 
von vornherein de jure Statthalter der Provinzen waren, in denen 
sie; sich nachmals festsetzten, und dass ein jeder innerhalb der ihm 
angewiesenen Provinz das Oberkommando führte. 

Saifs Vorliebe für die Iraqier tritt sogar hier stark hervor: die 
Vorgänge auf dem syrischen Kriegsschauplatze interessiren ihn haupt- 
sächlich in soweit, als die Iraqier sich dabei hervortun. Ohne sie 
wäre man der Romäer nicht Herr geworden. Ihrer zehntausend, 
darunter vor allem Qa'qa, eilten unter Chalid durch die Wüste 
heraü, griffen im kritischen Augenblick ein und halfen den Sieg 
am Jarmuk erfechten; darauf gingen sie schleunigst zurück an den 
Euphrat und kamen göi^ade noch recht um dem Kampf gegen die 
Perser bei Qadisia die entscheidende Wendung zu geben. In W^irk- 
lichkeit sind überhaupt k^ine Iraqier den Syrern zu Hilfe gekommen, 
sondern Chalid allein mit seinem Gefolge, das aus einigen hundert 



>) 2095, 1 2105 s. 

2) Tab. 2152 s. Bai. 121 s. vgl. Tab. 2578 (Heliupolis). Wer mit stürmender 
Hand eingedrungen sei, und wer die Kapitulation entgegengenommen habe, 
darüber herrscht Schwanken. Aus BIshaq und dem syrischen Fragment geht 
hervor, dass damals Chalid noch den Oberbefehl führte und dass die Ober- 
gabe der Stadt an ihn erfolgte, nachdem die Kaiserlichen sie geräumt ■ hatten. 
Damit verträgt sich die Angabe sehr gut, dass der Bischof die Unterhandlungen mit 
Chalid geführt habe; er war in der Tat die einzige Autorität, die noch übrig 
blieb. Oberall wo die weltliche Macht versagt oder zusammenbricht, tritt im 
Orient die geistliche ein, gegenüber der fremden Oberherrschaft. 



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Chalid in Syrien. 65 

Medinern bestand'). Abubakr citirte nur einen Feldherrn vom 
Euphrat, der allerdings ebenso viel bedeutete wie ein Heer. Um- 
gekehrt aber wurden nach der Schlacht am Jarmuk Teile des sy- 
rischen Heeres den Iraqiern zu Hilfe gesandt, zuerst Qals b. Mak- 
schuh mit siebenhundert, dann 'lad b. Ghanm mit tausend Mann '). 
Die Mediner und ihre Hilfstruppen aus dem westlichen Arabien 
haben allein die Ehre des syrischen Feldzugs, und in diesem 
erwarb sich Chalid seinen Ruhm, nicht in dem von Saifun verhältnis- 
mässig aufgebauschten iraqischen Feldzuge des Jahres 12. Natür- 
lich lassen sich auch hier wieder Verse des Qaqä, anführen, die 
mit Saif darin übereinstimmen, dass die Iraqier in Syrien das 
Beste getan haben '). Saif selber gibt dem Mythus noch eine weitere 
Ausdehnung: bei einer späteren Gelegenheit, als Abu Ubäida bei 
Him^ von den Romäern hart bedrängt wurde, erschien abermals 
der unvermeidliche Qaqä mit viertausend Reitern von Kufa, dies- 
mal kam er allerdings ein wenig zu spät angeritten*). Ich werde 
darauf noch zurückkommen. 



Der Zeit etwas vorgreifend schliesse ich hier gleich den weiteren 
Verlauf des syrischen Krieges an. Saif gibt darüber Folgendes an. 
Nachdem Abu Ubaida und Chalid von Fihl nach Norden abmarschirt 
waren (2158), ging Heraklius nach Edessa und überliess Him9 seinen 
Officieren. Die Muslime belagerten die Stadt, den Winter durch 
bis in den Frühling, und zwangen sie zur Ergebung (2390 — 3). 
Während nun Abu Ubaida dort blieb, zog Chalid weiter auf 
Qinnesrin. In Hädir schlug er ein romäisches Heer unter Minäs, 
während die arabischen Siedler daselbst in ein freundliches Ver- 
hältnis zu ihm traten. Darauf kapitulirte Qinnesrin und wurde 
die Residenz Chalids (2393 s.). Inzwischen waren auch die in 
Palästina zurückgebliebenen Emire nicht untätig, sondern vollendeten 
die Unterwerfung des Landes, indem sie sich dabei nach der An- 
weisung Umars richteten (2397, 2). Muavia bezwang Cäsarea, 



*) Tab. 2109. Bai. 110. Dass es Mediner waren, folgere ich aus der 
Angabe des ßlsbaq bei Tab. 2121, dass ihre Weiber und Kinder nach Medina 
geschickt wurden, als sie selber nach Syrien marschirten. 

2) BIshaq bei Tab. 2350. 

3) Jaqut 1, 321. 3, 853. 4, 893. 1016. 
*) Tab. 2498-2505. 

Well hauten, Skizzen und Vorarbeiten. VI. 5 



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66 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 9. 

Alqama b. Mugazziz belagerte den Bikarius in Gaza. Am meisten 
tat Amr b. alA^ sich hervor. Nachdem er dem Schurahbil ge- 
holfen hatte, Baisan und das Urdunn zu erobern, zog er gegen den 
Artabun und schlug ihn bei Agnadain. Er floh nach Jerusalem; 
als er dort belagert wurde, sagte er, nicht Amr sei bestimmt die 
Stadt einzunehmen, sondern Umar '). Also kam Umar nach Syrien 
und schloss in Gäbia die Kapitulation ab und zwar mit dem Volk 
von Jerusalem (und Ramla), denn der Artabun (und Tadhariq) 
hatten sich aus dem Staube gemacht. Der Vertrag, dessen Wort- . 
laut mitgeteilt wird, war datirt auf das Jahr 15. Darauf begab 
sich Umar von Gabia nach Jerusalem und hielt seinen Einzug in 
die Stadt'). Er reiste im Ganzen vier mal nach Syrien, zwei mal 
im Jahre 16 und zwei mal im Jahre 17. Im Jahre 17 kam er 
jedoch das erste mal nicht zum Ziel, sondern kehrte um, als er 
hörte, dass die Pest in Syrien wüte — es war zu Anfang des Jahres 
im Muharram und (JJafar. Als sie dann aber im Gumäda I nachliess, 
nahm er die Reise wieder auf und vollendete sie. Unterwegs Hess 
er sich seinen Reiseanzug von dem Bischof von Aila') waschen und 
flicken ; den neuen Anzug, der ihm angeboten wurde, nahm er nicht 
an. Eigentlich wäre er lieber in das Iraq nach Kufa gegangen 
aber in Syrien gab es mehr für ihn zu tun; er hatte dort, wegen 
der vielen Todesfälle in Folge der Pest, eine Menge Erbschaften zu 
reguliren*). 

Wie wir gesehen haben, wurde bei Agnadain in Wahrheit schon 
a. 13 gekämpft; es war die erste grosse Schlacht zwischen Muslimen 

^) Nicht der ^j4^ mit vier Buchstaben, sondern der ^4^ mit drei. 
Wunderbar, wie gut das Orakel und der Tribun die Eigentümlichkeit der 
arabischen Orthographie kennen! 

2) 2396—2411. Nach 2408, 5 erfolgte die Einnahme Jerusalems erst im 
Rabi II des Jahres 16; nach 2515, 12 machte Umar auch erst in diesem Jahre 
seine erste Reise nach Syrien. Im Allgemeinen jedoch setzt Saif sowol die 
Eroberung des nördlichen Syriens als auch die vollständige Unterwerfung 
Palästinas schon ins Jahr 15. Ein wunderlicher Anachronismus findet sich 
2398, 8 SS. Muavia behielt die Gefangenen von Gäsarea in Haft um sie 
eventuell ebenso zu behandeln, wie der Kaiser Michael die muslimischen 
Gefangenen behandeln wurde. Vgl. Baladh. 190. 

') Verwechslung mit Aelia, denn ursprünglich wird diese Anekdote, wenn 
auch nicht gerade so, von dem Bischof von Jerusalem erzählt. 

*) 2401. 2518 SS. 2520 SS. Man merkt die Eifersucht des Iraqiers Saif auf 
die Bevorzugung Syriens, welches allein die Ehre genoss, von dem grossen 
Chalifen besucht zu werden. Vgl. 2212 s 



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Chalid in Syrien. 67 

und Romäern. Saif trägt sie an einer falschen Stelle nach, weil er die 
wahre vergeben hat. Dagegen fand die Einnahme von Qinnesrin erst 
a. 16 statt, die von Jerusalem und die Ankunft Umars in Gabia 
vielleicht erst a. 17^). Die Pest herrschte a. 18*). Die Eroberung 
von Cäsarea fiel nach Vaqidi, Abu Mrf schar und Elias Nisibenus 
ins Jahr 19, nach Ibn Ishaq ins Jahr 20'). Die Chronologie Saifs 
zeigt sich also wiederum als wertlos. Ein Jahr überschlägt er ganz: 
Ende 13 zog Abu Ubaida von Fihl gegen Him^ und a. 15 be- 
lagerte er die Stadt*). Die vier Reisen Umars nach Syrien redu- 
ciren sich zunächst auf drei*), und diese drei sind aus einer einzigen 
erwachsen, die verschieden datirt wurde, auf a. 15 oder 16 oder 17. 
Von Interesse sind die Angaben über die arabischen Siedler, 
welche die Muslime im nördlichen Syrien überall vorfanden, bei 
Qinnesrin, Haleb, Mambig, Balis und anderswo^. In der Nähe 
von Qinnesrin wohnten Araber von Tanuch, von Salih und von 
Taiji. Die letzteren waren erst in Folge des Bruderkriegs ausge- 



^) Bai. 188 s. Aber BIshaq bei Tab. 2360 setzt die Einnahme von Jerusa- 
lem nnd die Reise Umars nach Gabia in das Jahr von Qadisia d. i. 16 ; 
ähnlich Elias Nisibenus, der indessen den Einzug Umars in Jerusalem auf 
a. 17 datirt. Der Feldzug Muavias gegen Qinnesrin a. 27 (Vaqidi 2819) darf 
nicht mit der ersten Einnahme der Stadt verselbigt werden. Den Fall Yon 
Antiochia setzt Theophanes auf 6129 A. M., d. i. 18 A. H., vgl. unten § 11. 

3) Bai. 139. Tab. 2516, 10 (BIshaq). Elias Nisibenus. 

») Tab. 2579. Vgl. Brooks in der Byzant. Ztschr. 1895 p. 440. 

*) Saif scheint allerdings für die Einnahme von Damaskus und Him^ und 
für die Schlacht von Fihl keine bestimmten Daten gegeben zu haben; er sagt 
nur, dass sowol Damaskus als auch Him^ im Winter belagert wurde. Man 
ist also nicht sicher, ob seine Erzählung über diese Vorgänge bei Tabari mit 
Recht durch ein Jahr unterbrochen ist (2158, 7. 2396, 15), doch pflegt dieser 
in der annalistischen Anordnung des Stoffs sich hier gerade nach der Chrono- 
Saifs zu richten. 

^) Denn die eine, die zu Anfang 17 unternommen wurde, wurde wegen der 
Pest abgebrochen. Diese Angabe scheint aus BIshaq (Tab. 2511 ss.) entlehnt 
zu sein, welcher übrigens sonst die Pest richtig ins Jahr 18 setzt. 

«) Tab. 2393. 2501—3 Bai. 144 ss. Sie heissen ytol5>, ihre Nieder- 
lassungen Xi^^ vom Singular jt^? ^^^ aramäischen Äquivalent für yi2^>; 
s. Georg Hoffmann DMZ 1878 p. 754. Auch '^Jls> (Stadtquartier) hat die selbe 
Etymologie; es ist nur eine andere Schreibung für ».jl^*, beides wurde he ra 
ausgesprochen. Bei Tab. 2736, 12 steht ÄiiA^aJ! „^^ sehr auffallender 
Weise für xicX^aJ! »-*J^> 2736, 6. 

5* 



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68 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 10. 

wandert, der nicht lange vor dem Aufkommen des Islams ihr Volk 
zerriss*). Aber schon Strabo kennt die arabischen Sceniten und 
ihre Phylarchen in der Parapotamia, so gut wie in der Mesopotamia ^). 

10. Bie Eroberung des Sarad') a. 13—16. 

Nach Saif*) kommandirte seit Chalids Abgange (Anfang lä) 
der Bakrit Muthanna in Hira. Er schlug bei Babel ein persisches 
Heer unter Hurmuz Gaduia. Bald darauf starb der Schah Schahr- 
baräz und es folgten Thronwirren in Madäin. Während dieser 
Zeit begab sich Muthanna nach Medina, da die Nachrichten von 
dort ausblieben. Er fand Abubakr im Sterben (Gumada 13). Sein 
Nachfolger Umar bot alsbald Freiwillige nach dem Iraq auf; es 
dauerte lange, bis ihrer Tausend zusammen kamen, denen dann 
der erste, der sich gemeldet hatte, zum Führer gegeben wurde, 
Abu Ubaid alThaqafi. Inzwischen war Muthanna wieder nach 
Hira abgereist, fand aber bald, dass dort seines Bleibens nicht 
länger sei. Denn in Madäin hatte Kisra's Tochter Burän, im Ein- 
verständnis mit den persischen Grossen, den Churasänier Rustam 
auf zehn Jahr mit der Regentschaft betraut. Dieser reizte die 
Dihkane des Saväd zum Abfall von den Arabern und sandte ihnen 
Truppen und Führer zu Hilfe. Muthanna zog sich nach ChafTän 
zurück, in sein altes Lager am Rande der Wüste, und concentrirte 
dort seine zerstreuten Posten. Erst als Abu Ubaid mit seiner 
Schaar von Medina eintraf, einen Monat später als Muthanna (2165) 
nahmen die Muslime unter dessen Oberbefehl den Kampf auf. Die 
persischen Offiziere, Gaban, Narsi und Galenus, wurden nach ein- 
ander geschlagen; die Dihkane beeilten sich den Siegern zu huldigen. 
Da erschien Bahman Gaduia mit einem neuen Heere von Madäin, 
er machte vor dem Euphrat Halt, bei Quss alNätif *). Abu Ubaid 

Bai. 145. Hatim ed Schulthess no. 55. 

^ Strabo 753. 747 s. Nach Plinius H. N. 6, 28 hatte Tigranes viele 
arabische Stämme in die Gegend am Amanus eingeführt. 

^) So heisst das Culturland im Iraq, am Euphrat und Tigris und den 
Kanälen. Vgl. oben p. 38 n. 2. 

*) bei Tab. 2116—21. 2159-80. 2183-200. 2202—8. 2208—11. 2212-36. 
2238-2346. 

^) Von a. 12 bis a. 16 ist der Kriegsschauplatz immer nur das eigent- 
liche alte Babylonien. Die Muslime haben nur das Gebiet von Hira gegen 
die Perser zu verteidigen; andere Eroberungen haben sie nicht gemacht, 
wenngleich sie ihre Razzien wol gelegentlich weiter ausdehnen. 



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Die Eroberung des Saväd. 69 

zog ihm über die Schiffbrücke entgegen, wurde aber geschlagen 
und fiel. Ein übereifriger Muslim hatte die Schiffbrücke teilweise 
zerstört; nur der Aufopferung Muthannas gelang es den Rückzug 
zu sichern, indem er den Verfolgern sich entgegenwarf und sie so 
lange aufhielt, bis die Verbindung mit dem anderen Ufer wieder 
hergestellt war: er trug Wunden davon, die nicht wieder heilten. 
Zum Glück verfolgte Bahman seinen Sieg nicht, sondern wurde durch 
das Gerücht von neuen Thronwirren veranlasst, sofort nach Madäin 
umzukehren. Diese unglückliche Brückenschlacht fand statt im 
Scha'bän 13, vierzig Tage nach der am Jarmuk (2176). Die Me- 
diner, die mit Abu übaid gekommen waren, liefen zurück bis nach 
Medina; Muthanna behielt nur wenige Leute bei sich. Aber der 
Chalif beeilte sich, den Verlust zu ersetzen; er sandte die Bagila, 
unter Garir, nach dem Iraq, er dirigirte überhaupt Alle dahin, die 
sich in diesem Monat, dem Scha'bän, bei ihm meldeten. Es waren 
das namentlich solche, die sich an dem Rückfall nach Muhammads 
Tode beteiligt hatten und zur Strafe dafür bisher vom Kriegsdienst 
ausgeschlossen waren; jetzt wurden sie zugelassen und folgten be- 
gierig dem Aufgebot (2120. 2165. 2183). Im Ramadan 13 (2185. 
2199) besiegte Muthanna ein auf Hira vorrückendes persisches Heer 
unter Mihran und vernichtete es bei der Euphratfurt von Buvaib*). 
Während Muthanna den Garir nach Maisän schickte und den Bak- 
riten Baschir in Hira hinterliess, ging er selber nach Klein-Ullais 
bei Anbar') und unternahm von dort Razzien bis nach Bagdad 
und Takrit am Tigris, ja bis nach Qiffin am oberen Euphrat, haupt- 
sächlich gegen dort wohnende Araberstämme ^). 

In Madäin waren wieder Streitigkeiten ausgebrochen; gegen 
Rustam hatte sich eine Gegenpartei gebildet, unter Fairuzän. Jetzt 
wurde die Sache aber den Persern zu bunt, sie verlangten drohend, 
der innere Zank solle angesichts der äusseren Gefahr beigelegt 
werden. Die Folge war, dass nun der Weiberherrschaft ein Ende 
gemacht und ein Mann von echtem Königsblut auf den Thron ge- 



') Als Ortsbestimmung zu Buvaib findet sich 2187, 12. 2199, 16 der 
Zusatz, der Euphrat habe sich in der persischen Periode während der Über- 
schwemmungszeit in das Gauf ergossen. Dieses Gauf ist naturlich nicht das, 
worin Duma lag, sondern ein anderes: vgl. 2184, 13. 2229, 15. 2259, 16. 

2) zu unterscheiden von dem üllais bei Hira, nach Nöldeke DMZ 1874 
p. 93 SS. 

3) Rache der Bakr gegen die Taghlib 2208: vJij^^^^Uü \JLUü, 



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70 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 10. 

setzt wurde, der einundzwanzigjährige Jezdegerd. Der Wechsel 
machte sich sofort spürbar; die Perser besetzten die geräumten 
Grenzkastelle wieder, das Saväd am Euphrat erhob sich zu ihren 
Gunsten. Muthanna sah sich genötigt, nach Dhu Qär, am Rande 
der Wüste, zurückzugehn. Umar, dem er Meldung erstattete, 
wies ihn im Dhulqa'da 13 an, die Grenze von Hira bis Ba^ra zu 
besetzen; im Dhulhigga 13 ordnete er eine allgemeine Aushebung 
in ganz Arabien an (2211). Am 1. Muharram 14 kam er nach 
Qirär bei Medina, dem Sammelplatz des Heeres (2212). Die Ab- 
sicht, sich selber an die Spitze zu stellen, gab er auf, ernannte 
vielmehr zum Oberbefehlshaber den Sa' d b. Abi Vaqqä^, einen der 
ältesten Genossen des Propheten. Das Heer bestand meist aus 
Jamanieru, sie hatten Weib und Kind bei sich, wollten eigentlich 
nach* Syrien und Hessen sich nur schwer, auch nur zum Teil, 
durch ümars Bitten bewegen, gegen die Perser zu ziehen (2218). 
Sa'd brach auf mit 4000 Mann, andere 4000 bekam er später noch 
von Medina nachgesandt. In Zarud, wo er Anfang des Winters*) 
Station machte, sammelten sich 4000 Tamim und 3000 Asad zu 
ihm. Die nächste Station war Scharäf, wo das iraqische Corps 
unter Muthanna sein Hauptquartier hatte; es war zusammengesetzt 
aus 4000 Bakr, 2000 Bagila, und 2000 Qu* däa und Taiji. Muthanna 
war bereits an seinen alten Wunden gestorben. Sein letzter Wille 
an Sa d lautete, er solle die Perser an der Grenze erwarten, dann 
aber entschlossen bekämpfen; ebenso befahl ihm auch ümar. In 
Scharaf stiessen noch 1700 Kinda unter Asctfath zum Heere. 
Dann ging Sa*d nach Qadisia') und concentrirte dort seine Truppen. 
Sie waren auf längeren Aufenthalt vorbereitet und dank ümars 
Fürsorge mit Allem wol versehen — Lebensmittel verschafften sie 
sich durch Raubzüge, doch waren auch regelmässige Märkte für 
das Lager eingerichtet (2257). Ordnungsmässig wurden vierzehn 
Boten nach Madäin abgesandt, um Jezdegerd zur Annahme des 
Islams oder Zahlung von Tribut aufzufordern, wenn er sich aber 
dessen weigerte, ihm den Krieg anzukündigen (2238 ss.). 

Einen Monat lang Hessen die Perser die Muslime in ihrem 
Standlager bei Qadisia völlig unbehelligt (2233, 16). Sie hatten 

J) 2221, 7 — vgl. BIshaq 2202, 6. 

^ Das war eine futterreiche Stelle an der Grenze der arabischen Steine 
und des persischen Lehms, eine Hauptstation der grossen Strasse (Tab; 2228). 
Pas arabische Standlager bei Qadisia war die Vorstufe von Kufa. 



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Die Eroberung des Saväd. 71 

in Sabat, gegenüber von Madain am anderen Ufer des Tigris, ein 
ungeheures Heer gesammelt; 120000 Mann (ungerechnet die ebenso 
zahlreichen Knechte), mit dreissig Elephanten. Durch wiederholte 
Hilferufe aus dem Saväd bewogen, drängte Jezdegerd den Rustam 
zum Vormarsch. Dieser aber zögerte, von bösen Vorzeichen ge- 
ängstigt. Er wollte höchstens die Vorhut unter Galenus vorschicken, 
sich selber aber und das Hauptheer für alle Fälle in Reserve 
halten. Er hoffte, die Araber würden von selber abziehen, wenn 
ihnen die Lebensmittel ausgingen. Indessen er musste nachgeben; 
wie am Zügel geführt zog er in den Kampf (2253). Vier Monate, 
nachdem er sich von Madain ins Lager begeben hatte *), langte er 
am Atik an, einen Euphratkanal in der Nähe des späteren Kufa, 
an dessen anderem Ufer die Muslime lagerten. Bei einem Recognos- 
cirungsritt traf er an der Brücke über den Atik den Führer der 
feindlichen Vorhut und sprach ihm den Wunsch aus, darüber unter- 
richtet zu werden, was die Muslime eigentlich wollten. In Folge 
dessen wurde Mughira b. Schuba zu ihm abgeordnet, auch noch 
andere Männer. Das Ergebnis war, dass Rustam nun nicht länger 
mit dem Angriff säumte. Da die Muslime ihm die Benutzung der 
Brücke nicht gestatteten, so Hess er einen Damm durch den Atik 
ziehen und passirte ihn am folgenden Tage*). Nach den üblichen 
Vorbereitungen begann der Kampf an einem Montag des Muhar- 
ram 14 (2289), er dauerte mehrere Tage, deren jeder seinen kenn- 
zeichnenden Beinamen hatte. Zuerst sprengten einzelne Reiter vor 
und fochten auf dem Zwischenraum zwischen den Heeren, dann 
folgte ein allgemeines Pfeilschiessen der beiden Reihen, und zuletzt 
rückten sie zum Handgerbenge gegeneinander vor; die Nacht trennte 
die Streiter, am anderen Morgen war das erste Geschäft das Auf- 
lesen der Verwundeten und die Bestattung der Toten. Die Perser 
standen am Atik, die Muslime lehnten sich an den Wallgraben der 
Feste Qudais'), von deren Mauer herab Sa*d b. Abi Vaqqä^ seine 
Befehle auf Zettel geschrieben herabliess. Er litt an Schwären 
und konnte deshalb der Schlacht nur von weitem zuschauen, was 
ihm den Spott der Beduinen und die Verachtung der von ihm 
geheirateten Witwe Muthannas eintrug. Am Dinstag Morgen, als 



2257, 1 vgl. Baladhuri 255, 18. 
2) Tab. 2286. Etwas anders 2265. 
») Tab. 2294; anders 2265. . 



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72 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 10. 

das Gefecht eben wieder beginnen sollte, kamen unversehens zehn 
Reiter und dann immer wieder neue zehn Reiter den Muslimen 
zu Hilfe. Sie gehörten zu den mit Chalid nach Syrien abgegan- 
genen Iraqiern, die nach der Einnahme von Damaskus wieder in 
ihre Heimat zurückbeordert waren. Der Tamimit Qa'qä führte die 
Spitze und war vorangeeilt. Da sein Manöver die beste Wirkung 
hatte, so wiederholte er es am nächsten Morgen, führte seine 
Schaar zunächst zurück und liess sie dann abermals in kleinen 
Abteilungen nach einander ins Gefecht eingreifen, bis dann auch 
das Hauptcorps der syrischen Iraqier nachkam, unter Haschim 
b. Utba. Als der Kampf am Mittwoch Abend bereits eingestellt 
war, wurde er durch einen Zufall wieder angefacht und nun die 
ganze Nacht fortgesetzt. Am Morgen neigte sich der Sieg den 
Muslimen zu. Die Tamim unter Qa'qä machten den entscheidenden 
Angriff, ihnen nach die Qabilen von Jaman und die Rabia. Gegen 
Mittag wurde das persische Centrum gesprengt, Rustam fiel von 
der Hand des Hiläl b. Ullafa, das Dirafschi Käviän wurde von Dirär 
b. Chattäb erbeutet. Dreissigtausend Pereer, die sich an einander 
gekettet hatten, kamen auf der Flucht um. Die Übrigen passirten 
den Damm über den Atik, Galenus deckte den Rückzug und 
opferte dabei sein Leben. 

Die grosse Schlacht fand statt einen Monat nach der Einnahme 
von Damaskus (2305 . 2321), im Muharram 14 (2289). Sa'd blieb 
noch zwei Monate in Qadisia, im Schau väl 15 bjach er auf gegen 
die persische Hauptstadt, nachdem er seine Vorhut schon voraus- 
geschickt hatte (2419 s.). Die Reste des geschlagenen Perserheeres 
hatten sich bei Babel gesammelt, sie stoben beim ersten Angriff 
aus einander. Dann wurde Bahurasir am Tigris zwei Monate lang 
belagert und im Dhulhigga eingenommen, nachdem die Besatzung 
über den Fluss nach Madäin abgezogen war (2424 s.). Einen 
Monat blieb SaM in Bahurasir; im ^afar 16 wagte er ohne Schiffe 
und Brücke den Übergang über den Tigris, der durch ein Wunder 
Gottes gelangt), und zog ohne Kampf in die von Jezdegerd 
geräumte Hauptstadt ein (2432 ss.). Die Perser waren den Nah- 
ravän (Diäla) hinaufgegangen und hatten sich bei Galüla hinter 
Wall und Graben gesammelt. Die Muslime folgten ihnen, 



^) Ober die Übergangswunder bei Saif vgl. oben p. 23. Auch den Über- 
gang über den Atik bei der Verfolgung der Perser staffirt er grossartig aus 
(2338). 



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Die Eroberung des Sav&d. 73 

erstürmten das feste Lager und drangen bis in das Gebirge vor. 
Jezdegerd sah sich bewogen, Hulvän zu verlassen, wohin er sich 
von Madäin begeben hatte, um nach Rei zu fliehen. Die Schlacht 
von Galula fiel auch noch in den ^afar 16 (2458 . 2460). 

So weit Saif. Der Stofi", den er mitteilt, fügt sich nicht in 
den chronologischen Rahmen. Der Vormarsch Sa* ds auf Madäin 
soll bald nach der Schlacht von Qadisia erfolgt sein, und doch 
wird diese auf Anfang 14, jener gegen Ende 15 gesetzt. Die Zeit 
von (J^Jafar 14 bis Schauväl 15 wird auf zwei Monate zusammen- 
gepresst (2419 s.). Hingegen wird das Jahr 13 weit über seine 
Grenzen ausgedehnt, namentlich gegen den Schluss. Die Schlacht 
von Buvaib fiel nach Saif in den Ramadan 13, hernach unternahm 
Muthanna noch ungestört ausgedehnte Streifzüge, darauf erst holten 
die Perser aus zu dem grossen Hauptschlage — es nahm Zeit in 
Anspruch, bis die Truppen aus allen Gegenden des Reiches sich 
in Sabat zusammenfanden, weitere geraume Zeit wurde durch das 
Zaudern Rustams verloren: und doch erfolgte der entscheidende 
Zusammenstoss schon Anfang 14. Das ist unmöglich. Im Mu- 
harram 14 brach Srfd aus dem Lager von ^irär bei Medina auf, 
machte unterwegs zweimal eine längere Station um Truppen an 
sich zu ziehen, blieb einen Monat lang in Qadisia unbehelligt von 
den Persern, und lieferte ihnen dann doch noch in dem selben 
Monat Muharram die 'grosse Schlacht. Das ist nicht minder un- 
möglich. 

Nach den älteren Erzählern dehnt sich das, was Saif in ein Jahr 
(a. 13) stopft, über drei Jahr aus. Die Brückenschlacht fand statt 
Ende Ramadan 13, die von Buvaib oder Nuchaila ein ganzes Jahr 
später: die Niederlage der Muslime hatte eine längere Depression 
zur Folge und wurde nicht sofort durch einen glänzenden Sieg 
ausgeglichen. Zwischen Buvaib und Qadisia aber lagen achtzehn 
Monate^). Nach dieser Rechnung fand also die Entscheidungs- 
schlacht vielleicht etwas vor der Mitte des Jahres 16 statt'). 
Elias Nisibenus datirt sie auf den Gumada I 16 (Juni 637). Nach 



») Dies ist die Rechnung Baladhuris (Vaqidis) 252. 253. 255. Tab. 2155. 
Nach BIshaq (Tab. 2155) fiel die Bruckenschlacht erst ins Jahr 14. 

^ In "Widerspruch damit wird sie Bai. 256 Ende 16 gesetzt: das ist viel- 
mehr das Datum von Galula (Bai. 265. Tab. 2470). Nach BIshaq bei Tab. 
2349 wäre sie noch ins Jahr 15 gefallen. Indessen sagt er andererseits 2202, 
2349, Sa'd habe sich den Winter über in Scharäf aufgehalten, erst Ende des 



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74 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 10. 

einem alten Ragaz^) wurde zwischen Gumada und Ragab dem 
muslimischen Heer der Befehl erteilt, gegen Madäin vorzurücken; 
das war einige Zeit nach dem grossen Siege. Fällt Qadisia in den 
Frühsommer 16, so schliesst sich nunmehr die Einnahme von 
Madäin und die Schlacht von Galula in natürlicher Folge an, 
Ereignisse, die von allen Überlieferern einstimmig ins Jahr 16 
gesetzt werden*). Durch die achtzehn Monate, die zwischen 
Buvaib und Qadisia lagen, wird ferner Raum genommen für die 
Razzien Muthaunas in der Richtung auf Bagdad und Takrit, für 
die Eroberung der Landschaft von Ba^ra durch ütba b. Ghazvän'), 
und vor allem für die gewaltigen Rüstungen der Perser. Die 
ältere Chronologie verdient also unzweifelhaft den Vorzug vor der 
des Saif. Dieser ist dadurch, dass er die Schlacht am Jarmuk zu 
früh ansetzt, auf den Gumäda 13, gezwungen, auch die bei Qadisia zu 
antedatiren *). Denn es lag kein allzugrosser Zeitraum dazwischen. 
In Waürheit wurde erst im Spätsommer 15 am Jarmuk gefochten, 
bei Qadisia etwa dreiviertel Jahr später. 

Die falsche Chronologie ist überall das wichtigste Kriterium 
Saifs. Aber auch seine sonstigen Unterschiede von den älteren 
Überlieferern wiederholen sich hier. Im Vergleich zu ihren trockenen 
und vereinzelten Angaben besticht zunächst seine Darstellung, na- 
mentlich die der grossen Völkerschlacht, durch ihre spannende Aus- 
führlichkeit, von der allerdings mein kurzes Referat keinen Begriff 
gegeben hat*). Von fern her sieht man das Gewitter entstehn. 



Winters bei Qadisia gelagert und von da an bis zur Schlacht sei noch längere 
Zeit verstrichen: der Winter endete aber erst mit dem Anfang des Jahres 16 
(2. Februar 637). 

^) Tab. 2419 s.: „wundersam, ganz wundersam ist ein zwischen Gumada 
und Ragab ergangener Befehl, dessen Ausfahrung Pflicht ist u. s. w.* — näm- 
lich der Befehl an die Kriegsmänner von Qadisia aufzubrechen, die Weiber und 
Kinder aber im dortigen Lager zurückzulassen. Die Angabe ÄjyAA.oUüt ^J! 
2419, 15 ist unmöglich; es muss nach 2419, 6 -^ücV^J! J! heissen. 

2) Galula an das Ende dieses Jahres Bai. 265. Tab. 2470. 

3) Tab. 2378. Bai. 256. Nach Baladhuri wurde Mughira dem Sa'd von 
Bav^a aus zu Hilfe geschickt, nach Blshaq (Tab. 2350) aber direct von Medina. 
Vgl. Saif 2223, 13 und Tab. 2 87, 11. 

*) In der gleichen Lage befindet sich auch Madäini; wir wissen aber nur, 
dass dieser die Schlacht von Buvaib beinah um ein Jahr zu früh ansetzt, auf 
den gafar 14 (Tab. 2378 nach Abu MichnaQ. 

5)' Bei Abu Aväna (Tab. 2236 ss.) heisst es kurz und gut: die Perser 



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Die Eroberung des Saväd. 75 

hüben und drüben ballen sich die Wolken zusammen, langsam 
wälzen sie sich heran, bis sie gegen einander krachen. Die Araber 
sind voll glücklichen Vertrauens zu sich selber und zu ihrem Gott; 
wie jugendliche Erben, ihres Rechtes gewiss, klopfen sie an die 
Pforte und begehren Einlass. Die Perser haben in allen Stücken 
die Übermacht, trotzdem keinen guten Mut; sie suchen die 
gierigen Wölfe der Wüste mit der ilachen Hand abzuwehren. 
Rustam, die Zuversicht von ganz Iran, hat selber gar keine Zu- 
versicht. Er will den Einsatz aller Kräfte nicht wagen, er sträubt 
sich auf alle Weise und bis zuletzt (•2276 s.), die ehernen Würfel 
fallen zu lassen. Aber im letzten Augenblick, als der Kampf 
unvermeidlich geworden ist, ist er wie verwandelt. In voller 
Rüstung schwingt sich der Greis ohne Steigbügel in den Sattel 
und ruft: ich werde sie zermalmen; als jemand hinzusetzt: wenn 
Gott will! antwortet er: auch wenn er nicht will. Der Anfang ist 
den Arabern nicht eben günstig, die feindlichen Elephanten machen 
ihnen zu schaffen. Zum Glück kommt ihnen inmitten der Schlacht 
unerwartet Hilfe aus Syrien: ohne das wären sie verloren gewesen 
(2320). Doch die Perser halten Stand, und noch am Abend des 
dritten Tages steht die Wage sich beinah gleich. Da wird in 
Folge eines abenteuerlichen Streiches des kecken Tulaiha das 
bereits abgebrochene Gefecht wieder aufgenommen und die ganze 
Nacht hindurch fortgesetzt, ohne Befehl, ohne Führung. Die Völker 
ringen mit einander, die ingrimmige Aufregung macht sich nicht 
in lauten W^orten Luft, sondern nur in verbissenen Tönen, die in 
einander verschwimmend einem tierischen Knurren oder Pfauchen 
gleichen. Rustam hat die Fühlung mit seinen Reitern verloren; 
auch der kranke Sa*d muss die Sache gehn lassen wie sie will. 
Er kann nur noch beten. Am Morgen dieser schrecklichen Nacht 
des Pfauchens, wie sie genannt wird, sendet er seinen kleinen 
Enkel aus, den einzigen Boten, den er zur Hand hat, und bekommt 
von dem Kinde, das nur Scheinkämpfe kennt, den mit dem Ernst 
der Lage grausam contrastirenden Bescheid: „sie spielen". Aus 
den lauten Prahlliedern der Araber entnimmt er, dass das blutige 
Spiel eine günstige Wendung für sie genommen hat. Mittags ist 



gingen über den Euphrat und wurden geschlagen. BIsbaq sagt nach einigen 
Präambeln: und Gott tötete den Rustam und gab sein Lager den Muslimen 
zur Beute. Auch Baladhuri stellt nur trockene Notizen lose zusammen wio 
immer. 



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76 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 10. 

mit dem Falle Rustaros die Niederlage der Perser entschieden. 
Die Ginn tragen die Botschaft in Versen mit ungeheuerer Schnellig- 
keit durch ganz Arabien, wo Alles gespannt auf den Ausgang 
wartet (2364). Das sind die Umrisse des von Saif componirten 
Bildes. Sie werden ausgefüllt durch ein reiches Detail von Unter- 
redungen, Gleichnissen, Vorzeichen, Abenteuern und Heldentaten. 
Diese episodischen Züge finden sich grossenteils auch schon bei 
den Früheren und gehören zum alten Bestände der Tradition^); Saif 
vermehrt sie aber iioch, gestaltet sie reicher aus und namentlich 
verwertet er sie künstlerischer im Dienste des Ganzen, als Stim- 
mung und Leben gebendes Element'). 

Indessen darf man sich durch den Reiz der Erzählung Saifs 
nicht darüber täuschen lassen, dass er in wichtigen Punkten der 
älteren Tradition widerspricht. Nach Abu Aväna standen bei Qadisia 
7000 Araber gegenüber 30000 Persern, nach Ibn Ishaq 6- bis 7000 



*) So die Geschichten von Mughira vor Rustam, von Sa'd und Salma, von 
Abu Mihgan, von den Reiterstücken des Amr b. Ma'dikarib und des Tulaiha. 
Sehr Vieles wiederholt sich bei Nehävend; vgl. § 14. 

^ Namentlich wird dadurch das innere und äussere Verhältnis der beiden 
kämpfenden Nationen anschaulich gemacht. Vom arabischen Standpunkt aus 
geschieht dies in den Reden der Gesandten, die zu Jezdegerd und Rustam 
delegirt werden. (2238 ss. 2267 — 85). Mughira setzt vor Rustam den ein- 
mütigen Gemeinsinn der Muslimen unter der Gottesherrschaft der Menschen- 
knechtscbaft und den schroffen Standesunterschieden im persischen Reich ent- 
gegen; da geht eine beiföllige Bewegung durch einen Teil der Zuhörerschaft, 
die Dihkane aber werden bange und die Höflinge zupfen und zerren an dem 
unbequemen Redner (2275 vgl. 2268 s.). Vom persischen Standpunkte aus ge- 
schieht es in den Gleichnissen (2247 s. 2280 s. 2286 s.); die Beduinen werden 
darin, offenbar unter Benutzung der Tierfabel, mit Wölfen, Raubvögeln, Füchsen 
und Mäusen verglichen, ihr Motiv ist anfänglich die Not, dann die üppig ge- 
wordene Fressgier. Dies Motiv wird gelegentlich auch von den Arabern selber 
zugegeben: nachdem sie einmal den Weizen geschmeckt hätten, könnten sie 
es ohne Weizen nicht mehr aushalten (2279). Noch unmittelbar vor der 
Schlacht macht ihnen Rustam das Anerbieten, er. wolle einem jeden eine Last 
Datteln und einen Anzug geben, dann sollten sie wieder abziehen (2276). 
Es kommt allerdings auch wol einmal eine Anekdote bei Saif vor, die für 
den Zusammenhaeg nichts austrägt, wie der Wettkampf der Astrologen und 
Seher, Rustams, Gabans, und des Inders Zurna, vor Jezdegerd (2252 s.). Rustam 
begann; es setzt sich ein Vogel auf den Palast und lässt etwas hieherfallen — 
dabei zeichnete er einen Kreis. Der Inder sagte darauf: es ist ein Rabe, 
der einen Dirham im Schnabel hat. Gaban corrigirte: es ist ein Specht, der 
Dirham föUt zuerst an diese Stelle, springt dann aber auf und bleibt hier — 



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Die Eroberung des Saväd. 77 

gegenüber 60000, nach Baladhuri 9—10000 gegenüber 120000, 
nach Saif 30700 gegenüber 120000'). In der Zahl der persischen 
Truppen stimmt Saif mit Baladhuri überein. Auch darin, dass 
die Schlacht drei Tage gewährt habe; nur nennt er andere Tage 
als jener, nicht Donnerstag bis Sonnabend, sondern Montag bis 
Mittwochen. Die charakteristischen Beinamen der Tage kennt 
bloss Saif, die Nacht des Pfauchens ist sonst die bei Qiffin (2327, 
12). Er allein versucht auch die Tage inhaltlich zu unterscheiden. 
Es gelingt ihm jedoch schlecht; die Aktion verläuft immer wieder 
nach dem gleichen Schema, in das die einzelnen Heldentaten be- 
liebig hinein gestreut werden. Der einzige wirklich hervorstechende 
Vorgang, das unerwartete Eintreffen der aus Syrien zurückgesandten 
Jraqier, wird sowol auf den zweiten als auf den dritten Tag ver- 
legt; der Widerspruch, der darin ursprünglich liegt, wird durch 
die Annahme, ausgeglichen, Qa'qä habe das Stück vom Dinstag, 
weil es so gut gelang, am Mittwoch dacapo aufgeführt. Gerade 
über diesen höchst dramatischen Vorgang herrscht nun aber bei 
den Älteren tiefes Schweigen. Nach Ibn Ishaq kam die grössere 
Hälfte der syrischen Hilfstruppen, 1000 Mann unter lad b. Ghanm, 
ei*st nach dem Siege an, und die kleinere Hälfte auch nicht in- 
mitten des Kampfes, sondern schon vorher, nämlich 700 Mann 
unter Qais b. Makschuh, seine Stammgenossen, die mit ihm aus 
Jaman nach Syrien gezogen waren'). Er weiss nicht, dass die 
syrischen Hilfstruppen gerade im kritischen Moment entscheidend 
in die Schlacht eingriffen, und er weiss nicht, dass es Iraqier waren, 
die zunächst auf dem westlichen Kriegsschauplatz geholfen hatten 
und nach vollbrachter Arbeit in ihre Heimat zurückeilten. Qrfqä 
b. Amr, der nach Saif ihre Spitze führte nnd mehr als irgend ein 
Anderer zu dem glänzenden Siege beitrug, ist ihm gänzlich un- 



dabei zeichnete er einen andern Kreis — liegen. Gaban behielt Recht. Darauf 
wurde eine hochträchtige Kuh gebracht. Der Inder sagte: ihr Kalb ist schwarz 
und hat eine Blässe vor der Stirn. Gaban entgegnete : nein, es hat nur eine 
weisse Schwanzspitze. Die Kuh wurde geschlachtet, das Kalb hatte einen 
weissen Schwanz, der aber im Mutterleib vor der Stirn gelegen hatte, woraus 
sich der Irrtum des Inders erklärte. 

') So 2250. 2294. Anders 2251. 2258. Zu denken gibt das Zahlenver- 
hältnis 3:6:12 = 1:2:4. 

^ Tab. 2350. Nach Baladhuri meinen Einige, dass auch Qais erst post 
festum eingetroffen sei. 



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78 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 10. 

bekannt. Ähnlich liegt die Sache bei Baladhuri. Saif folgt hier 
wiederum einer eigentumlich iraqischen und zwar besonders tami- 
mitischen Tradition. Mit Qa'qä zusammen hebt er auch dessen 
Stammgenossen, die Tamim, stark hervor. Sie treten überall in 
die Bresche, sie machen den letzten Angriff, durch den die Feinde 
endgiltig geworfen werden. 

Über die Tamim hinaus erstreckt sich seine Vorliebe auf die 
Beduinen überhaupt, weil die Bewohner von Kufa und Ba^ra 
grösstenteils von ihnen abstammten. Er streicht die Röckfälligen, 
d. h. die Beduinen, die nach Muhammads Tode vom islamischen 
Staat abgefallen waren, heraus gegenüber den Genossen, d. h. 
den eingeborenen oder noch bei Lebzeiten des Propheten zugewan- 
derten Medinern. Zwar beurteilt er ihren Rückfall nicht milde, 
aber sie machten die Schuld durch ihr späteres Verhalten wieder 
gut. Sie waren anfangs vom Heere ausgeschlossen. Muthanna gab 
die erste Anregung, sie wieder zuzulassen und im Iraq zu ver- 
wenden. Abubakr wurde durch seinen frühen Tod verhindert, 
darauf einzugehn, auch Umar willigte nicht sofort ein, sondern 
bot zuerst die Genossen zur Hilfe Muthannas auf. Er machte aber 
schlechte Erfahrungen mit ihnen, und bei der nächsten Gelegenheit, 
nach der Brückenschlacht, liess er die Rückfälligen gegen die Perser 
los, die von Kampfbegier brannten. Er äusserte sich ungehalten 
über die Genossen, die auf ihren alten Lorbeeren schlummern 
wollten, und sagte dem Sa*d, als er ihn zum Oberbefehlshaber im 
Iraq ernannte, er solle sich nur ja nichts auf ihre Zugehörigkeit 
zu ihnen einbilden. Alles dies ist nun unmöglich richtig. Erstens 
sind die Rückfälligen niemals, auch nicht unter Abubakr, vom 
Kriegsdienst ausgeschlossen gewesen*). Zweitens sind ihnen die 
Genossen, überhaupt die Städter, den Beduinen, immer vorgezogen, 
grade auch von Umar. Umar überging den Muthanna und gab 
dem Abu Übaid und dann dem Sa*d das Commando; er schalt 
den Utba b. Ghazvän, dass er einen Beduinen zu seinem Stell- 
vertreter ernannt hatte. Die Stammeseifersucht der Beduinen ver- 
hinderte sie, einem anderen Beduinen zu gehorchen; nach Ibn Ishaq 
bekam Sa-d darum den Oberbefehl, weil sich der Bagilit Garir 



*) Vgl oben p. 14. Saif selber lässt Qais b. Makschuh, den Fuhrer der 
Röcifölligen in Jaman, noch unter Abubakr am syrischen Feldzuge teilnehmen. 



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Die Eroberung des Sav&d. 79 

dem Bakriten Muthanna nicht unterordnen wollte *). Drittens haben 
die Mediner in Wahrheit an kriegerischem Eifer nicht hinter den 
Beduinen zurückgestanden. Sie leisteten in Syrien mindestens 
ebenso viel als jene im Iraq'). Aber sie machten nicht so viel 
Aufhebens von ihren Heldentaten, sie prahlten nicht damit, sie 
sangen und sagten nicht davon'). Sie schufen kein Epos daraus, 
dann sie staken nicht mehr tief genug im Heidentum, sie waren 
zu puritanisch. Man kann auch sagen: zu militärisch, denn die 
militärische Disciplin beruhte auf der Gottesfurcht. 

Die schon früher von uns beobachtete Manier Saifs, den Chalifen 
Alles betreiben und anordnen zu lassen, zeigt sich in diesem Ab- 
schnitt in erhöhtem Maasse. Umar wendet den grössten Eifer auf 
für die Kriegführung im Iraq, die ihm von seinem sterbenden 
Vorgänger noch ganz besonders ans Herz gelegt ist. Eins seiner 
ersten Regierungsgeschäfte ist es, dass er Hilfstruppen für Muthanna 
aufbietet. Nach der Niederlage derselben in der Brückenschlacht 
sendet er sofort Ersatz. Und gleich darauf verdoppelt und ver- 
dreifacht er seine Anstrengungen angesichts des drohenden Zu- 
sammenstosses mit der persischen Hauptmacht. Während er 
die Grenze von Eufa bis Ba^ra durch die Truppen Muthannas 
besetzen lässt, ordnet er in ganz Arabien eine allgemeine 
Aushebung an. Er stellt zwar nicht sich selber, sondern Sa'd 
an die Spitze des Heeres, hat aber doch in Allem die Hand 
und nichts geschieht ohne seine Anweisung. Er erstreckt seine 
Fürsorge auf jegliches Bedürfnis, richtet Märkte ein und stellt 



Auch Saif gibt an, es sei grundsätzlich keinem Beduinen ein höheres 
Amt anvertraut, als über hundert Mann. Darin geht er nun freilich wieder 
zu weit. Gerade Qais b. Makschuh, in Bezug auf welchen er die Behauptung 
aufstellt, kommandirte nach BIshaq den linken Flügel bei Qadisia. Er hatte 
mindestens 700 Mann unter sich, seine Stammgenossen, die mit ihm aus Jaman 
gekommen waren. Wenn die Beduinen Stammfürsten waren, so war ihr 
Stamm ihr Regiment, und kein Chalif hätte sich getraut, einen anderen 
Obersten über ein solches Regiment zu ernennen. So befehligte Muthanna 
die Bakr, Garir die Bagila, Ascb'ath die Kinda. 

') In gelindem Widerspruch mit sich selber steift übrigens Saif gelegent- 
lich den Eifer der Beduinen, nach dem Iraq zu gehn, als gering dar. Sie 
drängten nicht nach dem Iraq, sondern nach Syrien, wo ihnen die Mediner 
die Bahn gebrochen hatten. 

^ Nach dem Siege von Buvaib hielt Muthanna eine Sitzung und Hess 
sich von den Tapferen erzählen, was sie getan hätten (2194). 



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80 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 10. 

auch Ärzte und Richter an. Eine für ihn entworfene Landkarte 
der Gegend von Qadisia befähigt ihn, sich den Stand und die Be- 
wegung der Truppen zu veranschaulichen, worüber er durch täglich 
abgehende Boten beständig auf dem Laufenden erhalten wird. Er 
hat ausserdem Spione im Heer, die ihm die Heimlichkeiten zu- 
tragen (2208, 7). Er ist allgegenwärtig und die Seele des Ganzen. 
Als Rustam die merkwürdige Disciplin der früher so zuchtlosen 
Araberhaufen gewahr wird, flucht er dem Umar als dem eigent- 
lichen Urheber einer solchen Veränderung. Wie hoch man nun 
auch die Bedeutung des zweiten Chalifen anschlagen mag, so ent- 
spricht doch diese Schilderung seiner Wirksamkeit nicht der 
Wahrheit. Um die Perser kümmerte er sich ernstlich erst dann, 
als sie in bedrohlicher Weise die Offensive ergriffen und als die 
Griechen zu Boden geschlagen waren. Baladhuri berichtet, dass 
er nach der Brückenschlacht ein ganzes Jahr lang nichts vom Iraq 
hören wollte und auch keine Truppen dorthin schickte. Die wider- 
sprechende Vorstellung Saifs entspringt zum Teil der verkürzten 
Chronologie, wonach die Schlachten an der Brücke, bei Buvaib und 
bei Qadisia dicht auf einander folgten. Es spielt aber auch das 
Streben ein, der leidigen Tatsache ein Gegengewicht zu geben, dass 
das Interesse in Medina lange Zeit fast ausschliesslich auf Syrien 
gerichtet war und dass Umar persönlich sich dorthin und nur dorthin 
begab. Darum beeilt und beeifert sich Umar aus allen Kräften 
für das ihm von seinem Vorgänger noch auf dem Todbette warm 
ans Herz gelegte Iraq, und wenn er nicht, wie er wünscht, selbst 
den Boden des Landes betreten kann, so weiss er doch Mittel und 
Wege um die leibliche Abwesenheit zu ersetzen. Ein Anachronis- 
mus ist es, dass die allgemeine Aushebung schon in der frühesten 
Chalifenzeit bestanden haben solP); im Widerspruch dazu berichtet 
Saif selber, dass die Araber freiwillig mit Weib und Kind nach 
Medina kamen und daselbst sich ihr Marschziel nach eigenem Er- 
messen aussuchten, dass Umar wol durch Überredung und Bitte auT 
sie einwirken konnte, aber nicht bloss zu befehlen brauchte, um 
sie z. B. nach dem Iraq zu dirigiren wenn sie nach Syrien wollten. 
Ebenso anachronistisch machen sich die regelmässigen Märkte, die 
Ärzte und Richter und gar die Geheimpolizisten im Lager der 
Beduinen^ die wahrhaftig auch ohne das auskommen konnten und 



1) Vgl. bereits 1988, 13. 

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Die Erobenmg des Saväd. 81 

anderes nötiger hatten, z. B. Waffen. Da scheinen Einrichtungen 
der Abbasidenzeit auf primitive Verhältnisse des ältesten Islams 
übertragen zu sein, zu grösserer Ehre Umars. 

Einen grossen Vorzug besitzt Saif auf den ersten Blick vor 
den anderen Überlieferern darin, dass er weit eingehendere Nach- 
richten über die Perser gibt und die kriegerischen Operationen 
immer in Wechselwirkung zu den inneren Vorgängen in Madain 
darstellt. Als Chalid in das Iraq einbrach, regierten Ardeschir und 
Schiruia in Madain (2023); sie starben noch vor der Einnahme von 
Hira a. 12 (2038). Es folgten nun andauernde Thronstreitigkeiten, 
die den Arabern sehr zu statten kamen. Die männlichen Mit- 
glieder der Königsfamilie wurden vollends ausgerottet; die könig- 
lichen Frauen betrauten Farruchzäd b. Binduän mit der Regentschaft 
(2056 s.). Nachdem das Interregnum ein Jahr gedauert hatte, 
wurde Schahrbaräz König, Anfang 13. Er sandte ein Heer gegen 
die Araber, das indessen von Muthanna bei Babel geschlagen wurde 
(2116 s.). Seine Herrschaft war von sehr kurzer Dauer, nach seinem 
Tode folgte abermals eine Zeit der Weiberherrschaft und der Un- 
ordnung. Die zunächst zur Regierung berufene Duchtzanän (Schahi- 
zanan 2165, 10) wurde gleich wieder entthront und an ihrer Stelle 
ein Sohn des Schahrbaräz eingesetzt, namens Sabur. Farruchzäd 
b. Binduan, der noch immer der eigentliche Regent war, erbat sich 
von ihm die Königstochter Azarmiducht zur Frau. Zornig darüber, 
dass sie den Knecht heiraten sollte, wandte diese sich an Siavachsch 
von Rai; der überfiel am Hochzeitstage Madain und tötete Sabur 
und Farruchzäd. Nun kam Azarmiducht zur Herrschaft (2119). 
Sie erfreute sich ihrer indessen auch nicht lange. Denn eine andere 
Königstochter, die Streitschlichterin Buran, trat mit Rustam von 
Churasan, dem Sohne Farruchzads, ins Vernehmen, und dieser er- 
schlug den Mörder seines Vaters und blendete Azarmiducht. Buran 
blieb Richterin, Rustam wurde Reichsverweser auf zehn Jahr (2163 s.). 
Er nahm den Krieg gegen die Araber wieder auf, der seit Schahr- 
baräz geruht hatte (2165, 7); nach einer anfänglichen Niederlage 
siegten die Perser in der Brückenschlacht im Scha ban a. 13 (2174 ss.) 
Bald nachher entstand jedoch ein Parteizwist in Madain zwischen 
Rustam und Fairuzän; auf Rustams Seite standen die Fahlavag, 
auf der anderen die Parsen ^). Um dem ein Ende zu machen, wurde 

1) Tab. 2176, 8. Die Fahlavag sind nach 2608, 8 Medier, eigentlich in- 
dessen Parther (Pahlavi). 

Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten. VI. a 



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82 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 10. 

nun der einzige noch übrig gebliebene richtige Sasanide hervor- 
gesucht, der damals einundzwanzigjährige Jezdegerd*). Er wurde 
gekrönt und allgemein anerkannt, noch einige Monate vor dem 
Ende des Jahres 13 (2209 s.). Damit hatte der Wirrwarr ein Ende, 
es sass wieder ein legitimer männlicher Erbe auf dem Thron der 
Sasaniden, und die Araber bekamen das alsbald zu fühlen. 

Leider ist dies nicht wirkliche, sondern gemachte Geschichte, 
vgl. Nöldekes Tabari p. 386 — 399. So hübsch es sich ausnimmt, 
so ist es doch gänzlich unwahr, dass das Vordringen der Araber 
durch die Thronstreitigkeiten in Madäin begünstigt und durch die 
Erhebung eines echten Königs sofort gehemmt worden sei. Die 
Wirren in Madäin waren längst vorbei, als die Muslime einfielen ; 
Jezdegerd sass schon damals auf dem Thron (1869, 21) und ge- 
langte nicht erst kurz vor der Schlacht von Qadisia zur Regierung. 
Die Chronologie ist gänzlich verkehrt. Dazu kommen zahlreiche 
andere Verstösse. Ardeschir und Schiruia werden als Mitregenten 
betrachtet und der Sohn immer vor dem Vater aufgeführt, viel- 
leicht weil der Vater für den Sohn gilt'). Bnrän wird von Ducht- 
zanän unterschieden, obwol es die selbe Person ist. Von König 
Sabur, dem Sohne des Schahrbaräz, ist anderweit nichts bekannt. 
Azarmiducht wurde nicht als Prinzessin, sondern als regierende 
Königin von dem Vater Rustams umworben. Dieser hiess aber 
nicht Farruchzäd b. Binduän'), sondern Farruchhurmizd ; er war 
nicht Reichsverweser in Madäin, sondern Statthalter von Churäsan; 
er wurde nicht von Siavachsch erschlagen, sondern von Azarmi- 
ducht selber ins Garn gelockt und über die Seite geschafft. Sia- 
vachsch hiess der Mörder des Farruchzadi Azarmigan*); er war 
aber nach Firdausi ein Sklav, und dass er von Saif mit dem 
gleichnamigen Statthalter von Rai, dem Sohne des Bahram Tschubin, 
verselbigt wird, scheint eine abermalige Confusion zu sein. Dieselbe 
rächt sich dadurch, dass Siavachsch von Rai, trotzdem er von 
Rustam getötet sein soll, einige Jahre später doch noch gegen die 
Muslimen sich seiner Haut wehrt (2653 ss.). Also ein schwer zu 



1) Verfrüht ist dies schon 2163 erzählt. 

^ So ausdrücklich 2038, 17; richtig dagegen 2056, 14. 

') Ober diesen s. Justi, iranisches Namenbuch p. 97 no. 7. 

*) Justi a. 0. p. 97 no. 8 und p. 301, erste Columne oben. Klarheit und 
Sicherheit in der Unterscheidung der Personen scheint hier freilich überhaupt 
nicht zu herrschen. 



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'lad b. Ghanm in Mesopotamien. 83 

entwirrender Knäuel von Verwechselungen. Dass längst mit Tode 
abgegangene persische Heerführer und Grosswürdenträger hinterher 
plötzlich doch wieder auf den Beinen sind, ist bei Saif keine un- 
gewöhnliche Erscheinung; immer beflissen möglichst viel handelnde 
Personen namentlich aufzuführen, gerät er manchmal in Verlegen- 
heit und muss auf die Toten zurückgreifen. Andarzghar verdurstet 
2031, 1, ist aber 2171, 7 noch lebendig'). Mardanschah wird 2166, 9 
hingerichtet, ist aber 2177,9 wieder aktiv'). Bahman Gaduia 
fällt bei Qadisia 2306, 5 und commandirt doch bei Nihävand 
2618, 12. Ebenso wird Bairuzän 2306, 11. 2309, 6 von Qa'qä 
erlegt, lebt indessen 2336, 4 wieder auf; er ist wol eigentlich 
identisch mit Fairuzän, dem Rivalen Rustams, der nach dessen 
Tode eine bedeutende Rolle spielt (2420, 16. 64, 5. 72, 13. 2608, 11. 
18, 11). Wenn man hier zufällige Homonymie verschiedener Personen 
annehmen wollte, so würde man Saif zu viel Ehre antun. Es 
Hessen sich noch allerlei andere Beläge dafür anführen, wie er auch 
in persischen Dingen wirrt und schwindelt. Er tut es indessen 
auch hier nicht auf eigene Faust. Zu einem beträchtlichen Teil 
scheint er die betreffenden Nachrichten von den persischen Rittern 
in Bapra, den Ahämira, bezogen zu haben, die schon früh zu den 
Muslimen übergegangen waren und auf deren Seite gegen ihr eigenes 
Volk gefochten hatten '). Die Ahämira waren in den Stamm verband 
der Tamim aufgenommen ; so vereinigt sich bei Saif ihre Tradition 
mit der tamimitischen. 

11. 'lad b. Ghanm in Mesopotamien. 

Nachdem Syrien und das Iraq in den Händen der Muslime 
waren, musste ihnen Mesopotamien von selber zufallen. Nur in 
wenigen Festungen lagen dort noch römische Besatzungen, die 



') Baladhuri p. 251 nennt bei dieser Gelegenheit den Sohn des An- 
darzghar. 

^ Nach ßaladhuri war Mardanschah Dhulhägib der Führer der Perser bei 
Nihävand. Der Beiname Dhulhägib wird verschiedenen Personen beigelegt. 

^ Er nennt häufig als seine Autoritäten den Ibn Siäh, von den Hamrä 
Siäh (2023, 5. 2261, 5. 2562, 1. Bai. 372 ss.), den Sufian alAhmari und den 
Ziäd b. Sirgis alAhmari, die ihrerseits weiter auf Mahän zurückgehn; 2023,5. 
26, 16. 29, 15. 49, 10. 50, 12. 54, 6. 55, 13. 57, 3. 61, 14 u. s. w. Für Qadisia 
muss der Oberläufer Ibn Rufail herhalten ; 2247. 57. 67 ss. 2340, vgl. Baladh. 
256, 12. 

6' 



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84 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 11. 

aramäische Bevölkeruog war wehrlos und für die Herrschaft des 
Kaisers wenig eingenommen. Neben den Aramäern gab es seit je 
arabische Nomaden in den ausgedehnten Weidestrecken des Landes. 
Während der langen Wirren, wo Mesopotamien herrenloses Gebiet 
zwischen den Grossmächten war, hatten dieselben auch hier kleine 
Reiche gegründet. In Edessa kam ein arabisches Geschlecht zur 
Herrschaft. Später erhob sich auch in Hatra eine arabische 
Dynastie an Stelle einer älteren nichtarabischen*). Diese Reiche 
verfielen dann wieder, aber das arabische Element erhielt sich und 
rekrutirte sich immer von neuem. Zu den Qudäa (Tanuch und 
Bahra) kamen die Rabia hinzu, zuerst die lad, dann kurze Zeit 
vor dem Islam die Taghlib mit den Namir und *üfaila, die vor 
den Bakr (und Tamim) aus dem Nagd und aus der babylonischen 
Wüste wichen'). So hatten auch hier die Muslime seit uralters 
ihre Vorgänger; Mesopotamien gehörte zu ihrer natürlichen Macht- 
sphäre. 

Nach Saif war der Tamimit Ziäd b. Hantzala') der erste, der 
Hund und Hahn in Edessa krähen machte, bei Gelegenheit eines 



1) Daizan an stelle von Satirun, vgl. Noidekes Tabari p. 35. 500. Die 
muslimischen Gelehrten haben Daizan mit Satirun identificirt und auch ihn für 
einen Garamäer ausgegeben. Ibn Kalbi widerspricht dem mit Recht, Daizan 
sei ein Araber von Qudäa gewesen. Aber in der Genealogie, die er ihm gibt, 
macht er ihn unbewusst doch wieder zum Garamäer, indem er den Abid b. 
Agräm als seinen Grossvater nennt. Agram sind nämlich die Garamäer, 
und im Gegensatz zu den herrschenden Arabern und Persern heissen sie 
Abid, die Knechte. Abid b. Agram ist also ein Kunstproduct; er nimmt 
sich unter den sonst rein arabischen Gliedern der Genealogie sehr fremdartig 
aus und ist mit Recht schon von Nöldeke als fragwürdig bezeichnet. Vgl. 
Tab. 1, 827. Agh. 2, 37 s. Bakri 17. Garamäer heissen die Aramäer östlich 
vom Tigris, südlich vom kleinen Zab. 

2) Die lad traten nach Tab. 2507 s. (vgl. aber 2475 s.) zur Zeit der mus- 
limischen Eroberung Mesopotamiens auf romäisches Gebiet über, nach Bakri 
46 aber schon in der persischen Zeit, wodurch die Angabe auch geographisch 
einen anderen Sinn erhält. Cnter üthman traten weitere Schiebungen ein, 
Muavia wies den Mudar die Diär Mudar und den Rabi'a die Diär Rabi'a an 
(Baladh. 178). Über wütende Kämpfe zwischen den Taghlib und den Qais 
erfahren wir Einiges aus den Gedichten alAchtals und Ausführlicheres aus 
BAthir 4, 253 und gewissen Erzählungen des Kitab alAghani. 

2) Dieser Mann wird von Saif und nur von ihm überaus häufig erwähnt 
und immer in dankbaren Rollen, 1877. 1879. 2395. 2410 s. 2663. 3092. 3096. 
Auch sein Vater Hantzala b. Rabi 2236. 3010 s. 



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lad b. Ghanm in Mesopotamien. 85 

Vorstosses, der unter Umar b. Malik vom Iraq aus gegen Meso- 
potamien unternommen wurde, im Ragab 16, nach der Schlacht bei 
Galula (2395 . 2479). Bei diesem Anlass, wie es scheint, floh 
Heraklius von Edessa, wohin er sich aus Syrien begeben hatte, 
nach Samosata und von da auf die Nachricht von der Niederlage 
des Minas^) weiter nach KonstantinopeP). Die Meinung Saifs ist, 
dass Ziäd damals nur einen Streifzug machte, der ihn bis in die 
Nähe von Edessa führte. Die Übrigen wissen nichts von der Sache. 
Sie erzählen übereinstimmend, dass Heraklius von Antiochia aus nach 
Konstantinopel gegangen sei. Eine Andeutung von seinem Aufent- 
halt in Edessa findet sich nur bei Theophanes A. M. 6125; sie ist 
dort indessen ganz abwegs und wunderlich'). 

Die eigentliche Eroberung Mesopotamiens durch die Muslimen 
setzt Saif in das Jahr 17 und gibt davon folgenden Bericht 
(Tab. 2498 — 2511). Die Romäer unternahmen noch einmal von 
der See aus*) einen grossen Angriff gegen Abu übaida in Him^; 
sie wurden dabei unterstützt von den Leuten von Qinnesrin 
(welches Chalid verlassen hatte, um sich mit Abu übaida zu 
vereinigen) und besonders von den Mesopotamiern. Abu übaida 
schrieb an ümar, dieser kam nach Gabia und beorderte die Iraqier 
zur Hilfe der Syrer. Die stehende Reiterschaar von Kufa, 4000 
Mann stark, brach alsbald nach Him^ auf, unter Führung des 
Qa qä, kam indessen trotz aller Eile zu spät; Abu übaida und 
Chalid hatten schon drei Tage vorher die Romäer abgeschlagen*). 
Ausserdem wurden auch iraqische Truppen von Kufa nach Meso- 
potamien geschickt, zunächst um die Mesopotamier im romäischen 



1) Vgl. oben p. 55. n. 3. p. 65. 

*) Tab. 2395. Von einer Anhöhe bei Samosata aus rief er: leb wol, 
Syrien, auf Nimmerwiedersehn ; kein Romäer wird dich wieder betreten — es 
sei denn in Furcht — , bis der Unglücksmensch (der Antichrist) geboren wird, 
der lieber nie geboren werden sollte! Diesen eindrucksvollen Abschied des 
Kaisers Yom heiligen Lande haben sich die neueren Darsteller ebensowenig 
entgehn lassen, wie die anderen hübschen fahles convenues bei Saif. 

^ Die Yon Nöldeke vorgeschlagene Änderung von 'ES^aig in 'EfiioTQ ist 
unmöglich wegen des folgenden tk ^fiecav. Vgl. auch Michael Syrus. 

*) »von der See aus" steht nur in dem Parallelbericht des Ibn Hubaisch, 
den Prym unter dem Strich abgedruckt hat. Vgl. indessen Tab. 2594, 1 — 4. 

*) Nach Ibn Hubaischa war Qa'qä selber mit hundert Mann seinem Corps 
vorausgeeilt und konnte sich noch an der Schlacht und an dem Siege bei 
Him^ beteiligen. 



"^ 



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86 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 11. 

Heere zum Abzug in ihre Heimat zu veranlassen, weiter aber um 
das Land zu erobern. Den Oberbefehl führte 'lad b. Ghanm, der 
längst zum Statthalter dieser Provinz bestimmt war; nach dem 
Siege bei Him^ unterstützte ihn Umar durch eine syrische Abtei- 
lung unter Habib b. Maslama. Raqqa und Nisibis kapitulirten ; 
die Taghlib unterwarfen sich dem Islam, die lad wanderten in 
romäisches Gebiet aus. Dann ergaben sich Harrän und Edessa. 
Die Eroberung von Mesopotamien war überaus leicht, sie geschah 
im Dhulhigga 17. 

Vermutlich ist der grosse Angriff der Romäer auf Him9 vom 
Jahre 17 (Tab. 2498 ss.) identisch mit dem vom Jahre 15 
(Tab. 2389 s.), und beides eine verzerrte Reminiscenz an den 
Verstoss des Baanes und Theodorus, der in Wirklichkeit im 
Jahre 14 stattfand*). Die Tendenz der Erzählung ist offenbar. 
Die Iraqier, voran der Marschall Vorwärts Qa'qä, erscheinen ein- 
mal wieder als rettende Engel um den Syrern aus der Not zu 
helfen, diesmal leider ein wenig zu spät. Damit sie im Augenblick 
zur Stelle sein können, wird die Annahme gemacht, dass es schon 
damals eine grosse stehende Reiterschaar in Kufa gab, die immer 
kriegsfertig war; diese Annahme wird sogar, ganz im Stile 
Saifs, dahin verallgemeinert, dass dieselbe Einrichtung überhaupt 
in allen sieben Am^är^) bestand. Das ist ein starker Anachronis- 
mus; eine stehende Truppe im unterschied von dem Heere 
gab es in dieser Zeit noch nicht, sie erwuchs erst allmählich 
aus den Leibwächtern (Schurta) der umaijidischen Chalifen und 
Statthalter. Auch die sieben Ampär waren noch gar nicht vor- 
handen. 

Mit der Affäre von Him^ wird weiter gar auch die Unter- 
werfung von Mesopotamien in Verbindung gebracht: die Iraqier 
fielen in das Land ein, um die mesopotamischen Truppen vom 
romäischen Heere abzuziehen, eroberten es dann aber gleich bei 
dieser bequemen Gelegenheit. Mesopotamien ist also vom Iraq aus 
erobert. 'lad b. Ghanm ging nicht von Syrien aus. Er war im 
Jahr 12 mit Chalid zusammen nach dem Euphratlande geschickt 



Vgl. oben p. 60. n. 1. Bei Tab. 2594, 1 wird der Seezug des Heraklius 
auf den DhuIqaMa 16 datirt. 

^ So heissen die Städte in den eroberten Provinzen, in denen die arabi- 
schen Heere sich concentrirten. Gleichbedeutend ist Agn&d. 



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'lad b. Gbanm in Mesopotamien. 87 

und seitdem in dieser Gegend geblieben^). Erst nach der Erobe- 
rung Mesopotamiens wurde er an Chalids Stelle zum Adlatus des 
Abu Ubaida in Syrien ernannt '). Nur Habib b. Maslama, der von 
ümar dem 'lad zu Hilfe geschickt wurde, sichert den Syrern einen 
gewissen Anspruch auf die Provinz Mesopotamien, der indessen 
nicht schwer ins Gewicht fällt. 

Dagegen nach Baladhuri (172 ss.), der sich u.a. auf Vaqidi 
stützt (vgl. Tab. 2578), ist der Angriff auf Mesopotamien von 
Syrien aus erfolgt. Nach dem Tode Abu übaidas a. 18 wurde 
* lad b. Ghanm von Umar über Him^, Qinnesrin und Mesopotamien 
gesetzt. Die letztere Provinz sollte er sich erst noch erkämpfen. 
Zu diesem Zweck rückte er in der zweiten Hälfte des Jahres 18 
mit 5000 Mann aus') und zwang bis Anfang 20 fast alle Städte 
zur Kapitulation, nur Resaina wehrte sich und wurde erst später 
nach hartem Kampfe eingenommen. Anfang 20 ging er von 
Bazabda über den Tigris und drang bis nach Armenien vor, kehrte 
dann nach seiner Residenz zurück und starb dort noch in dem selben 
oder nach Vaqidi im folgenden Jahre. 

Nach Theophanes vollendete *Iäd A. M. 6127 im Auftrage 
ümars, der in diesem Jahre in Palästina war, die Unterwerfung 
Syriens. A. M. 6128 kam Johannes Katanas, der Procurator von 
Osrhoene (Edessa), zu *Iäd nach Chalcis (Haleb) und versprach 
hm einen jährlichen Tribut, wenn er nicht über den Euphrat 
gehe. Dafür wurde Johannes seines Amtes enthoben und durch 
Ptolemäus ersetzt; A. M. 6129 war das Jahr, wo Antiochia fiel 
und Muavia Statthalter wurde. A. M. 6130 ging *Iäd über 
den Euphrat, Edessa kapitulirte, Constantia*) wurde mit 
Gewalt genommen, ebenso Dara. Kai oüto) Ttaaav ty]i/ Ms(J07toTa|xiav 
irapeXaßsv laS. 



^) Schon a. 16 wird er als Statthalter Mesopotamiens bezeichnet (2480). 
Freilich kann er es da nur in partibus infidelium gewesen sein. 

2) Tab. 2508, vgl. weiter 2865—67, wo er als naher Verwandter des Abu 
Ubaida bezeichnet wird. 

3) nach Vaqidi am Donnerstag 15 Scha'ban 18 = Donnerstag 21. August 639. 
Dazu stimmt die Angabe Bai. 173, 9 schlecht, dass Edessa während der Ernte 
angegriffen sei. Das müsste im Sommer 19 gewesen sein, aber Edessa kapitu- 
lirte mit am frühesten, gleich nach.Raqqa, und wurde dann das Standquartier, 
von wo die weiteren Expeditionen ausgingen und wohin sie zurückkehrten. 

*) Constantia ist Antoninupolis, siebenhundert Stadien südlich von Amida 



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38 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 11. 

Theophanes stimmt in der Chronologie gegen Saif mit Bala- 
dhuri, denn A. M. 6130 kann nach den angegebenen Gleichzeitig- 
keiten der islamischen Geschichte zur Not zusammenfallen mit 
A. H. 19 (=A. D. 640), aber nicht mit A. H. 17. Und er be- 
stätigt ferner, dass Mesopotamien von Syrien und nicht von Iraq 
aus in Angriff genommen wurde. Dem gegenüber verdient Saif 
mit seinen entgegenstehenden Angaben keinen Glauben. Allerdings 
kann er sich auf einen ausgezeichneten Vorgänger berufen. Ibn . 
Ishaq bei Tab. 2505 s. ist nämlich ebenfalls der Meinung, dass 
Mesopotamien vom Iraq aus erobert sei, unter Anführung des * lad, 
der a. 16 [zu Srfd b. Abi Vaqqä? abkommandirt war und nun 
von diesem mit einem kufischen Heere nach Mesopotamien geschickt 
wurde. Aber Ibn Ishaq widerspricht sich selber. Denn an einer 
anderen Stelle (2349) sagt er, 'lad sei nach der Schlacht am 
Jarmuk in das nördliche Syrien abgegangen und bis Melitene vor- 
gedrungen, und bei Tab. 2646 stellt er Mesopotamien als syrische 
Provinz mit Him^ und Qinnesrin zusammen. Entscheidend ist, dass 
er ebenso wie Baladhuri die Eroberung des Landes auf a. 19 datirt: 
in diesem Jahre war ' lad, nach dem einhelligen Zeugnis aller Über- 
lieferer, längst Statthalter von Syrien in Him^ und keinesfalls 
Untergebener des Sa*d in Kufa. Saif ist klug genug, das Jahr 17 
anstatt des Jahres 19 zu nennen. 

Die Frage, von wem ein Land erobert sei, hatte nicht bloss 
historische Bedeutung. Je nachdem es von Kufa oder Ba^ra oder 
Him9 erobert war, gehörte es als Provinz zu Kufa oder Ba^ra oder 
Him9 und wurde von dort aus verwaltet und ausgebeutet. Die 
Ba^rier machten Ansprüche auf Teile von Medina und Susiana und 
fochten sie vor ümar durch, auf die durch falsche Zeugen beglau- 
bigte Aussage hin, dass sie diese Bezirke erobert hätten; während 
die Kufier durch die Saumseligkeit ihres Statthalters Ammär b. 
Jäsir ihres guten Rechts verlustig gingen (Tab. 2672 s.). Der Streit, 
ob Mesopotamien syrische oder iraqische Eroberung sei, hat also 
auch ein praktisches Interesse. Saif selber muss übrigens zugeben, 
dass Mesopotamien in der ümaijidenzeit als Provinz zu Syrien 
gehört habe; er behauptet, Muavia habe es von Kufa abgetrennt 
und zu Qinnesrin geschlagen um der vielen Auswanderer willen, 

(Theoph. A. M. 5832. Ammian. 18, 9), und dies ist Tel Mauzlath oder Telia, 
nach dem Chron. Edess. ad. ann. 661, wo Antipolis in Antoninupolis Yer- 
bessert werden muss. 



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*Amr b. 'A9 in Ägypten. 89 

die während des Bürgerkrieges von Kufa zu ihm übergingen und 
in Qinnesrin angesiedelt wurden^). Das Gleiche behauptet er auch 
in Bezug auf Mo^ul und Armenien, vielleicht mit etwas besserem 
Rechte. Mo^ul soll nach Saif schon im Jahr 16 von Madäin aus 
eingenommen sein (2474 ss. vgl. 2456 s. 2497); in Wahrheit geschah 
dies erst im Jahre 20 (Baladh. 331), aber jedenfalls nicht von 
Syrien aus. Bei der Unterwerfung des romäischen Armenien 
wurden die Syrer unter Habib b. Maslama durch eine Abteilung 
Kufier unterstützt. Deren Verdienst scheint dann allerdings von 
der kufischen Überlieferung überschätzt worden zu sein; aber ein 
gelegentliches Zusammenwirken der Iraqier mit den Syrern bei 
der Eroberung der zwischen dem Iraq und Syrien liegenden Provinzen 
ist doch innerlich wahrscheinlich und auch einigermassen durch 
die Überlieferung bezeugt. 

12. 'Amr b. 'A§ in Ägypten. 

Gleichzeitig mit Mesopotamien wurde auch Ägypten von Syrien 
aus in Angriff genommen. Über das Vordringen der Araber in 
Ägypten haben wir jetzt einige zuverlässige Nachrichten in der 
gegen Ende des siebten Jahrhunderts unserer Ära verfassten Chronik 
des koptischen Bischofs Johannes von Nikiu. Zotenberg hat das 
Verdienst, sie herausgegeben, übersetzt und für ihre historische 
Verwertung den Grund gelegt zu haben '). Die schwierige Chrono- 
logie ist aber erst durch Brooks ins Reine gebracht worden'). 

Brooks gelangt zu folgenden Ergebnissen. Nach einer Nieder- 
lage, die sie erlitten hatten, sammelten sich die Romäer bei 
Babylon unter dem Augustalis Theodorus, um die Araber noch 
vor der Überschwemmung (die im August eintritt) anzugreifen*). 
Sie wurden aber von Amr, der durch 4000 Mann unter Zubair 
verstärkt war, bei Heliupolis geschlagen, im Sommer 640. Die 
Araber besetzten darauf eine am Nil gelegene südliche Vorstadt 

1) Tab. 2673 s. Vgl. 1920, 7 ss. Bai. 117. 148. Die Provinz Mesopotamien 
war zuerst Dependenz von Him^, dann wurde sie durch üthman dem Muavia 
in Damaskus übertragen (Bai. 183 s.). 

2) Chronique de Jean, eveque de Nikiou. Paris 1883. 

3) On the chronology of the conquest of Egypt by the Saracens, Byzant. 
Zeitschrift 1895 p. 435—444. Leopold Ranke und August Muller haben die 
von Zotenberg berechneten Daten ungeprüft übernommen. 

*) Johannes von Nikiu cap. 111 bei Zotenberg p. 436. Der Anfang des 
Berichtes über die Invasion der Muslime fehlt. 



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90 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 12. 

von Babylon*). Am 9. April 641, am Montag nach Ostern, fiel 
die Citadelle von Babylon'). Im Oktober erschien der Patriarch 
Cyrus von Alexandria in Babylon') und schloss den Vertrag, dass 
Alexandria binnen elf Monaten von den Romäern geräumt werden 
sollte*). Dies geschah am 17. Oktober 641, wenn wirklich zwischen 
dem Abschluss des Vertrags und der Ausführung desselben genau 
elf Monate lagen. Die Zwischenzeit füllte Amr aus durch die 
Invasion der Pentapolis. Cyrus starb am 25. Magabit, d. i. 21. März 
642, Donnerstag vor Ostern*). Am 20. Hamle, d. i. 14. Juli 642, 
dem Tage des Märtyrers Theodorus, wurde Petrus Patriarch. Am 
20. Maskaram, d. i. 17. September 642, wurde Alexandria von den 
Romäern geräumt®). 

Die Hauptdaten sind also: Schlacht von Heliupolis A. D. 640 
= A. H. 19; Fall von Babylon 641 = 20; Übergabe von Alexan- 
dria 642=t=21. 



^) und auch das Faijum cap. 112 Zotenb. p. 439. Die Kapitel 114. 115 
gehören nicht an diese Stelle^ denn hier sind die Araber schon im Besitz der 
Citadelle von Babylon, in den sie erst cap. 117 gelangen, und wir befinden 
uns im Sommer 642, während der Tod des Heraklius erst cap. 116 berichtet 
wird. Heraklius starb im Februar 641, ihm folgten Constantin und Herakleonas. 
Constantin starb im Mai 641, Her£^kleonas trat im November 641 ab. Darauf 
regierte Oonstans, der Sohn Constantins. 

2) und am Sonntag 18 Genbot, d. i. 13. Mai 641, fielNikiu (cap. 117. 118, 
Zotenb. 449). Aber nicht im 15. Jahr der Indiction, sondern im 14. (1. Sep- . 
tember 640 bis dahin 641). Denn es geschah noch unter Constantin, und 
nur A. D. 641 fiel der 13. Mai auf einen Sonntag. 

2) Man muss Babylon (Fostät) als das 6pfAT]Ti^ptov der Araber ansehn, von 
wo sie ausgingen und wohin sie zurückkehrten. £s war zuerst das Standlager 
und wurde dann die Hauptstadt. Vgl. Diodor 1, 56. 

*) Er Hess durch den Augustalis Theodorus die Bedingungen dem 
Herakleonas mitteilen, Zotenb. p. 456. Theodorus war am 14. Septemb. 641 
nach Alexandria zurückgekehrt (p. 454), Cyrus schon früher, denn er feierte 
dort das Osterfest 641 (p.,454). Alexandria war schon einmal von muslimischen 
Truppen angegriffen worden (p. 450). 

*) Zotenberg p. 458. Nur A. D. 642 fiel der Gründonnerstag auf den 
angegebenen Monatstag. Dies ist das wichtigste Fundament der Chronologie 
und muss der Ausgangspunkt sein. 

^ Zotenberg p. 463. Die Worte apres la fete de la Croix passen 
nicht zu dem Datum, vor dem sie stehn, le 20 du mois de hamle, sondern 
nur zu dem Datum des nächsten Satzes, le 20 du mois de maskaram 
Denn der 20. Maskaram ist der 17. September, und das Fest des Kreuzes 
fällt auf den 14. September. 



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*Amr b. 'A9 in Ägypten. 91 

Vergleichen wir nun die muslimische Tradition! Vaqidi setzt 
nach Tab. 2580 die Einnahme von Mipr^) und Alexandria ins 
Jahr 20. Abu Ma* schar dagegen sagt, Alexandria sei erst im 
Jahre 25 bezwungen: er hat die zweite Eroberung im Auge, nach- 
dem die Romäer unter Manuel die Stadt zurückgewonnen, hatten 
(Tab. 2809). Ausführlicher teilt Tabari (2580—84) den Bericht 
der Ibn Ishaq mit. Als Umar mit Syrien im Reinen war'), befahl 
er dem *Amr b. A9, nach Ägypten zu ziehen. Babylon wurde 

a. 20, Alexandria a. 21 (oder 22) eingenommen. Diese Daten 
decken sich mit denen des Johannes von Nikiu. Auch darin 
stimmt Ibn Ishaq mit dem koptischen Bischof, dass Alexandria 
durch Vertrag übergeben sei; derselbe wurde zwar nach ihm nicht 
durch den Patriarchen persönlich und nicht in Babylon ab- 
geschlossen, aber doch noch ehe das muslimische Hauptheer vor 
den Mauern der Stadt erschien. Er beruft sich auf die Erzählung 
eines Mannes, der selber den Feldzug mitgemacht hatte, des Ziäd 

b. Gaz' alZubaidi. „Nach der Eroberung von Babylon rückten wir 
allmählich weiter nach Norden vor und unterwarfen die Städte 
des Delta; als wir nach Balhib gelangt waren, Hess der Herr von 
Alexandria dem Amr anbieten, er wolle den Arabern die Steuer 
zahlen, denn sie seien ihm weniger verhasst als die Romäer; er 
stellte zur Bedingung, dass die gefangenen Weiber und Kinder 
zurückgegeben würden*). Amr unterbreitete dem Chalifen den 
Vorschlag und dieser nahm ihn an: die bleibende Steuer sei 
besser, als einmalige und schnell zerrinnende Beute. Also wer 
dir sagt, Alexandria sei mit Gewalt erobert, der lügt." Dies ist 
ein Protest gegen die Behauptung der ümaijiden, ganz Ägypten 
sei gewaltsam unterworfen. Die ümaijiden konnten freilich für 



1) d. i. Babylon Bai. 213, 15. 214, 1. 

2) nach dem Jahre der Pest a. 18. Vgl. BIshaq bei Tab. 2519: an Abu 
Ubaidas Stelle trat Mu'ädh b. Gabal, der starb ebenfalls an der Pest; dann 
Amr b. A9, der veranlasste die Leute aus der verpesteten Gegend hinweg 
sich ins Gebirge zu begeben, trotz dem Protest des frommen Hudhailiten Abu 
Väthila. 

^ Er unterhandelt also zugleich für ganz Ägypten. Die ägyptischen 
Städte stehn nicht jede für sich, sondern teilen das Los der Hauptstadt. Das 
ist die durchgehende Anschauung der arabischen Historiker. Bei Johannes 
indessen, tritt nicht deutlich hervor, dass Cyrus nicht nur für Alexandria, 
sondern für ganz Ägypten stipulirt; vgl. Zotenberg p. 455. 



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92 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 12. 

sich anführen, dass Alexandria im Jahre 25 in der Tat mit stür- 
mender Hand von den Muslimen eingenommen wurde. Es handelt 
sich vornehmlich um die praktische Frage, ob der Betrag der 
Abgaben im Belieben der Regierung stehe oder ein für alle mal 
durch Vertrag festgelegt sei und nicht erhöht werden dürfe. 

Nach Baladhuri (212 ss.) überliess Amr im Jahre 19, ärgerlich 
dass Jazid b. Abi Sufian ihm vorgezogen war, seine Provinz Filistin 
und die Fortführung der Belagerung von Cäsarea seinem Sohne 
und fiel mit 3500 Mann in Ägypten ein. Der Chalif war erzürnt 
darüber, konnte ilm aber nicht mehr zurückrufen. Im Gegenteil, 
als er Babylon belagerte, schickte er ihm 10000 Mann unter Zubair 
nach, und dieser tat sich hervor bei der Erstürmung der Citadelle. 
Obwol Babylon mit Gewalt eingenommen war, wurde doch ein 
Vertrag mit dem Könige abgeschlossen und dieser Vertrag dann 
auch auf ganz Ägypten ausgedehnt. Das geschah nach Vaqidi 
(218, 14) im Jahre 20. Im Jahre 21 marschirte Amr gegen 
Alexandria und besiegte ein ägyptisches Heer bei Kiriaun. Unter- 
handlungen mit dem Muqauqis in Alexandria zerschlugen sich. 
So wurde die Stadt nach einer Belagerung vo-n drei Monaten 
erstürmt, erhielt indessen doch die Vertragsbedingungen von 
Babylon. Darauf wandte sich Amr nach Westen, Antäbulus*) 
kapitulirte. Im Jahre 25 bemächtigten sich die Romäer unter 
Manuel noch einmal der Stadt Alexandria, aber Amr entriss sie 
ihnen wieder und schleifte die Mauern'). 

Die Chronologie Baladhuris ist in Ordnung; die Sendung 
Zubairs wird durch Johannes von Nikiu beglaubigt. Aber nicht 
richtig ist es, dass Alexandria im Jahre 21 mit Gewalt eingenommen 
sei. Nicht richtig ist es ferner, dass Babylon als die wahre Haupt- 
stadt Ägyptens und die Residenz des Königs gilt, dass die grosse 



^) d. i. die Pentapolis. Der Anfangsbuchstabe P ist vermutlich aus- 
gelassen, weil er für den ägyptischen Artikel gehalten wurde. Vgl. Tab. 2645. 

2) So Bai. 220 s. Nach 215. 218 dagegen kapitulirte der Muqauqis als- 
bald nach der Einnahme von Babylon und machte aus, dass die Romäer aus 
Alexandria abziehen sollten, aber Heraklius war damit sehr unzufrieden und 
sandte neue Truppen, so dass die Stadt doch mit Gewalt erobert werden 
musste. Der Muqauqis, das Haupt der Kopten, spielt bei Baladhuri die selbe 
Rolle, wie der Patriarch bei Johannes und der Herr von Alexandria bei Ibn 
Ishaq. Der Name ist noch unerklärt. Vgl. BHischam 5. 121. Tab. 1591. 
Ibn Sa'd, Vifädät § 4. 



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*Amr b. 'A9 in Ägypten. 93 

Capitulation von dort aus geschlossen und auf Alexandria, die 
Stadt des Muqauqis und der Romäer, nur übertragen wird. Ich 
halte es auch nicht für wahrscheinlich, dass Amr in durchaus 
eigenmächtiger Weise seinen Zug unternahm. Ihn Ishaq sagt im 
Gegenteil, er habe im Auftrage ümars gehandelt. Wie würde 
dieser sonst dazu gekommen sein, ihm 10000 Mann nachzuschicken, 
unter dem Befehl eines Mannes, der an Ansehen in der Theokratie 
nur ihm selber nachstand! Ägypten lag für Medina näher und 
war ungleich wichtiger als Mesopotamien^); es durfte nicht in den 
Händen der Romäer bleiben, wenn Palästina und Syrien gesichert 
sein sollten. Und kein richtiger Muslim, zumal kein Mediner, 
wäre in jener Zeit dem Amr gefolgt, wenn er dem Willen des 
Chalifen getrotzt hätte. 

Was Saif betrifft, so weicht er wie gewöhnlich von der alten 
Tradition völlig ab (Tab. 2584—93). Er datirt die Eroberung 
Ägyptens auf den Rabi I 16 = April 637 (Tab. 2592) und setzt 
sie in engen Connex mit der Eroberung von Filistin. Amr hatte 
es in Filistin mit dem Artabun zu tun; ihn schlug er bei Agnadain 
und ihn belagerte er darauf in Jerusalem. Aus Jerusalem flüchtete 
nun der Artabun nach Ägypten'). Amr folgte ihm dahin, auf 
Befehl ümars, gleich nach der Übergabe von Jerusalem; als er 
vor Babylon lagerte, stiess Zubair zu ihm. Dorthin kamen auch 
Gesandte des Muqauqis, ein Katholikus und ein Bischof, und unter- 
handelten mit Amr für ganz Ägypten. Der Muqauqis dachte daran 
auf seine Bedingungen einzugehn, aber der Artabun wollte nicht. 
Er machte einen nächtlichen Überfall auf die Araber, wurde jedoch 
geschlagen und fiel '). Nun rückten Amr und Zubair gegen Heliu- 
polis, wo die Hauptmacht der Ägypter sich befand. Es kam zum 
Sturm. Zubair hatte schon die Mauer erstiegen, da öffneten die 
Einwohner, die bereits früher den König zur Übergabe gedrängt 



^) Schon im Jahre 26 soll die erste Eornsendung von dort nach dem Hafen 
Yon Medina abgegangen sein (Bai. 216, 8). 

2) Tab. 2398—2401. 2404. 2410; ygl. oben p. 66. Auch der Bikarius 
Tadhariq, der in Gaza belagert wurde, floh nach Ägypten. Ist er der Augustalis 
Theodorus? 

2) Bei Tab. 2410, 9 wird sein Ende angegeben. Es scheint, dass der 
Artabun in Babylon gedacht wird, dagegen der Muqauqis in Heliupolis 
(2592, 8). 



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94 Prolegomena zur ältesten Geschichte 'des Islams. § 13. 

hatten, dem Amr das Tor und erlangten noch die Capitulation. 
Sie wurde auf ganz Ägypten ausgedehnt. 

Dass der ägyptische Krieg in der angegebenen Weise sich 
aus dem palästinischen entsponnen habe, nimmt sich zwar sehr 
historisch aus, wird aber durch die Chronologie widerlegt. Saif 
liebt den continuirlichen Pragmatismus, und wenn er keinen findet, 
so macht er ihn; er füllt die Lücken der Tradition mit Kanne- 
giesserei. Der Kampf bei Heliupolis hat allerdings stattgefunden, 
er war aber nicht das Ende vom Liede, sondern der Anfang, nur 
das Vorspiel zum oder ein Zwischenspiel im Kampf um Babylon. 
Nach Saif ist Heliupolis die damalige Hauptstadt von Ägypten, 
die Memphis aus der Herrschaft verdrängt hat (2586, 2); dort 
residirt der König und auch der Muqauqis^). Zuerst wird zwar 
Babylon angegriffen, aber ohne dass die erfolgte Einnahme gemeldet 
wird, verlegt sich der Schauplatz plötzlich nach Heliupolis; dieses 
wird durch Zubair erstürmt, und damit ist die Unterwerfung von 
ganz Ägypten entschieden. Von Alexandria ist bei Saif überhaupt 
keine Rede mehr. Seine Darstellung ist legendarisch. Er sucht 
sie mit Figuren und Anekdoten zu beleben; es gelingt ihm jedoch 
hier nicht so gut wie anderswo, wo ihm besser vorgearbeitet war. 
Der Zug, dass Heliupolis zugleich erstürmt sei und sich ergeben 
habe, ist aus der Belagerung von Damaskus wiederholt; vgl. oben 
p. 64. Die lange Geschichte 2590 — 92 erinnert an Herodot 1, 126, 
obwol die Pointe anders gewandt ist. 

13. Die Eroberung von Iran. 

Es könnte überflüssig scheinen, Saifs Bericht über die Erobe- 
rung von Iran weitläufig zu behandeln, da es auf der Hand liegt, 
dass er abgesehen von einzelnen Notizen keinen geschichtlichen 
Wert hat. Indessen um der Autorität Tabaris willen, der ihn im 
vollen Umfang aufgenommen und alles Andere zurückgedrängt hat, 
ist es dennoch nötig, und auch um des willen nützlich, weil von 
der hier besonders plump hervortretenden Art des Saif ein helles 
Licht auf die früheren Abschnitte zurückfällt, in deren Verwerfung 
die Historiker keineswegs einig sind. Ich gebe zunächst den Inhalt 
dessen, was Saif erzählt, wieder. 



, *) Das Verhältnis des Königs und des Muqauqis ist unklar. Der Muqauqis 
lieferte den Muslimen vor Heliupolis ein Treffen (2592). 



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Die Eroberung von Iran. 95 

Nach der Eroberung des Saväd in Folge der Schlacht von 
Qadisia wurde zunächst Madäin, die bisherige perische Hauptstadt, 
die Residenz des Sa* d b. Abi Vaqqäp und das muslimische Haupt- 
quartier. Von dort aus wurden noch im Jahre 16 Galula und 
Hulvän, Takrit und Mosul, Qarqisia, und Masabadan erobert'). 
Im Muharram 17 verlegte Sa'd auf des Chalifen Geheiss das Haupt- 
quartier in die Nähe von Qadisia zurück nach Kufa'), die bis dahin 
zu Madäin gehörigen Provinzen wurden die thughür (befestigte 
Eingänge des Gebiets) von Kufa und die dort residirenden Befehls- 
haber mussten nach Kufa übersiedeln, nachdem sie Stellvertreter 
ernannt hatten (2485. 2497). Ebenfalls im Muharram 17 wurde 
Ba^ra als zweite grosse arabische Centrale (mipr) im Saväd ge- 
gründet und mit Qadisiakriegern besiedelt; der erste Statthalter, 
der zur gleichen Zeit dort antrat wie Sa'd in Kufa, war Utba 
b. Ghazvän (2486. 2540). 

Eroberung von Ahväz. ümar wünschte, es möchte zwischen 
Ba^ra und Färs ein feuriger Berg sein, ebenso zwischen Kufa und 
Mäh (2545). Aber die Perser beruhigten sich nicht bei dem Status 
quo. Besonders Bapra hatte einen gefährlichen Nachbarn in Hur- 
muzän, dem Statthalter oder Fürsten von Ahväz. Er war nach 
Qadisia in seine Provinz zurück gekehrt (2421) und machte von Manä- 
dhir und Nähr Tira aus Einfälle in das zu Ba^ra gehörige Maisän 
und Dastmaisän zwischen dem Schatt und dem Dugail. Die Ba^rier, 
gleichzeitig auch die Kufier , trieben ihn nach Süq al Ahväz zurück 
und machten erst vor dem Dugail Halt; mit den Muslimen machten 
die in jener Gegend einst von den Persem angesiedelten Banu 
TAm gemeinsame Sache, die sich zu den Tamim rechneten und 
mit den tamimitischen 'üpaija verbündet waren. Hurmuzän 
suchte um Frieden nach, er behielt Ahväz und Mihriganqadhak, 
musste aber Nähr Tira und Manädhir abtreten, womit nun zwei 
tamimitische Führer aus dem Heer von Bapra und die Banu T Am 
betraut wurden») (2534—2540). 



1) Tab. 2470. 2474-7. 2478. 2479. 

^ 2486: 3 Jahr 8 Monate nach dem Antritt ümars, 14 Monate nach der 
Einnahme von Madäin. Mit der letzteren Angabe stimmt es nicht, dass Madäin 
im ^afar 16 gefallen sein soll. 

') Die Banu TAm (Sohne des Blinden?) hatten den Persem gegen Artaban 
und die Nabatäer beigestanden, sie hiessen eigentlich Murra b. Malik (2535 s.). 
Weitere Angaben über sie 2, 1179. 1293. 1325. 3, 285 s. Agb. 3, 76. Die 



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96 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 13. 

In Folge eines Grenzstreites mit den BanuTAm, der zu seinen 
Ungunsten entschieden wurde, fiel Hurmuzan ab. Hurqü^ b. Zuhair 
von Sa'd Tamim, der gegen ihn gesandt wurde, eroberte nun Süq 
alAhväz, sein Offizier Gaz' b. Muavia die Stadt Dauraq in der 
Landschaft Surraq. Darauf suchte Hurmuzan, der nach Räm- 
hurmuz geflohen war, um Frieden nach und erhielt ihn. Er musste 
Süq alAhvaz und Surraq abtreten und für die Lande die er behielt 
— Ramhurmuz, Süs, Bunian, Gundaisabür, Mihrigänqadhak — 
Tribut bezahlen, wogegen die Muslime ihn vor den Kurden zu 
schätzen versprachen. Hurqü^ nahm seine Wohnung in Süq al- 
Ahväz und zwar zuerst in der Burg, von der er aber wieder herunter 
musste, weil sie den Leuten die ihn sprechen wollten zu steil und 
ungelegen war (2540—2545. 2550). 

Nicht lange, so begannen, im Zusammenhang mit der durch 
Jezdegerd angeregten allgemeinen Erhebung der Iranier, abermalige 
Unruhen in Ahväz, von denen die Banu TAm den muslimischen 
Beamten Kunde brachten. Es schien nötig, zahlreiche neue Truppen 
von Kufa und Bapra dorthin zu schicken. Nu* man b. Muqarrin 
mit den Kufiern rückte zuerst ins Feld, schlug den Hurmuzan bei 
Arbuk, besetzte Ramhurmuz und nahm durch Kapitulation mit 
Tiruia auch Idhag ein, Hurmuzan floh nach Tustar, wo sich ein 
grosses Heer zu ihm sammelte. Ihm gegenüber vereinigten sich 
die muslimischen Truppen, die Ahvazier unter Hurqu^, dieKufier 
unter Nu* man, die Ba^rier unter Abu Musa; den Gesamtbefehl 
führte Abu Sabra b. Abi Ruhm. Nach langer Belagerung wurde 
die Stadt endlich durch Verrat eingenommen, Hurmuzan in der 
Burg ergab sich unter der Bedingung, dass Umar über ihn ent- 
scheiden sollte. Er wurde nach Medina gebracht und rettete in 
der bekannten Weise sein Leben (2551 — 2560). 

Die Muslimen rückten nun zusammen gegen Sus und eroberten 
es mit Gewalt, obwol die Priester und Mönche im Vertrauen auf 
die Gebeine Daniels, die dort begraben waren, prahlten, nur der 
Antichrist werde die Stadt einnehmen. Abu Musa blieb in Sus, 
die Kufler unter Nu* man oder Hudhaifa zogen ab gegen Nihävand, 
die Ba9rier unter Abu Sabra gegen Gundaisabür; beide Städte 



ü^aija wohnten in oder bei Hira, zu ihnen gehörte Adi b. Zaid (Agh. 2, 18). 
— Umar wies den Ba^riern auch das persische Domanium zwischen Tigris und 
Hagar an (2539). 



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Die Eroberung von Iran. 97 

kapitulirten innerhalb zweier Monate. Alles dies geschah noch im 
Jahre 17 (2564—2568). 

Schlacht von Nihävand. Um der drohenden Gefahr zu 
begegnen, erliess Jezdegerd, von Marv aus, ein allgemeines Auf- 
gebot; er bestimmte Nihävand in Mäh zum Sammellager. Dorthin 
strömten nun die Iranier von allen Seiten, die Fäi^s sowol wie die 
Fahlavag. ümar beschloss ihnen zuvorzukommen; er befahl dem 
Nu* man b. Muqarriu sie anzugreifen, nachdem er die Absicht selber 
ins Feld zu ziehen aufgegeben hatte. Nu* man stand damals an 
der Spitze der Kufier, die Ramhurmuz und Idhag eingenommen 
und den Ba^riern bei der Eroberung von Tustar Gundaisabur und 
Sus geholfen hatten. Er wurde verstärkt durch andere Kufier 
unter Hudhaifa, die sich in Tazar mit ihm vereinigten; darunter 
befanden sich die Helden der Gahilija, wie Tulaiha und Amr b. 
Midikarib, natürlich auch Qa^qäb. Amr. Auch von Medina kamen 
Helfer, z. B. Ibn ümar und Mughira. Von Tazar brach Nu* man 
gegen Nihävand auf. Die Perser wurden von Fairuzan befehligt; 
andere Führer waren Zarduk, Bahman Gaduia und Anuschak. 
Die Muslime lockten durch vers);ellte Flucht die Feinde aus ihrem 
Lager heraus zum Angriff und hielten dann ihren Pfeilhagel regungs- 
los aus bis zum Mittag; der dann beginnende mörderische Schwert- 
kampf, der bis zum Abend währte, entschied zu ihren Gunsten, 
trotz dem Fall ihres Führers Nu* man, an dessen Stelle Hudhaifa 
trat. Bei der nächtlichen Flucht verfehlten die Geschlagenen den 
Weg und stürzten haufenweis in die Schlucht von Vaiachurd. Der 
Oberbefehlshaber Fairuzan wurde dicht vor Hamadan, wo eine 
Honigkarawane ihm den Weg versperrte, von Qa*qä ereilt und 
getötet; Hamadan kapitulirte darauf. Die Stadt Nihävand ergab 
sich einen Tag nach der Schlacht; der Herbed des dortigen Feuer- 
tempels gab den Schatz des Kisra heraus, den Nahirgan bei ihm 
deponirt hatte. Die Landschaft der beiden Mäh kapitulirte ebenfalls, 
die Vertragsurkunden sind datirt vom Muharram 19. Im Anfang 
des Jahres 19 oder am Ende des Jahres 18, jedoch erst nach der 
Absetzung des Sa*d von der Statthalterschaft in Kufa, fand die 
Schlacht von Nihävand statt. Sie wurde von den Kufiern ge- 
schlagen, die Ravädif zeichneten sich dabei aus und kamen da- 
durch den Qadisiakämpfern gleich zu stehn (2608 — 2633). 

Um den ewigen Unruhen ein Ende zu machen, entschloss sich 
Umar jetzt zur Unterwerfung des ganzen Iran. Er sammelte zwei 

Wellhausen, Skizzen nnd Vorarbeiten. VI. 7 



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98 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 13. 

Heere, in Eufa und in Bapra, ernannte eine Anzahl Befehlshaber 
und wies einem jeden die Provinz an, die er erobern sollte. Sie 
zogen aus im Jahre 18, in der kurzen Zwischenzeit, wo Ibn Itbän 
und Ziäd b. Hantzala zwischen Sa'd und Ammär b. Jäsir Statt- 
halter in Kufa waren (2568 s. 2634 s.). 

Eroberungen der Kufier. Ibn Itbän marschirte über 
Madäin, wo Abdallah b. Varqä alRiähi und A. b. V. alAsadi, 
aber nicht A. b. Y. alChuzäi sich anschlössen, in das Land Ispahan. 
Nachdem der uralte Schahrbaräz Gaduia im Zweikampf gefallen 
war, kapitulirte der üstandär, der Führer des Heeres, für den 
Teil des Landes, welcher Rustäq alSchaich heisst. Dann rückte 
Ibn Itban vor Gai, die Hauptstadt von Ispahan. Der Paduspan, 
der dort residirte, bekam nach einem Zweikampf solchen Respect 
vor ihm, dass er auch kapitulirte. Erst am Schluss kamen Baprier 
hinzu, mit denen Ibn Itbän sich vereinigte, um in Karmän ein- 
zudringen. Die Eapitulationsurkunde von Ispahan ist undatirt. 
(2638—2641). 

Nu'aim b. Muqarrin, der Bruder des bei Nihavand gefallenen 
Nu* man, wurde gegen Hamadan geschickt. Die Stadt war wieder 
abgefallen und musste sich nun zum zweiten mal ergeben. Die 
festen Plätze von Dastaba, der Mark gegen die Dailam, wurden 
mit kufischen Truppen besetzt. Von ihnen ging die Meldung ein, 
dass sich dort ein Gewitter zusammenziehe. Die Dailam unter 
Muta lagerten in Vag Rüdh, mit ihnen vereinigte sich ein Heer 
von Rai unter Zinabi dem Vater Farruchäns, und ein Heer von 
Adharbaigän unter Isfandiadh, dem Bruder Rustams. Nu' aim griff 
die Feinde au und zerstreute sie durch einen grossen Sieg bei 
Vag Rudh. Darauf zog er gegen Rai, schlug den König Siavachsch 
und gewann die Stadt, durch den Verrat des Zinabi, den er zum 
Dank dafür zum Marzban einsetzte^). Auf Befehl Umars machte 
er das neue Rai, das er nicht weit von der alten zerstörten Stadt 
erbaute, zu seiner Residenz und schlug Dastaba dazu, das bisher 
zu Hamadan gehört hatte. Mit Dunbavand, Qumis, Gurgän und 
Dahistan, Tabaristan und Gil Gilan wurden Verträge geschlossen; 
sie sind datirt vom Jahre 18. Die Türken von Dahistan brauchten 
keinen Tribut zu bezahlen, weil sie die Grenze schützten (2647 
bis 2656). 

^) Bei Bai. 317—319 scheint der Mann Zinbadi genannt zu werden; vgl. 
Justi, Namenbuch p. 386. 



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Die Eroberung von Iran. 99 

Nach Adharbaigan ging Bukair b. Abdallah alLaithi. Er 
schlug den Isfandiadh, der nach seiner Niederlage bei Vag Rudh 
heimgezogen war, bei Garmidan und nahm ihn gefangen. Dann 
wurde er nach Bäb beordert, Adharbaigan dagegen dem ütba 
b. Farqad unterstellt, der von Mo^ul vordrang und unterwegs 
einen Bruder des Isfandiadh besiegte. Dieser selbst blieb bei 
ütba, durch seine Vermittelung kam eine friedliche Unterwerfung 
des ganzen Landes zu stände. Die Vertragsurkunde ist datirt vom 
Jahre 18 (2660—2662). 

Gegen Bäb zog Ibn Suräqa, bisher Statthalter von Bapra, mit 
kufischen Truppen; er wurde durch Habib b. Maslama aus Meso- 
potamien unterstützt^). Die persischen Militärgrenzer gegen die 
Türken, unter Schahrbaräz, traten in muslimischen Dienst über. 
Als Ibn Suräqa starb, bekam Abdalrahman b. Rabia den Ober- 
befehl. Zum Erstaunen des Schahrbaräz, der sich mit der Ver- 
teidigung begnügt hatte, griff dieser die Türken, die Balangar, 
an und gelangte bis zur Mauer Alexanders. Als aber mit der 
Meuterei der Kufier gegen den Chalifen Uthman der grosse Abfall 
im Islam eintrat, wandte sich das Blatt. Abdalrahman fiel im 
Kampfe gegen die Türken, Salmän b. Rabia und Abu Huraira 
führten das geschlagene Heer zurück. — Bukair unterwarf Muqän, 
die Vertragsurkunde ist datirt vom Jahre 21 (2663—2671). 

Einige ihrer Eroberungen mussten die Eufier abtreten. So 
gleich anfangs einen Teil von Mäh an die Baprier; aber nicht 
Ispahan. Später, unter Muavia, bekamen die Syrer Anteil an Bäb, 
Adharbaigan und Mesopotamien. Habib b. Maslama unterwarf 
unter Muavia einen Aufstand im Kaukasus und schloss einen 
Vertrag mit den christlichen Bewohnern von Tiflis in Gurzän (2672 
bis 2680). 

Eroberungen der Ba^rier. Ahnaf, der Fürst der Sa'd 
Tamim in und bei Ba^ra, der sich schon früher hervorgetan und 
öfters die Ehre genossen hatte als Siegesbote zu ümar geschickt 
zu werden, empfing den Auftrag, gegen Jezdegerd selber zu kämpfen. 
Dieser war in Folge der Schlacht von Galula nach Rai geflohen, 
von da aber sofort weiter über Ispahan nach Karmän, und endlich 
nach Marv, von wo aus er die Erhebung des Hurmuzan in Färs 
(Ahväz?) und des Fairuzan in Mäh (Nihavand) veranlasste und 



1) Tab. 2889 ss. setzt Saif diese Geschichte in das Jahr 32. 

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100 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 13. 

dadurch die Muslimen bewog, der Herrschaft des Iran-schah ein 
Ende zu machen. Ahnaf drang durch die Tabasän *) in Churäsän 
ein, eroberte selber Herät, durch seine Offiziere Naisabur und Sarachs, 
und rockte dann gegen Marv vor. Jezdegerd floh von dort nach 
Marv Rüdh, weiter nach Balch, endlich über den Oxus. Kufische 
Truppen, die zur Verstärkung der Baprier gekommen waren, nahmen 
Balch ein. Ganz Churasan unterwarf sich, von Naisabur bis 
Tuchäristan, einige Burgen ausgenommen. Ahnaf nahm seine 
Wohnung in Marv Rudh, Umar verbot ihm den Oxus zu über- 
schreiten. Jezdegerd war aus seinem Lande gejagt, ehe der Chaqan 
und der Ghauzak ihm die zugesagte Hilfe hatten leisten können. 
Weil aber die Könige den Königen beistehn, so schickte sich der 
Chaqan mit den Türken und den Leuten von Farghäna und Soghd 
nachträglich an, den flüchtigen Schah zurückzuführen. Die Heiden 
vertrieben die Kufier aus Balch, drangen vor bis Marv Rudh und 
brachten den Ahnaf in eine gefährliche Lage. Da kehrten sie 
plötzlich um, erschreckt dadurch dass die drei Ritter mit Pauken, 
welche sie vor dem Heer vorauszuschicken pflegten, eines Morgens 
tot da lagen — Ahnaf selber hatte sie auf einem einsamen nächt- 
lichen Abenteuer alle drei erlegt. Jezdegerd hatte sich von den 
Türken in Marv Rudh getrennt und war nach Marv gegangen, 
um seine Schätze von dort zu entführen. Es gelang ihm auch, 
jedoch die Churasanier selber nahmen sie ihm wieder ab, im Kampf 
mit seinen Knechten, weil sie nicht wollten, dass er damit nach 
Balch oder noch weiter abzöge. Er musste mit Zurücklassung 
seines Gepäckes fliehen und hielt sich während der ganzen Zeit 
Umars in Farghäna auf, fortwährend mit Plänen gegen die Muslime 
beschäftigt, gegen die er sogar den König von Qin aufzubieten 
suchte. Die Churasanier aber machten ihren Frieden mit Ahnaf 
und lieferten ihm jene Schätze aus; sie fühlten sich unter dem 
neuen Regiment bald viel glücklicher als unter dem alten und 
ebenso frei (2680—2690). 

Färs war schon früher einmal von Bahrain aus in Angriff ge- 
nommen worden. Der Statthalter Alä alHadrami setzte ungeheissen 
über den Meerbusen, schlug zwar den Herbed von Istachr bei 
Taus, fand sich aber dann von seinen Schiffen abgeschnitten, wurde 
bei dem Versuch zu Land über Ba^ra zurückzukehren von Schahrak 



Vgl. Madäini 2704 s. 

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Die Eroberung von Iran. 101 

bei Tavag gestellt und koonte von Glück sagen, dass die Ba^rier, 
unter Abu Sabra, dem Offizier des ütba b. Ghazvän, herbeieilten und 
ihn heraushieben. Der Chalif strafte ihn empfindlich für seinen 
Fürwitz und vereinigte Bahrain mit Jamäma. Im Jahre 18 sandte 
er dann drei baprische Heerhaufen in jene Gegend. Mugäschi b. 
Mas*üd alSulami drang in Sabür und Ardeschirchurra ein und siegte 
bei Tavag (zweite Schlacht von T.). Uthman b. AbiTÄ^ alThaqafi 
drang gegen Istachr vor und zwang nach einem Siege bei Gur den 
Herbed zu kapituliren; gegen Ende der Regierung Umars hatte er 
noch einen Aufstand zu unterdrücken, wobei Schahrak und sein 
Sohn fielen. Säria b. Zunaim alKinani unterwarf Fasa und 
Darabgird (2546-2550. 2694—2703). 

Karman und die Qufs wurden durch Suhail b. Adi und Ibn 
Itban, der sich mit jenem nach der Einnahme von Ispahan ver- 
einigt hatte, bezwungen. Sie drangen vor bis Giraft, zogen dann 
weiter nach Mukran und halfen dem dorthin beorderten Hakam 
b. Amr alTaghlibi gegen den König Räsak, der nicht weit vom Indus 
besiegt wurde. Suräqa meldete dem Umar den Sieg in gereimter 
Prosa, der Chalif befahl den Indus nicht zu überschreiten. Sagistan 
wurde durcli A^im b. Amr alTamimi und Abdallah b. Umair unter- 
worfen, die Haupstadt Zarang kapitulirte unter der Bedingung, 
dass die heiligen Haine (Fadäfid) geschont werden sollten — eine 
Bedingung, die die Muslime gewissenhaft beobachteten. Sagistan 
war damals grösser als Churasan, es erstreckte sich vom Indus 
bis zum Oxus und grenzte an das Reich von Gundahar und an das 
der Türken (2704—2708). 

Während diese Heere in den Osten vordrangen, rotteten sich 
die Kurden in Bairudh, einer Landschaft von Ahväz, zusammen. 
Der Chalif hatte diese Möglichkeit vorausgesehen und den Abu 
Musa zur Rückendeckung postirt. Dieser schlug die Kurden 
zwischen Nähr Tira und Manädhir, überliess indessen die Be- 
lagerung der in ein Kastell geflüchteten Feinde dem Rabi b. Ziäd 
und zog selber über Ispahan, das eben von den Kufiern belagert 
wurde, nach Ba^ra zurück (2708—2712). 

So stellt Saif die Eroberung von Iran dar. Die Haltlosigkeit 
seiner Darstellung ergibt sich schon aus ihr selber. Sie ist äusserst 
systematisch. Der Chalif beschliesst, das Reich von Iran einzu- 
verleiben. Er bietet zu dem Zweck die Ba^rier und die Kufier 
auf, teilt sie in so und so viel Heerhaufen mit diesen und jenen 



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102 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 13. 

Führero, und verleiht dem einen bayrischen Führer die Fahne*) 
für Churasan, dem andern die für Istachr oder Mukran, desgleichen 
dem einen kufischen Führer die Fahne für Hamadan und Rai, 
dem andern die für Ispahan oder Adharbaigan: ganz so wie es nach 
Saif früher auch Abubakr gemacht hat. Genau nach dem Programm 
wird dann das Spiel ausgeführt. Jeder geht gradeswegs auf das 
ihm gesteckte Ziel los, man marschirt getrennt und man schlägt 
getrennt. Diese Strategie, hinten und vorn zugleich anzugreifen 
mit vollkommener Zersplitterung der Kräfte, hat die. besten Erfolge; 
es geht Alles wie am Schnürchen. In dem selben Jahre, in dem 
das Werk angefangen ist, wird es auch vollendet, ümar macht 
ganze Arbeit. Er lässt in Asien seinem Nachfolger Uthman kaum noch 
etwas zu tun übrig; unter diesem trat ja auch der Sündenfall in 
der Theokratie ein, der zur Folge hatte, dass es seitdem mit dem 
Glück, wenigstens mit der Unbesieglichkeit der muslimischen 
Waffen aus war — nach der vollkommen mit Judicum 2 über- 
einstimmenden Betrachtungsweise Saifs. Schwierigkeiten verursacht 
ihm nur die Placirung der Schlacht von Nihavand. Ging sie dem 
allgemeinen Angriff auf Iran voraus oder war sie der Anfang des- 
selben? Saif schwankt in der Beantwortung dieser Frage. Er 
betrachtet die Schlacht in Medien einerseits als die Fortsetzung 
und den Abschluss der Kämpfe in Ahvaz, die den Umar zu dem 
Beschluss der Schahenherrschaft ein Ende zu machen veranlassten, 
sagt auch ausdrücklich, die Aussendung der kufischen und baprischen 
Heere zur Ausführung dieses Beschlusses sei erst nachher geschehen 
und nennt den bei Nihavand gefallenen Nu' man b. Muqarrin nicht 
mit unter den kufischen Führern, sondern statt dessen seinen 
Bruder Nu'aim (Tab. 2634 s.). Aber andererseits datirt er Nihavand 
erst auf Ende 18 oder Anfang 19 und erzählt die Aussendung 
der bayrischen Truppen schon vorher (Tab. 2568 s.). Das Natür- 
lichste wäre gewesen, die Schlacht als die Eröffnung des grossen 
Feldzuges gegen Iran anzusehen; indessen das tut Saif auf keinen 
Fall. Sie passt ihm nicht ins System und stört seine Kreise: um 
so schlimmer für das System. 

Daneben lässt sich auch hier die ausgesprochene Vorliebe Saifs 
für die Kufier deutlich verspüren. Wie sie Mesopotamien erobert 



*) Die Verleihung der Fahne (Livä) bedeutet die Ernennung zum Com- 
jpftndo w^d zugleich die Belehnung mit der Provinz. 



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Die Eroberung von Iran. 103 

haben und den Syrern bei Him^ gegen die Romäer zu Hilfe geeilt 
sind, so haben sie auch den Bapriern überall beigestanden. Um- 
gekehrt haben die Ba^rier ihnen nirgend genützt; bei der Belagerung 
von Ispahan ist Abu Musa nur nachträglioh dazu gekommen, ohne 
aber etwas zu leisten. Ohne die Kufier wäre Ahväz nicht be- 
zwungen, ihr Führer Nu* man b. Muqarrin hat den Hauptschlag 
gegen Hurmuzan geführt, erst dann ist er nach Nihavand gezogen '). 
Der grosse Sieg von Nihavand ist ausschliesslich den Kufiern zu 
danken, sie haben in Folge dessen ganz Medien erobert, von dem 
ihnen ein Teil, Mah Sabadan, schon früher aus der Erbschaft von 
Madain zugefallen war. Es war darum ein Unrecht, dass der Chalif 
Umar gewisse medische Landschaften den Ba^riern zusprach, welche 
erdichtete Ansprüche darauf geltend machten. Die Kufier haben 
auch in Churasan und Earman den Ba^riern geholfen, überall 
werden ihre Verdienste gebührend herausgestrichen. Mit der Tendenz, 
die sich darin kundgibt, darf man dann wol auch die jedenfalls 
falsche Angabe zusammenbringen, dass Bapra nicht älter sei als 
Kufa und dass der erste Statthalter von Ba^ra vom ersten Statt- 
halter von Kufa Befehle erhalten habe*): die Priorität soll der 
Rivalin nicht gegönnt werden. 

Hinwiederum wird Bapra gegen Bahrain bevorzugt. Die Er- 
oberung des eigentlichen Färs ist in der Tat von dem gegenüber- 
liegenden Bahrain ausgegangen. Saif aber schreibt sie ausschliesslich 
den Ba^riern zu. Er erzählt nur von einem verunglückten Versuch 
des Alä von Bahrain sich in Fars Lorberen zu gewinnen: wären 
die Ba^rier nicht gewesen, so wäre es ihm übel ergangen. Den 
Uthmän b. Abi TA^, dessen Verdienste er nicht leugnen kann, 
macht er zu einem der baprischen Offiziere, die nach ihm im 
Jahre 18 von Umar ausgesandt wurden ; während derselbe in Wahr- 
heit seine erfolgreichen Expeditionen über den persischen Meerbusen 
als Statthalter von Bahrain und Jamäma unternommen hat. 
Später freilich wurde Bahrain und Jamäma zu Ba^ra geschlagen; 
das geschah aber erst unter dem Chalifen Uthmän zu gunsten des 
Ibn Amir. 

Öas agirende Personal ist auch in diesem Akt bei Saif zahl- 
reicher und anders als bei den übrigen Erzählern. Bei deu 



2552. 2614. 2616. 2672. 
3) 2377. 2380. 2498. 2550. 



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104 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 13. 

Iraniem, die er nennt, wiederholen sich die früher von uns be- 
obachteten verdächtigen Erscheinungen. Über Fairuzan und Bahman 
Gaduia bei Nihavand habe ich bereits oben p. 83 gesprochen. 
Die Brüder Rustams in Adharbaigän, Isfandiadh und Bahram b. 
Farruchzäd, wozu als dritter noch Binduän in Bäb kommt ^), sind 
deshalb zweifelhafte Existenzen, weil die Familie Rustams vielmehr 
in Sagistan zu Hause war: Saif (2235, 6) macht ihn allerdings 
zu einem Armenier. In Rai hat nach Tab. 2681 Abän Gaduia 
das Heft in Händen, der dem flüchtigen Jezdegerd das königliche 
Siegel abnimmt und damit eine Anzahl falscher Besitztitel legalisirt, 
die hernach von Sa*d b. Abi Vaqqä9 anerkannt werden; dagegen 
trifft Nuaim dort den Siavachsch b. b. Bahram Tschubin als König 
und neben ihm den Zinabi, der von den Muslimen zum Marzbän 
ernannt wird. Der Zweikampf des Schahrbaräz von Ispahan, dessen 
Ausgang zur Kapitulation des Landes führt, konkurrirt mit dem 
Zweikampf des Paduspan von Ispahan, dessen Ausgang die 
Kapitulation der Hauptstadt zur Folge hat; um so wahrscheinlicher 
ist es, dass der im Zweikampf erlegte Schahrbaräz von Ispahan 
sich in Wahrheit von dem im Zweikampf erlegten Schahrbaräz 
von Istachr (2428, 13) nicht unterscheidet, wie denn auch der 
Ustandär von Ispahan mit dem Paduspan von Ispahan in Wahrheit 
sich decken wird. Die Araber, die Saif auftreten lässt, spielen bei 
den übrigen Historikern keine Rolle. Von Abdallah b. Itban und 
Ziäd b. Hantzala als Statthalter von Kufa zwischen Sa'd und 
Ammär b. Jäsir (Tab. 2634) weiss ausser ihm niemand etwas. 
Ebenso wenig von Abu Sabra b. Abi Ruhm als Statthalter von 
Ba^ra für den Rest des Jahres, in dem ütba b. Ghazvan starb, und 
als Oberbefehlshaber des vereinigten kufisch- bayrischen Heeres in 
Ahväz (2498 — 2551 s.). Auch davon verlautet sonst nichts, dass 
die Statthalterschaft in Ba^ra beständig zwischen Abu Musa und 
ümar b. Suräqa alternirt habe und damals eigentlich überhaupt 
noch kein festes Amt gewesen sei'). Anstatt der bekannten Per- 
sonen nennt Saif unbekannte und zwar solche, die nicht den Städten 
Mekka Medina und Taif angehören, sondern den Qabilen. Er 
sagt nichts von den Verdiensten Mughiras bei der Eroberung von 
Ahväz; er drängt den Mekkaner Hudhaifa zurück hinter dem 



1) Tab. 2251. 2306; vgl. dagegen 2663: Schahrbaräz. 

2) Tab. 2551. 2636. 2663. 2679. 2713. 



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Die Eroberung von Iran. 105 

Muzaniten Nu'aim und erwähnt bei der Eroberung von Bäb viel- 
mehr einen Ghifariten Hudhaifa (2663); er polemisirt dagegen, dass 
der Mekkaner (Chuzäit) Abdallah b. Varqä, wie sonst erzählt wird, 
sich um die Einnahme Ispahans verdient gemacht habe, es seien 
vielmehr zwei — nun auch gleich zwei! — andere gleichnamige 
Beduinen gewesen (2636). Fast alle Führer, die im Jahre 18 von 
Kufa und Ba^ra ausmarschiren, sind nach ihm Beduinen. Und 
zwar gehören sie zu den verschiedensten Stämmen. Doch tritt 
Saifs Vorliebe für die Tamim auch hier hervor, weniger in dem 
was er über die Taten Qa'qäs bei Nihavand und Hamadan und 
über die Eroberung Sagistans durch A^im b. Amr berichtet, als 
in den Lorberen die er um da3 Haupt Ahnafs windet: Ahnaf hat 
die Vertreibung Jezdegerds aus Marv, die Bezwingung von Churasan 
und die Besiegung der Türken dem Quraischiten Ibn Amir schon 
im Jahre 18 vorweggenommen, er ist der eigentliche Triumphator 
über das Reich der Schaben gewesen ^). Es braucht nicht bezweifelt 
zu werden, dass diese Männer dabei gewesen sind und sich aus- 
gezeichnet haben; aber an leitender Stelle haben sie in der Regel 
nicht gestanden. Saif reproducirt vermutlich die in den Clubs von 
Kufa und Ba^ra umlaufenden Stammgeschichten ; er selber tut die 
planmässige Übersichtlichkeit hinzu, die doch in sich völlig unmöglich 
ist. Einen wirklichen Überblick über den Verlauf der Dinge hatte 
man nur in Medina; daher der Vorzug der medinischen Tradition. 
Am deutlichsten treten die Schwächen der Erzählung Saifs in 
seiner Chronologie hervor. Kufa und Ba^ra wurden zu gleicher 
Zeit gegründet, im Muharram 17. Sa'd regierte 3V2 Jahre in 
Kufa, bis Mitte 20, wurde aber schon vor der Schlacht bei Nihavand 
abgesetzt, die spätestens Anfang 19 fiel, ütba b. Ghazvan trat 
gleichzeitig in Ba^ra an und starb noch während der Amtszeit 
Sa*ds, regirte aber auch 372 J^hre. Unermesslich ist der Inhalt, 
den das Jahr 18 fassen soll. Ganz Iran, abgesehen von Saväd und 
Ahväz, wurde in diesem Jahre erobert, Medien Adharbaigan und 
Kaukasien einerseits, Persien Karman Mukran Sagistan und Churasan 
andrerseits. Mitgeteilte Urkunden beglaubigen diese Zeitangabe, sie 
ist natürlich trotzdem unglaubwürdig, eine Ausgeburt der Systematik, 
welche durch die echte Tradition vollkommen widerlegt wird. Eine 



') Ober Ibn Amir sagt Saif (Tab. 2802) nur, er sei a. 24 von üthman über 
Sagistan gesetzt. 



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106 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 13. 

kurze Darlegung des Inhalts dieser echten Tradition ist notwendig, 
um die Kritik der falschen zum Abschluss zu bringen, besonders 
auch in chronologischer Hinsicht. 

Ba^ra wurde in Wahrheit viel früher als Kufa gegründet*), 
nämlich nach der Schlacht von Buyaib (Bai. 256. Mad. bei Tab. 2378). 
Madaini nimmt an, dass diese Schlacht schon im Qafar 14 statt- 
gefunden habe, er setzt die Ankunft der von ütba b. Ghazvan ge- 
führten Militärkolonie in der Gegend des nachmaligen Ba^ra auf 
den Rabi 14, dementsprechend die Eroberung von Ubulla, der 
Vorgängerin von Ba^ra, auf den Ragab oder Schaban 14'). Nach 
Baladhuri und Ibn Ishaq kann aber die Schlacht von Buvaib nicht 
vor Ende 14 geschlagen und Utba also nicht vor Anfang 15 nach 
Ba^ra gekommen sein; auch nach einer Nachricht bei Madaini kam 
er erst a. 15 oder a. 16 (Tab. 2388). Er starb nach Madaini schon 
nach sechs Monaten '). Sein Nachfolger wurde Mughira b. Schu' ba, 
einer von den Thaqafiten, die sich an Utba gehängt hatten, weil 
seine Frau zu ihnen gehörte, und Fortune in Ba^ra machten*). 
Vor dem allgemeinen Angriff der Perser unter Rustam scheint 
Mughira Ba^ra geräumt und sich auf das muslimische Hauptquartier 
zurückgezogen zu haben *). Nach zwei Jahren wurde er abgesetzt 
(Mad. 2388), im Rabi I 17 (Vaqidi 2529). An seine Stelle trat 



*) Es war keine so offizielle Gründung wie Kufa und anfangs von ge- 
ringerer Bedeutung, namentlich in politischer Hinsicht. Aber die Stadt lag 
unvergleichlich gunstiger und entwickelte sich durch ihre natürlichen Hilfs- 
mittel. Während Kufa durch die Verlegung der Residenz nach Bagdad mehr 
und mehr sank und jetzt verschwunden ist, blüht die Rivalin noch immer. 

2) Tab. 2378. 2383 ss. Die Gegend wird als die Mark von Bind oder 
Qin bezeichnet, wegen des Seeverkehrs mit Indien und China. Dem ütba 
hatte dort der Bakrit Suvaid b. Qutba ähnlich vorgearbeitet, wie Muthanna 
dem Chalid in der Landschaft von Hira; nach Baladh. 340 s. Statt des Bakriten 
Suvaid nennt Madaini bei Tab. 2384 den Qutba b. Qatäda alSadusi und den 
Qasäma b. Zuhair alMazini. 

3) Tab. 2388. Die umstände seines Todes werden Tab. 2386 und Bai. 343 
übereinstimmend erzählt Anders dagegen Bai. 345 vgl. 350; hier wird wie 
bei Saif fälschlich vorausgesetzt, dass Utba in Ba^ra gleichzeitig mit Sa'd in 
Kufa gewesen sei und sich ihm nicht habe unterordnen wollen. 

*) Tab. 2385. 2388. Scholion zu BHischam 874, 17. Tab. 2532, 13. Zu 
diesen Thaqafiten gehörte auch der junge Ziäd b. Abihi, der seine Laufbahn 
als Schreiber und Beuteteiler begann. 

^) Die Angabe des Ibn Ishaq (Tab. 2350), Mughira sei von Medina nach 



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Die Eroberung von Iran. 107 

Abu Musa; das Schwanken Baladhuris (345), ob im Jahre 16 oder 
17, wird durch die Übereinstimmung von Madaini und Vaqidi zu 
Gunsten des Jahres 17 entschieden. Als Sa'd Statthalter von Kufa 
wurde, war nach alledem ütba, der Gründer von Ba^ra, längst 
nicht mehr unter den Lebenden; er war schon vor der Schlacht 
von Qadisia gestorben, 

Demgemäss sind auch die Eroberungen von Ba^ra älter als die 
von Kufa, vorausgesetzt dass man Kufa von Hira unterscheidet. 
Schon Utba drang in der Richtung gegen Ahväz vor; sein Nach- 
folger Mughira überschritt den Dugail und brachte Beravän, den 
Dihqan von Suq Ahväz, zur Unterwerfung, wenn auch nicht für die 
Dauer (Bai. 376). Der eigentliche Eroberer von Ahväz war aber 
der von Saif geflissentlich in den Hintergrund gedrängte Abu Musa- 
er unterwarf den grössten Teil des Landes, wärend der Zeit, wo 
Sa' d b. Abi Vaqqäp im Iraq regierte. In dieser Zeit begannen auch 
die Kufier sich auszudehnen, gegen Medien und gegen Mesopotamien 
zu. Die Grenzprovinzen, die nach Saif von Madäin auf Kufa über- 
gegangen sind, wurden in Wahrheit erst von Kufa aus erobert, 
und zwar Hulvän im Jahre 19, Mo^ul im Jahre 20. Qarqisia und 
Mahsabadan scheinen erst a. 21 definitiv unterworfen zu sein, und 
auch gar nicht einmal von den Kufiern, sondern jenes von den 
Syrern, dieses von den Ba^riern. 

Gegen Hurmuzan vereinigten sich die Kufier mit den Ba^riern 
in Ahvaz. Saif redet von drei Aufständen Hurmuzans und sieht 
die ganze Eroberung von Ahvaz als eine notgedrungene Abwehr 
der wiederholten Angriffe dieses Marzbans an. Die Älteren lassen 
ihn aber nur einmal auftreten, als Leiter desjenigen Aufstandes, 
der bei Saif der dritte und letzte ist. Er war sehr gefährlich für 
die Muslime und erheischte das Aufgebot grosser Kräfte; der letzte 
und wichtigste Akt war die Belagerung und Einnahme der Stadt 
Tustar. Dieselbe fand statt als Ammär b. Jäsir Statthalter in 
Kufa war, d. i. im Jahre 21^). Ammär war der unmittelbare 



Qadisia gekommen, und die des Baladhuri (256), er sei von Abu Musa aus 
Ba^ra gesandt, sind irrig. Vgl. p. 74 n. 3. 

1) Bai. 301 s. 380 s. Madaini bei Tab. 2561 ss. Das Jahr 21 für Ammär 
nennt Vaqidi bei Tab. 2645 ss., Baladhuri (301) das Jahr 19, im Widerspruch 
zu anderen Angaben. Nach Saif regierte Sa'd dreiundeinhalb Jahr in Kufa. 
Nach Tab. 2594, 15 wurde er a. 20 abgesetzt. 



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108 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 13. 

Nachfolger Sa'ds, er blieb nur kurze Zeit im Amte, dann folgte 
ihm Mughira b. Schu'ba^). 

Die Schlacht von Nihavand fand ebenfalls unter. Ammär b. 
Jäsir statt, also auch noch im Jahre 21'). Es liegt darum die 
Vermutung nahe, dass die Erhebung Hurmuzans in Ahvaz im 
Zusammenhang stand mit der von Jezdegerd erregten grossen Er- 
hebung der Iranier in Medien und ein Vorspiel dazu war. So 
stellen Saif und Madaini die Sache dar (2551. 2562). Jezdegerd 
hielt sich damals aber nicht in Marv auf, wie Saif meint, sondern 
noch im Westen von Iran. Nach Madaini befand er sich in Istachr, 
nach Baladhuri war er a. 19 aus Hulvan nach Ispahan geflohen 
und ging erst nach der Schlacht von Nihavand von dort nach 
Istachr. Diese letztere Angabe ist wahrscheinlicher; historische und 
geographische Gründe sprechen dafür, dass die Mine, die in Nihavand 
explodirte, von Ispahan aus gelegt war'). Dass die Kufier nicht 
erst bei Nihavand eingriffen, sondern schon bei der Niederwerfung 
Hurmuzans in Ahvaz beteiligt waren, wird einstimmig berichtet. 
Nach Saif standen sie damals unter Nu* man b. Muqarrin; auch 
Baladhuri (381) gibt an, dass Nu* man und Hudhaifa schon Tustar 
mit belagert hätten. Aber dem widersprechen Ibn Ishaq, Abu 



^) Saif setzt den Abdallah b. Itban und den Ziäd b. Hantzala zwischen 
Sa'd und Ammär, ferner den Abu Musa zwischen Ammär und Mughira, aber 
die ältere Tradition weiss davon nichts. 

^ Die allgemeine Annahme, dass zur Zeit von Nihavand Ammär Statt- 
halter war, wird auch von Saif geteilt (2608). Damit ist das Jahr auf 21 be- 
stimmt und dies Jahr wird von den besten Autoritäten ausdrücklich genannt 
(2596). Ibn Kalbi (bei Bai. 305) gibt ein früheres Datum an; er verfrüht auch 
die Eroberung von Adharbaigan und von Armenien. 

^ Nihavand wird in folge dessen geradezu mit Ispahan gleichgesetzt. 
Ma'qil b. Jasär (Tab. 2641 ss.) sagt, Nu'män b. Muqarrin, der Sieger von 
Nihavand, der in der Schlacht fiel, habe Ispahan erobert. Der gefangene 
Hurmuzän riet dem Ohalifen, nicht Färs und Adharbaigan, die beiden Flügel, 
sondern Ispahan, das Herz, anzugreifen; demzufolge wurden die muslimischen 
Truppen nach Nihavand dirigirt. Ispahan ist dabei als Landesname aufzu- 
fassen, die gleichnamige Stadt wurde erst geraurpe Zeit nach der Schlacht von 
Nihavand eingenommen. Sie ist viel weiter von N. entfernt als Hamadan, 
muss aber damals eine überwiegende Bedeutung gehabt haben, wol wegen 
ihrer centralen Lage zwischen Medien, Ahvaz, Färs und Churasan. Nach Ibn 
Ealbi soll Jezdegerd erst in Folge der Schlacht von Nihavand nach Ispahan 
geflohen sein; vgl. Tabari 2875 ss. 



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Die Eroberung von Iran. 109 

Aväna und Ziäd b. Gubair^). Nu' man ist vielmehr erst nach dem 
Fall von Tustar mit frischen Trupen aus Kufa eingetroffen und hat 
dann den Gesamtbefehl auch über die Truppen in Ahväz über- 
nommen. Auch mit der Behauptung hat Saif Unrecht, dass aus- 
schliesslich die Kufier (Jen Sieg von I^havand erfochten hätten. Sie 
stellten wol das Hauptcontingent, aber es waren doch auch Ba^rier 
dabei. Das erfordert die Situation, Ziäd b. Gubair sagt es aus- 
drücklich, es erhellt auch aus der Angabe, dass nach jenem Siege 
und ohne Zweifel in Folge desselben die Ba^rier Mahsabadan er- 
oberten. In der Beschreibung der Schlacht und ihrer Episoden 
herrscht ziemliche Übereinstimmung bei den verschiedenen Bericht- 
erstattern. Es wurde über sie fast eben so viel gesungen und 
gesagt wie über die Schlacht von Qadisia; die selben Anekdoten 
kehren hier und dort wieder, auch die Helden sind zum teil die 
selben, auf persischer und auf arabischer Seite. 

Nu' man b. Muqarrin fiel in der Schlacht. Sein Nachfolger im 
Befehl über die Kufier wurde nicht sein Bruder Nu'aim, wie Saif 
angibt, sondern Hudhaifa. Man sollte meinen^ dass nun zunächst 
Medien unterworfen wäre. In der Tat berichtet Saif so, auch 
Madäini und Baladhuri nehmen es an*). Nach anderweitigen guten 
Nachrichten freilich wurden Hamadan und Rai und Ispahan erst 
im Jahre 23 erobert oder noch etwas später'). Indessen muss 
doch eine Art Unterwerfung Mediens (durch Hudhaifa und seine 
Offiziere) der Unterwerfung von Adharbaigan im Jahre 22 vorauf- 
gegangen sein. Sie war aber nicht so gründlich und vollständig, 
dass sie nicht der Fortsetzung und Ergänzung bedurfte. Selbst die 
Stadt Nihavand musste a. 24 noch einmal erobert werden (Bai. 309). 

Die erstmalige Eroberung von Adharbaigan wird von Vaqidi, 
Abu Ma' schar und Elias Nisibenus in das Jahr 22 gesetzt^) und 
dem Mughira b. Schu* ba zugeschrieben *). Jedoch nach Ibn Kalbi 

1) Tab. 2596—8. 2600 ss. 2615. Vgl. auch Bai. 302 s. 

2) Tab. 2836, 16: Qumis war zum erstenmal durch Hudhaifa unterworfen. 
Bai. 317, 3. 319, 6: Rai und Dastaba wurden bald nach der Schlacht von 
Nihavand eingenommen. 

3) Tab. 2650. 2694. Bai. 309. 311s. 321. Elias Nisib. sub anno 23. 24. 
*) So auch von Ibn Kalbi bei Tab. 2806, aber von dem selben bei Bai. 

326 fölschlich ins Jahr 20. 

5) Diesem wird im Kitab alAghani (DMZ 1896 p. 147) und bei Tab. 2650 
die Einnahme von Hamadan zugeschrieben, die in Wahrheit nur unter ihm, 
aber durch Garir geschah (Bai. 309. 321). Vgl. Elias sub anno 23. 24. 



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110 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 13. 

(Tab. 2806) war der Tribut, den die Leute von Adharbaigan. 
zahlen mussten, ihnen von Hudhaifa auferlegt, und Baladhuri (325 
327) sagt, Mughira habe als Statthalter von Kufa den Hudhaifa 
von Nihavand nach Ardebil beordert, der Residenz des Marzbän 
von Adharbaigan. Dann ist also die Besetzung von Adharbaigan 
nur unter Mughira, aber durch Hudhaifa erfolgt. Im Jahre 26 
wurde Adharbaigan noch einmal von Valid b. üqba, Statthalter 
von Kufa, unterworfen, der zur weiteren Pacificirung den Asch* ath 
b. Qais dort zurückliess '). Die erste der Rede werte Invasion in 
die Gebirgsländer südöstlich vom kaspischen Meere machten die 
Kufier erst a. 30 unter Said b. A9, der in diesem Jahre an die 
Stelle Valids getreten war'). Im Jahre 31 sandte Said auf 
üthmans Befehl 6000 Kufier unter Salmän b. Rabia nach Armenien, 
um dort die Syrer unter Habib b. Maslama gegen die verbündeten 
Romäer (unter Maurianus) und Türken zu unterstützen '). Salmän 
kämpfte zuerst glücklich mit den Türken im Kaukasus, erlitt aber 
hernach eine vernichtende Niederlage und fiel. Sein Nachfolger 
im Befehl über das kufische Armenien wurde Hudhaifa ^). 

Einige südliche Teile von Medien, die an Ahvaz grenzten, 
fielen den Ba^riern zu. Sie eroberten nach der Schlacht von 
Nihavand Dinavar '*), Mahsabadan und Mihriganqadhaq, vollendeten 
die Unterwerfung von Ahvaz *) und dehnten sich nach Qumm und 
Qaschan aus; auch bei der Einnahme von Ispahan sollen sie be- 
teiligt gewesen sein^). Ihr oberster Führer war noch immer Abu 
Musa, der von a. 17 bis a. 29 Statthalter in Ba^ra blieb, vielleicht 



1) Valid folgte a. 26 (Tab. 2811) in Kufa auf Sa'd b. Abi Vaqqä?, der 
nach Vaqidi (2802) a. 25. wieder in sein altes Amt (an Stelle Mugbiras) ein- 
gesetzt war. Sein Zug nach Adharbaigan wird also ins Jahr 26 (Tab. 2804, 14) 
fallen, nicht 25 (Bai. 327), noch weniger 24 (Ibn Kalbi bei Tab. 2804 ss.). 

2) Tab. 2835. Bai. 334 s. Elias ad annum 30. 

3) Vaqidi bei Tab. 2808 s. 2871. Bai. 199, 2. Elias Nis. sub anno 31. 
Theoph. A. M. 6145 (Mauptavdc). Von Ibn Kalbi (Tab. 2805 ss.) wird dieser 
Zug confundirt mit dem des Valid im Jahre 26. 

^) Bai. 203 s. Tab. 2892 ss. 

^) Dafür tauschten sie später von den Kufiem Nihavand ein, so dass fortan 
dies Mah alBa^ra, und Dinavar Mah alKufa hiess (Bai. 306). Der Eigenname 
Mah wird als eine Art Appelativ für Kreis oder Gau gebraucht, aber nur im 
Bereich des alten Landes Medien (= Mah). 

6) So ist Bai. 312, 2. 3 zu verstehn. 

7) Bai. 312 s. vgl. 403. 



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Die Eroberung von Iran. 111 

mit einer ganz kurzen Unterbrechung am Ende der Regierung 
ümars^). 

Im Jahre 23 scheint Abu Musa mit Ahvaz fertig geworden 
zu sein. Nun wandte er sich nach Färs, wo ihm von Bahrain 
aus schon seit lange vorgearbeitet war'). Nach Baladhuri, dem 
wir, abgesehen von Saif, den einzigen fortlaufenden Bericht ver- 
danken (p. 386 SS.), hatte Uthman b. Abi'TA^, der mindestens seit 
a. 17 Statthalter in Bahrain und Jamäma war und es bis a. 29 
blieb, das Hauptverdienst um die Eroberung von Färs. Nachdem 
zuerst sein Bruder Hak am die grosse Insel Abar-Kavan (Jaqut 2, 79 s.) 
besetzt und weiter den Marzban Schahrak bei Räschahr unweit 
Tavag geschlagen und getötet hatte (a. 19), ging er selber über 
das Meer, machte Tavag zu seinem Standlager und unternahm von 
dort Expeditionen. Gegen Ende der Regierung ümars, also im 
Jahre 23, kam Abu Musa mit den Ba^riern hinzu, mit dem üthman 
zeitweise gemeinschaftlich operirte. Verschiedene persische Land- 
schaften und Städte wurden unterworfen ; besonders hervorgehoben 
wird, dass der Bruder des Schahrak die Stadt Sabur durch Kapitu- 
lation dem üthman übergab, a. 23 oder 24. Später aber fiel 
Sabur wieder ab und wurde von Abu Musa und üthman noch 
einmal eingenommen; bei dieser Gelegenheit wird üthman, wahr- 
scheinlich irrig, für den Vorhutftihrer des Abu Musa ausgegeben. 
Die Stadt Istachr kapitulirte a. 28, fiel aber gleich wieder ab. 
Die Vollendung der Unterwerfung vor Pars gelang erst dem Nach- 
folger des Abu Musa und des üthman, Abdallah b. Amir, im 
Jahre 29. Er eroberte Gur, die Hauptstadt von Ardeschirchurra 
und auch Istachr (315). 



^) Der Ausdruck Bai. 388, 16 braucht sich allerdings nur auf die Be- 
stätigung des Abu Musa durch den neuen Chalifen Uthman zu beziehen. 
Vgl. aber Tab. 3043, 9. Saif (Tab. 2710) redet von einer Verklagung des 
Abu Musa bei Umar, sagt indessen 2802, Uthman habe den Abu Musa be- 
lassen. 

^) Schon unter Ala b. Hadrami soll eine persische Insel erobert sein 
(Bai. 386) und schon a. 15 soll Uthman b. Abi TA^, als Statthalter von Bahrain 
eine Expedition nach Sind veranlasst haben (Bai. 431 s.). Uthman war aber 
damals wol noch nicht Statthalter von Bahrain. Die Statthalterubersichten, 
die Tabari am Schluss jedes Jahres gibt, nennen allerdings Uthman schon 
für a. 15 (und zweifelnd schon für a. 14), aber für a. 16 noch Ala, und erst 
von a. 17 an dauernd üthman. 



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112 Prolegomena zur ältestcD Geschichte des Islams. § 13. 

• 

Mit diesem Berichte Baladhuris lassen sich einzelne kurze 
annalistische Notizen des Vaqidi und des Abu Ma* schar bei Tabari 
vergleichen, die wie es scheint auch dem Elias Nisibenus direct 
oder indirect vorgelegen haben. Nach Tab. 2694 und Elias wurde 
Istachr schon a. 23 von Abu Musa und Uthman zum ersten mal 
eingenommen. Die Eroberung der Stadt Sabur durch Abu Musa und 
Uthman, die Baladhuri nicht datirt, fiel nach Tab. 2810 und Elias 
in das Jahr 26. Die Einnahme von Istachr im Jahre 28 wird von 
Vaqidi bei Tab. 2827 und von Elias richtig dem Hischam b. Amir, 
einem Offizier des Abu Musa, zugeschrieben; Abdallah b. Amir, den 
Baladhuri statt dessen nennt, kam erst a. 29 nach Ba^ra^). Die 
definitive Unterwerfung von Färs wird auch von Vaqidi, Abu 
Ma' schar (2833) und Elias ins Jahr 29 gesetzt und dem Abdallah 
b. Amir zugeschrieben. Er hatte aber Istachr nicht mehr zu be- 
zwingen, sondern nur Gur; die doppelte Einnahme von Istachr fiel 
in die Jahre 23 und 28, nicht, wie Baladhuri angibt in die 
Jahre 28 und 29'). Von Jezdegerd, der a. 21 sich von Ispahan 
nach Istachr geflüchtet hatte, spürt man nirgend etwas; er hielt 
sich fern vom Schuss und hatte wol schon a. 23 Istachr verlassen. 

Ihren glänzenden Abschluss fanden die Kriegstaten der Ba^rier 
zur Zeit des Chalifen Uthman in der Invasion des östlichen Iran 
durch oder unter Abdallah b. Amir. Sie umfasste eine Reihe 
gleichzeitiger Unternehmungen an verschiedenen Stellen, deren 
Leiter mehr oder minder selbständig verfuhren. Unter den be- 
teiligten Stämmen, die hernach je in ihren Eroberungen sich nieder- 
liessen, ragen die Bakr und besonders die Tamim hervor; der 
angesehenste Führer der letzteren war ^er unscheinbare und bucklige 
Ahnaf, der Eroberer von Marv, ein Mann gleich tüchtig als Krieger 
und als Politiker, des Schwertes und des Wortes mächtig, klug 



^) Offenbar ist der abgekürzte Name Ibn Amir von Baladhuri a. 28 falsch 
aufgelost in den bekannten Abdallah b. Amir statt des unbekannteren 
Hischam b. Amir. Letzterer kam mit Abu Musa a. 17 nach Ba^ra und 
spielte im ersten Bürgerkriege eine Rolle (Tab. 3117). 

2) Vgl. namentlich Abu Ma'schar bei Tab. 2698. Die auf Vaqidi zurück- 
geführte Angabe bei Tab. 2819 (vgl. p. 117 n. 3) steht im Widerspruch zu 
der Angabe Vaqidis bei Tab. 2827, die durch Abu Ma'schar und Elias be- 
stätigt wird. Der Irrtum Baladhuris erklärt sich daraus, dass er Abdallah 
b. Amir als Eroberer Istach rs ansieht. Dieser hätte die Stadt nur im Jahre 29 
erobern können. 



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Die Meuterei gegen Üthman. 113 

und uneigennützig, das Muster eines arabischen Stammfürsten, der 
zu der Steigerung der Macht und des Einflusses der Tamim in 
dieser Periode wol am meisten beigetragen hat. Der Feldzug des 
Ibn Amir nach Churasan, d. h. die Eröfifnung desselben, wird von 
Baladhuri (392, 21) in das Jahr 30 gesetzt; auf die selbe Zeit 
auch die Zöge nach Earmän und Sagistän. Bei Tabari hat, ab- 
gesehen von Saif, Madäini über diese Dinge das Wort, der für 
Ba9ra besonders interessirt ist. Er datirt bei Tab. 2836 den Feld- 
zug nach Churasan ebenfalls auf a. 30, aber bei Tab. 2884 ss. 
auf a. 31. Beidemal indessen setzt er ihn gleichzeitig mit dem 
Zuge des kufischen Statthalters Said b. A9 nach Tabaristan; und 
da dieser nach allen Nachrichten in das Jahr 30 fiel, so wird da- 
durch die Angabe Baladhuris und die erste Angabe Madäinis selber 
über das Datum der churasanischen Expedition bestätigt. Die falsche 
Datirung auf a. 31 steht wol im Zusammenhange damit, dass 
Madäini bei Tab. 2863 Fars erst a. 30, statt a. 29, von Ibn Amir 
unterwerfen und auch erst in diesem Jahr den Jezdegerd von Gur 
nach Karman und weiter nach Churasan fliehen lässt *). Aus dem 
Jahre 32 berichtet Madäini bei Tab. 2897 ss. über einen Zug 
Ahnafs gegen Tucharistan und Marvrudh, welcher nicht verschieden 
zu sein scheint von dem Zuge, den Vaqidi bei Tab. 2907 in das 
Jahr 33 setzt. 

Alle diese zerstreuten und durch lange Zwischenräume ge- 
trennten Begebenheitien, die mindestens ein Decennium füllen, sucht 
Saif ins Jahr 18 zusammen zu drängen. Dass er in dieser Weise 
die Mehrung des Reichs in die Zeit Umars zu concentriren sucht, 
hat sogar Tabaris (2809) Befremden erregt. Freilich lässt er auch 
in die Zeit üthmans noch allerhand fabelhafte Eroberungen 
fallen (2817. 2823). 

14. Die Menterei gegen üthman. 

Ende 23 (Anfang November 644) fiel ümar der Rache eines 
Iraniers zum Opfer. Er hinterliess das Erbe den sechs vornehmsten 

*) Die Flucht des Schah aus Karman bringt er in Verbindung mit der 
Eroberung des Landes durch die Muslime; bei seiner Verfolgung ging ein 
muslimisches Heer im Schneesturm zu Grunde (Tab. 2836. Bai. 315). Anders 
Ibn Kalbi bei Tab. 2876: Jezdegerd befand sich (nach Nihavand?) 4 Jahr in 
Fars, 2 Jahr in Karman, 5 Jahr in Sagistän, und dann noch eine W^eile in 
Mary. Ermordet wurde er nach Madäini bei Tab. 2872 Anfang 31. 

Wellhanten, Skizsen and V-orarbelten. VI. g 



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114 Prolegomenii zur ältesten Geschichte des Islams. § 14. 

und ältesten Genossen des Propheten, die einen aus sich zum 
Chalifen wählen sollten. Sie wählten Uthmän b. 'Afifän aus dem 
Hause Umaija, den für seine Person gleichgiltigsten und unge- 
fährlichsten. Aber gerade durch seine Schwäche wurde er gefähr- 
lich, denn eine mechanische, von selbst fungirende Staatsordnung 
war noch nicht ausgebildet, und es bedurfte einer kräftigen Per- 
sönlichkeit um das Ganze zusammenzuhalten. Die Gamä' a, die 
geschlossene Gerneinschaft der Theokratie, zerfiel fortan und löste 
sich auf in Schia*, in politisch-religiöse Parteien. Das Janustor 
der inneren Kriege wurde aufgetan und nie wieder ganz geschlossen *). 
Das widersprach dem BegrifiF des Islams, der einen Krieg von 
Gläubigen gegen Gläubige völlig ausschliesst. Welche Partei man 
auch ergrifif, man verletzte durch das Vergiessen muslimischen 
Blutes immer das Grundgebot der Theokratie; und wenn man sich 
neutral verhielt, so verstiess man gegen die für den Islam so 
wichtige Forderung, Farbe zu bekennen und für das Rechte oflFen 
mit Wort und Tat einzutreten. Man musste sich über alles Hei- 
lige hinwegsetzen um sich entschlossen an dem Handel zu be- 
teiligen. Vielen wurde das leicht, und namentlich die Führer, die 
höchsten theokratischen Autoritäten voran, benahmen sich sehr 
menschlich. Den Frommen aber war der Bürgerkrieg eine richtige 
Anfechtung (Fit na), ein qualvolles Dilemma, aus dem sie nicht 
aus noch ein wussten. Auch für die muslimische Geschichts- 
schreibung ist dies Kapitel traurig und heikel. Tabari macht 
keinen Hehl daraus, dass er manches gar zu Peinliche verschweigt. 
Er folgt wie gewöhnlich am liebsten dem Saif, der hier bestrebt 
ist, Alles zum Besten zu kehren und die allgemeine Schuld ein- 
zelnen Sündenböcken aufzuladen, meist obskuren Persönlichkeiten, 
an denen nicht viel verloren ist'). 

1) Vaqidi 2938: üthman ist der Im am almaqtul der Weissagung 
(Dan. 9, 26?), durch den das Tor der Zwietracht und der Parteiungen und 
des Blutvergiessens geöffnet wurde, das sich in Ewigkeit nicht wieder schliessen 
wird. 

^ „über Abu Dharr lauten die Berichte verschieden; ich (Tabari) teile das 
mit, was die Entschuldiger Muä-vias sagen, nach Saif (2858). Andere über- 
liefern über Abu Dharr viele hässliche Dinge, die ich mich scheue zu erwähnen 
(2862). Vaqidi sagt über die Veranlassung des Zuges der Ägypter nach 
Medina manches Unerbauliche, was ich mich schäme wiederzugeben (2965). 
Mancherlei Vorwürfe, die gegen üthman erhoben wurden, habe ich aufgezählt, 
andere lieber verschwiegen (2980)." 



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Die Meuterei gegen, üthman. 115 

Die Krisis trat ein, seit gegen Ende der Regierung üthmans 
die äusseren Kriege die Gemüter nicht mehr ausfüllten, und ihre 
ersten Anfänge zeigten sich in dem wichtigsten Heerlager des Iraq, 
in Kufa. Die Kufier waren schon durch Umar verwöhnt. Während 
er seine Statthalter überall sonst so lange wie möglich im Amte 
beliess, wechselte er sie in Kufa während der letzten sechs Jahre 
seiner Regierung dreimal, den Wünschen der Einwohner nach- 
gebend, üthman restituirte anfangs den ersten kufischen Statt- 
halter Srf d b. Abi Vaqqä^, setzte ihn aber a. 26 ab und an seine 
Stelle einen Verwandten von sich, den Umaijiden Valid b. üqba. 
Nach Saif war derselbe ein sehr leutseliger und allgemein beliebter 
Herr, dessen Tür Tag und Nacht für jeden ofifen stand (2840. 
2845). Aber es begann damals ein bedenklicher Ton in Kufa 
einzureissen, Mord und Totschlag nahm überhand, so dass der 
Chalif sich veranlasst fand, die altheidnische Qasäma wieder ein- 
zuführen^). So kam es vor, dass einige jugendliche Taugenichtse 
einen friedlichen Bürger erschlugen, der sich zur Wehre setzte, 
als sie nachts bei ihm einbrachen. Valid liess sie auf ofifenem 
Markte hinrichten. Ihre Väter brüteten Rache (al mautürün), 
benutzten aber den Islam als Deckmantel, um ihr Mütchen an dem 
Statthalter zu kühlen. Es producirte sich ein Gaukler, der mit 
seinen Wundern dem Schöpfer ins Handwerk zu pfuschen schien. 
Nach Rücksprache mit Abdallah b. Mas'üd, dem Heiligen von 
Kufa, hatte Valid vor, ihn zu töten, aber Gundab b. Ka' b alAzdi, 
einer von den Mauturun, kam ihm zuvor, geberdete sich als vom 
heiligen Eifer ergrififen und erschlug den Zauberer. Er musste 
schwören, dass er geglaubt habe, der Statthalter wolle ihn laufen 
lassen, und kam dann für seinen eigenmächtigen Eingriff in das 
Strafrecht der Obrigkeit mit einer Tracht Prügel davon. Die 
Mauturun suchten nun nach einer anderen Gelegenheit. Als Va- 
lid einmal den taitischen Dichter Abu Zubaid, mit dem er von 
früher her befreundet war, zum Besuch hatte, drangen sie unver- 
sehens in sein stets offenes Haus ein, in der Hoffnung, ihn beim 



1) 2842. Vgl. Reste arabischen Heidentums 1887 p. 187 s. Saif unter- 
scheidet schon für diese Zeit, als Kufa kaum ein Decennium stand, zwischen 
Alteingesessenen und Zugewanderten, um jene durch diese zu entlasten (2852). 
Nach 2803 stammt die Verderbnis her von dem Luxus und von der Ver- 
mischung der Araber mit den Fremden in der zweiten Generation ; also gerade 
so wie bei den Israeliten. Vgl. Abu Dardä bei Vaqidi 2826 s. 

8* 



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Il6 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 14. 

Zechen zu überraschen. Die HoflFnung trog sie und sie zogen be- 
schämt ab. Leider war Valid so töricht, die Beleidigung ruhig 
einzustecken und dem Chalifen nichts davon zu sagen. Dadurch 
wurden sie zu einer noch grösseren Dreistigkeit ermutigt. In einer 
Abendgesellschaft der Vornehmen bei dem Statthalter gingen sie 
nicht mit den Übrigen rechtzeitig nach Hause, sondern warteten 
bis er schlief und nahmen ihm dann den Ring vom Finger. Sie 
gingen damit nach Medina und behaupteten, sie hätten ihm den 
Ring abgezogen, da er sinnlos berauscht gewesen sei. Valid wurde 
vorgefordert und auf das falsche Zeugnis zu den gesetzlichen 
Hieben verurteilt. Der Chalif tröstete ihn: wenn die Ankläger 
gelogen hätten, so wartete ihrer das Höllenfeuer. Tab. 2840 bis 
2849. 

Nach anderweitiger Überlieferung, die Tabari gänzlich ver- 
schweigt, war Valid nicht so unschuldig; er hatte nach einer durch- 
zechten Nacht den Frühgottesdienst in der Moschee völlig be- 
trunken abgehalten und damit öfifentliches Ärgernis gegeben*). 
Dies wird dadurch bestätigt, dass der Chalif trotz seines Wider- 
strebens die Strafe von ihm nicht abwenden konnte'), und da- 
durch, dass Valids Nachfolger die durch ihn besudelte Kanzel ab- 
wusch (Vaqidi 2915). Dann kann auch die Vorgeschichte nicht 
so sein, wie Saif sie erzählt. Wenn Valid schon selber gegen den 
Zauberer eingeschritten war, so wird das Auftreten Gundabs ganz 
unmotivirt. Nach anderen Angaben war das nicht geschehen, Va- 
lid hatte vielmehr sein Vergnügen an den Gaukelwerken und Gun- 
dab hatte Grund sich für Gott zu ereifern*). Seine religiöse Ent- 
rüstung war also nicht bloss Maske und die ganze Bewegung gegen 
den Statthalter ging nicht bloss von dem Privathass einiger 



*) Vgl. Agh. 4, 178 s. die Verse Hutaias und die Gegenverse. Nach dem 
Bericht des Abu Ubaida, Ibn Ealbi und A^mai (ibidem) hatte Valid nicht bloss 
nach Beendigung der vier Rakaät gefragt, ob er noch fortfahren solle, sondern 
in der Tat nach den Koranstücken noch einen Liebesvers citirt und dazu 
Wein ausgebrochen. Nach Madäini (ib. 180, 7 ss.) hatte er in der Trunken- 
heit das Gebet versäumt, seine Feinde drangen dann in sein Haus und zogen 
ihm den Ring vom Finger, um den zum Zeugnis in Medina vorzuweisen. 

^ Ali selber musste die Geisselung vollstrecken, da Büttel unbekannt 
waren und die Anderen sich vor dem Chalifen fürchteten, dessen naher Ver- 
wandter der Delinquent war. Höchst lächerlich mildert Saif : Ali prügelte den 
Delinquenten nicht eigenhändig, sondern riss ihm nur das Hemd vom Leibe. 

3) Agh. 4, 185 s. 



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Die Meuterei gegen Uthman. 117 

Wenigen aus, welche die gerechte Bestrafung ihre Söhne rächen 
wollten. Valid war vielmehr schon durch seine Herkunft den 
Leuten anstössig, denn sein Vater üqba war der erbittertste Gegner 
des Propheten gewesen und darum nach seiner Gefangennahme bei 
Badr von ihm hingerichtet worden. Er selber bewies sich durch 
sein Trinken als würdigen Sohn seines heidnischen Vaters und 
machte sich schliesslich durch sein unglaubliches Benehmen in der 
Moschee völlig unmöglich. Das mag indessen richtig sein an der 
Darstellung Saifs, dass sich in die religiöse Entrüstung persönlicher 
Hass^) und die Opposition der Stämme gegen die Stabilirung der 
Staatshoheit') durch die Staatsbeamten mischte. Der Staat nahm 
den Blutbann für sich in Anspruch, und der Stamm wollte das 
Recht und die Pflicht des Blutschutzes und der Blutrache für seine 
Angehörigen auch gegen den Staat, d. h. gegen den Beamten der 
die Hinrichtung befohlen hatte, nicht aufgeben: das war ein ge- 
fährlicher Anlass zu Conflikten. Aber die Vertreter des Stamm- 
rechtes gegen das Staatsrecht waren nicht einzelne Bösewichter, 
sondern die Häupter der Stämme, Geschlechter und Sippen. Im 
Ganzen ist die Tendenz klar, die Saif verfolgt: er will nichts auf 
den Chalifen und seine Beamten kommen lassen, und auch nichts 
auf die Gesamtheit der Kufier. 

Valid b. Uqba musste im Jahre 30 seinen Posten räumen. 
Zum Nachfolger gab ihm Uthman wieder einen Verwandten, einen 
noch ganz jungen Mann, Said b. A9. Schon früher (a. 29) hatte 
er auch in Ba^ra an die Stelle des Abu Musa einen jungen ümai- 
jiden gesetzt, den Abdallah b. Amir, und einen anderen, den Ab- 
dallah b. Sa*d b. Abi Sarh in Ägypten an die Stelle des Amr b. 
A9'). So Sassen nun überall ümaijiden im Regiment, in Medina 
selber Uthman und sein Kanzler Marvän, in den Provinzen die 
genannten jungen Männer und ausserdem Muävia zu Damaskus. 



>) Vgl. die Verse des Abu Zubaid Agh. 4, 182. 

2) Der religiöse Name für Staat ist Allah (Tbeokratie), der profane Sultan 
(oberste Gewalt). Die Opposition richtet sich natürlich lieber gegen den 
Sultan, als gegen Allah. 

3) Nach Baladh. 222 ist Abdallah b. Sa'd schon a. 25 Statthalter von Ägypten 
geworden, nach Saif bei Tab. 2814 und BAthir 3, 67 erst a. 26, nach Ibn 
Sa'd bei Wüstenfeld Register p. 10. 72 erst a. 28. Mit Ibn Sa' d stimmt Vaqidi 
bei Tab. 2819; denn wie die nachfolgende Erwähnung der zweiten Eroberung 
von Istachr zeigt, gehört Vaqidis Bericht ins Jahr 28 (s. p. 112 n. 2). Tabari 



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118 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 14. 

Über Saids Verhalten in Kufa (seit a. 30) haben wir einen 
ziemlich ausführlichen Bericht Vaqidis bei Tab. 2915 ss. Er 
desavouirte geflissentlich seinen Voi^änger. Er wusch die durch 
jenen besudelte Kanzel ab, er zog dessen G^ner an sich heran 
und hätschelte sie*). Es waren die einflussreichsten und vor- 
nehmsten Leute der Stadt, sie vertraten aber nicht allein das In- 
teresse der Stamme, sondern vorgeblich auch das Interesse des 
Islams'). Es zeigte sich bald, dass sie durch Liebenswürdigkeit 
sich nicht kirren Hessen und zu dem neuen Statthalter im Grunde 
kein anderes Verhältnis hatten als zu dem früheren. In einer 
Abendgesellschaft Hess sich Said die Äusserung entschlüpfen, das 
Saväd sei der Garten der Quraisch. Damit berührte er einen sehr 
wunden Punkt: dass nämlich entgegen dem Beutegesetz des Ko- 
rans das persische Domanialland, welches einen sehr grossen Teil 
des Saväd von Kufa umfasste, unverteilt geblieben und musli- 
misches Staatsgut geworden war, dessen Verwaltung sich die 
regierende Kaste der Quraisch zu nutze zu machen wusste*). 
Malik alAschtar alNacha'i, ein ganz hervorragender Mann, pro- 
testirte entrüstet gegen die unbedachte Äusserung. Als ihm der 
Oberst der Leibwache dies Verhalten verwies, wurde er halb tot 
geschlagen und an die Luft gesetzt: ein Beweis, dass Aschtar nicht 
allein stand. Nun kannte Said seine Leute. Er sah sie fortan 
nicht mehr Abends bei sich; dafür schalten sie in ihren Häusern 
und in ihren Clubs, bis es so arg wurde, dass er beim Chalifen 
Klage führte. Durch ihn ermächtigt schickte er zehn Unruhestifter 
auf Reisen, darunter auch Aschtar (alMusaijarun). Sie mussten 
sich zu Muävia nach Syrien begeben. Der Aufenthalt dort konnte 



hat ihn nur deshalb vorgeruckt, um ihn an den Bericht des Saif unter a. 26 
anschliessen zu können, und dabei die chronologische Differenz vergessen. 
A. 28 ist also richtig, a. 25 vielleicht das Datum der ersten Anstellung des 
Abdallah b. Sa'd als Finanzbeamten in Ägypten. Vgl. noch Tab. 2, 28 oben. 

^) Der Statthalter hatte Abends offenes Haus für die Angesehenen, 
während er als Beamter Tag und Nacht für jedermann zu sprechen war. 

2) Vugüh alnäs und aschräf 2915, 15. 2921, 11. Said wählte sie aus 
wegen des Islams 2916, 10; sie führten den Koran im Munde und verwirrten 
damit die Kopfe 2920, 9. 

2) Fai (d. i. Beute) wurde geradezu zum technischen Ausdruck für un- 
verteiltes Staatsgut, im Widerspruch zu dem ursprünglichen Begriff des Wortes, 
in dem die Verteilung an das Heer eingeschlossen liegt. An der praktischen 
Aufhebung des alten, vom Koran wejiig modificirten Beutegesetzes zu gunsten 



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Die Meuterei gegen Uthman. 119 

ihnen lehrreich sein. In Syrien herrschte ein festes Regiment 
und ein gutes Einvernehmen zwischen Obrigkeit und Untertanen. 
Die dortigen Araber waren nicht erst seit gestern eingewandert 
und hatten nicht erst durch den Islam unangenehme Bekanntschaft 
mit dem Begriff eines Staatswesens gemacht, sie waren grössten- 
teils alteingesessen und seit lange gezähmt durch die romäische 



eines rationellem Staatsfinanzsystems, das freilich doch auf das Beuterecht 
sich gründete, war der Chalif ümar schuld; Er nahm nicht nur die persischen 
und griechischen Domänen von der Verteilung aus, sondern beliess auch den 
Privatgrundbesitz in den unterworfenen Provinzen grösstenteils den alten 
Eigentümern gegen Zahlung des Charäg (Grundsteuer), und zwar nicht bloss 
dann wenn sie kapitulirt hatten, sondern auch dann — und das war das Un- 
gesetzliche — wenn sie mit Gewalt bezwungen waren. Er hielt es für besser, 
das Kapital dauernd zu erhalten und die Zinsen in Form von Pensionen den 
Berechtigten zuzuwenden, als es in die Rappuse zu geben und zerrinnen zu 
lassen. Er wollte auch die arabischen Krieger in Militarkolonien oder Lager- 
städten centralisiren und verhindern, dass sie Bauern würden und sich durch 
die Ansiedlung zerstreuten. Jedenfalls stärkte er aber damit den Staat und 
mittelbar die Beamten, welche die öfFentlichen Gelder unter Händen hatten.. 
Die Muslime in der Provinz, die Krieger in den Heerstädten, fühlten sich 
dadurch beunruhigt. Denn sie waren die rechtmässigen Herrn des Grundes 
und Bodens in den mit Gewalt (nicht in den durch Vertrag) unterworfenen 
Gegenden; er gehörte nicht der Gesamtheit und nicht dem Staat, sondern 
dem Heere das ihn erobert hatte und den Heergenossen pro rata. Sie be- 
trachteten das aus dem eroberten Grundbesitz fliessende Geld als ihr Eigen- 
tum, die Kufier das in die Kasse von Kufa fliessende und die Ba^rier das 
dorthin fliessende, und wachten eifersüchtig darüber, dass es in der Provinz bliebe, 
nicht verschleppt und vermischt oder vom Generalfiscus verschlungen würde. 
Sie wollten es mal almuslimin und nicht mal allah genannt wissen, das 
Geld der Muslimen und nicht das Geld Gottes (d. h. des Staates); vergl. 
Tab. 2858 s. (2943, 17 s). Noch ausdrücklicher betonten sie, dass das Domanial- 
land, das sie mit ihrem Schwert genommen hatten, ihnen gehöre und nicht 
den regierenden Quraischiten (Tab. 2855, 5. 2929, 6). Sie ärgerten sich dar- 
> über, dass grosse Stücke davon einzelnen verdienten oder begünstigten Personen 
zu Lehen gegeben wurden (cUaät) und dass solche Lehen, als wären sie 
Privateigentum, gegen andere Güter vertauscht werden durften (Tab. 2854 ss.). 
Sie nahmen auch daran Anstoss, dass so viel Land, als Charägland, in den 
Händen der unterworfenen geblieben war, welches eigentlich, als erobertes 
Land, ihnen hätte abgenommen sein sollen (Tab. 2913, 12 s.). Im Hintergrunde 
schlummerte die Forderung, dass der Oberschuss der öffentlichen Kassen all- 
Jährlich unter die Berechtigten ausgeschüttet werden müsse ; wer sich populär 
machen wollte, wie Ali, bewilligte diese Forderung. Es stehen sich Staats- 
recht und Heeresrecht gegenüber^ 



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120 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 14. 

Herrschaft, oder durch ihre Phylarchen, die unter römischer Hoheit 
standen. Mit der staatlichen Ordnung sagte ihnen der Islam nichts 
Neues. In dieser Hinsicht waren sie längst gute Muslime, während 
ihnen hingegen das eigentlich religiöse Princip der Theokratie, 
welches die politische Organisation zu stören geeignet ist, fremd 
war und blieb, dass nämlich Menschenherrschaft nicht gelte und 
dass alle Gläubigen gegen den göttlichen Herrscher des Gemein- 
wesens die selbe Stellung einnehmen, also unter sich an Rang und 
Wurde gleich seien. Unter diesen Bedingungen fiel es dem klugen 
Muävia nicht schwer, Syrien zur Musterprovinz zu machen und 
sich die treue Ergebenheit der Bewohner des Landes zu sichern. 
Die zehn verschickten Kufier kannten seine Position nicht, sondern 
behandelten ihn als ihres gleichen. Als er sie zum Festhalten an 
der Gemeinschaft d. h. zum Gehorsam gegen die Obrigkeit er- 
mahnte, fassten sie ihn im Eifer der Gegenrede an Kopf und 
Bart. Er sagte gelassen: ihr seid hier nicht in Kufa; hätten das 
meine Syrer gesehen, so könnte ich nicht für euer Leben stehn. 
Er wollte sie indessen nicht behalten, damit sie nicht auch in 
Syrien ihren Samen ausstreuten und den Leuten mit dem Koran 
den Kopf verdrehten. Sie durften zurück nach Kufa, wurden aber 
auf Saids Drängen abermals nach Syrien geschickt, freilich nicht 
wieder zu Muävia nach Damaskus, sondern zu Abdalrahman, d«m 
Sohne des Chalid b. Valid, nach Him9. Abdalrahman wies ihnen 
an der Küste Wohnung an. 

Saif (Tab. 2907 ss.) erzählt diese Vorgänge zwar im Ganzen 
ähnlich wie Vaqidi, jedoch mit einzelnen bemerkenswerten Ab- 
weichungen. Er verschweigt, dass Said bei seinem Antritt die 
Kanzel in der Moschee, als verunreinigt, abwusch. Nach ihm 
knüpfte Said auch nicht mit den Elementen an, die am Sturz 
seines Vorgängers schuld waren, sondern suchte sie zurückzu- 
drängen (2852) und zog die alteingesessenen Aschräf (Vornehmen) 
nebst den Korankundigen und Frommen*) an sich heran; sie 
bildeten seine vertraute Abendgesellschaft. Die austössige Äusse- 
rung, welche Entrüstung hervorrief, lautete nach Saif anders als 
nach Vaqidi*); und vor Allem wurde sie gar nicht von dem Statt- 



») Vaqidi (2916, 10. 2920, 9) unterscheidet nicht dazwischen, als wären 
es zwei besondere Classen. 

2) Die iusserung, das Saväd sei der Garten der Quarisch wurde nach 
Saif 2929 ^Ischlich und böswillig dem Said zugeschrieben. 



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Die Meuterei gegen üthman. 121 

halter selber getan, auch nicht von dem Obersten der Leibwache, 
sondern von dessen noch jungem und unverantwortlichem Sohne*). 
Said tadelte sie, verbot aber zugleich denen, welche die Prügel- 
scene bei ihm aufgeführt hatten, sein Haus: sie schimpften insge- 
heim nur um so mehr gegen ihn. Man sollte denken, es seien 
die Aschräf gewesen, die ja seine Abendgesellschaft bildeten. Aber 
nein, die Aschräf waren im Gegenteil höchst loyal, sogar noch 
königlicher als der König. Da Said es ablehnte noch weiter ein- 
zuschreiten, so schrieben die Aschräf an den Chalifen und sie ver- 
anlassten es, dass die Übeltäter, zehn Mann, darunter Aschtar, 
aus Kufa nach Syrien zu Muävia verwiesen wurden. Muävia fand 
sie nicht gefährlich und Hess sie laufen. Da sie sich schämten 
nach Kufa zurückzukehren — gleich als ob sie dort in Verruf ge- 
standen hätten — machten sie in Mesopotamien Halt. Von dort 
holte sie jedoch Abdalrahman b. Chalid nach Himp, nahm sie in 
seine Zucht und machte sie binnen Monatsfrist so mürbe, dass 
sie gute Worte gaben und versprachen sich zu bekehren. Aschtar 
ging zum Chalifen nach Medina, um ihm seine und seiner Ge- 
nossen Bekehrung zu Füssen zu legen, und kam dann freiwillig 
nach Him^ zurück. Die Tendenz dieser Darstellung liegt wiederum 
klar auf der Hand. Said erscheint im besten Lichte, ebenso auch 
die Aschräf von Kufa. Die Opposition besteht wiederum nur aus 
einzelnen Bösewichtern, aber sogar diese sind nicht so schlimm 
und würden unschädlich geblieben sein, wenn sie nicht Helfer ge- 
funden hätten (2913) — das bedeutet, wie wir bald sehen werden: 
wenn sie nicht ein Werkzeug der Sabaija geworden wären. Auf 
den inneren Widerspruch, dass die Opposition in Kufa der Conti- 
nuität zu ermangeln scheint und sie in Wahrheit doch besitzt, ist 
schon aufmerksam gemacht worden. 

Die Misstimmung gegen den Chalifen und seine Statthalter 
war nicht auf Kufa beschränkt, sondern überall ausgebreitet. Sie 
entsprang aus der Verweltlichivig des Islams, die damals nackt 
und bloss hervortrat. Über dem reichen Anteil am Diesseits, den 
das Schwert den Gläubigen zur Beute gegeben hatte, war das Jen- 
seits den Blicken entschwunden; über den äusseren Aufgaben der 
Theokratie die Frömmigkeit des Herzens vergessen worden. Einige 
Männer wie Abu Dharr in Damaskus und Amir b. Abdqais in 



^) Der Bericht Madäinis Agh. 11, 29 s. nimmt eine Mittelstellung ein. 

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122 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 14. 

Ba^ra protestirten dagegen. Wir wissen wenig Zuverlässiges über 
sie; nur das scheint sicher, dass sie dem breiten Weg mistrauten, 
den die Entwicklung des Islams schon unter Muhammad in Medina 
eingeschlagen hatte, und sich in dem grossen Weltreich, in das 
die Theokratie sich verwandelt hatte, nicht zu Hause fühlten'). 
Nach der alten Lehre des Propheten war ihnen der Monotheismus 
unabtrennbar von der persönlichen Verantwortlichkeit; sie ver- 
standen ihn dahin, dass Gott die Seele völlig für sich in Anspruch 
nehme und sie für all ihr Tun und Lassen zur Rechenschaft ziehen 
werde'). Sie glaubten den jüngsten Tag um so näher, je mehr 
ihnen die Richtung, in der sich die Ausgestaltung des Gemein- 
wesens bewegte, dem Abgrund entgegen zu führen schien. In ihrer 
Stellungnahme gegen die Yerweltlichung des Islams befanden sich 
diese Männer natürlich keineswegs auf gleichem Boden mit der 
politischen Opposition, deren Kampf mit der herrschenden Klasse 
in Wahrheit nur ein Kampf um die Beute war. Sie standen ver- 
einzelt'), und wenn das Merkmal der Häresie die Trennung von 
der Gemeinschaft ist, so waren sie so häretisch wie möglich*). 
Aber wie gewöhnlich benutzte die Opposition auch solche ihr 
eigentlich ungleichartige Elemente und machte dadurch die Re- 
gierung mistrauisch gegen sie*). Die Frömmigkeit musste ihr in 



*) Man darf sie sich übrigens nicht als Kopfbänger und Asceten vorstellen, 
Abu Dharr insbesondere war ein erprobter Eriegsmann. 

^) Abu Dharr sagte, man müsse Gutes tun und sich nicht darauf be- 
schränken, das Unrecht zu meiden. Er schlug den Ka'b alAhbär mit seinem 
Hakenstock blutig, als er entgegnete, durch Leistung des Almosens und der 
übrigen opera operanda habe der Gläubige mit Gott sich abgefunden und sei 
quitt (Tab. 2860s.). Die Zakät wird öfters als Eaffära angesehen und bezeichnet: 
hat man sie gezahlt, so hat man Ablass für das Übrige. 

^ Ihre Vereinzelung kommt in der Erzählung vom Tode des Abu Dharr 
sehr deutlich zum Ausdruck (2895 ss.). Es fehlte ihnen jedoch niemals an gleich- 
gesinnten Nachfolgern, die an tiefer Religosität keinem christlichen Heiligen 
nachstanden und das wahre Salz des Islams, als Religion betrachtet, bildeten, 
z. B. Hasan alBa^ri. 

*) Sie lassen sich den Montanisten und Donatisten vergleichen. Freilich 
trat die Yerweltlichung beim Islam viel früher und stärker auf als beim Christen- 
tum ; Staat und Kirche waren ja dort nicht geschieden. In Folge dessen war 
auch der Begriff der Gamäa weit politischer als der der Eatholicität, und 
principieller Protest gegen Verweltlichung auf dem Boden des Islams noch 
unmöglicher als auf dem Boden der Eircbe. 

^) Abu Dharr sowol wie Amir b. Abdqais wurden gemassregelt Jener 



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Die Meuterei gegen üthman. 123 

jedem Fall zum Schilde dienen, dafür war das Staatswesen eine 
Theokratie *). Lieber freilich als hinter die innere Frömmigkeit, 
die nicht jedermanns Sache war, steckte sie sich hinter die äussere, 
die Alle verstanden und übten. Alle Massregeln Uthmans, wenn 
sie irgendwie das Bestehende änderten, wurden als ketzerische 
Neuerungen verschrieen, mochten sie noch so nützlich und not- 
wendig sein'). So, dass er die Moschee in Mekka erweiterte und 
die Grenzsteine des Haram erneuerte; dass er in Mina das Gebet 
unverkürzt hielt, als sei er dort zu Hause und nicht auf der 
Reise; dass er von seinem neuerbauten Hofe in Medina aus am 
Freitag dreimal den Hauptgottesdienst ankündigen liess; dass er eine 
authentische Ausgabe des Korans veranstaltete und die abweichenden 
älteren Exemplare einzog u. a. Auch die Anlage von Staatsweiden 
(Hima) in Arabien wurde ihm zum Vorwurf gemacht: als ob der 
Fiskus nicht genug hätte an dem unverteilten Grundbesitz in den 
eroberten Provinzen und nun auch noch in Arabien selber seine 
Landgier stillen müsste. Freilich hatten auch schon Muhammad 
und Abubakr und ümar manche Weiden für die Pferde und 
Kamele des Heeres mit Beschlag belegt. Überhaupt hatte Uthman 
Recht zu sagen (2811), dass, wenn Umar das selbe getan hätte wie 
er, man sich ohne Murren darin würde gefügt haben'). Er besass 
keine Autorität, er hatte den Ring Muhammads verloren, und der 
Stab Muhammads war ihm zerbrochen. Das war die Ursache, 
dass gegen ihn die allgemeine Unzufriedenheit sich Luft machte, 
an deren letzten Gründen er eigentlich unschuldig war — denn , 
sie lagen in der allgemeinen Verstaatlichung der Theokratie. 

soll nach Saif die Armen gegen die Reichen aufgehetzt haben mit dem Eoran- 
verse Sur. 9, 34 8. Dieser war nach ihm ganz harmlos, wurde aber doch von 
Ba^ra nach Syrien zu Muävia verbannt, so dass es nicht bloss kufische, sondern 
auch bayrische Musaijarun gibt (2922 ss.). Nach anderweitiger Tradition (2931 s. 
wo der Name des Vaters aus Abdqais in Abdallah corrigirt ist) trat er aber 
entschieden gegen üthman selber auf. Politisch ungefährlich waren in der 
Tat solche Leute oder wenigstens ihre Ideen im Islam nicht; die Cbayärig 
waren ihre Testamentsvollstrecker. 

Die Parole für jede Auflehnung gegen die bestehende Gewalt ist im 
Islam stets alamru bilma'rüfi valnahiu 'an ilmunkari. 

^ Verzeichnisse der Vorwürfe finden sich vielfach; vgl. ausser Tabari 
auch Jaqubi 2, 202 und die Verse Agh. 6, 59. 

*) Umar erweiterte die Moschee von Mekka und zwang die Leute ihre 
Grundstücke zu verkaufen. Er erneuerte die Grenzsteine des Haram (2528), 
Er verlegte den Maqäm Ibrahim (2578). 



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124 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 14. 

Im Gegensatz dazu stellt Saif es so dar, als sei die ganze 
Erregung durch einen im Dunkeln wühlenden Maulwurf angestiftet 
und zum Ziel geleitet. Er hiess Abdallah b. Saba und war ein 
Jude von Qan*ä; seine Mutter war eine Schwarze, weshalb er auch 
Ibn Saudä, der Sohn der schwarzen Mutter, genannt wurde. Er 
lehrte, Ali sei der Testamentsvollstrecker und der Erbe des Pro- 
pheten ; er war überhaupt der Begründer des theologischen Schiitis- 
mus. Er trieb sein Wesen erst im Higaz, dann in Syrien und im 
Iraq, und zuletzt in Ägypten. Überall hinausgeworfen hatte er 
doch überall seinen Samen ausgestreut und Verbindungen angeknüpft. 
Er unterhielt sie von Ägypten aus durch eine ausgedehnte geheime 
Correspondenz und auch durch Emissäre. Wer daheim nichts zu 
klagen hatte, wurde erregt durch die angebliche Misstände da 
draussen; die Ba^rier sagten: in Ägypten muss es ja schaurig aus- 
sehen, Gott lob, dass wir ganz leidlich daran sind u. s. w. In der 
Hauptstadt liefen die Briefe zusammen. Die Mediner fragten den 
Chalifen, ob er auch so böse Nachrichten aus den Provinzen habe — 
er hatte von nichts eine Ahnung. Eine Nachfrage in den Provinzen, 
die er durch Vertrauensmänner alsbald anstellte, ergab die völlige 
Grundlosigkeit der Gerüchte; nur der nach Ägypten ausgesandte 
Vertrauensmann, der alte fromme und einfältige Ammär b. Jasir, 
Hess sich dort von Ibn Saba fangen. 

Die ältere Tradition erwähnt überhaupt den Ibn Saba gar 
nicht, der nach Saif, wenn auch im Hintergrunde, die Hauptrolle 
bei dem Drama gespielt haben soll. Es hat zwar wol eine 
schiitische Sekte der Sabaija gegeben, aber sie ist nicht gleich 
damit in die Vt^elt getreten, dass sie das Chalifat gestürzt und 
den Bruch der Gamäa herbeigeführt hat. Das besonders von den 
persischen Schiiten ausgebildete System der künstlichen und heim- 
lichen Revolutionirung durch Correspondenten und Emissäre, dem 
die Abbasiden und nach ihnen viele andere Prätendenten ihre Er- 
folge verdankten, liess sich bei den Muslimen dieser ältesten Zeit 
nicht anwenden. Denn damals deckten sie sich noch mit den 
Arabern, und bei den Arabern war das alte Stammwesen noch 
ungebrochen, durch welches die heimliche Verschwörung einzelner 
loser Leute über weite Gegenden hin ausgeschlossen wird. Wozu 
auch die Heimlichkeit, da man vor der Regierung ja gar keine 
Angst hatte! Ebenso hätte die theologische Vergötterung Alis 
damals, wenn sie überhaupt möglich gewesen wäre, jedenfalls 



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Die Meuterei gegen üthüiaii. 125 

durchaus nicht verfangen. Die Schiat Ali war ursprünglich eine poli- 
tische Partei, genau wie die Schiat Muavia, und keine religiöse 
Sekte; erst der Märtyrer wurde zum Gegenstande der Verehrung 
und Verklärung. Das Motiv, von dem die Darstellung Saifs ge- 
leitet wird, ist auch hier vollkommen durchsichtig: das verhängnis- 
volle Ereignis, wodurch das Tor der inneren Zwietracht für immer 
geöffnet wurde, ist von einem Juden verschuldet, der die älteste 
Ketzerei des Islams begründet hat. 

Wenn man die wahren Leiter der Opposition gegen Uthman 
finden will, so hat man sie in Medina selber zu suchen. Es waren 
die vornehmsten und ältesten Genossen des Propheten, welche unter 
Muhammad Abubakr und Umar den hohen Rat der Tbeokratie 
gebildet hatten; auch Aischa, die Mutter der Gläubigen, gehörte 
zu ihnen ^). Sie hatten den Uthman aus sich heraus zum Chalifen 
gewählt, in der Absicht den Klotz zum Könige zu machen. Aber 
der Erfolg täuschte sie. Denn seine Schwäche kam nicht ihnen 
zu gut, sondern seinem Hause, dessen Einfluss er sich willig oder 
willenlos hingab. Er machte seinen Vetter Marvän zu seinem 
Kanzler in Medina und besetzte auch alle wichtigen Ämter in den 
Provinzen mit seinen Verwandten. Ein vornehmes Geschlecht 
von Mekka, hatten die Umaijiden bald nach der Higra die Führung 
der Quraisch erlangt und an der Spitze des langen und erbitterten 
Kampfes gegen Muhammad gestanden. In diesem Kampf waren 
sie unterlegen, aber sie verloren deshalb ihre einflussreiche Stellung 
doch nicht, sondern retteten sie hinüber in das neue Gemein- 
wesen, dem sie sich anschliessen mussten, und kamen auch 
dort bald wieder nahe ans Steuerruder — dank dem Propheten, 
dem sehr viel daran lag die Herzen seiner vornehmen Stammes- 
genossen zu gewinnen, und dank ihrer eigenen gründlichen 
Kenntnis der Geschäfte (auch des Schreibens) und der Araber. 
Gemäss der üblichen Ironie der Geschichte trug die Welle, 
welche die heidnischen Quraischiten zu verschlingen drohte, 
sie in Wahrheit in die Höhe. Mit Uthman gelangten die 
Umaijiden tatsächlich schon zur Herrschaft. Die besagten Ge- 
nossen Muhammads sahen sich durch sie verdrängt oder doch 

') Der Name Genossen wird als technischer Ausdruck gebraucht, ähnlich, 
wenngleich in anderm Sinn, wie jetzt bei den Socialisten. Nach dem Tode 
Umars waren die sechs vornehmsten Genossen Uthman, Ihn Auf, Ali, Talha^ 
Zubair, SaM b. Abi Vaqqäf. 



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126 Prolegomena. zur ältesten Geschichte des Islams. § 14. 

wenigstens stark bedroht*): Grund genug zur Feindschaft. Die Feind- 
schaft liess sich leicht als berechtigt erweisen: jene waren der alt- 
heidnische Adel, der Alles darangesetzt hatte den Islam zu unter- 
drücken, sie der richtige theokratische Adel, der gänzlich im Islam 
wurzelte. Zwar Quraischiten waren sie selber auch, und niemals 
hätten sie das blosse Verdienst für den Islam, abgesehen von der 
Zugehörigkeit zum Stamme des Propheten, als ausreichende Legiti- 
mation für die Herrschaft gelten lassen. Aber das Hessen sie jetzt im 
Hintergrund und betonten vielmehr ihre Eigenschaft als Erstlinge der 
grossen und angesehenen Klasse der Genossen, zu denen in 
Medina und in den Provinzen Leute aus allerlei Volk gehörten, 
die sich persönlicher Bekanntschaft mit Muhammad rühmen durften: 
in der Absicht den ganzen Islam um sich zu scharen und gegen 
die herrschenden Quraischiten aufzubieten. 

Die vornehmen Genossen in Medina, Abdalrahman b. Auf 
voran, benahmen sich schon fräh recht dreist und unehrerbietig 
gegen üthman, den sie völlig als ihres gleichen behandelten'); 
sie schwächten geflissentlich sein ohnehin schwaches Ansehen. Aber 
den offenen Kampf gegen ihn wollten sie nicht selber unter seinen 
Augen, mit Hilfe der Mediner, unternehmen. Sie zogen es vor, 
die Provinzen ins Feuer zu schicken, in denen so wie so die 
Heeresmacht lag, während in Medina nur die moralisch 
Autorität des Islams concentrirt war. Nach den übereinstimmenden 
Berichten der besten Überlieferer') schrieben die Genossen von 
Medina im Jahre 34 an die Provinzialen: wenn ihr in den heiligen 
Krieg ziehen wollt, so ist der Ort dafür jetzt bei uns in Medina. 
Das zündete zunächst in Kufa. Als Ende 34 die Statthalter 
während des Hagg mit dem Chalifen zusammen wie gewöhnlich 
in Mekka waren, brach dort der Aufstand aus, geleitet von Aschtar, 
der mit den übrigen Musaijarun aus der Verbannung zurückgeeilt 
war. Tausend Kufier stellten sich bei Garäa auf und wehrten 
dem Statthalter Said, als er von Mekka heimkam, den Eintritt in 



^) Die ümaijiden werden die Clique (Bit&na) üthmans genannt (Vaqidi 
2981, 10. 2995, 16). 

2) Vaqidi 2966 ss. 2980 ss. Besonders auch Aischa benahm sich sehr frech 
gegen den Ohalifen, der ihr die Pension verkürzt hatte; sie führte gegen ihn 
den Schuh des Propheten und das Hemd des Propheten, als ihre Legitimationen, 
ins Gefecht (Agh. 4, 180 s. Jaqubi 2, 204). 

3) Vaqidi 2936 s. BIshaq 2983. 



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Die Meuterei gegen Uthman. 127 

ihre Stadt*). Indessen Uthman setzte Said ohne weiteres ab und 
gab den Aufständischen den von ihnen selber gewänschten Abu 
Musa zum Statthalter, obwol derselbe nicht sein Freund war. 
Damit beschwichtigte er sie vorläufig, freilich mit Preisgabe eines 
wichtigen Herrscherrechts. 

Statt der Kufier machten sich nun aber die Ägyptier auf nach 
Medina. In Ägypten war die Autorität der Regierung schon seit 
dem Statthalterwechsel vom Jahre 28 erschüttert, wodurch der 
Umaijide Abdallah b. Sa' d b. Abi Sarh an die Stelle von Amr b. 
A9 gekommen war. Amr wurde in Folge dessen ein gefährlicher 
Feind des Chalifen, er hetzte in Medina gegen ihn und er wird es 
auch in Ägypten nicht unterlassen haben. Ferner machten sich 
dort die beiden Muhammad mausig, der eine ein Sohn des Abubakr, 
der andere (b. Abi Hudhaifa) ein Pflegesohn Uthmans selber. Bei 
einem Seezuge des Ibn b. Abi Sarh separirten sie sich nach 
Vaqidi mit ihrem Schiflf von der Flotte, indem sie sagten, den 
wahren heiligen Krieg lasse man dahinten. Sie erhoben die üb- 
lichen Vorwürfe gegen Uthman, besonders dass er an Stelle der 
Genossen des Propheten seine Vettern setzte; sie streuten damit 
verderblichen Samen aus. Das war wahrscheinlich im Jahre 34 '). 
Im folgenden Jahre kamen fünfhundert Ägypter unter Ibn Udais 
alBalavi, bei denen sich auch Muhammad b. Abibakr, aber nicht 
der andere Muhammad befand, der Aufforderung zum gottgewollten 
Kampf gegen den inneren Feind nach. Sie erschienen in Dhu Chuschub 
nicht weit von Medina, etwa im zehnten Monat des Jahres 35'). 



Muhammadi 2934 s. 

2) Tab. 2869 ss. Vaqidi setzt den Seezug der Ägypter, bei dem dies ge- 
schah, ins Jahr 31 (vgl. Abu Ma'schar 2595), wirft ihn aber zusammen mit 
dem berühmten Seezuge der Syrer gegen Constans im Jahre 34, vgl. Elias 
Nisib. unter diesem Jahr, Abu Ma'schar bei Tab. 2865. 2927, Theophanes 
A. M. 6146 (wo de Boor falsch das überlieferte AßouXaouap nach dem Lateiner 
in AßooXaOap corrigirt). Das Jahr 34 würde als Beginn der Meuterei in 
Ägypten viel besser passen. Es wird freilich nicht überliefert, dass auch die 
ägyptische Flotte an der syrischen Expedition gegen Constans teilnahm, un- 
wahrscheinlich ist es indessen nicht 

') Nach Vaqidi 2968 im Ragab, d. i. im 7. Monat. Dieses Datum ist, 
wie sich zeigen wird, unmöglich, es wird daraus geschlossen sein, dass die 
Ägypter unter dem Verwände der Umra gekommen sein sollen. Die Umra 
fand in alter Zeit ge wohnlich im Ragab statt, vgl. Reste arab. Heidentums 1897 
p. 78. 



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128 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 14. 

Von da aus stellten sie gewisse Forderungen an den Chalifen 
und drohten mit Gewalt, wenn er sie ablehnen wärde; die 
Mediner, mit wenigen Ausnahmen, standen auf ihrer Seite und 
unterstützten sie*). Da Uthman, der Beherrscher des damals 
weitaus mächtigsten Reichs der Erde, in seiner Residenz gar keine 
äusseren Machtmittel zur Verfügung hatte, so blieb ihm nichts 
anderes übrig, als mit der Rotte von fünfhundert Mann zu 
paktiren. Sein Unterhändler war der alte tapfere und redliche 
An^ärier Muhammad b. Maslama'). Es gelang ihm, die Ägypter 
zur Rückkehr zu bewegen, indem er ihnen im Namen des Chalifen 
die Abstellung ihrer Beschwerden versprach. So wie sie sich aber 
entfernt hatten, war Uthman wieder oben auf, bestärkt von Marvan 
und der umaijidischen Sippe. Am nächsten Freitag hielt er eine 
Kanzelrede in der Moschee, worin er behauptete, die Ägypter 
hätten ihr Unrecht eingesehen und seien darum abgezogen. Da 
erhob sich ein Sturm der Entrüstung gegen ihn von selten der 
Mediner, aus denen die gottesdienstliche Versammlung bestand. 
Sie begnügten sich nicht mit lauten Vorwürfen, sondern warfen 
auf ihn mit Kieselsteinen, so dass er ohnmächtig umfiel und in 
sein Haus getragen werden musste. Es war sein letztes öffent- 
liches Auftreten in der Moschee'). 

Die Mediner erschienen nun haufenweise vor dem Tore Uth- 
mans und gaben keinen Aufforderungen auseinanderzugehn Ge- 



') Nach Ibn Kalbi 2985 schrieb Uthman an Muavia um Hilfe, weil die 
Mediner Yon ihm abgefallen seien, Muayia aber scheute sich offen gegen 
die Genossen aufzutreten, die alle einig gegen den Chalifen waren. Nach 
BIshaq 2897 machten sich die Mediner die Forderungen der Ägypter zu eigen. 
Von Vaqidis Bericht lässt Tabari (2965 s.) das gar zu Anstössige aus, aber 
auch aus dem was er mitteilt erhellt, dass die Mediner mit ganz wenigen 
Ausnahmen gegen Uthman hielten; vgl. 2937, 2. 2967, 15. 16. 

2) So nach Vaq. 2991 s. Bei Vaq. 2970 s. wird Ali neben Ibn Maslama 
genannt, und bei Vaq. 2969 s. Ali allein. Warum, ist klar: Ali soll das 
Seinige getan haben, um die Katastrophe abzuwenden. Er ist auch in einem 
anderen Falle an die Stelle des Ibn Maslama getreten; vgl. DMZ 1898 p. 31. 
Auffalligerweise gibt Jaqubi 2, 202 den Amr b. A9 als den Mann an, der mit ' 
den Ägyptern unterhandelte und sie bewog umzukehren. 

3) Vaq. 2979 s. vgl. 2991 s. In allen übrigen Berichten, auch bei Vaqidi 
2972 SS. 2977 s., wird diese Steinigung Uthmans durch die Mediner selbst 
verschwiegen, und der Vorgang anders dargestellt. 



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Die Meuterei gegpn üthman. 129 

hör*). Als das einige Tage gedauert hatte, waren plötzlich auch 
die Ägypter wieder da. Sie wollten einen Brief des Chalifen ab- 
gefangen haben, worin dieser heimtückischer Weise den Ibn b. 
Abi Sarh, statt ihn abzusetzen, anwies die Rädelsführer der 
Meuterer bei ihrer Heimkehr zu töten. Muhammad b. Maslama 
lehnte es ab, noch einmal mit ihnen zu unterhandeln*). Statt 
dessen ging ein anderer vornehmer An^arier, Amr b. Hazm, zu 
ihnen heraus und brachte sie nach Medina hinein '). Ihre Führer, 
Ibn Udais an der Spitze, wurden zu üthman eingelassen, um 
ihm den Brief vorzuhalten; sie begrüssten ihn nicht als Chalifen. 
Er leugnete die Abfassung und erklärte überhaupt nichts davon zu 
wissen. „So etwas kann gegen deinen Willen geschehen? wurde 
ihm entgegnet — dann bist du nicht der Regent!" Aber das An- 
sinnen abzudanken lehnte er entschieden und ruhig ab: „ich ziehe 
das Gewand nicht aus, das Gott mir angelegt hat." Von nun an 
wurde er von den Ägyptern förmlich belagert*) und ihm das 
Wasser abgeschnitten. Seine Knechte und Clienten, auch einige 
Umaijiden und Quraischiten, waren mit ihm in der Dar*) und 



*) Vaqidi 2975: Marvan sagte zu den Leuten, die nach dem Abzug der 
Ägypter das Tor des Chalifen belagerten, sie sollten sich zerstreuen, die 
ümaija Hessen sich nicht mit Gewalt aus der Herrschaft verdrängen. Vaq. 3022 s. : 
die Ägypter kamen das zweite mal an einem Freitag an und den Freitag 
darauf töteten sie den Chalifen. Aber schon vor ihrer Ankunft war er be- 
lagert — also von den Medinern. Vaq. 3038 ; nachdem ü. zwölf Tage belagert 
war, kamen die Ägypter an (hier irrtümlich von der ersten, statt von der 
zweiten Ankunft verstanden). 

2) Vaq. 2998 (nach 2991 ss. Ibn Maslama und Ali). ^ 

*) Tab. 2989. Dieser Zug ist entlehnt aus einer Überlieferung des Ibn 
Ishaq, die sehr verworren ist. Das eine mal kehren die Ägypter zurück, weil 
sie den perfiden Brief des Chalifen abgefangen haben, das andere *mal, weil 
er die Frist hat verstreichen lassen, innerhalb deren er die Abstellung der 
Beschwerden versprochen hat. Zwei parallele Berichte über das selbe Er- 
eigniss sind contaminirt, als wären es Berichte über zwei verschiedene, auf 
einander folgende Ereignisse. Daher mehrfache üngefügigkeiten und innere 
Widersprüche. 

*) Diese zweite Belagerung, d. h. die erste wirkliche Belagerung (durch 
die Ägypter), begann nach Vaqidi 3060 am 1. Dhulhigga. Dagegen nach 
Vaq. 3022 s. kamen die Ägypter erst am Freitag dem 11. Dhulhigga. 

5) Dar ist kein Haus, sondern ein nach aussen abgeschlossener Gebäude- 
complex, ein Hof oder ein Quartier. Die Dar üthmans lag bei der Moschee. 
Nach BIshaq 2988 hatte der Chalif seine Sklaven bewaffnet. 

Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten. VI. 9 



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130 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 14. 

wollten ihn verteidigen. Die entscheidende Wendung zum Schlimmen 
das erste Blutvergiessen, ging von den Verteidigern aus. Einer 
von ihnen warf dem alten Genossen Niär, der draussen unter dem 
Haufen stand, von oben herab einen Stein auf den Kopf und 
tötete ihn: das geschah am Donnerstag dem 17. Dhulhigga*). üth- 
man weigerte sich den Täter auszuliefern. Da fühlten sich die 
Belagerer nach arabischen Begriffen berechtigt und verpflichtet, 
alle Rücksichten fahren zu lassen und beganoen den Sturm auf 
die Dar; Ibn Udais, an die Moschee gelehnt, kommandirte. Am 
Tor kämpften die Getreuen Uthmans für ihn, und auch nachdem 
es in Brand gesteckt war, suchten sie die Angreifer noch abzu- 
wehren. Aber einige der letzteren wurden während dem durch 
das Nachbargrundstück des Amr b. Hazm in die Dar eingelassen 
und drangen nun in das Gemach des Chalifen selber, wo er unbe- 
kümmert um das Getobe da draussen den Koran vor sich hatte 
und betete. Muhammad, der Sohn seines Freundes und Vorgängers 
Abubakr, vergriff sich zuerst an ihm, Kinana b. Bischr al- 
Tugibi führte den tötlichen Streich, einige Andere befriedigten 
ihre Rachgier noch an der Leiche'). Nach dieser Scene hatte der 
Kampf seinen Sinn verloren, die überlebenden Verteidiger konnten 
sich ohne viel Schwierigkeit in Sicherheit bringen '). Der Tag war 
Freitag der 18. Dhulhigga*). 



») Das Datum bei Vaq. 3002. Die zwei oder drei Berichte Vaqidis (3000 
bis 3003) und der des Muhammadi (3004 s.) stimmen in allem Wesentlichen 
überein. Nur war nach Vaqidi Abu Haf^a der Mörder Niärs, dagegen nach 
Muhammadi war es Kathir b. (Jalt alKindi (2970, 4). Abu Haf^a war die 
weitaus bekanntere Persönlichkeit ; er und die alte Amme Fätima retteten den 
Marvän, der bei dem Kampf am Tor schwer verwundet war; nach Vaqidi durch 
Urva b. Nibä, nach Ibn Ishaq durch Ibn ürva und den An^ärier Ubaid b. 
Rifäa, nach Muhammadi durch den An^ärier Rifäa b. Räfi. 

^ Amr b. Hamiq versetzte dem toten Chalifen neun Stiche, drei um Gottes 
willen und sechs zur Befriedigung seiner persönlichen Rache (Vaq. 3022 
vgl. 3048). Nach einem von der übrigen alten Tradition etwas abweichenden 
und nicht einwandfreien Berichte bei Tab. 300G s. wurde dem Uthman das 
Gesicht mit einer Scheere blutig gezeichnet und die Hand, womit er es schützen 
wollte, zerhauen. Nachdem er getötet war, legte seine Frau Näila, in deren 
Hütte er sich befand, ihr Gewand ab zum Zweck der Totenklage; da fiel die 
Bemerkung: was hat sie für einen dicken Hinteren! 

^) So war im Ganzen der Verlauf nach dem übereinstimmenden Zeugnis 
der älteren Oberlieferung; kleine Differenzen kommen nicht in Betracht. 

*) Vaq. 3000. 3023. 3051; falsch Madäini 3068; Sonnabend der 18. d. M. 



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Die Meuterei gegen Uthman. 131 

Die moralische Schuld an der Katastrophe trifft klärlich die 
Mediner. Sie Hessen die Ägypter ruhig gewähren, obwol es ihnen 
nicht schwer gewesen wäre, mit den paar hundert Mann fertig zu 
werden, wenn sie gewollt hätten. Sie hatten den Sturm auf den 
Chalifen begonnen und überliessen nur die Vollendung den aus- 
wärtigen Meuterern. Aber auch dabei halfen sie ihnen mit der 
Tat, Amr b. Hazm führte sie in die Stadt und Hess sie zuletzt 
. durch sein Haus in die Dar ein, Rifäa b. Räfi oder Ubaid b. Rifäa 
machte den Kampf am Tore mit, und auch der von einem Stein- 
wurf der Verteidiger getroffene Niär war kein Ägypter. Einzelne 
machten sich zwar aus dem Staube, als die Sache eine gefährliche 
Wendung nahm — aber nur um nicht dabei gewesen zu sein und 
scheinbar reine Hände zu haben. So z. B. die gefährliche Aischa 
und besonders Amr b. A9, der grösste Hetzer gegen den Chalifen 
der nach Palästina ging und von da mit freudiger Spannung dem 
Verlauf des blutigen Dramas zugeschaut haben soll. Unter den 
Mediuern selber sind zweifellos die vornehmen Genossen, Ali 
Talba und Zubair, am meisten belastet'). Sie hatten das Feuer 
entfacht und machten keinen ernstlichen Versuch es zu löschen. 
Als üthman nach jener Scene in der Moschee auf sein Haus be- 
schränkt war und nichts mehr zu sagen hatte, hatte Ali das grösste 
Ansehn, und den grössten Einfluss in Medina. Das oberste Amt 
in der Theokratie, die Leitung des Gebets, d. h. des Gottesdienstes, 
fiel ihm zu; er beauftragte mit der Verrichtung zunächst einen 
An^arier, hernach übernahm er sie selber*''). Auch darin zeigte 
er sich als Inhaber der höchsten Autorität, dass er den die Stelle 



Die Dauer der zweiten Belagerung (durch die Ägypter) gibt Vaqidi 3023 auf 
acht, dagegen 3060 auf achtzehn Tage an, die der ersten (durch die 
Mediner) 3038 auf zwölf; dagegen 3000 die gesamte Zeit auf neunund- 
vierzig Tage. Ihn Ishaq 2989 sagt, die Belagerung habe vierzig Tage 
gewährt, ebenso Jaqubi 2, 204. Nach Saif drangen die Ägypter siebzig 
Tage vor der Katastrophe in Medina ein, aber erst nach dreissig Tagen be- 
lagerten sie den Chalifen und zwar achtzehn Tage milde, zweiundzwanzig 
Tage scharf (2962. 3009. 3019). Die kürzesten Zahlen haben die meiste Wahr- 
scheinlichkeit für sich ; denn die Ägypter hatten Eile, um nicht Anderen Zeit 
zum Eingreifen zu lassen. 

*) Ibn Auf war schon tot, Sa*d b. Abi Vaqqä^ hielt sich zurück, ebenso 
der loyale Ibn Umar. 

3) Vaqidi 3059 s. 

9* 



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132 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 14. 

des Chalifen vertretenden Leiter des Hagg ernannte 0- Ihm zuerst 
soll Muhammad b. Abibakr die Meldung vom Tode üthmans ins 
Ohr geflüstert haben '). Wenn das auch vielleicht unrichtig ist, so 
kann doch der Vorwurf dem Ali nicht erspart bleiben, dass er den 
Einfluss, den er namentlich auch auf die Ägypter ausübte, nicht 
aufbot um sie zurückzuhalten'). Aber mehr Schuld als ihm gibt 
die Überlieferung dem Talha*) und dem Zubair, wie es scheint 
nicht mit Unrecht. Ali hatte kein Interesse, der Entwicklung der 
Dioge vorzugreifen, durch welche ihm der Chalifat in Bälde zuge- 
fallen wäre; durch die Ermordung des hochbetagten Uthmans 
wurde sein Recht geschwächt, seine Aussicht gefährdet und seine 
Position bedeutend verschlechtert. Dagegen Talha und Zubair 
hatten ein grosses Interesse an der Gewalttat eben deshalb, weil 
sie voraussehen konnten, dass sie dem Ali schaden musste, da er 
ihre Früchte zu geniessen schien: wenn Alles seinen richtigen Gang 
ging, so waren sie nicht im Stande, mit ihm zu concurriren. Dass 
Zubair in letzter Stunde seinen Sohn dem angegriffenen Fürsten 
der Gläubigen zu Hilfe schickte, kann ihn so wenig entschuldigen, 
als dass er hernach den Racheruf für sein freventlich vergossenes 
Blut erhob. Indessen' wie auch immer den Einzelnen der Anteil 
an der Schuld zuzumessen sein mag, so lässt die ältere Über- 
lieferung doch darüber keinen Zweifel, dass sie im Ganzen den 
Medinern zur Last fallt und vorzugsweise der dortigen Aristokratie 
der Genossen*). 



») Vaqidi 3039. Chalid b. A9, der Statthalter von Mekka, wollte die 
Leitung des Hagg an stelle von Uthman nicht übernehmen, da tatsächlich 
nicht mehr ütbman, sondern Ali der fterr sei, und also am besten dessen Vetter 
Ibn Abbäs die Stellvertretung übernehme. 

^ Vaqidi 2999. 

^ Sa'd b. Abi Vaqqä^ soll am Todestage üthmans, erschrocken über die 
tobende Menge, den Ali gebeten haben einzuschreiten, dieser aber sich ge- 
weigert haben (Vaqidi 2998). Ebenso soll auch Ibn Abbas, vor seinem Ab- 
gange zum Hagg, vergebens Versuche gemacht haben, den Ali zu bewegen, 
dass er Uthman in Schutz nehme (Vaqidi 3038). 

*) Talha soll dem Chalifen das Wasser abgeschnitten und dem Ibn üdais 
den Befehl zu rücksichtslosem Vorgehn gegeben haben (Vaqidi 2979. 3000). 

5) Vgl. die Verse Tab. 3065, 10—13 („es genügt zum Erweise der Schuld 
üthmans, dass die An^är ihn den Ägyptern überlassen haben") und die 
angebliche Äusserung üthmans, die Genossen wären erpicht auf die Herr- 
schaft, hinderten ihn an der Leitung des Gebets, rissen Medina an sich und 



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> 



Die Meuterei gegen üthman. 133 

Unter den Differenzen, welche Saif in diesem letzten Akte 
aufweist, befinden sich einige, die man für irrelevant halten 
könnte^). Die meisten lassen sich aber auch hier auf die Tendenz 
zurückführen, die Schande der Heiligen zu verdecken und die 
Schuld von ihnen abzuwälzen auf Personen, an denen nichts ver- 
loren ist. Der alte Chalif hatte gar keinen Anlass zu der Er- 
hebung gegen ihn gegeben; die Anklagen, die gegen ihn vorgebracht 
wurden, widerlegte er Punkt für Punkt mit leichter Mühe (2952 s.). 
Wenn ihm etwas vorgeworfen werden konnte, so war es nur seine 
übergrosse Milde gegen die Meuterer (3030). Er hatte ihre Rädels- 
führer in der Hand, als sie im Anfang des Jahres 35 in Medina 
zusammentrafen um den Plan vor der Ausführung zu bereden; 
aber er Hess sie laufen, obgleich die Genossen ihm rieten sie hin- 
zurichten (2951). Die Genossen, von deren Feindschaft gegen die 
Umaija man nichts merkt, waren seine besten Freunde, traten 
nach Kräften für ihn ein und schickten ihre Söhne in die Dar, 
damit sie die Gefahr mit ihm teilten*). Ihre Häupter, Ali Talha 
und Zubair, die bei Saif gern dreieinig auftreten, wiesen die 
Meuterer, von denen sie umworben wurden, schroff ab (2957) und 
Hessen keinen Zweifel über ihre loyale Gesinnung, sie drückten 
dem Chalifen ihr Beileid aus, nachdem er ohnmächtig aus der 
Moschee herausgetragen war (2961), und gaben ihre Visitenkarten 



wollten seinen Tod beschleunigen (Vaqidi 3043), auch Baladhuris Ansah (ed. 
Ahlwardt) 67, 3. Theophanes A. M. 6147 sagt kurz und gut: ISoXotpovi^dr) 
O60fj.dv i)7c6 Töiv h 'EOpfßoi«. Einwandfrei ist auch das Verhalten Muävias und 
der Parteigenossen üthmans in den Provinzen nicht. Indessen gibt ihnen 
die Überlieferung viel zu lange Zeit zu helfen; die Ägypter machten kurzen 
Process und überraschten sie durch das fait accompli. Ob der Chalif selber 
sie zu Hilfe gerufen habe, ist streitig (Kalbi 2985. Vaqidi 2997); wahr- 
scheinlich hatte auch er weder Zeit noch Gelegenheit dazu. 

^) Er bestimmt die Chronologie genauer, vgl. p. 130 n. 4. Er nennt, 
wie fast immer, andere Namen, z. B. nicht Ihn Udais, sondern Ghafiqi b. 
Harb alAkki als vornehmsten Rädelsführer, daneben natürlich Ibn Saba; ferner 
nicht Kinäna b. Bischr alTugibi, sondern Sudan b. Humran als eigentlichen 
Mörder üthmans. Er weicht auch in den Anekdoten ab. Näila warf ihr Ge- 
wand nicht selber bei der Klage ab, sondern es wurde ihr durch Eulthum b. 
Tugib abgerissen; ihr wurde auch die Hand zerhauen, nicht ihrem Gatten. 
Bei dem letzten Sturm auf das Tor trat Uthman selbst gewappnet heraus, 
holte, während die Angreifer zurückprallten, die Verteidiger herein und schloss 
hinter sich und ihnen die Tür — wie Genesis 19, 10. 

2) 2957. 3009. In der älteren Tradition ist nur von Ibn Zubair die Rede, 



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134 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 14. 

bei ihm ab, als man ihnen zuletzt den Zutritt zu ihm verwehrte 
(3010 8.). Es gab im Ganzen nur drei Mediner, welche die 
Meuterer als ihre Gesinnungsgenossen bezeichnen konnten, nämlich 
Ammär b. Jäsir und die beiden Muhammad; Uthman konnte seine 
Heiterkeit über diese lächerlich geringe Zahl nicht unterdrücken 
(2950 s. 2961). Alle Übrigen standen auf seiner Seite. Ohne ihr 
Wissen und gegen ihren Willen drangen die Meuterer ein, unter 
dem Vorgeben jenen perfiden Brief aufgefangen zu haben, in 
W^ahrheit aber nach einem abgekarteten Spiel, wie Ali ihnen ins 
Gesicht sagte und bewies (2957 s.). Sie besetzten dann die 
Moschee, als ihr Hauptquartier, beherrschten die Stadt und leiteten 
schliesslich auch den Gottesdienst (2962). Also nicht bloss der 
Chalif, sondern die Mediner selber wurden von ihnen überrumpelt; 
sie erhielten Befehl sich zurückzuhalten und sich nicht zusammen- 
zurotten (2958). Wie konnten sie sich denn aber so terrorisiren 
lassen? Um dieser Frage zu begegnen, vervielfältigt Saif die Zahl 
der Meuterer. Es waren nicht bloss die Ägypter, sondern auch 
die Kufier und die Ba^rier, in drei gleich starken Rotten^). Und 
zu diesen Sabaija kamen noch die Beduinen und die Sklaven hin- 
zu, so dass das Gesindel (3097, 7) schliesslich einen stattlichen Haufen 
bildete'). Trotzdem versuchten es die Mediner doch, ihnen ent- 
gegenzutreten und Uthman zu verteidigen; aber er schickte sie 
von seinem Hause weg, weil er nicht wollte, dass sie ihr Blut für 
ihn vergössen (2961. 3009). Die Provinzialen, und ebenso die 
Haggpilger, hatten auch die Absicht zu kommen, bewirkten aber 
dadurch leider nur, dass die Meuterer sich beeilten ein Ende zu 
machen (3012 s.). Die verhängnisvolle Tat rief grosse Bewegung 
in der Stadt hervor; die Eingesessenen weinten und die Herge- 
laufenen freuten sich'). 

Von einem der Belagerung durch die Ägypter vorhergehenden 

^) Es schimmert freilich auch bei Saif durch, dass es in Wahrheit bloss 
die Ägypter waren; sie stehn häufig bei ihm als pars pro toto. Nach Vaqidi 
2999 befanden sich zwar Aschtar von Kufa und Hukaim von Ba^ra damals 
in Medina, machten aber nicht gemeinschaftliche Sache mit den Ägyptern, 
sondern hielten sich zurück. 

*) Dass auch die Beduinen und Sklaven dabei waren, vergisst Saif am 
rechten Ort zu sagen und holt es erst später nach (3081 ss. 3114). 

3) 3019. Saif fasst den bei ihm häufigen Gegensatz von jLäJ) und 1 Uj ( 
^ern moralisch. 

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Die Kamelsschlacht. 135 

Tumult der Mediner selbst gegen Uthman ist bei Saif natürlich 
keine Rede. Sie sammelten sich bei der Dar nur um ihn zu 
schützen und gingen auf seine Aufforderung aus einander. Sie 
waren es auch nicht, die in der Moschee Steine auf ihn warfen. 
Sie wurden vielmehr selber von den Meuterern mit Steinwürfen 
aus der Moschee getrieben und dabei versehentlich Uthman ge- 
troffen (2961). Dass das erste Blut von Seiten der Partei üthmans 
vergossen worden sei, gaben die Meuterer fälschlich vor, um nicht 
ihrerseits als die Anfänger zu erscheinen^); tatsächlich wurde Niär 
nicht heimtückisch vom Dach aus getötet, sondern er fiel im 
Kampfe vor dem Tor (3016). Amr b. Hazm alAn^ari war nicht 
im Einverständnis mit den Belagerern, sondern versorgte Uthman 
heimlich mit Wasser (3009. 3011). Nicht Ali, sondern Ghafiqi, der 
Führer der Ägypter, betete vor, nachdem Uthman nicht mehr 
konnte (2962). Diese Einzelheiten verdienen als bezeichnende 
Beispiele für die Tendenz, in welcher Saif die alte Tradition cor- 
rigirt, hervorgehoben zu werden. 

Wie aussichtslos das Bestreben ist, die Mediner rein zu 
waschen, lehren zu guter letzt die Berichte über die Bestattung 
des ermordeten Chalifen. Sie unterblieb längere Zeit, bis auf 
dringendes Bitten der Näila einige Getreue sich daran wagten. 
Ungewaschen wurde die Leiche hinausgetragen, bei Nacht und in 
grosser Eile, auf einer Tür, gegen die der Kopf beständig aufschlug; 
Steinwürfe und Flüche folgten ihr. Sie musste auf dem Juden- 
kirchhof beigesetzt werden; die An^är gestatteten auch nicht, 
dass sie auf dem üblichen Platze eingesegnet wurde. Also fast 
ein Eselsbegräbnis auf dem Schindanger. Saifs Widerspruch ändert 
an den Tatsachen nichts. 



15. Die Eamelsschlacht. 

Über die folgenden Begebenheiten sind die Berichterstatter 
bei Tabari vorzugsweise Madäini und Vahb b. Garir — neben Saif, 
der auch hier wieder am breitesten zu Worte kommt. Ich 
gebe zunächst die ältere Tradition im Zusammenhange wieder. 

Die Mediner machten Ali zum Chalifen und huldigten ihm 



*) 3009, 11. 12 enthält eine polemische Beziehung auf den Bericht bei 
Tab. 3000 ss. 



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136 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 15. 

noch an dem selben Tage, an dem üthman getötet war *). Einige 
hielten sich vorläufig noch neutral, Ali Hess sie zufrieden. Andere 
flohen, besonders die ausgesprochenen Feinde Alis. Über Talha 
und Zubair herrscht Widerspruch. Nach einigen Angaben sollen 
sie nur gezwungen, oder sogar gar nicht gehuldigt haben'), nach 
anderen freiwillig und zu allererst'). Vaqidi (3072) hält sich in 
der Mitte: nicht gezwungen, aber widerwillig und nicht von Herzen. 
Die An^är waren im Ganzen dem neuen Chalifen weit aufrichtiger 
ergeben als die Quraisch. Die hohen Beamten, die er neu er- 
nannte, waren fast alle An^arier*). Sie scheinen in den Provinzen 
ohne Schwierigkeit aufgenommen zu sein. Abu Musa in Eufa 
wurde auf Aschtars Rat vorläufig belassen. Über Syrien und 
Mesopotamien erstreckte sich Alis Macht nicht; dort sass der 
Umaijide Muävia fest im Sattel. 

Die grösste Gefahr drohte ihm zunächst von der sehr einfluss- 
reichen Aischa, die ihn ebenso hasste wie seinen Vorgänger. Sie 
hatte gegen den letzteren weidlich mit gehetzt, sich dann aber, 
ehe es zum Äussersten kam, nach Mekka zurückgezogen, um sich 
der Verantwortung für die Folgen entziehen und je nach dem 
Ausgang Stellung nehmen zu können^). Als sie erfuhr, dass Ali 
zum Chalifat erhoben war, rief sie gegen ihn zur Rache für üth- 
man auf. Die nach Mekka geflüchteten Umaijiden fielen ihr zu, 
Marvan aus Medina und die Statthalter von Ba^ra und Jaman. 
Aber auch Talha und Zubair bargen sich unter den Fittichen der 



>) Madäini 3069 s. Vgl. Vahb b. Garir 3128: die Provinzler sind am 
Chalifat unbeteiligt, er gebort den Muhagira, sie haben üthman getötet und 
Ali eingesetzt. Anders Madäini 3074 s. 

2) Vahb b. Garir 3068 s., vgl. 3070, 14. 15. Nach dem Zubairiten Zubair 
b. Bakkar 3073 benahm sich Ali sehr feige gegen Zubair und log hernach, 
derselbe habe ihm gehuldigt. 

3) Nach Muhammadi 3066 s. und nach Madäini 3068 drängten sie den Ali 
zur Annahme des Chalifats. Talha huldigte ihm zuerst; das galt als böses 
Omen, weil er eine lahme Hand hatte. Anders Madäini 3074 s. 

*) Vahb b. Hunaif in Medina, sein Bruder üthman b. H. in Ba^ra, Qais 
b. Sa'd in Ägypten, später Qaratza b. Ka'b in Kufa (3073). 

*) Madäini 3098 teilt eine gute Geschichte mit. Ein Mann kam aus Medina 
nach Mekka und erzählte der Aischa, üthman habe die Ägypter getötet. Da 
wetterte sie gegen ihn, dass er an so frommen Leuten sich vergriffen habe. 
Als sie bald darauf die Wahrheit erfuhr, drehte sie unbefangen den Spiess 
um. Ähnlich Jaqubi 2, 209. 



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Die Kamelsschlacht. 137 

Mutter der Gläubigen. Die Rache für üthman wurde die Parole 
für sehr verschieden gerichtete Leute, die in Wahrheit nur durch 
den Hass und den Neid gegen Ali geeinigt waren ^). In Mekka 
konnten sie nicht bleiben, weil es ein toter Punkt war, von wo in 
die Entscheidung nicht eingegriffen werden konnte: Arabien lag 
dazumal tatsächlich schon ausserhalb Arabiens, in Folge der durch 
die Beutesucht und das Pensionssystem veranlassten Auswanderung 
fast aller kriegstüchtigen Elemente in die Heerstädte der Provinzen. 
Sie beschlossen vielmehr nach Ba^ra zu gehn, auf den Rat des 
Ibn Amir, der dort von seiner langjährigen Statthalterschaft her 
gute Verbindungen hatte. In dem Lager von Dhat Irq, an der 
Strasse nach Iraq, fanden sich sechshundert Mann zusammen; vier 
Monate nach dem Tode Uthmans brachen sie auf). Unterwegs 
bei dem Wasser von Hauab wurde Aischa von den Hunden ange- 
bellt; als sie den Namen des Ortes erfuhr, erinnerte sie sich einer 
ominösen Äusserung des Propheten und schrie entsetzt auf: ich bin 
bei Gott die Frau mit den Hunden von Hauab. Sie wollte um- 
kehren; es kostete grosse Mühe sie weiter zu bringen'). 

In Ba^ra angelangt machten die Anhänger der Aischa mit 
dem dortigen Statthalter, Uthman b. Hunaif alAn^äri, aus, dass er 
die Leitung des Gottesdienstes, die Prärogrative der Herrschaft, so 
lange behalten solle, bis er an Ali berichtet und von ihm Antwort 
erhalten habe*). Trotzdem überfielen sie ihn schon nach zwei 
Tagen in dem Quartier Zabuqa, nahmen ihn gefangen und mis- 
handelten ihn; nur um es nicht mit den An^är gänzlich zu ver- 
derben, schonten sie seines Lebens. Empört über solche Treu- 
losigkeit erhob sich nun der dem Ali ergebene Hukaim b. Gabala 
mit den Abdqais und ein-igen Bakriten, um üthman gewaltsam zu 
befreien. Er wurde besiegt und fiel mit siebzig seiner Stammge- 
nossen*). Die Sieger hatten sich damit in den Besitz der Stadt 

*) Madäini 3103 s. Einige ümaijiden von zarterem Ehrgefühl (aber nicht 
Uthmans eigene Sohne) schämten sich nachträglich ihrer Verbindung mit Aischa. 
Auch der kluge Mughira trennte sich bei Zeiten von ihr. 

^) Vahb b. Garir 3069. 3102 sagt, vier Monate nachher seien Talha und 
Zubair nach Mekka gekommen. Das ist eine Verwechslung, damals brachen 
sie vielmehr von Mekka auf, denn Ende Rabi II 636 folgte ihnen bereits Ali 
(Madäini 3139). 

3) Vahb 3127, vgl. 3108 s. Omen in Bir Maimun 3105 s. 

*) Etwas anders berichtet Jaqubi 2, 210. 

') Vahb 3126 s. Madäini 3134—36. 3126. 



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138 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 15. 

gesetzt. Sofort drohte nun aber über der Frage, wer vorbeten 
solle, zwischen Talha und Zubair selber der Streit um den Vor- 
rang auszubrechen. Es gelang indessen der Aischa der Gefahr 
vorzubeugen, indem sie das Amt einstweilen ihrem Neffen Abdal- 
lah, dem Sohne Zabairs, übertrugt). Sie selbst konnte es als 
Weib nicht übernehmen, obwol sie am meisten Ansehen und Ein- 
fluss hatte, mehr als Talha und Zubair, vor denen sie auch da- 
durch im Vorteil war, dass sie nicht dem Ali die Huldigung ge- 
leistet hatte. 

Demgegenüber suchte Ali seine Stütze in Kufa, wahrschein- 
lich bewogen durch den Kufier Malik alAschtar, der sich in seiner 
Umgebung befand und in dem er allezeit seinen besten Rater und 
Helfer hatte. In Medina konnte er ein richtiges Heer nicht auf- 
bringen, nur einige hundert Mann folgten ihm von da. Mit denen 
machte er sich Ende Rabi II 36 auf den Weg und lagerte zuerst 
in Rabadha, wo einige Taiten sich ihm anschlössen, unter Adi b. 
Hätim'''). Da er hörte, dass Abu Musa in Kufa, den er auf 
Aschtars Rat belassen hatte, sich zweifelhaft benähme, setzte er 
an dessen Stelle einen anderen Statthalter. Zugleich sandte er 
seinen Sohn Hasan und den alten Ammär b. Jasir, um die Kufier 
zur entschlossenen und tätigen Parteinahme aufzufordern; mit dem 
Erfolg, dass sie sich für ihn zu kämpfen entschieden'). Er selber 
zog nicht in die Stadt ein, sondern schlug nicht eben weit davon 
in Dhu Qär Lager; dort stiess das kufische Aufgebot zu ihm, 
12000 Mann in fünf Haufen*). Nun brach er auf gegen Ba^ra. 
Als er nicht mehr weit davon entfernt war, stellte sich Ahnaf, der 
Fürst der Sa'd Tamim, bei ihm ein und bot ihm an, entweder 
für seine Person zu ihm überzugehn oder aber neutral zu bleiben und 



*) Madäini 3135, vgl. 3105 s., i^ronach Marvan den Streit angeregt haben 
soll. Jaqubi 2, 210 s. stellt den Streit drastischer dar und sagt, Aischa habe 
den Sohn Zubairs und den Sohn Talhas zu Vorbetern bestellt, die alter- 
niren sollten. 

2) Mad. 3139. 3140. In Rabadha kam nach Mad. 3144 Ibn Hunaif zu 
Ali, nach Vahb 3184 erst in Dhu Qär. 

3) Mad. 3172 s. 

<) Mad. 3173 s. Vahb 3184. Madäini nennt die fünf Teile Siebentel. 
Viertel und Fünftel, auch Siebentel und Zehntel werden ohne Unterschied 
gebraucht, ähnlich wie wir von mehr als vier Quartieren einer Stadt reden 
können. In Kufa heisst es gewöhnlich Viertel oder Siebentel, in Ba^ra Fünftel, 
Es sind ursprünglich Heeresabteilungen. Vgl. Tab. ^495. 



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Die Kamelsschlacht. 139 

die 4000 Krieger seines Stammes von ihm abzuhalten. Ali ent- 
schied sich für das Letztere'). An der Stelle, wo sich später die 
Burg des Ubaidallah b. Ziäd erhob, erwarteten ihn die Ba^rier'). 
Diejenigen, denen die Rache für das Blut des Hukaim b. Gabala 
und seiner Genossen oblag, gingen sofort zu ihm über, nämlich 
die Abdqais unter Amr b. Marhum und die Bakr unter Schaqiq 
b. Thaur'). Bevor es an die Waffen ging, hatte Ali eine Unter- 
redung mit Talha und Zubair. Zubair zeigte eine Anwandlung 
von Reue und gelobte nicht gegen ihn zu kämpfen; er wurde aber 
gleich darauf durch den Spott seines Sohnes Abdallah wieder 
herumgebracht und Hess zur Sühne für den Bruch des Gelübdes 
seinen Knecht Makhul oder Sergius.frei *). Den Anfang des Blut- 
vergiessens machten die Ba^rier; sie erschlugen einen Jüngling 
von Kufa, der beauftragt war ihnen den Koran entgegenzuhalten *). 
Erst darauf erlaubte Ali den Seinen dreinzuschlagen. Die Ba^rier 
wichen; Talha wurde zum Tode verwundet; Zubair, von Gewissens- 
bissen geplagt, verliess die Wahlstatt und fiel umherirrend einem 
Untergebenen des Ahnaf in die Hände, der ihn ermordete, vielleicht 
nicht ohne Vorwissen seines Herrn ^), Aber bei dem Kamel auf 
dem Aischa sass kam der Kampf zum Stehn. Diese ihre eigent- 
liche Standarte verteidigten die Ba^rier auf das wütendste, be- 
sonders die Dabba von den Ribäb und die Adi von den Azd'). 
Auf der anderen Seite taten sich Adi b. Hatim und Malik 
alAschtar hervor; der Letztere hätte beinahe den Sohn Zubairs 
getötet und damit eine grosse Gefahr von der Zukunft abgewandt ®). 
Mit dem Fall des Kamels war der Sieg entschieden. Die Schlacht 
fand statt am Donnerstag 14. Gumada II 36, d. i. 9. December 
656 0. 



1) Madäini 3174 s. 

2) Mad. 3175. 

3) Mad. 3174 s. 3203. 

*) Vahb 3185. Mad. 3175 s. vgl. 3136 s. 

s) Vahb 3186. Mad. 3188 s. 

«) Tabari 3187 s. Vgl. Agfa. 16, 131 s. Jaqubi 2, 212 s.. 

Mad. 3198 s. 3204. 

8) Tab. 3200 vgl. 3162. Anders der zubairitische Beriebt 3201. Berühmt 
ist noch der Zweikampf zwischen dem alten Ammar und Ibn Jathribi; letzterer 
wurde verwundet gefangen genommen und auf Alis Befehl hingerichtet. (Mad. 
3198 s.) 

^) Im Donnerstag und im Gumada II stimmen Vaqidi 321$, Madäini 3175 



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140 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 15. 

Vergleichen wir nun damit die Darstellung Saifs. Er fährt 
fort Ali durch die Sabaija zu entlasten. Nach der Katastrophe 
war Medina fünf Tage lang in der Hand des Ghafiqi und der 
Sabaija, mit ihrem Anhang von Beduinen und Sklaven. Sie boten 
die höchste Würde vergebens aus, keiner von den vier oder fünf 
Obergenossen — die allein in Frage kommen konnten — wollte 
sie aus ihrer Hand annehmen *). Sie drohten endlich, wenn binnen 
zwei Tagen keine Chalifenwahl erfolgt sei, so würden sie Ali 
Talha Zubair und viele Andere umbringen. Von den geängsteten 
Medinern beschworen Hess sich jetzt Ali bereit finden. Am Freitag 
25 Dhulhigga, also erst acht Tage nach dem Tode Uthmans, 
empfing er die Huldigung. Talha und Zubair leisteten sie nur, 
weil sie von Aschtar und Hukaim b. Gabala gezwungen wurden. 
Sie verlangten von ihm, dass er die Meuterer sofort zxir Ver- 
antwortung ziehe. Er gebot wenigstens den Sklaven, zu ihren 
Herren zurückzukehren. Er wollte dann auch die Beduinen zu 
ihren Wasserstellen heimschicken. Aber das Hessen die Sabaija 
nicht zu, denn sie dachten, sonst komme die Reihe demnächst an 
sie. In der Tat wollte Ali nichts mit ihnen zu tun haben und 
hatte die Absicht sich ihrer zu entledigen. Er war dazu jedoch 
vorläufig ausser Stande, da er sich ihnen gegenüber nicht auf eine 
andere stärkere Partei stützen konnte, denn die Mediner Hessen ihn im 
Stich. Die Sachlage änderte sich erst, seitdem in Dhu Qär das Aufgebot • 
der Kufier zu ihm gestossen war '). Da sagte er sich öffentlich 
von den Mördern Uthmans los und schloss sie vom Heere aus, 
als er den Aufbruch nach Ba^ra — nicht um Krieg zu führen, 
sondern um Frieden zu schliessen — für den folgenden Tag an- 
sagte. „Wenn er jetzt schon so gegen uns aufzutreten wagt, wo 
wir noch einen ansehnHchen Teil seines Anhangs bilden, wie erst 
dann, wenn auch die Ba^rier sich mit ihm vereinen und wir ganz 



und Saif 3192 überein. Als Monatstag nennt Vaqidi den zehnten, der aber 
kein Donnerstag war. Richtig gibt Madäini an: in der Mitte des Monats; der 
vierzehnte fiel auf einen Donnerstag. Jaqubi 2, 211 setzt die Schlacht in den 
ersten Gumada. 

^) Eine Abweichung von dem Tenor der alten Tradition findet sich schon 
bei Madäini 3074 s.: die Provinzler, nicht die Mediner, haben Ali auf den 
Schild gehoben und ihm zuerst gehuldigt, namentlich Aschtar. 

^ Unter dem kufischen Heere werden unterschieden die Ahl alGamäa 
(die ruhigen Bürger) unter Qaqä, und die Nuflfär (die Motionslustigen), die die 



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Die Kamelsschlacht. 141 

in der Minderheit sind!" So sagten besorgt die Sabaija. Ihre 
Führer hielten einen Rat, was zu tun sei. Aschtar schlug vor, 
dem Ali, der nicht anders gegen sie gesonnen sei als Talha und 
Zubair, das selbe Schicksal zu bereiten wie dem Uthman. Ibn 
Saba verwarf das: wir haben nur 2500 Mann auf unserer Seite 
und kommen nicht auf gegen die 5000 Andern, die dem Qaqä 
gehorchen, sie würden sich freuen über die Gelegenheit mit uns 
aufzuräumen. Von Secession indessen wollte er erst recht nichts 
wissen; damit würde nur der Wunsch derer erfüllt, die an der 
reinlichen Ausscheidung der Mörder Uthmans aus der Gamäa ein 
Interesse hätten. Er riet vielmehr, Ali zu trotz dennoch mit aus- 
zurücken und seine Friedensabsichten durch eigenmächtigen Beginn 
des Kampfes mit den Ba^riern zu vereiteln, denn ihr Heil liege 
in der Verwirrung der Anderen. So geschah es denn auch. Als 
die Heere einander gegenüber lagen, begannen sofort die Unter- 
handlungen und hatten bei dem guten Willen auf beiden Seiten 
den besten Erfolg; man ging Abends zur Ruhe in der festen 
Hoffnung auf Frieden. Nur die Sabaija verbrachten eine schlaf- 
lose Nacht und bereiteten sich zum Angriff. Noch im Dunkeln^ 
eröffneten sie ihn und zogen auch die Kufier mit hinein, obwol 
Ali sich alle Mühe gab sie zurückzuhalten^). Die Sabaija haben 
also die alleinige Schuld nicht bloss an dem Morde Uthmans, 
sondern auch an der gefährlichen Erweiterung des dadurch ent- 
standenen Risses in der Gamäa, an dem ersten grossen Kampf, 
worin zum Hohne des Grundgesetzes der Theokratie Muslime gegen- 
über Muslimen standen und gegenseitig ihr Blut vergossen. Wenn 
sie aber dem Saif als Sündenböcke bequem sind, so sind sie ihm 
doch lästig als Helfershelfer Alis. Sie werden darum von dessen 
Rockschössen abgeschüttelt. Schliesslich verschwinden sie spurlos, . 
nachdem sie ihre Pflicht getan. Die ganze Darstellung ihres poli- 
tischen Auftretens ist eine grosse apologetische Verfälschung der 
echten Tradition, ein Beweis für die Triftigkeit der alten Beob- 



gleichen Fahrer hatten wie die Sabaija und mit diesen eng zusammen- 
hingen (3155;. 

') Tab. 3073—83. 3095 s. 3140-52. 3154—58. 3162—68. 3181—83. 
Ausser bei Saif findet sich auch in der apologetisch corrigirten Tradition des 
Ziäd b. Aijüb (3159 ss.) die Angabe, dass der Kampf ganz gegen den Willen 
der Führer durch unverantwortliches Gesindel angefangen worden sei. 



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142 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 15. 

achtuDg: die Frommen lugen nie mehr als in der heiligen Ge- 
schichte *). 

Saif ist übrigens nicht einseitig in seiner apologetischen 
Methode, sondern lässt sie auch den Gegnern Alis, Aischa Talha 
und Zubair, zu gute kommen. Er sagt nichts von ihrem treulosen 
Benehmen gegen Alis Statthalter in Ba^ra. Sie hielten nur gegen 
seinen Willen ihren Einzug in die Stadt. Darauf griff sie der 
wilde Hukaim b. Gabala, der die bayrischen Sabaija nach Medina 
geführt hatte, mit seinen Reitern an, während sie sich verteidigten; 
der Kampf endete am änderen Tage mit einem Vertrage. Es sollte 
in Medina angefragt werden, ob Talha und Zubair wirklich nur ge- 
zwungen gehuldigt hätten; in dem Falle wollte der Statthalter den 
Platz räumen. Der abgesandte Bote kam mit bejahender Antwort 
zurück (die er freilich nur mit Mühe den Medinern extorquirt 
hatte), aber der Statthalter konnte nun sein Wort nicht halten, 
weil er inzwischen von Ali zurechtgewiesen war: es komme gar 
nicht darauf an, ob die Huldigung eine erzwungene gewesen sei 
oder nicht. Darauf drangen die Andern gewaltsam in die Moschee 
und in die Burg ein, machten die aus Zutt und Saiabiga bestehende 
Leibwache des Statthalters nieder und nahmen ihn selber gefangen. 
Am anderen Morgen leistete nur noch Hukaim b. Gabala Wider- 
stand, nicht mit seinen Stammgenossen von Abdalqais die ihn seiner 
Grausamkeit wegen verlassen hatten, sondern mit den Mördern 
Uthmans aus allen Stämmen, die sich zu ihrem alten Führer 
sammelten. Sie konnten aber der Übermacht nicht widerstehn und 
wurden allesamt getötet: auch nach dem Kampf noch wurden die 
Flüchtigen aus ihren Verstecken gezogen und abgeschlachtet. Das 
erbitterte freilich die Abdalqais und die Sa* d Tamim (die übrigens 
den Hurqu^ b. Zuhair der sich bei ihnen barg nicht auslieferten) 
dermassen, dass sie zu Ali übergingen oder wenigstens sich in die 
Neutralität zurückzogen'). Also der Statthalter Alis brach selber 
den Vertrag und wurde erst in Folge dessen vergewaltigt. Und 
getötet wurden, ausser den fremdländischen Schergen, nur die Mörder 
Uthmans, die sich noch dazu recht herausfordernd benahmen. 



c^jJc^t ^ ^^ \^i\ s^^^ o^^>-^' y (^ t)ei Nöldeke, 
Geschichte des Qorans p. XXII. Es ist da allerdings zunächst derjenige 
Hadith geraeint, der eine Sunna begründet. 

2) 3115—26. 3128-34. 



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Die Kamelsschlacht. 143 

Nachdem ihnen so glückliche Gelegenheit gegeben war, die legitime 
Rache an den Übeltätern zu vollstrecken, gingen Talha und Zubair 
bereitwillig auf die Friedensvorschläge Alis ein: nur die unglück- 
seligen Sabaija wussten es dahin zu bringen, wie wir gesehen 
haben, dass es dennoch zur Schlacht kam. Äischa beteiligte sich 
nicht daran; erst als sie entbrannt war, wurde sie geholt und zwar 
um ihr Einhalt zu tun. Sie war nicht weit geritten, da kamen 
die Flüchtigen auf sie zu und umdrängten ihr Kamel. Sie gab 
dem frommen Ka'b b. Sur den Koran in die Hand, damit er ihn 
hoch hebe und die feindlichen Brüder zum Islam zurückrufe. 
Aber die Sabaija kehrten sich nicht daran, sondern drängten rück- 
sichtslos vor; vergebens erhob sie ihre helle Stimme. Der Koran- 
träger wurde getötet, um das Kamel wütete der Kampf, siebzig 
Quraischiten hielten es nach einander beim Zügel und fielen^). 
Also Aischa ist durchaus nicht als Standarte mit in die Schlacht 
gezogen, sie kam erst nachträglich hinzu, um Frieden zu stiften, 
und bewirkte unabsichtlich, dass die Flucht bei ihr zum Stehn 
kam und ein blutiges Nachspiel folgte. Sie war auch nicht das 
von dem Propheten gemeinte ünglücksweib von Hauab, das war 
vielmehr die Rebellin Umm Ziml von Fazära^). In Wahrheit wird 
allerdings die angebliche Weissagung des Propheten über die Hunde 
von Hauab erdichtet sein, und damit fällt die Anekdote in jeder 
Form, mag sie von Aischa oder von Umm Ziml erzählt werden. 
Daraufkommt es indessen nicht an; es genügt, dass Saif jedenfalls 
die undankbare Rolle von der Mutter der Gläubigen auf die Rebellin 
übertragen hat. Das ist das Wichtige, dass er überall die alte 
Tradition voraussetzt und sie in den ihm anstössigen Punkten 
corrigirt. Er wird dadurch zugleich gezwungen, auch den übrigen 
an sich gleichgiltigen Stoff so umzuformen, dass er zu den Correcturen 
passt — ein paar Widersprüche und Inconsequenzen abgerechnet. 
Einiges Besondere möge noch nachgetragen werden. Die 
durchgehenden Züge, die überall Saifs Erzählung kennzeichnen 
fehlen natürlich auch hier nicht. Er geht viel tiefer in das Detail 
ein, z. B. in der Ausmalung der bewegten Scenen in den Volks- 
versammlungen zu Kufa: Zaid b. ^uhan schwenkt seinen Arm um 



^) 3183 s. 3190 SS. 3213. 

^ Tab. 1902. Die Sitte, dass ein Weib auf einem Kamele die Standarte 
in der Schlacht bildet, wird auch dadurch bestätigt. Sie war alt und besteht 
noch gegenwärtig. 



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144 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 15. 

die Zuhörer aufmerksam zu machen und zu haranguiren, hat aber 
nur einen Stumpf, denn die Hand war ihm für einen Diebstahl ab- 
gehauen. Er gibt immer, auch bei den aufrührerischen Rotten, die 
Einteilung und die Führer genau an, desgleichen die Örtlichkeiten in 
Ba^ra, wo die verschiedenen Auftritte stattfanden, und insbesondere 
die Aufstellung der Truppen in der Kamelsschlacht. Die Leibwache 
des Uthman b. Hunaif bestand aus vierzig Zutt und Saiabiga: 
daraus kann man die Wertlosigkeit solcher bestimmten Mitteilungen 
ermessen, da es für jene Zeit undenkbar ist, dass sich ein Statt- 
halter mit Mietlingen oder Sklaven aus fremdem Volk umgeben 
haben sollte'). Lange Reden werden mitgeteilt und namentlich 
Urkunden in Fülle, Briefe der Aischa und Verse des A^im b. Amr; 
sofern sie mit der historischen Darstellung Saifs durchgehend über- 
einstimmen'), sind sie zweifellos unecht, wenngleich vielleicht von 
ihm in der Tat schon vorgefunden. Das agirende Personal ist 
wie gewöhnlich zahlreicher bei Saif, und die Namen weichen ab. 
Unter den Witwen des Propheten ist nach den Älteren Umm 
Salima auf Seiten Alis, nach ihm nur Haf^a'). Über Abu Musas 
Haltung wird er nach jenen durch Haschim b. Utba unterrichtet, 
nach ihm durch die beiden Muhammad*). Statthalter Uthmans 
in Mekka ist nach jenen Chalid b. A^, nach ihm Abdallah b. Amir ; 
Vorbeter der Anhänger Aischas nach jenen Ibn Zubair, nach ihm 
Abdalrahman b. Attab*). Während nach der echten Tradition 
vorzugsweise An^ärier von Ali in die Ämter gesetzt werden, 
nennt Saif lieber Abbasiden, Tammäm b. Abbas in Medina, Qu- 
tham b. A. in Mekka, Ubaidallah b. A. in Jaman ^). Vor allem 
tritt Abdallah b. Abbas, der Ahn der späteren Dynastie der 
Chalifen, stark und auf das günstigste hervor, als Vertrauensmann 
Alis, der ihm stets den richtigen Rat gibt aber leider nicht immer 
damit durchdringt. Bevorzugt werden ferner Ka'b b. Sur von 



3125. 3134 vgl. 1961. 3181. 

^) Aischa (3134) erzählt u. a., sie sei von dem Statthalter Alis mit seinen 
Zutt und Saiabiga im Dunkeln in ihrem Hause überfallen, und das nach An- 
kunft der Nachricht aus Medina, dass Talha und Zubair nur gezwungen ge- 
huldigt hätten. 

3) Mad. 3101, Jaqubi 2, 209, dagegen Saif 3100. 

*) Mad. 3172, dagegen Saif 3140. 3144 s. 

s) Vaq. 3039. Mad. 3135, dagegen Saif 3096. 3105. 3114. 

6) Saif 3087. 3106. Vgl. 3162. Jaqubi 2, 208. 



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Die Eamelsschlacht. 145 

Ba^ra, ein gewesener Christ; und Muhammad, der fromme Sohn 
des Talha; sie tun das Mögliche um den Frieden zu erhalten und 
fallen beide als Märtyrer. Natürlich kann Saif es auch hier nicht 
unterlassen, die wackeren Tamimiten Ziäd ben Hantzala^ und 
Qaqä b. Amr in den Vordergrund zu rücken: der letztere, sein 
ganz besonderer Liebling, ist der Anführer der loyalen Kufier (im 
Unterschied von den Sabaija), unterhandelt im Auftrage Alis mit 
den Ba9riern und entscheidet endlich den Sieg auch in der Ka- 
melsschlacht. Dagegen werden mehrere der getreuesten Anhänger 
Alis zu Schurken und zu Sabaija gemacht; sie gehören, Gott 
Lob, nicht zu den Mudar, sondern zu den Rabia oder zu den Ja- 
man, mit nur einer Ausnahme. So der Täit Adi b. Hatim'), die 
beiden Nahaiten Aschtar und Kumail, ferner die Söhne des Abd- 
^aisiten (?uhän, desgleichen in Ba^ra der Abdqaisit Hukaim b. 
Gabala und der Tamimit Hurqu^ b. Zuhair'). Der Letztere wurde 
leider, da ihn sein Stamm schützte, bei der allgemeinen Hinrichtung 
der bayrischen Mörder Uthmans verschont ; so konnte es geschehen, 
dass er aus einem Sabaiten später ein Charigit wurde und das 
Mittelglied zwischen diesen beiden gefahrlichen Revolutionsparteien 
bildete*). Saif benutzt schon bei der Schilderung der Kamels- 
schlacht die Gelegenheit, um gegenüber dem grausamen Radikalis- 



1) Über ihn s. p. 84 n. 3. 

^) Adi ist mitgezogen, obgleich Ali nach Saif (3143) die Täiten in Rabadha 
zurückgewiesen hat — im Widerspruch zu der älteren Tradition. 

•) Dem Zaid b. ^uhan soll nach Saif die Hand wegen Diebstahls ab- 
gehauen sein, in Wahrheit hatte er sie im Kampf verloren und war ein sehr 
frommer Mann (Agh. 4, 186). Hukaim b. Gabala soll seine Laufbahn als 
Räuber begonnen haben (2922). Saif scheidet die Friedensstörer, die am 
Morde Uthmans und an der Eamelsschlacht Schuld haben, reinlich aus der 
Gamäa aus und nennt immer die selben Personen. Es gehörten dazu Verbrecher 
wie Ibn Mulgam, der Mörder Alis (2221, 1. 2944, 2. 3163, 9), und andere 
Sakuniten (2220 s.), auch ein Sohn des gottverfluchten Hutam (2955, 3), ferner 
der Sohn des Hundediebs Däbi (3033) und Ibn Dhi Habaka (2908. 3032), der 
ein enragirter Schachspieler war — das sagt genug. Ihre Motive waren meist 
ganz persönlicher und gemeiner Art (3030 ss.). 

*) Hurqu9 ist schwarzer Mann in der theologischen Tradition (Agh. 7, 13) 
und figurirt als solcher oft z. B. bei Buchari. Schon früh decouvrirte ersieh; 
Muhammad selber erkannte ihn und charakterisirte ihn treffend (Tab. 1682>. 
Er hiess Dhu Ithudaija oder Dhu Ichuvai^ira, weil seine eine Hand 
aussah wie eine Weiberbrust oder ein Klumpen Fleisch. In meinem Yaqidi 
p. 377 n. 2 sind die arabischen Worte nach BAthir 3, 292 zu corrigiren. 

Wellhansen, Skizzen and Vorarbeiten. VI. 10 



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146 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. § 15. 

mus der Charärig durch den Mund Alis, den er als einen besonders 
edelmütigen milden und versöhnlicher Mann preist, die humanen 
Grundsätze yerkünden zu lassen, welche bei der leider nun doch 
einmal unvermeidlich gewordenen Kriegsführung unter Muslimen 
beobachtet werden müssen. 

Ich würde die Kritik der Tradition gern gleich in diesem 
ersten Stück weitergeführt haben bis zum Tode Alis, welcher den 
nächsten natürlichen Abschluss dieser Periode bildet und bis wohin 
vermutlich die Darstellung Saifs reicht. Aber der betreffende Teil 
des Tabari ist noch nicht erschienen, und aus Ibn Athir die ver- 
schiedenen Quellen mittels innerer Kritik zu scheiden — was ich 
allerdings vor Jahren versucht habe — wäre ein nur durch die 
Not gerechtfertigtes Unternehmen. Ich breche also diese Unter- 
suchungen hier vorläufig ab, in der Hoffnung, sie vollenden zu 
können, wenn uns Eugen Prym mit dem Schlüsse seiner Ausgabe er- 
freut^). Dass aber ohne solche Prolegomena die Geschichtschreibung 
in der Luft schwebt, denke ich klar gemacht zu haben, auch ohne 
Polemik. Als Anhang teile ich einige philologische Beobachtungen 
mit, die mir während der Lektüre au^estossen sind. 

Noten zum Text der Leidener Ausgabe Tabaris 
p. 1861—3226. 

1853, 3 äJLSI Jy.fc ist Abu Musa 1852, 6. 3043, 9. 

1854, 1 cXJLpJb ist jedenfalls Ortsname, dafür steht 1855, 13 inHadra- 
maut. Ganad wurde durch Abubakr zu Hadramaut gefügt (Bai. 69) und 
dort heiratete Muädh (1855, 15. 2136, 2. Sprenger 3, 453). Freilich nach 
1855, 7. 1863, l war es in der Hand des Asvad. 

1854, 16 Bahrain bei 'Adan wird sonst nirgend erwähnt. 
1856, 4. Für Ls^ lies Lup^ nach 1856 13. 

1856, 10. Es darf nicht beide mal gleichmässig (jy«:uJ!X:>-geleseu werden, denn 
es soll ja eine Differenz zwischen den zwei Recensionen Saifs angegeben 
werden, wie 1858, 14 s. 1859, 3. 1872, 7. 2050, 16 ss. 2055, 8. Die richtige 
Lesung und Aussprache ist natürlich Guschnas = Guschnasp, so Kose- 
garten 1856, 10. 1989, 7. BAthir 2, 256. Vgl- Bai. 85 b. Tab. 2166 h. 

1857, 6. Für v..aJad steht 1858, 17 «LS. 



>) Der Scbluss von Pryms Ausgabe ist jetzt erschienen, mir aber erst 
zugegangen lange nachdem ich das Manuskript meiner Abhandlung druck- 
fertig eingesandt hatte. 



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Noten zu Tabari. 147 

1857, 7 w v.äI^'^ ist eine in Parenthese vorgeschobene Erklärung des 
folgenden Schwurs bei Dhul Chimär d. i. Asvad (1795, 18). 

1858, 10 J = 2JLI. 

1858, 14. 15. Das L ist beidemal zu streichen, denn Aihala oder Abhala 
— die beiden Recensionen differiren in der Aussprache dieses Namens — 
ist nicht Vokativ, sondern Subject zu dlss. Vgl. 1795, 18. 1862, 11. 

1859, 5 Lil^3 vgl. 1861, 7 Lilit^. 

1860, 2. Zu /ö^^ld ist Fairuz Subject. Nur durch eine Unaufmerksamkeit 
des Redaktors ist dieser 1859, 15 in erster Person stehn geblieben. In 
der ursprünglichen Version war nämlich allerdings Fairuz und nicht 
Guschnas der Erzähler; vgl. zu 1862, 6. 

1860, 3. 4. Unter d) hat Kosegarten, unter f) hat C das Richtige, i'airuz 
kam dazu, wie ein Mann ihn bei Asvad verklagte, und hörte wie Asvad 
sagte: morgen töte ich ihn und seine Genossen. Dann wandte sich Asvad 
um, sah den Fairuz und fragte: nun? Darauf erzählte ihm dieser, wie er 
seinen Auftrag ausgerichtet habe. 

1860, 15. Lies J-jt^, Subject ist Asvad. 

1861, 4. Das Subject zu dem Dual ^lp>c\i ist Fairuz und die Frau 
(1865, 18). Dann muss vorher ein vi^Jli eingeschoben werden, ver- 
mutlich nach v.-^^ 1. 3. Es folgen zwei Varianten, von denen eine 
zu streichen ist, ähnlich wie 1860, 3. 

1861, 9 Wir schützten uns durch Fairuz d. i. wir Hessen ihn voran- 
gehn (1866, 13). Vgl. 2062, 14. 18. 2243, 18. 2249, 3. 2256, 1. 

1862, 6 Wir drei, nämlich Fairuz Daduia und Qais. Guschnas rechnet 
sich selber nicht mit; ein deutlicher Beweis, dass er in in der ursprüng- 
lichen Version (1866, 10) nicht der Erzähler in erster Person war. Vgl. 
oben p. 33 n. 2. 

1862, 8. Lies ^Lü in 1. PI. 
1862, 12 s. zu 1903, 6. 

1864, 14 nJ^: sie fielen zu beiden Seiten des Strichs auseinander. 

1865, 12 oJi% und was ich gesagt hatte. 

1870, 13 xjcXj ^j Lo die Viehsteuer. 

1871, 15 Lies ^*y^jjü es wird nicht lange dauern, oder qJ. 
1873, 1 v>-JUp- BHabib 15. Jaqut 2 60, 6. 

1875, 4 v3l^yW ^gl- 1'74, 14 (^W-jW 

1875, 9 Die Abdmanät gehören nicht zu Dhubiän, sondern zu Kinäna 1879, 17, 
wie die Ali und die Bakr 1877, 7. 1878, 17. 

1876, 1 Wird er uns an ein junges Kamel vererben? wird sein Erbe 
in der Herrschaft ein junges Kamel sein? weil er Abubakr, Vater des 
jungen Kamels, heisst. Vgl. zu 1886, 13. 

1876, 17 L^? vgl. 'l^ 1877, 1. 

10* 



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148 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. 

1886, 13. Wie die Note sagt, ist mit Abu IFa^il Abubakr gemeint (1827, 10. 
1890, 5) und ebenso auch mit Abu IFahl (1886, 14. 1890, 6). Irrig de 
Goeje zu Bai. 96, 9 und Jaq. 1 601, 20. 

1887, 1 ^nJLwJLj ist eine unmögliche Ortsangabe. 

1892, 11. Es gab zwei Familien Gadhima bei den Asad, G. b. Malik und 
G. b. Faq^as (Raväha); die letztere wanderte aus zu den Abs und hatte 
dort eine Weile das Fürstentum. Nach dem Eamus hiess der asaditische 
Seher Auf b. Rabia, der in der Geschichte des Maralqais vorkommt, Dhu 
IChimär. Der Beiname wurde öfters Sehern beigelegt, weil sie sich, 
ähnlich wie Muhammad, bei der heiligen Wahrschau verhüllten (2630, 1 1). 
Auch Asvad hiess so 1795, 18; ein anderer Dhu IChimär wird 2093, 13. 
2847, 9 erwähnt: der Name scheint sich auch auf die Nachkommen eines 
Sehers vererbt zu haben. Albern Baladh. 105, 6. 7. 

1894, 3. Lies 8 JUJ. 

1898, 6 ^Ä.Jhi): sie schützten sich vor ihm, indem sie sich seinen Be- 
dingungen fügten. 1899, 15. 1938, 10. 

1899, 13 Jo-, ^ vgl. 1989, 2. 2249, 8. 2545, 4. 

1902, 14. Die Lesart des cod. B. für ^^-^L^ wird vielleicht durch 1903,9 
bestätigt, zumal Gas wie Hariba wirklich ein Geschlecht in Dhubian ist. 
Es wird von Ghanm v. 14 unterschieden; die Bemerkung Tabaris kann 
also nicht richtig sein. 

1903, 6 \j^^ nämlich J-^äJI wie 1862, 12. In der Poesie ist das gewöhnlich, 
in der Prosa selten. 

1905, 12 s. Die Givä sind von Murämir nicht verschieden, vgl. Baladh. 97, 6: 
Gau Murämir. 

1908, 8. Am Schluss notwendig: Tunuqi. 

1909, 5. Für U^ lies Uj. 

1909, 6. Lies wÜ = wegen eines Ereignisses, das ihn beunruhigte. Vgl. 

1910, 10: das war es, was ihn zurückhielt. 
1909, 8. Zu ^Lol:>" ist Qais Subject: immer wenn Q. mit Z. wetteiferte, 

stach Z. ihn aus durch sein Glück. 

1909, 12 s. ^^y^M ^^ auschwärzon, wie im Deutschen. 

1910, 3 jt^^^ der Steuerkamele ist der, bei dem sie als ^jl-/29^ deponirt 
sind (1910, 7. 1922, 4). 

1910, 11 U^byt^ ist zu streichen; denn die Ribäb sind die folgenden Dabba 

und Abdmanat (1913, 4). 
1914, 4. Lies ^Läm.. 

1916, 9 J.4^13 Imperativ L 

1917, 4. Lies ^%. 

1920, 4. Lies ^j^^ im Plural. 



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Noten zu Tabari. 149 

1925, 5. 6. ]yi\J Ül und xJUCä »i^liO ist zu streichen. 

1926, 7. Lies ^^-^r wegen dessen was. 

1927, 4 tX-Äüt den verlorenen Gegenstand (hier ist es der tote Bruder) be- 
schreiben; eigentlich zu dem Zweck, um jedermann zu beschwören, dass 
er zur Auffindung helfe. 

1933, 1 Eosegartens Lesung ist richtig. 

1934, 12 1 g.tl i'a'Ö (ihre Spitze) ist Glosse zu Lpty>^ J ist ^J^-y vergl. 
2322, 17. 2583, 14. Ein einfaches Verfahren der Gärtner wird hier zu 
einem Wunder aufgeputzt. 

1937, 14. Lies nj^ und ytJwo. 

1937, 17 oLxJai> ist richtig; ebenso 1943, 8. 1955, 2. 

1943, 2. 4. Beachte den Unterschied von tot und UJ: wenn er gepisst 
hatte und als er gepisst hatte, aber beides temporell. Übrigens heisst 
tot zuweilen auch als, nicht bloss in der Verbindung t*3t ^^Ä>-. 

1944, 11. »Die Menschen sprachen* ist eine (recht überflüssige) Vorbereitung 
von „ich werde heute nicht sprechen* 1. 12. Ebenso 1943, 13. 14. 

1947, 9. Lies P j^^t mit Zain. 

1948, 12 v>JLmuüq gibt hier keinen Sinn. 
1952, 13. Sprich saalat und uchbirat. 
1952, 14. Richtig Kosegarten unter s. 

1956, 15 *vAJt JaÜJ gibt hier keinen Sinn. • 

1958, 9 ÄÄxJ der Erfolg und Lohn des Handelns 1847, 6. 3031,16; vielleicht 
nach Apoc. loa. 14, 13: ihre Werke folgen ihnen nach. 

1963, 2 XA3O muss gestrichen werden. 

1964, 4 Uo nämlich Alä b. Hadrami. 

1965, 2. In v::>.A:5^J steckt ein Imperfectum, dessen Subject L^^jucoj ist. 

1969, 11. Die Parenthese ist hier so unmöglich wie 1973, 1. 2. 

1970, 10. Sprich valribäbi 1-akärimi im Genitiv. 

1975, 12. Statt Zaid und Misma' lies nach 1971, 16 Zaid und Ma'mar. 
1978, 1. Für jiwJLXd ist etwa Jk^XJLd zu lesen. 

1978, 18 iu muss fehlen. 

1979, 8. Saihan (nicht Schaihan) ist auch deshalb die richtige Aussprache, 
weil im Hebräischen Sihon entspricht, der Name des Amoriterkonigs, 
mit ohne Zweifel echtem Samek. 

1980, 2 j^ ^^3 sind die Muslimen. 

1980, 8. Streich ^ ^, vgl. 1995, 15. 

1981, 15. Sprich vallubani mit u. 

1982, 5. Qirdim BSa'd § 141 (Skizzen IV 75, '12). 

1983, 12 s. Statt ^_^^t ^t lies (j*#Ljüt y«t. Aber die ganze Parenthese von 
0ljt3 bis ^•JS ist sehr störend. Dazu gehört im Folgenden der 



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150 Prolegomena zar ältesten Geschichte des Islams. 

mit qI )i\ beginnende sonderbare Satz: „Nach der Ermordung Asvads 
wurde der Zustand der Menschen wieder wie früher; freilich hatte sie 
seine (so zu lesen) Ankunft überhaupt nicht erschüttert, da sie auf ihn 
vorbereitet waren.* 

1984, 10. Für J^äa» ist ein Perfectum zu erwarten, das mit Jt 1. 11 ver- 
bunden werden kann. 

1985, 6. Lies LjjL:>-: und mein Patron. 

1986, 2. Für (,xad> (1910, 9) lies ^*X:>. 

1996, 16. Die Aussprache Dadavaih beweist die Unechtheit des Verses. 

1997, 4. Abdallah (2136, 4) war also ein Bruder des ükkäscha (1852, 8). 

1997, 17. Hinter ö^ ist ausgefallen %^^ Lo. 

1998, 10. iUÄÄÜt (1997, 11) = 'Moi\ji\ 1994, 4; vgl. 2145, 17. 2155, 4. 

1999, 16. Ukkäscha b. Mih^an war längst gefallen; die vom Herausgeber 
vorgeschlagene Änderung ist auch darum notwendig. Vgl. 1888, 1. 2262, 3. 

2000, 13. 14-3 am Anfang der 1. 14 gehört vielmehr an den Anfang der 1. 13. 

2000, 16. Lies ^^•^. 

2001, 14. Lies e^xÄ^l ^^, vgl. 2006, 7. 
2004, 6. Vgl. 2005,2 s. 18. 

2004, 17: halten aus auch in der Gefahr. 

2005, 13. Der Fluch, nämlich des Propheten 2000, 13. 2011, 1, 

2008, 12. Zu qj^Aaj ist ^j-oi^^Jt, dem Sinne nach ein Plural, Subject. 

2009, 3 „unter der dritten zur Wahl gestellten Bedingung" steht formell etwas 
störend an dieser Stelle. 

2009, 17 ^0^^^^^ vgl. Baladh. 101, 17. 

2010, 3 „Kathir stimmt mit den anderen Oberlieferem überein." 
2010, 7. Lies i^\y „deine Absicht." 

2010, 17. Lies und sprich litustazalla lahum, „du hättest dich von ihnen 
nicht ins Verderben sollen locken lassen und ihnen gar nicht als des 
Versuches wert erscheinen dürfen". 

2013, 7. Damach ist auch 1775, 9. 10 ^^^ zu corrigiren. Der Prophet 
weist eine Frau zurück, die niemals Krankheit oder Schmerz erlitten hat, 
weil sie Gott nicht wolgefallen könne — während ihr Vater glaubt, das 
sei eine Empfehlung. 

2017 d. öj-^ passt hier nicht; denn das ist eine Extrasteuer für den 
Schah 2049, 15. 2045, 12. 2050, 4. Wahrscheinlich die alte von den 
Ptolemäem und Seleuciden geforderte Steuer für den goldenen 
Kranz (Gothofredus zum Cod. Theodos. 12, 11), die sich dann wie im 
oströmischen, so auch im persischen Reich fort geerbt haben würde — 
was durchaus nicht unwahrscheinlich ist. Vgl. 2445, 11. 

2021, 3 (J^y: mit einem einzigen Manne. 

2022, 9. 10. Die Parenthese fehlt mit Recht bei Ibn Hubaisch. Für Zabä- 



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Noten zu Tabari. 151 

dhiba ist natürlich Zaiädhiba zu lesen, die Familie des Azadbbih. 
2023, 9. Lies wXäj für L^Aäj. 

2023, 10. Sie trafen in der Ascendenz der Genealogie mit Ardescbir und 
Schira zusammen in dem gemeinsamen Ahn Ardescbir dem Älteren. Vgl. 
2056, 3. 

2023 i. Richtig Ibn Hubaisch. 

2024, 7. Vor ^^ fehlt Kl. 
2033 d und g. Richtig C. 
2034, 3 ^^: für die Araber. 

2044, 18. Lies cXj ^i> ^, nach 1. 19 und 2051, 9. Die Redensart Ju ^ 

(2242, 13. 2278, 18) passt hier nicht. 
2051, 8. 9 xj^ für y;5>, und qä für ^. 
2063, 17. Zu (^Lm^ s. Mafatih alülüm 122, 12. 
2065 c. Die Bemerkung, Rumänis sei der Name der Mutter des Vabara, 

kann nur richtig sein, wenn 2703, 7 für Rum&nis b. Vabara zu lesen ist 

Vabara b. Rumänis. 
2101, 6. Aschtar war vielmehr Nachait — aber Saif begeht solche Irrtümer 

vgl. 2481, 10. 
2108, 4. Es ist besser raghiba Inäsu zu sprechen. 
2112, 7. Lies ^^^^^ im Plural. 

2121, 5. Lies wXJ>t3 cXi^t^, vgl. 2160, 8. 9. 

2135, 20. C hat Recht mit -a^ÜI^, denn es soll nicht gesagt werden: er 
hat die Wahl, sondern: es ist das Beste für ihn, dass er sich von euren 
Angelegenheiten fern hält. Vorher ist wol L^lj zu lesen, mit femi- 
ninem Suffix, bezüglich auf Ki^L^t. 

2147, 12. Lies pUi. 

2148, 1. Sprich biriddatin d. i. durch Rückfall, Abfall. 

2152, 19. Sie hatten den Stadtgraben (das Wasser 2153, 2) auf Schläuchen 
passirt. 

2153, 4. Lies jali ghairuhu: wo nicht Chalid, sondern andere muslimische 
Offiziere befehligten. 

2153, 19. Es ist nicht mugrä|, sondern magrä zu sprechen. VgL 2231, 3. 
2507, 3. 

2154, 4. Die Domänen sollten als Staatsgut unverteilt bleiben. Vgl. zu 2371, 14. 

2156, 5 i.jiy *31 und ^15^ ^t^ sind Varianten; ersteres richtig. 

2157, 16. Sein Nachfolger im Commando war Nestorius. Nestorius ist auch 
2151, 13 für Nastuä herzustellen (Anastasius der Sohn des Nestorius). 

2159, 4. Die Lesart von C verdient auch hier den Vorzug. 

2161 , 2. 3. Lies Iv^ou^^!, da hernach der Dual folgt, und mit IH UXä5^1. 

2161, 15 KJLaaJ bezieht sich auf 2160, 2 ss. 



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152 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. 

2162, 1. Wenn Andere jetzt ihre Werke tun und sie selber zurückbleiben. 

2168, 14. Lies (j^^Xi «S^^^l als Erklärung zu dem voraufgehenden Pronomen 
suffixum. 

2169, 14. Lies ^j^^^ji^ nach L 11. 

2182, 11. 12. Die Plurale scheinen zum teil Duale zu sein. 

2182, 16. 17. Ich sehe nicht, was diesem Vorwurf zu gründe liegt. 

2184, 9. IH richtig ^U^^ und aus seinem Briefe. 

2186, 5. Sprich 'azama: legte eine Beschworung darauf. 

2186, 7 IH richtig ^j: die unter den Amir zerstreuten Bagila; vgl. 2200, 19. 

2186, 10. IH richtig Q^yül als Frage; werdet ihr Arfaga anerkennen, da 

er doch . . . . ' 
2188, 12. IH hat wenigstens darin Recht, dass ^c'^^^ falsch ist. 

2192, 16. Der die beiden Subjecte trennende Satz muss herausgehoben und 
entweder vor- oder nachgestellt werden. 

2193, 14. 15. Oj^l ^lio! scheint mir Unsinn zu sein, vgl. 2199, 14. 

2206, 18. bJ ist unmöglich; vielleicht vJLo. 

2207, 9. 10 S%^\ „jiüU ^ die Nomaden. 

2208, 6. Lies B-^l für B^J^t. 

2209, 4 jJUj ^ es fehlt nur noch. 
2213, 12 ^j^j^, gibt keinen Sinn. 

2227, 2. Lies L^^t^ Lo L^: dieser Sieg entscheidet; vgl. 2230, 10. 
2229, 2 Vl^^ ^d yJü:f sind Varianten. 

2239, 10. Lies Jjhli vgl. 2643, 1: es fiel ein Schrecken auf sie. 

2240, 13. „Die abgetreten Dörfer mögen euch uns vom Halse schaffen. Scheut 
den Angriff der Perser, denn ihr könnt nicht gegen sie aufkommen." 
Also ^^LaaäXä», ^y^ -JCi (Jussiv), und ^j^aaLj oder sonst |^jl»I3j, 
denn letzteres Wort würde nur im Jussiv Sinn ergeben. 

2241, 16. Lies \Ji^S^ j^. 
2244, 7 l^jUt^? 

2252, 6 «^üül muss gestrichen werden. Die Verteilung der Rollen zwischen 
dem Indier Zurna (der ohne uns vorgestellt zu sein plötzlich erscheint) 
und dem Diener Gabans lässt allerdings an Deutlichkeit zu wünschen 
übrig; es scheint eine Contamination zweier Varianten vorzuliegen. 

2252, 8. Dabei zeichnete er einen Kreis ist Erklärung zu dem vorher- 
gehenden U^lJ>. Ebenso 1. 13. 

2252, 12 Oj^Jv-^iAi^ stört formell an dieser Stelle. Lies darauf ^'f^ 

oder «jjAj 



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Noten zu Tabari. 153 

2254, 15 vJjLäj ist besser; vgl. 1798, 5. 1856, 4. 1857, 5. 2063, 15. 

2255, 1 Ui^ stört und ist zu streichen. 

2257, 18. 19 ^^ und ^^ sind die Perser, t^^^juaj die Araber. Anders 
wie 2263, 4 muss r^l^t hier schröpfen, aussaugen bedeuten, in 
metaphorischem Sinn. 

2258, 11 t3t gibt keinen Sinn, höchstens 3t. „Es sind andere zum Ratgeben 
da, also bemüht euch nicht!'* 

2260, 5 ^Id^ nämlich noch immer Amr; erst mit den folgenden o\3 setzt 
Qais ein. 

2261, 5 i^J4^\ 2340, 14. 2463, 14. 2473, 15. 2485, 11. 2562 s. Vgl. 
Madaini 2462. Bai. 280. 382. 

2265, 11. 12 ÄAAiUJt v.^>^>Ld ^t iß^ ist unmöglich; der Führer des 
Vortrabs ist ja Galenus selber. 

2271, 5.6. Beide *i\ sind zu streichen. „Wenn ihr mich nicht zu euch 
kommen lasst wie ich will, d. h. in Waffen, so kehre ich um.*' Vergl. 
dagegen 2273, 10. 

2272, 17 <jaJL:> im Sinne von ^l:>, wie 2277, 8. 
2293, 2 »cUft d. i. e^fA^JI OJ^. 

2269, 10. Richtig ist man ta'ibuhu Msubab: ich bin kein Mann, den 

Schmähungen treffen. 
2299, 7. Lies ^\J^ für ^. 
2305, 11 ^^^•t nämlich den Weg, d. i. er eilte. 
2305, 16. „Wären sie an eurer Stelle und merkten, dass ihr im Anzüge 

wäret, so würden sie euch das Glück nicht gönnen, den Sieg zu erkämpfen.' 

2307, 3. Lies [^J^*. 

2309, 15 S^aX^jl!! ist richtig; vgl. 2310, 18. 

2312, 5. Die erste Hälfte der Nacht heisst ot^l, vgl. L 14. 2316, 5. 

2316, 14 QAAAoJt Qjo U ist Glosse zu ^lxi\ ^^ Lq 1. 13. 

2320, 11. 12. „Dass er sie zu ihrer Verstärkung schicke auf Postpferden* ge- 
hört [zusammen; dazwischen steht eine Parenthese (denn es waren bei 
ihm wegen des gestrigen Ereignisses Hilfstruppen eingetroffen.) 

2322 , 4 iU4Jc«Jt . . . Uy gehört nicht an diese Stelle, sondern ist Gorrectur 
zu 1. 2 t^lÄ, und dies ist Ergänzung zu t^Ld 1. 1. 

2326, 13 O^^b ist Glosse zu Lf». 

2327, 5. Vor Kl fehlt ein Satz wie: man hörte nichts. Vgl. 2334, 1. 
2330, 4. Das Subject zu ^U. ^JLc, j»l3 ist sonst der Krieg, vgl. 2332, 16. 

Verwandt ist das häufige d^j ^J^ ^^j^ oder ^Ü. 



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154 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. 

2334, 11 f^\ l^ bleibt stehnl Vgl. 2356, 15. 16. 2343, 17. II 30, 15. 

2335, 4 nJa*aA acies? Oder ist es »^h»a,^ statt »^ho'n^? 
2335, 13. Qabilen heissen yorzugsweise die Jamanier. 
2337, 1. Lies äJ^Uäs. 

2342, 7 syül vgl. 2357, 4. 2443, 8. 

2345, 14. 2428, 6 V^A>^ hat nicht im zweiten, sondern im ersten Stamm 
die hier erforderliche Bedeutung: die Erwartung tauschen d. i. feige 
sein, fliehen. Umgekehrt /•)'-^*ö sich bewähren d. i. tapfer kämpfen. 

2351, 10 K AA^>UJt y*^^ ist Verbesserung zu Kaj^mOIäII 1. 9. 

2351, 16 (JaääJI ist Glosse. 

2353, 3. Lies ^^^X^ statt QiiS>. 

2363, 16 Lj-jJJ ^\S jtfÄ^ bis vor kurzem. 

2371, 14. Für ^».p/» v-^ ^^ (2154, 4) steht 2375, 11 .^^♦^Löt; für 

v-^ 2427, 7 J.i>0, 2468, 2 ^. 
2374, 4 \J^y^ Vaqidi 397. Jaqut 1, 825. 

2389, 11. Die Wiese von Damaskus ist hier (bei Him^) nicht am Platze. 
2389, 12. Lies ijJ^ statt tjus. 
2391, 3. Man erwartet: er Hess seinen Statthalter in Him^ zurück. 

2393, 1. Das Wasser ist der Euphrat, wie 2395, 16. 

2394, 5. VonKufaher stosst sich mit dem folgenden vonQarqisia her. 

2397, 1.2 ^4X>'\^ ist seltsam gegenüber dem folgenden ^^^yü ^ vgl. 
2399, 3. 

2398, 9. Wie passt der Kaiser Michael in diese Zeit? 

2409 f. Die hebräischen Namen hätten weniger zaghaft recognoscirt werden 
können. 

2415, 1. Lies ^JJt x^Lb^ denn es ist Object zu cXct, wie das Folgende 
zeigt : der Gehorsam gegen Gott und der Gehorsam gegen den Propheten 

ist unsere 'rkXfr. 

2419, 10. Zu *Jtbl ist Jj! Subject. 

2419, 15. Für Qadisia hätte Madäin gesagt werden müssen, vgl. p. 74 n. 1. 
2419, 16. Lies ^jx*i statt qv>uI, nach 1. 14. Aväbid sind geflügelte Worte. 
2422, 5. Die Aussprache quddima (Zuhra vor SaM) ist jedenfalls unrichtig; 

doch ist das Ganze unverständlich. 
2428, 13. Lies ö^Ja>- Pfeil. Vgl. meine Bemerkung zu 1. Sam. 20, 20. Auch 

aramäisch ^<^^n) s. Olsbausen in den Sitzungsberichten der Berliner 

Akademie 4. Nov. 1880 p. 897. 



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Noten zu Tabari. 155 

2433, 14. Ich zweifle, ob der Text bedeuten kann: die Muslime trieben ihre 
Pferde gegen die Perser an. Im Folgenden heisst es, die Reiter hätten 
die Pferde nicht mehr in der Gewalt gehabt. Damach erwartet man vorher s 
die Pferde gehorchten ihnen nicht. Also ^Ja4J^ oder ^j^^^Jm^ im 
ersten Stamm und darauf chailukum. Aber das kann nicht Yon den 
Muslimen gelten, sondern nur von den Persern, die das Subject von 
\yijb sind. Also scheint q j^JL^^t^ ein falscher Einsatz zu sein. 
Erst in tyl^Ol^ 2434, 1 sind die Muslime wieder das Subject. 

2443, 11. Bekannt ist »jLä^! Jpyo^ als Beiname eines Königs von Hira. 
Doch lässt sich die Textlesart vielleicht rechtfertigen durch die freilich 
nicht klarere hebräische Stelle Zachar. 12, 3. 

2446, 10. Die Krone hing zwischen zwei Säulen über dem Thron 2448, 14 
2454, 14. 

2447, 4. Dähar wird 2593, 2 mit Räsak von Mukran zusammengestellt 
2469, 17. „Die Verwaltung der Sache hapert", d. i. verwickelt in unlösliche 

rechtliche Schwierigkeiten. 

2471, 6. Was sollen hier die Kurden? 

2481, 10. lad b. Ghanm war Fihrit, nicht Asch'arit. Vgl. zu 2101, 6. 

2489, 4. Lies s^JL^. Die Moschee lag inmitten eines freien Platzes, der 
einen Pfeilschuss im Quadrat mass- Nur an der Vorderseite lief ur- 
sprünglich eine 200 Ellen (= Pfeilschuss?) lange Golonade (tzulla) von 
marmornen Säulen, deren Bedachung (samä) nach Weise der griechischen 
Kirchen gemacht war. Erst Ziäd b. Abihi fasste den Platz von allen 
Seiten mit Säulengängen ein (2492). 

2491, 5. Keiner hatte auf dem Karawanenplatz ein Vorrecht; wer zuerst kam, 
mahlte zuerst. Ebenso wenig auf dem Markte 1. 3. 4. 

2495. Also zuerst war Kufa in j[j^\ eingeteilt, dann in pLAjwvt, dann in cLt. 
Anderswo aber werden die jLä^t nicht als Zehntel aufgefasst, sondern 
als Dekaden, vgl. 2223—25. Siehe auch p. 138 n. 4. 

2497, 5. ^^j4^^t hätte hinter ^^4.^ gesetzt werden müssen. Vgl. 2460, 11. 
2479, 6. 

2505, 14. Nach 2578, 3 hiess Sa'ds Sohn Umair; es ist nicht wahrschein- 
lich, dass das ein jüngerer Bruder von Amr war. 

2577, 8. jSLS*- ist aktiv; das Meer grub wunderbarer Weise selbst den Graben. 

2591, 6. O^jl!! ^^ \0^^ ist Variante. 

2630, 4 t^y? 

2638, 6 cXi^ Lp Q^ scheint verstellt zu sein und hinter ^U^tJÜt 1. 7 zu ge- 
hören. 

2677, 12. Lies vi^samm nach 1. 13. 

2682, 7. Besser ^lj wie L 8. 



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156 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. 

2693, 1. 2. »Die beiden Städte sind jetzt so weit entfernt yon ihren Grenz- 
posten, wie ihr yor alters von den beiden Städten" — soll das der Sinn 

sein? Aber was bedeutet vor alters? und ist nicht ^*yjy^a^\^ ^^*Sj\S 
unmögliches Arabisch? 

2694, 10. Lies 2uuo statt des zweiten ^«-^aa. 

2702, 4. 2703,5 (jojjijjj mit ^^^ oder ^: leihen auf ein Pfand. 

2706, 13. 2707, 3 L?tÄ? [}aail.? 

2714. 5. 6 ^^j\ö ljjjLx>t = daheim bleiben und nicht mit kämpfen wollen. 

2722, 6. Mughira war Statthalter in Kufa, Hess aber seinen geschickten 
Sklaven in Medina, wo es an Handwerkern fehlte, für sich arbeiten, so 
dass derselbe ihm täglich zwei Dirham von seinem Verdienst abgeben 
musste. Mit Unrecht nimmt A. Müller I 284 Anstoss daran, dass der 
Herr in Kufa war und der Knecht in Medina. 

2724, 3 Vor i\Ji scheint etwas ausgefallen zu sein: die betreffenden 
Männer kamen zuUmar und er sagte ihnen Bescheid und fügte 
hinzu, sie sollten auf Talha warten. 

2724, 12 iüJA*aJl ^a^ wechselt mit Ä3juaJl H^-^^i^ 1. 6 (Kamelpferch). 
Das hebräische •^xjn deckt ,xa^- und -ti^*. 

2740, 5. "„Warum hatte er mich nicht gebeten, ihn von meinem eigenen Gelde 
zu geben!" y^Xo ist unmöglich, es muss Verwalter, Schatz- 
meister sein. 

2741, 3. 5 jIaäI Gedanken. 

2741, 6 LP^^e^^U3 ist unverständlich, ein Wort ähnlichen Sinnes wie 

l^yjujCaXh (verwahrlosen 2742, 9) erforderlich. 
2751, 8 vJuLt qI^ wenn ihr auch auf dem letzten Blatte (des Divans oder 

Registers) steht. 
2755, 5 «^L^*? Kann das heissen: dass du nichtöffentlich einem Geheimnis 

entgegentrittst, widersprichst? 

2768, 6 L gn , < L»wJC3 ist richtig: er fand es zu wenig. 
2775, 16 L«^^ ^? 

2777, 6 j4Si ^t Uü wÄ.» ist unverständlich. 

2778, 4 L03 und wenn; vgl. 2789, 6. 

2789, 4 Lies mit Co '^^. „Geht sacht, so erreicht ihr das Ziel; sonst 
entstünde eine Verwirrung, worin die Leute sagen was sie dünkt, und 
welche sie ins Verderben stürzt." Der folgende Satz schliesst nur 
an, wenn die zweite Person in die dritte verwandelt wird: „indem ihre 

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Noten zu Tabari. 157 

Absichten über ihr Yerstehn hinausgehn und ihre Taten ober ihre Ab- 
sichten". Für "^ 1. 6 ist mit Co einfach ^ zu lesen, da das yor- 
hergehende Lq nicht Negation sein kann. 

2797, 15 »S^.^ ^u sind Varianten. 

2800, 16 Lies ^uXJLt^: ein Gleichnis für die Welt und für das was besser 
ist als die Welt. 

2813, 11 qjI ist ein Verseben für ^1. 

2815, 2 „Ich überlasse jetzt aber euch die Entscheidung." 

2822, 14 Der Unterschied zwischen der Wahrheit und dem Nichtigen, Unge- 
wissen ist Tier Zoll, nämlich die Breite zwischen Auge und Ohr; die 
Wahrheit ist der Augenschein und das Nichtige ist das Hörensagen. 

2842, 12. Lies vJU^ ^\ statt ^ili ^l 

2850, 13 l^uUu starben nach einander. 

2851, 1. „Nach den letzten Nachrichten ist er todkrank." 

2853, 4s. „Sie waren ausschliesslich in dieser Art beschäftigt." Vgl. ^yo 
1. 12. Anders 3115, 1. 3151, 15. 

2854, 1. „Er konnte ausgezeichnet ein paar Verse citiren." 

2858, 7. Besser »Jü^. 

2861, 18. „das sie von Muhammad gebort hatten und falsch deuteten.'' 

Lies \Jas>\ für Lx^t. 

3862, 8. „Er ist so viel ich weiss . . . hier lobte er ihn.** Das Blogium 
selber ist ausgelassen. 

2880, 18. Hier geht ein Variante der Erzählung an, die als solche hätte 
bezeichnet sein müssen. Es scheint vorher etwas ausgefallen zu sein. 

2892, 8. Hinter ^^y^»*^! q^ fehlt etwas. 

2894, 9. 10. Der mit JOo beginnende Satz ist ein Interpretament in Paren- 
these, worin an Stelle Uthmans ein anderes Subject (»1x3 q^?.^) gesetzt 
zu werden scheint. Das ^ vor v^'üü 1. 10 ist zu streichen. 

2910, 13 ]y6j^ nämlich ^y»l 

2936, 15. Lies JS im zweiten Stamm, vgl. IL 802, 14. IIL 281, 1. 356, 1. 

2939, 12. Lies imjJ^^I und ihr sprecht es ihnen nach. 

2940, 3. Vor in fehlt nach aqmanu ein an. 

2945, 14 v.^aJL:^i? 

2948, 12. Es ist ^t q^ erforderlich: als dass. 

2948, 18s. „Abubakr und Uthman schädigten sich selbst und die welche mit 
ihnen in Beziehung standen, in Hoffnung auf den künftigen Lohn." 



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158 Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams. 

2952, 7 .'•\'^ ist eine ähnliche Metapher wie JJifi. ursprünglich trieb man 
Kamele her und band sie an. Darnach sagte man dann auch : Geld 
treiben und anbinden, für bezahlen. 

2953, 9. 14 JLfi u^uJt kann nicht bedeuten: ich habe überschritten, und 
v^>.aJUj ^ nicht: man kümmert sich nicht. 

2954, 6. Lies »^jxj mit singularischem Suffix, das sich auf den Ghalifen 
bezieht. 

2957, 14 (1874, 12) I^Aftit? Vgl. 2707, 3. 

2959, 1. Der Sinn erfordert JU; ^Ȁ:^! : einigten sich auf mich. 

2960, 16 \y\Ji^ traten als Hetzer auf. 
2967, 6 Aglän = Eglon (Josue 15, 39). 
2987, 3 LycXft unser Helfer. 

2989, 16 o\Ji wird wieder aufgenommen durch d[^ 1. 18; dazwischen steht 
eine Parenthese, die sich auf Vattbab bezieht 

2990, 14 L^Lftd ist ein Wort: er drehte und zerrte den Bart. 

2990, 17 ^clXXamI rief her, und zwar nicht laut, sondern durch einen Wink. 

2991, 10 «^VÄd nämlich das yerhängnisvolle Tor der Revolution (Fitna). 
2998, 6 ^jXÄI =n als Opfertier bezeichnen; hier tropisch, dagegen 3007, 

12. 15 eigentlich. 
3000, 4. 6. 18. Der Sohn des Abu Rabia hiess Aijäsch, nicht Abb&s 

(BHischam 319); es ist also überall (J^t^lx^ statt (j^vU^ herzustellen. 
3003, 12. Das Taschdid über d\yIo ist zu streichen; tuväl ist die bekannte 

Nebenform zu tavil. 

3003, 13 c. Es ist vielmehr ^^j zu schreiben : der Überfall, der vom Helm 
auf den Nacken herabhängt. 

3004, 11. „Er beschwur ihn, er solle doch ja abdanken.* Man gebraucht 
zwar ^jÄftt mit Akkusativ des Amtes (3153, 17), aber ich glaube nicht 
dass man ,,y^jJis^ in dem hier erforderlichen Sinn sagen kann, ziehe 
vielmehr vor, ^/♦^^ vJjÄtt zu lesen. 

3009, 10. Muavia b. Hudaig ist gemeint, vgl. 2959, 15. 

3009, 13. Ich verstehe die Komödie nicht, die sie anstellen, um sagen zu 

können, sie wären zuerst angegriffen; der Text scheint mir nicht in 

Ordnung zu sein. 

3012, 13. ll»? 

3016, 1. Für "Jf ist ^jJ erforderlich. 

3023, 18. Der Sinn muss sein: und eure Eintracht war noch nicht ge- 
brochen. Ob der Text so gedeutet werden kann, ist mir fraglich. 



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Noten zu Tabari. 159 

3024, 1. Der Satz in der zweiten Hälfte der Zeile ist mir unverständlich. 
3026, 6 «Jaftit erfordert hinter sich ^K^t (den Quraisch). 
3026, 7 qI^ ist noch abhängig von q^. Aber Loj-«jbo (und wer be- 
drängt war unter den Menschen) ist kaum richtig. 

3028, 20 „ohne dass einer ein Wort redete, das ihm schadete und nicht 
nützte?« 

3029, 20. „Der Erzähler verhüllte die Ursache, weswegen sie gegeisselt wurden.« 
3031 , 9 ^^93f 

3036, 16. Es wird muthlatan zu sprechen sein. 

3037, 1 (»5j>" ist Prädikat zu jc^'ij in der Mitte steht ein Schwur in 
Parenthese. 

3044, 5 L^1, nämlich KfcUaJt. 

3049, 14 ^♦>gjLo von den getöteten Knechten. 

3050, 2. Es ist bisher nur von zwei Knechten (3049, 14) die Rede gewesen, 
so dass die Bemerkung, der Name des Dritten sei unbekannt, nicht am 
Platze ist. 

3065, 10. „Wären die An^ar der Meinung gewesen, es geschehe dem Chalifen 
Unrecht, so hätten sie sich beeilt, ihm dagegen zu helfen.« 

3076, 13 äjL^O* kann nicht richtig sein. Vielleicht »oL^O* wie 3117, 17. 

3088, 3 '»XjO^ ^ wie 3164, 11. 

3096, 6. Für U^ ist notwendigerweise Üt (Ali) zu lesen. Ob Mudhammam 

(so zu sprechen) und Mukhula wirklich Talha und Zubair sind, wie der 

Herausgeber meint, ist mir zweifelhaft; denn Mudhammam ist sonst eine 

Verdrehung von Muhammad. 
3104, 16. 17. Lies r\y^ mit punktirtem Ain. Statt des gewohnlichen 
äjJL:>- ist vielleicht das durch 3110, 14 beglaubigte ungewöhnlichen äJLjL:>> 

zu lesen. Das Fehlen des Artikels vor pL^^ vor t«Aou.£: fallt auf. 



3107, 15. 3110, 12. Das Richtige ist /ü 
3217, 13. Es ist amru amiri zu lesen, vgl. 1. 17. 

3129, 7. Anstatt des Uthman b. Hunaif, der bereits von der Scene ab- 
getreten ist, muss Hukaim b. Gabala eingesetzt werden. 

3129, 12. Sprich jura', nicht jar'u. 

3130, 13. Man sollte vor ^t den Artikel erwarten, da von dem Erschlagenen 
1. 7. die Rede ist. 

3133, 7. Lies t^Ls? mit Nun, gemäss den folgenden tj^J^. 

3149, 1 tot muss in ot verbessert werden. 

3155, 5 ^t^ ist Versehen für f^jt^. 

3155, 10. 11. Ali hat hier nichts zu tun; das Richtige ist ^XfiLb ^^^: 



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160 Noten zu Tabari. 

wer nicht zu den unruhigen gehorte, sondern im Gehorsam yer- 

harrte und an der Gam&a festhielt. 
3159, 16. Über iuoUi ji^ = ^U5»-t siehe Lisan 15, 340. 
3161, 17. Der mit ,<^'^ beginnende Satz lässt sich nicht halten; denn das 

folgende lU^ bezieht sich nicht auf v3l-ÄÄJt f^y^^ sondern auf '«^iXLi^t. 

3165, 13 s. Der Text ist zerrüttet. Der Passus V25ÜJ j^Lot ^^^ Xd^t J^ 
wiederholt sich dicht hintereinander und ergibt an der zweiten Stelle 
durchaus keinen Sinn; das vorhergehende JLc ^ji 1. 14 ist in Wahr- 
heit identisch mit JLc: v3p^ 1. 16. 

3166, 17. Lies t^Jlc för LuJLx:. 

3168, 8. Hakim ist wol richtiger als Hukaim 3180, 8. 

3178, 6. 7. Das fehlende Subject zu (.s^jtJUuuM muss in dem unverstand- 

liehen UAXjü stecken. Lies i^cXju oder (iOiAju und natürlich vor- 
her qI. 

3175, 10 4^0S! ^8* ^^ Aktivum des achten Stammes. „Bei ihm ist es am 
wahrscheinlichsten, dass wenn er erinnert wird, er sich erinnern lässt" 
d. h. in sich geht. 

3205, 20. Lies pUc mit unpunktirtem Ain, wie 1. 10. 

3220, 3. Der Name lautet Huraiji. 



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YERSCHIEDENE8. 



Wellhausen, Skizzen und VoraTbeiten. VL XX 

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Bemerkungen zu den Psalmen. 

Die Critical Edition of the Hebrew Text des Psalters in Paul 
Haupts Sacred Books of the Old Testament habe ich gegen meinen 
Willen gemacht. Ich hatte mich erboten die Psalmen zu über- 
setzen und kurz zu erläutern. Nachdem ich damit bereits fertig 
war, entschloss sich Haupt, der Übersetzung eine kritische Ausgabe 
vorangehn zu lassen. Ich verhehlte ihm meine Ansicht nicht, 
dass dazu die Mittel fehlten. Er erklärte indessen, wenn ich die 
Ausgabe nicht übernehmen wolle, so solle sie ein Anderer auf 
Grund meiner Übersetzung besorgen. Dieser Gefahr konnte ich 
mich nicht aussetzen; notgedrungen machte ich mich selber daran, 
einen meiner Übersetzung entsprechenden Text zu liefern und die 
kritischen Noten aus den exegetischen, mit denen sie verbunden 
waren, herauszulesen. Nur als Hilfsmittel zum Verständnis meiner 
Übersetzung ist also mein hebräischer Text zu gebrauchen, eine 
wirkliche kritische Recension soll er keineswegs darstellen. 

Die Textausgabe ist 1895, die Übersetzung 1898 in englischer 
Übersetzung veröffentlicht. Abgefasst ist beides im Jahre 1891, 
druckfertig eingeliefert im Frühling 1892. Inzwischen habe ich 
Einiges zu berichtigen und nachzutragen gefunden und tue das an 
dieser Stelle. Zum Teil führe ich auch nur weiter aus, was schon 
in der Hauptschen Bibelausgabe steht. Der Herausgeber hat mich 
anfangs angewiesen, die gelehrten Noten möglichst knapp zu halten, 
da das Werk populären Zwecken dienen solle; die Gelehrsamkeit 
könne ich in Zeitschriften unterbringen. Als er später seinen Plan 
modificirte, hatte ich meine Arbeit schon beendet und keine Lust 
sie durchgreifend umzugestalten. 

Den sorgfältigen Commentar von Baethgen habe ich im Jahre 
1891 noch nicht benutzen können. Jetzt habe ich ihn eingesehen, 

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164 Verschiedenes. 

in der zweiten Auflage, die von der ersten vermutlich wenig ab- 
weicht. Die folgenden Nachträge werden erkennen lassen, dass 
ich Baethgen an nicht wenigen Punkten willkommene Belehrung 
verdanke. Auszusetzen habe ich an ihm, dass er die Mücken seigt 
und die Kamele verschluckt. Kleine Anstösse beseitigt er öfters 
recht geschickt, tiefer gehende Verderbnisse erkennt er niemals 
an. Ihnen gegenüber behilft er sich mit den elendesten Aus- 
künften, namentlich dann, wenn sie, wie gewöhnlich, nicht bloss 
im massorethischen Texte, sondern auch in der Septuaginta und 
in den anderen alten Übersetzungen vorliegen. Als ob dadurch 
Unsinn zu Sinn würde! als ob daraus etwas anderes folgte als dass 
die Septuaginta zu den Psalmen als Textzeuge verhältnismässig 
geringen Wert hat, da sie bei schwereren Anstössen versagt und 
die complicirteren Schäden mit der hebräischen Überlieferung teilt. 

Vielleicht hat der conservative Wind, der augenblicklich durch 
die klassische Philologie zieht, auf Baethgen eingewirkt. Indessen 
die Sache liegt auf jenem Gebiete nicht so wie auf dem des Alten 
Testaments. Einmal ist hier der Text überhaupt anders beschaffen. 
Die Schrift fixirt den Laut nicht, überlässt vielmehr die Ergänzung 
der Vokale subjectivem Verständnis und gibt verkehrter Aussprache 
Spielraum. Die strenge Syntax fehlt der Prosa, die eigentliche 
Metrik') der Poesie; das Wortgefüge ist nicht so geschlossen und 
polirt, dass jedes Mehr oder Minder auffiele. Das Interesse der 
Leser an den Schriftwerken hat sich sehr gewöhnlich in Über- 
arbeitungen kund gegeben, wodurch die Kritik noch complicirter 
wird. Der Text ist also hier von vornherein viel unzuverlässiger 
und schwankender, demnach unsere Stellung dazu freier. Zweitens 
aber ist der Unterschied im Betrieb und in den Betriebsmitteln 
der klassischen Philologie, im Vergleich zur Alttestamentlichen, 
nicht zu übersehen. Die klassische Philologie hat lange Zeit frisch 
darauf los conjicirt und sich erst vor Kurzem besonnen, dass sie 



Die wahre Aussprache des alten Hebräisch, oder der verschiedenen 
Stufen desselben, kennen wir garnicht; die ältesten und die jüngsten Texte 
sind von der spätjüdischen Vokalisation über Einen Kamm geschoren. Und 
da will man eine sylbenzählende Metrik herstellen, die sowol für das Lied 
der Debora als für makkabäische Psalmen gelten soll! In Wahrheit war die 
Form der hebräischen Poesie ebenso wie die der ältesten arabischen das 
reimlose Sag^ Erst in späterer Zeit wurde die Zahl der Glieder des Verses 
beschränkter und gleichmässiger. 



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Bemerkungen zu den Psalmen. 165 

die handschriftliche Überlieferung bei sehr vielen Schriftstellern 
noch gar nicht genau und vollständig kenne. Für das Alte Testament 
gibt es leider nur eine einzige früh für authentisch erklärte Hand- 
schrift, über die man höchstens durch die Septüaginta hie und da 
hinausgeführt wird. Jahrhunderte hindurch hat man jedes Tüttelchen 
dieser Handschrift für unantastbar gehalten und nicht den geringsten 
Schreibfehler zu verbessern gewagt '). Man hat erklärt und immer 
wieder erklärt, all und jedes erklärt. Viele Generationen haben 
einen kaum zu überbietenden Scharfsinn an diese Aufgabe gewandt; 
auch die Grammatik ist in ihren Dienst gestellt worden, um jede 
Anomalie durch eine ad hoc aufgestellte Regel zu rechtfertigen. 
Es ist dadurch eine traditionelle Befangenheit entstanden, deren 
man schwer bewusst und ledig wird. Man hat sich entwöhnt, an 
den Bibeltext die Ansprüche gewöhnlicher menschlicher Rede zu 
stellen, man glaubt auch das sprachlich und sachlich Unmögliche 
zu verstehn. Unter diesen Umständen ist es oberste Pflicht des 
Exegeten, das Unverdauliche nicht verdaulich zu finden; eine feine 
Zunge tut ihm mehr not als ein leistungsfähiger Magen. Dass er 
erkannte Verderbnisse auch bessere, ist natürlich nicht zu ver- 
langen. Der Umfang der Alttestamentlichen Literatur ist beschränkt, 
in Folge dessen auch unsere Kenntnis der Sprache. Und nicht 
überall liegt, wie in den Inschriften, der erste einfache Schade 
vor; vielmehr ist derselbe sehr häufig verschmiert durch Lesungs- 
und Heilungsversuche der Späteren. Das Conjiciren ist also ein 
misliches Geschäft. Aber wenn man nicht bei der blossen Negation 
stehn bleiben will, so ist es als Notbehelf unentbehrlich. Der 
Misbrauch, der jetzt in Reaction gegen die Jahrtausende alte 
Heilighaltung jedes Buchstabens und Punktes und gegen ein ein- 
gewurzeltes Vertuschungssystem allerdings einzureissen droht, hebt 
doch den Gebrauch nicht auf; durch die Zeit und die gemeinsame 
Arbeit wird die Spreu von dem Weizen schon gesondert werden. 

Diese Grundsätze sind bereits von Justus Olshausen mit ge- 
wohnter Klarheit dargelegt und von mir nur wegen eines bestimmten 
Anlasses wiederholt worden. Olshausens klassischer Commentar zu 
den Psalmen hat meiner Exegese überhaupt die Richtung gewiesen, 
wie ich auch bei dieser Gelegenheit dankbar anerkenne. 

1, 4. „Nicht so die Gottlosen, nicht so!" Die Septüaginta 

Noch immer gilt hier Vieles für CoDJectur, was ein classischer Philolog 
niemals so nennen würde. 



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166 Verschiedenes. 

hat das zweite nicht so, welches dem Gliede erst die nötige Fülle 
gibt, vermutlich nicht aus eigener Macht zugesetzt, sondern in ihrer 
hebräischen Vorlage gefunden. 

2, 6. Die Septuaginta verbindet diesen Vers mit dem folgenden: 
„ich aber bin zum Könige eingesetzt auf Sion seinem heiligen 
Berge, ich will u. s. w." Diese Fassung vermeidet den jähen 
Wechsel der redenden Personen in v. 6 und v. 7, und den fatalen 
Anfang eines Ausspruchs Jahves mit und. Dass sie den gewöhn- 
lich angenommenen Strophenbau stört, ist kein giltiger Einwand. 
Empfohlen wird sie namentlich dadurch, dass nun im ganzen 
Psalm der Sprecher der selbe ist, nämlich der Messias. Nicht der 
zukünftige, sondern der gegenwärtige: nämlich Israel als Erbe 
Davids und Inhaber der Reichsherrlichkeit der Theokratie. Vgl. 
Psalm 89. 101. 132. Isr. und jüd. Geschichte 1897 p. 207. An 
dem Tage, an welchem Jahve Israel (oder David) erwählt und 
adoptirt hat, hat er ihm den Anspruch auf den Gehorsam der 
Heiden verliehen ; Sion ist der Sitz der Gottesherrschaft auf Erden. 
Die Rebellion der Heiden kann rein ideal sein und würde dann 
nur darin bestehn, dass sie die Theokratie noch immer nicht aner- 
kennen. Möglich ist es aber auch, dass ein Ereignis der Gegen- 
wart zu Grunde liegt, dass bestimmte heidnische Nachbarvölker 
wirklich im Augenblick die Waffen gegen Israel erhoben haben. 
Dann wäre die Situation nach Psalm 83 zu beurteilen; 2, 2 und 
83, 4 ähneln sich im Wortlaut, )n'^\t;übv und "]Dj; bv sind so 
wenig verschieden wie )l2vh (so zu lesen für )üb) und in^C'O in 
28, 8. Dass der Psalm nicht aus der Person des Autors, sondern 
aus der Seele der Gemeinde heraus gedichtet ist, braucht kaum 
ausdrücklich bemerkt zu werden. 

3, 6. 4, 9. Man erklärt den dritten Psalm für ein Morgenlied, 
wegen der Perfecta 3, 6, und den vierten für ein Abendlied, wegen 
der Imperfecta 4, 9. Allein mit Unrecht. Die betreffenden 
Äusserungen sind vielmehr beide präsentisch und allgemein zu 
verstehn; der Unterschied der Tempora, der im älteren Hebräisch 
besteht, wird in den Hagiographen keineswegs streng inne gehalten. 
Auffallend ist die vollkommene Übereinstimmung der doch sehr 
eigentümlichen Situation in Ps. 3 und Ps. 4. Hier wie dort spricht 
ein Heerführer, der nicht bloss mit den Feinden zu tun hat, 
sondern auch mit dem meuterischen Kleinmut seiner eigenen Leute, 
die ihm nicht zutrauen, dass er der Gefahr gewachsen sei. Ver- 



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Bemerkungen zu den Psalmen. 167 

mutlich deshalb nimmt Budde an, dass die zwei Psalmen mit 
Unrecht getrennt seien und in Wahrheit ein Ganzes bilden. Er 
sieht 3, 9 als später zugesetztes Epiphonem an, ohne Zweifel mit 
Recht. 

4, 3. Der Ausdruck ßapuxa'pSioi der Septuaginta kommt im 
Alten Testament nicht weiter vor, findet sich aber im Codex 
Bezae Luc. 24,. 32: xapStia ßsßapyjfjLevT] 

4, 7. Budde macht darauf aufmerksam, dass der Syrer über- 
setzt, als ob statt y^^ • • HDO stände ViD • • HDD: „er hat das Licht 
seines Angesichts vor uns verborgen.** Dann würde sich die 
Rede der Kleinmütigen noch fortsetzen. 

5, 11. Dyserincks Änderung der Wortabteilung im zweiten Gliede 
ist überflüssig, vgl. lob 18, 7 (Smend). 

6, 7. Man kann zweifeln, ob nni^ mit Sin oder mit Schin 
zu sprechen sei. Letzteres heisst im Syrischen und vielleicht auch 
Prov. 12, 25 liquefieri, ganz entsprechend dem parallelen DDD 
oder HDD. Die Bedeutung natare, welche nnC' mit Sin hat, ist 
etwas zu stark. Doch scheint es gewagt, hier der Punktation zu 
widersprechen. 

7, 7. 8. Budde will nicht unwahrscheinlich ni3W statt nn^W 
lesen, und mit Recht nach 82, 2 D^•^b5« my statt CDN^ my. 
Allerdings ist im letzteren Falle die sachliche Differenz nicht gross, 
vgl. 29, 1 mit 96, 7. 

7, 9. "^bv am Schluss bessert Bevan in "*^:V: „schaff mir 
Recht, Gott, nach meiner Gerechtigkeit, und nach meiner Redlich- 
keit erhör mich!" 

8, 2. Für n^n yj^^ erwartet man ein Adjektiv, welches dem 
"l^lvS parallel und von HD abhängig ist. Das schliessende n 
könnte aus dem folgenden "^nn stammen. Leider lässt sich ein 
Adjectiv |nil^X nicht nachweisen, obwol die Bildung (aschurtan 
wie geburtan) unanstössig wäre. Erde und Himmel (= Welt) 
sind nur wegen des Parallelismus getrennt, wie 73, 25. 

8, 4. Smend vermutet ']Wü^ statt "]'»0t^; allein es scheint 
sich doch um den demütigenden Eindruck zu handeln, den „der 
gestirnte Himmel über uns", d. h. der Nachthimmel, auf den Be- 
trachter macht. 

11, 1. Die von Baethgen gebilligte Lesung der Septuaginta 
"ll&li 1DD in m3 taugt nichts. Wie kommen die Leute dazu, David 
(sit venia verbo) als Femininum zu behandeln? Oder reden sie 



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168 Verschiedenes. 

gar seine Seele an: „flieh auf einen Berg, Seele Davids, wie Vögel!" 
Durch 124, 7 wird diese barocke Auffassung nicht gerechtfertigt. 
Vielmehr ist der überlieferte hebräische Text vollkommen in 
Ordnung. Es liegt eine feste Redensart vor, welche auf David an- 
gewandt wird. „Wie könnt ihr in Bezug auf mich das Sprich- 
wort gebrauchen: flieht auf euren Berg, ihr Vögel!" Der Berg 
passt nur zu den Vögeln, nicht zur Seele und nicht zu David. 

12, 4. Lies HDC' im Singular. 

12, 7. Für y^^b bessert Dyserinck y^^n und stellt es an 
den Anfang des folgenden Gliedes. Das vorhergehende b^bw bleibt 
trotz allen Verhandlungen darüber nach wie vor unerklärt. 

14, 4. Bevan liest crh) ^DX als zwei Infinitivi absoluti; ich 
schliesse mich dem an. 

16, 2 — 4. Man conjicirt gewöhnlich "^^ly^D b^ (so schon 
Symmachus) und übersetzt: „mein Gut ist nicht ausser Dir." Durch 
ein solches Ergebnis, eine schwachherzige, eines philosophischen 
Epigonen würdige Aussage empfiehlt sich die keineswegs leichte 
Conjectur ganz und gar nicht. Man wird ^DDICO zum Vorher- 
gehenden ziehen müssen. „Du bist der Herr" ist unwahrscheinlich 
im Vergleich zu „Du, Herr, bist mein Bestes", zumal ^31X sonst 
niemals im Prädikat steht. Der Rest ybv ^3 gehört zu v. 3 und 
darf nur so verbessert werden, dass damit zugleich das unmög- 
liche b vor Cl^np verschwindet. Fast ohne alle Änderung er- 
gibt sich dann "p ^D bv'h^ „nichtig sind alle Heiligen". Nach 
V. 4 erwartet man, dass in v. 3 der Übergang von Jahve (v. 2) zu 
den Götzen gemacht werde; dieser Erwartung entspricht der durch 
meinen Vorschlag gewonnene Sinn. Die Heiligen sind die Götter, 
nichtig sind alle Götter ausser Jahve. Dem "p bo entspricht nun 
im zweiten Gliede bj n^NI; soll ein Sinn entstehn, so 
muss C^D D''"inN1 und weiter ))i^n (für "»K^n) gelesen werden. 
Endlich ist noch |^*1N2 , in dem Relativsatz, verbesserungsbedürftig, 
da es nicht wol bedeuten kann: in der ganzen Welt. Die Richtung 
der Verbesserung wird durch den Relativsatz im zweiten Gliede 
angewiesen: die Hehren, an denen sie Gefallen haben. Es wird 
demnach für y^^2 etwa I^IHD zu lesen sein. In v. 4 werden die 
Heiligen und die Hehren geradezu die Götzen genannt, denn dass 
r\)2)iV diese Bedeutung haben muss, geht aus dem Folgenden 
klar hervor, wo die Plurale sich nur auf Wesen beziehen lassen, 
denen man Opfer bringt und deren Namen man anruft. Für IDT 



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Bemerkungen zu cfen Psalmen. 169 

wäre lii'T' zu wünschen und ffir )^nü IHv^ vielleicht "»D^S cnrivV. 
Ohne einige Gewaltsamkeit geht es bei dies6m Emendationsversuch 
nicht ab; aber sie wiegt leicht im Vergleich zu den grausamen 
Attentaten, welche die vorhandenen Erklärungen insgesamt auf 
die Ehre des Dichters, auf die hebräische Grammatik und auf die 
menschliche Sprache verüben. 

„Ich sage zu Jahve: du Herr bist mein Gut! Nichtig sind 
alle Heiligen, die jene erwählen, und die Hehren insgesamt, an 
denen sie Gefallen haben. Mögen Andere ihre Götzen vorziehen, 
ich werde ihnen keine blutigen Trankopfer spenden und ihre Namen 
nicht auf meine Lippen nehmen." Der Psalm stammt aus einer 
Zeit, wo der Götzendienst, der Abfall zum Heidentum eine grosse 
Versuchung war, der Manche erlagen. Dem gegenüber kommt die 
Gesinnung des wahren Israels hier zum Ausdruck. Die Heidon 
haben die Welt und ihre Güter, Israel hat nichts davon, hat nur 
Jahve; aber es ist zufrieden mit seinem Teil und stolz auf sein 
Erbe. Obgleich die Freunde Jahves gefährdet sind, scheint doch 
eine eigentliche Rtsligionsverfolgung noch nicht ausgebrochen, ein 
Zwang, den Götzen zu opfern, noch nicht eingetreten zu sein. Die 
Stimmung ist nicht feindselig und bitter, sondern freudig und ge- 
trost, der Ton wahrhaft erquickend gegenüber dem gewöhnlichen 
Gewimmer darüber, dass die Frommen noch immer darniederliegen 
und die Gottlosen noch immer oben auf sind. Der Psalm darf dem 
dreiundsiebzigsten zur Seite gesetzt werden, wenn er auch nicht 
einen so hohen Flug nimmt. 

20, 10. Der mass. Text versteht unter dem Könige hier Jahve 
selber. Smend hat mich darauf hingewiesen, dass es in einem 
Fragmente des Clemens AI. heisst: xüpts aÄaov xov ßaatXsa — TOüTsaxi 
Tov s?c ßaatXea yiey^piCi\iivov Aotov. Oö ^ap [lovov töv AaßtS. Ato xa^ 
iTra^sf xal sTcotxoüaov tjjx&v, iv ^ 3v TjfispGjL iTrtxoXsacüfxe&ot oe. Die 
Schwierigkeit, die uns bei der Erklärung von Ps. 20 und 21 drückt, 
ist demnach frühzeitig empfunden worden. Sie besteht in der 
Stellung, die der König hier einnimmt, als Spitze der Theokratie. 
Denn es unterliegt keinem Zweifel, dass diese beiden Psalmen 
nicht aus der Zeit der Könige, sondern aus der nachexilischen Zeit 
stammen. Die Schwierigkeit würde sich in der Tat am leichtesten 
heben, wenn der König oder der Gesalbte hier ebenso wie in Ps. 2- 
die Souveränetät der Theokratie, die Reichsherrlichkeit Israels be 
deutete, so wie Theodoret zu 132, 10 sagt: ypiaxov dviaö&a tyjv 



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170 Verschiedenes. 

ßaatXetav xoXst. Bemerkenswert ist, dass sich keine Hindeutung auf 
eine bestimmte Situation, auf Ereignisse, Lokalitäten etc. findet, 
dass zwischen Erreichtem und Erwünschtem kein Unterschied ge- 
macht wird. Das nnv 20, 7 schwebt ganz in der Luft. Als Kenn- 
zeichen der Sprache kommen in Betracht ]vbv 21, 8 und mn 21, 7. 

21, 9 SS. Es ist, besonders wegen v. 12, unmöglich, das Du 
auf Jahve zu beliehen; die Verba drücken nicht so sehr Glaubens- 
zuversicht aus, als vielmehr Hoffnungen und Wünsche, ähnlich wie 
110, 6. 7. Die Anrede, die in v. 2 — 7 tatsächlich an Jahve erging, 
wechselt also hier und richtet sich nunmehr an den König; den 
Übergang bezeichnet v. 8. Dann ist y^^ DV^ v. 10, das sich nicht 
wol auf den König beziehen lässt, falsch, um so mehr, da im 
folgenden Satze Jahve als dritte Person erscheint. Ich vermute, 
dass y^Q r\vb V. 10 ursprünglich eine Correctur zu yj^ HN v. 7 
gewesen und dann an falscher Stelle in den Text gedrungen ist. 
Das t&^X D^DXm am Schluss von v. 10 hinkt nach. 

22, 10. Die Lesart "«ntODD 71, 5 ist richtig, aber "»Ti: 71, 6 
bessert nichts. Der Sinn muss sein: du bist mein Hort seit Mutter- 
leibe (Luc. 1, 15. lob 3, 11), mein Vertrauen, als ich noch an der 
Mutter Brust lag. Die Gemeinde redet, die Lage ist nicht akut, 
sondern chronisch, das Thema wie in Isa. 53: Israel von den Heiden 
verfolgt und mishandelt, aber „from the midst of its desolation 
crying out upon the greatness of its success". Denn mit v. 20 
wechselt die Stimmung; Klage Hoffnung und Dank fliessen aus 
dem selben Rohr. Ein Volk lebt zugleich in Vergangenheit und 
Gegenwart und hat auch unter den trübsten Umständen immer 
noch eine Zukunft. Von der Rettung des Beters d. i. der frommen 
Gemeinde hängt nicht bloss die Verehrung und Lobpreisung Jahves 
in den gottesdienstlichen Versammlungen ab, sondern auch die Be- 
kehrung der Heiden. 

22, 19. Der Sinn läuft hinaus auf den der deutschen Redens- 
art: sie teilen schon das Fell des Bären (als sei er bereits 
erlegt). 

22, 20. "^mb^X bedeutet nicht meine Stärke, sondern meine 
Zuversicht. 

22, 25. m^y in dieser Vokalisation ist schwerlich ein 
hebräisches Wort. Die Septuaginta bietet 8i7]atc, damit übersetzt 
sie 9, 13 VipV^' Das anfangende "^ lässt sich leicht aus dem Schluss 
des vorhergehenden Wortes entnehmen. 



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Bemerkungen zu den Psalmen. 171 

22, 26. "^nND ist anstössig, Dicht bloss wegen des gezierten 
Ausdrucks, sondern auch wegen der Anrede an Jahve, von dem 
vorher in v. 25 und auch nachher in rt^l^ v. 26 als dritter Person 
gesprochen wird. Man erwartet: ich will seinen Ruhm verkündigen. 

22, 30. Für ^:\t^l liest Dyserinck "«:i5^'» = die in der Erde 
schlafen. Diese Lesart wird in der Tat vorausgesetzt durch die 
Schlussworte; alle die zum Staube (d. i. zur Grube) herabgefahren 
sind und ihr Leben (in den Verfolgungen um Jahves willen) nicht 
erhalten haben. Wenn jedoch hier wirklich wie in Dan. 12, 12 
von der Teilnahme der jüdischen Märtyrer an der Herrlichkeit der 
messianischen Zeit die Rede wäre, so dürfte es nicht heissen: „sie 
werden niederfallen, sie werden sich beugen"; sondern wenigstens 
zunächst erst einmal: „sie werden aus ihren Gräbern aufstehn und 
leben". Die Verba in v. 30 weisen mit Entschiedenheit darauf 
hin, dass die Heiden noch Subject sind. Dann ist ^ilß'l (so alle 
Versionen) richtig und ^:K'^ fallt. Damit fallen aber zugleich die 
Schlussworte, welche wie gesagt die Lesart ^ixn ^^K'^ voraussetzen 
und dieselbe mit einer sehr erklärlichen Genugtuung über dieses 
in den Psalmen einzig dastehende Zeugnis der Auferstehung para- 
phrasiren. Nur "isy wird der Interpolator vorgefunden haben; er 
selber hätte wol "IID oder nniC' gesagt. Also: „gewiss, ^ vor ihm 
werden sich alle Fetten der Erde niederwerfen, vor ihm sich beugen 
in den Staub." 

23, 1. Der Hirt weidet die Heerde, nicht ein einzelnes Schaf; 
also redet Israel. Der Mann mit dem kranken Lamm auf der 
Schulter, in den römischen Katakomben, stammt nicht aus der 
Bibel, so wenig wie die Mutter mit dem Kinde. Die Bibel kennt 
nur irot[j.svec XotÄv; so auch Ev. loa. 10. 

27, 10. Vgl. Isa. 63, 16. 

30, 1. In die gewöhnliche Überschrift Psalm Davids ein- 
gesprengt hat sich eine andere erhalten, die im Widerspruch dazu 
steht, also eigenartig und wertvoll ist: Lied auf die Tempel- 
weihe. Mit der Tempelweihe kann nicht die salomonische ge- 
meint sein, die nicht HD^n genannt wird und auch nicht zusammen- 
fiel mit Rettung aus grosser Not, sondern nur die makkabäische. 
Man wird diesen Ansatz und Anlass des Psalmes nicht für un- 
möglich erklären können. Es ist darin zwar nirgend von der 
Restauration des Gottesdienstes selber die Rede, wol aber beständig 
von der sie bedingenden Hauptsache, von dem unvermuteten Sturz 



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172 Verschiedenes. 

der frommen Gemeinde aus vermeintlicher Sicherheit und von ihrer 
wunderbaren Rettung aus drohender Vernichtung; sie weiss nicht 
wie ihr geschehen ist, glühender Rettungsdank ist ihr beherrschendes 
Gefühl. Das passt vollkommen für die behauptete Situation. Man 
braucht ja nicht anzunehmen, dass das Lied ausdrücklich für die 
Hanukka bestellt und geliefert, sondern nur, dass es in jener Zeit 
gedichtet und hernach passend gefunden ist, um entweder schon 
bei der Wiedereinweihung des Tempels selber oder bei dem zum 
Andenken daran eingesetzten Erinnerungsfeste benutzt zu werden. 
Auch das Fehlen des kriegerischen Enthusiasmus in unserem 
Psalme kann nicht befremden, wenn er aus dem Kreise der Asidäer 
(30, 5) stammt, welche nicht aktiv am Kampf teilgenommen 
hatten und sich von den makkabäischen Patrioten schieden, als 
diese mit der Restauration des Gottesdienstes nicht zufrieden 
waren, sondern die Fremdherrschaft abzuschütteln strebten. 
Am wenigsten verschlägt der Einwand, dass hier ja von Genesung 
einer Person aus schwerer Krankheit die Rede sei; er beruht auf 
gänzlichem Misverständnis. Natürlich ist es von grosser Bedeu- 
tung, dass der makkabäische Ursprung eines Psalmes hier einmal 
durch alte Tradition wahrscheinlich gemacht wird. 

30, 8. Leichter als mein Voi-schlag ist der Giesebrechts ^moyn, 
•im Hophal. 

31, 6. Die Worte TilN nn^lD sind zu streichen. Sie fügen 
sich nicht in den Zusammenhang und widersprechen dem Sprach- 
gebrauch des Psalters. Denn PN vor Pronominalsuffixen kommt 
ausser 106, 46 niemals so vor; in 27, 4. 67, 2 liegt die Sache 
anders. Sonst finden wir stets die Verbalsuffixe. 

31, 11. Für ^:iy scheint die Septuaginta ^^^j; (mein Elend) 
gelesen zu haben, vielleicht besser. 

31, 12. Für "IXD liest Lagarde 1^0 und zieht es zum folg. Gliede. 

32, 4. OLshausen schlägt "»Jlti^ vor für '»T^^. 

32, 8. Delitzsch bemerkt, dass die Septuaginta hier yv^ 
mit sTTtatTQptCsiv übersetze, wodurch sie Prov. 16, 30 n)iV wieder- 
gebe. Ohne Zweifel hat sie ni^i;\x von n^iV abgeleitet oder einfach 
niiV^ gelesen. Ob aber mit Recht, lässt sich bezweifeln. Denn 
n)iV wird Prov. 16, 30 nicht in dem freundlichen Sinn gebraucht, 
der hier im Psalm erfordert wird; ausserdem lässt sich die Be- 
deutung fixiren überhaupt nicht recht erweisen. 

33, 7. Olshausen fasst "liD richtig als "IXJD (wie in einem 



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Bemerkungen zu den Psalmen. 173 

Schlauche) auf; denn es ist nicht von dem Wunder beim Durch- 
gang durch das Rote Meer die Rede. Ebenso die Septuaginta. 
Ich habe versäumt, dies in den Critical Notes zu sagen und die 
nicht von mir stammende Vokalisation im Text zu corrigiren. 

35, 16. Meinen Vorschlag zu 35, 15. 16 halte ich aufrecht, 
nur ist vielleicht besser uyb y\vh zu stellen. 

37, 7. b'pinnn hat nicht die hier erforderliche Bedeutung, 
ein Derivat von ^n^ ist zu erwarten. 

37, 20. Die Emendation kiqod kurim ist evident: „die 
Feinde Jahves sind wie Brand der Öfen, vergehn im Rauch." Es 
gehört eine gelinde Verstockung dazu, dem gegenüber schweigend 
bei der unhebräischen und im Zusammenhang unmöglichen Aus- 
sage zu beharren: „die Feinde Jahves sind wie Pracht der Auen." 

37, 35. Der Sinn muss sein: „ich sah einen Gottlosen wachsen 
und grünen wie eine Ceder des Libanon." Ohne Zweifel ist nicht 
bloss y^lV verderbt, sondern auch niyriD- Durch arabisches urva 
kann letzteres nicht gerettet werden; denn das bedeutet eigentlich 
den letzten Anhalt, wenn alles andere Futter versagt, und nur 
durch Metapher eine arbor perennis et semper virens. 

37, 37. Nach 25, 21 ist die Abstractform der Adjectiva zu 
vokalisiren, und nach ")Dl^ zu lesen njJ"), mit *Ain, im ara- 
mäischen Sinn. 

38, 3. Für das tautologische nn^n wäre "IDDH zu wünschen. 

38, 9. Olshausens Verbesserung von ^2^ in N^D^ macht es er- 
forderlich, ^n:iNl^ nicht als Verbum, sondern als Substantiv aufzu- 
fassen. 

39, 14. Baethgen ändert yiTH mit Recht in nyi^, nach lob 
7, 19. 14, 6. 

40, 7. 8. Aus dem Exil ist der Knecht gerettet, eine unver- 
gleichliche Tat Jahves! v. 2 — ß. An dem gebührenden Dank dafür 
hat es der Knecht nicht fehlen lassen v. 7 — 11. Trotzdem 
sitzt er nun wieder in grosser Not und bittet um schnelle Hilfe 
V. 12 — 18. Aus dieser Inhaltsübersicht erhellt, dass in v. 8 nicht 
der zukünftige Messias seinen Advent verheisst, wie er in den 
Propheten geweissagt sei. Der Vers enthält vielmehr den Gegen- 
satz zu V. 7 und wird erläutert durch v. 9: Opfer und Gaben sind 
nicht der richtige Dank für die Rettung, sondern Gehorsam gegen 
den Willen Jahves (und laute Verkündigung seiner Gerechtigkeit 
und Gnade v. 10. 11). Also kann ^bv 3in DISO nur bedeuten: 



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174 Verschiedenes. 

das mir vorgeschriebene Buch. Das erste Glied von v. 8 hat weder 
an sich Sinn, noch lässt es sich mit dem zweiten in vernünftige 
Verbindung bringen; denn dass er mit der Bibel unter dem Arm 
zum Gottesdienst gekommen sei, hat der Dichter schwerlich sagen 
wollen. Zu v. 8b fügen sich aber sehr bequem die Worte nnD C^ilX 
"h^ die sich hinwiederum in v. 7 nicht unterbringen lassen: 
„du hast mir Ohren gebohrt (d. i. die Ohren geöffnet, Einsicht 
und Willigkeit gegeben, vgl. das persische suf te gosch) durch das 
mir vorgeschriebene Buch." Da v. 8 a mit den zwei ersten Buch- 
staben von D^^IN» aus denen hier eine ganz unbrauchbare Zeit- 
partikel geworden ist, beginnt, so ist es vielleicht nicht allzu gewagt, 
^b nnD D''j1X als richtige Variante zu "»riND n:n "TilDN IX anzu- 
sehen. Man muss dann annehmen, dass ein Verderbnis vorliegt, 
welches durch Deutungs- und Heilungsversuche verschlimmert worden 
ist. Die Buchstaben n "1 D 1 N kehren in der gleichen Reihenfolge 
in beiden Varianten wieder. Ein Hin wäre vor D^^IX gut zu 
gebrauchen. 

42, 5. DllN soll Medium von J<1X"1 sein. Aber das könnte 
nur trippeln bedeuten; man müsste mindestens das Aktivum her- 
stellen, d. h. das erste Daleth ohne Dagesch lesen. Ein passender 
Sinn würde freilich auch damit nicht gewonnen. 

49, 6. N")'»N' wird durch v. 17 bestätigt. Budde empfiehlt 
nach 73, 3 nxix. Das würde zu übersetzen sein: warum soll ich 
mich laben am Tage des Unglücks? 

49, 8. niD^ als Niphal könnte nur Passiv sein, und dann 
müsste auch ]n^ passivisch gefasst werden. „Kein Mensch kann 
gelöst und für keinen Menschen kann Geschenk an Gott gegeben 
werden." 

49, 12. Nach Bevan (Daniel p. 201 n. 1) hat W. R. Smith 
niDIX in niD"IX ändern wollen: „man liest ihre Namen auf Grab- 
steinen." Ich finde nicht, dass diese Aussage im Zusammenhange 
von Bedeutung ist, obwol ja allerdings in den ersten beiden Gliedern 
von Gräbern die Rede ist. 

49, 15. Baethgen ändert IPB' mit Recht in innv sie 
fahren herab. Anstössig ist an seiner Stelle )NliD- Man kann sagen: 
wie Schafe werden sie abgeschlachtet, aber nicht: wie Schafe 
fahren sie zur Hölle. Die Schafe fahren überhaupt nicht zur 
Hölle, da sie nicht begraben werden; um so weniger können sie 
in diesem Punkte das Vorbild der Menschen sein. Und wollte 



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Bemerkungen zu den Psalmen. 175 

man den Sinn des Vergleichs abschwächen zu dem einfachen 
heerdenweise, so würde auch das hier nicht passen; denn die 
gemeinten Gottlosen sind vielmehr einzelne hervorragende Leute. 
Das )N1:D gehört vermutlich zu dem folgenden Dy"l% als ein Inter- 
pretament, welches die richtige Ableitung von nyi sichern und die 
falsche von VV^ verhüten will. Am Schluss lies )Db ^Dl für ^DID; 
ein über der Linie nachgetragenes Mem ist verstellt worden. 

50, 11. D wird von der Septuaginta 80, 14 mit fiovio? wieder- 
gegeben, woraus ovo? corrumpirt ist. Die selbe Corruption findet 
sich an unserer Stelle in der Quinta: ovoc fi.ovt6c. 

50, 23. Ich habe ']11 ü\i/ nach v. 14 in m: D^IT verwandelt; 
vgl. meine critical notes zu 85, 14. 109, 5. Der Einwand Baethgens 
dagegen erledigt sich durch die Bemerkung, dass die Zahlung der 
Gelübde überall in den Psalmen in Preis und Dank gegen Jahve 
und nicht in Opfern besteht (22, 16. 56, 13. 61, 6. 9. 65, 2. 107, 
22. 116, 14). Ein anderes Bedenken ist mir selber aufgestiegen. 
Man sollte denken, die Zahlung der Gelübde sei die Folge, nicht 
die Bedeutung des Schauens Gottes; indessen das würde am Ende 
auch gegen das parallele min HD) eingewandt werden können. Der 
formelle Grund, nach dem ich mich gerichtet habe, die Analogie 
des Refrains v. 23 mit v. 14, scheint mir entscheidend zu sein* 
Die Vorschläge •]"n cm oder ^"1"! "115^^1 sind vergleichsweise trivial* 

52, 4. Der Vers scheint dreigliedrig zu sein. „Du sinnst 
Verderben, deine Zunge ist wie ein gewetztes Scheermesser, du 
Ränkeschmied." Die Synonymie von "lyn und nilD hat mich früher 
einmal zu der Vermutung veranlasst, dass rniD phönicische Aus- 
sprache von n"iyD sei, wie Mw^a für HDyD- 

52, 7. •]nn^ wird von nnn abgeleitet werden müssen. 

56, 16. Xt^: in der Bedeutung erravit existirt nicht, X'^B^n 
ist von ^W abzuleiten, wie rvin von mo- Übrigens ist das Ketib 
hier wenigstens insofern im Recht, als es in mo^B'^ ein einziges 
Wort sieht. 

56, 1. D'»pni D^X ist mit U^pni D^ 56, 6 zu vergleichen 
und beides zu verbessern in "1 C^X ferne Länder. 

57, 4. 5. Olshausen hat erkannt, dass ^SXlß' P]in in v. 4 
nicht an seiner Stelle ist, und ebenso, dass ^B'D^ in v. 5 isolirt 
steht, da man rpit der Seele nicht liegt und ich selbst keinen 
Sinn hat. Wenn man ^XK^ ^^n liest und es mit ^K^D^ verbindet, 
so ist geholfen: „der Ruchlose schnappt nach meiner Seele." 



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176 Verschiedenes. 

58, 3. D^D ist unmöglich. Baethgen ändert es in 0D^2 und 
übersetzt: „ja ihr alle verübt sogar Frevel." Das sogar ist er- 
schlichen; das Losreissen des Satzes von ^IND gewaltsam, und der 
gewonnene Sinn nicht bloss lahm, sondern auch unpassend. Denn 
es handelt sich hier nicht um die Frevel- verübenden, die erst v. 4 
an die Reiüe kommen, sondern um die Regenten der heidnischen 
Völker oder vielmehr um deren Gegenbilder im Himmel. Diese 
verletzen ihre Pflicht nicht dadurch, dass sie die Frevel selber ver- 
üben, sondern dadurch, dass sie sie in ihrem Machtgebiet geschehen 
lassen und nicht einschreiten, um Recht und Ordnung herzustellen; 
sie sind verantwortlich für die Zustände, die in der ganzen 
heidnischen Welt (mit Ausnahme der von Jahve regierten Theo- 
kratie) herrschen, sowie sie von v. 4 an geschildert werden. Meine 
Emendation blD^D» die leichter ist als die Baethgens, gibt den 
nötigen Sinn: „ihr stiftet vielmehr Wirrwarr auf Erden und übt 
kein gerechtes Gericht", füllt darum eure Stelle nicht aus und 
macht erforderlich, dass Jahve selber zum Rechten sehe. Dass 
blD^D sonst im A. T. nicht vorkommt, verschlägt nichts; es ist 
die gewöhnliche von jedem Piel oder Quadriliterum ableitbare 
Abstractforn von /D^D» entsprechend dem aramäischen bulbäl, 
sowie schillüm dem schulläm. Eine ältere Aussprache ist er- 
halten in talmüd und targum. 

58, 8. Das Aleph in jimmaes ist eingeschoben, um An- 
schluss an die Sylbenzahl und die Vokalisation des normalen 
jikkateb zu gewinnen; ähnlich wie in der arabischen und ara- 
mäischen Participialform qäim. 

59, 8. Für py'»D'» ist die nächstliegende Verbesserung )1J;d\ 

60, 11. Wincklers Vorschlag lliiD "ly wird durch das parallele 
DUN ly bestätigt. Die Feinde sind die Seleuciden; die geschlagenen 
Makkabäer wünschen, sich auf ptolemäisches oder nabatäisches 
Gebiet retten zu können. 

68, 7. Für 2^\^)ü liest Lagarde mit Recht ^''l&'D, nach v. 23. 
Es handelt sich hier nicht um die Heimkehr aus dem Exil, die 
unter ganz anderen Umständen geschah, sondern um die 1. Macc. 5 
erzählte Überführung gewisser Judenschaften der Diaspora nach 
Jerusalem. Die Witwen und Waisen v. 6 sind die selben wie die 
Verlassenen und Gefangenen v. 7, nämlich Juden, die ausserhalb 
Judäas unter den Heiden wohnen und von ihnen bedrängt werden. 
Sie sind die Menschenbeute v. 19, die Jahve von einem siegreichen 



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Bemerkungen zu den Psalmen. 177 

Feldzuge, bei dem seine Krieger in Blut gewatet haben (v. 24), 
heimgebracht hat. Der Feldzug ist von Jerusalem ausgegangen und 
hat durch Wüsten (v. 5) geführt, nach Basan. Von Basan ist die 
dort gefährdete Diaspora nach Jerusalem übergeführt (v. 23), mit 
Ausnahme einiger Eigensinniger, die lieber in der Einöde des 
Heidentums haben wohnen bleiben wollen (v. 7. 19). Basan war 
der Sitz der jetzt niedergeworfenen Feindschaft gegen Jahve; 
Jerusalem hat über Basans Neid triumphirt (v. 16. 17). Israel ist 
die Tempelgemeinde, es gibt keinen König, sondern nur Vorsteher 
(v. 28). Wunderbar ist der Sieg der bis dahin so unkriegerischen 
Juden über die Kriegsfürsten (v. 13 s. vgl. Zach. 9. 10); die fried- 
liche Hausfrau hat das befremdliche Geschäft Beute auszuteilen, 
die Taube (ebenfalls = Israel 74, 19) hüllt sich in das Gold und 
Silber, das sie den Raubvögeln abgenommen hat. Dies Alles 
erinnert sehr auffällig an die Erzählung 1 Macc. 5: aus Neid und 
Elfersucht über den unerwarteten Aufschwung der Theokratie unter 
den Maccabäern sind die Heiden von Basan über die unter ihnen 
wohnenden Judenschaften hergefallen; Judas unternimmt einen 
Zug durch die W^üste um die gefährdeten Brüder zu retten; es 
gelingt ihm nach blutigen Siegen, sie nach Jerusalem überzuführen. 
Von dem gleichzeitigen Zuge Simons nach Galiläa ist im Psalm 
keine Rede, wenn nicht die Nennung der Fürsten Issachars und 
Zebuions (v. 28) darauf anspielt^). Unter dem Tier des Rohrs 
V. 31 wird die seleucidische Macht zu verstehn sein, schwerlich 
Ägypten, denn dies scheint nach v. 32 friedlich und freundlich 
gesonnen. Der Psalm ist gedichtet für eine Procession, wodurch 
der Sieg im Tempel gefeiert wurde. 

69, 5. Es liegt nach dem vorhergehenden Parallelglied nahe 
in ^n^DiiD einen Vergleich zu sehen. Der Syrer hat ^niDl^yD conjicirt; 
sehr unglücklich, da die Knochen des menschlichen Leibes niemals, 
wie die Haare, für zahllos gegolten haben können. Ewalds ^n^!iD 
ist aber ebenfalls bedenklich, denn wenn HD^ auch vielleicht 
Locken bedeutet, so ist es doch immer etwas nur der Frauentracht 
Eigentümliches. 

69, 15. „Von meinen Feinden" stimmt nicht zu den Bildern, 
mit denen es coordinirt ist. Darum schlägt Bevan JIXIS^ vor, für 

^) Der Zug bedeutete yergleichswelse wenig; im ersten Maccabäerbuch wird 
Simon geflissentlich in den Vordergrund gerückt Doch ist auch in 1. Macc. 5 
das Hauptinteresse auf Judas gerichtet. 

W«llhaai«n, 8kizs«n and VorarbeiUn. VI. 12 



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178 Verschiedenes. 

^M\t^' Dies wechselt 20, 3 allerdings mit JP; aber ich zweifle 
trotzdem, ob es eine ähnliche Bedeutung wie tO^tO oder )r haben 
kann. 

69, 51. Baethgen vokalisirt mit Recht näd statt nüd. 

69, 23. Lies D^1^k6i nach 73, 12. lob. 16, 12. 

69, 27. Für nSD'» ist das Perfectum Qal IDD'» zu ändern. 

69, 33. „Schaut es, ihr Frommen, und freut euch, ihr Gott- 
suchenden, und euer Herz lebe!** Es sind. Imperative anzunehmen, 
und DDD^b zu belassen. 

69, 34. V^^ ist Perfectum wie ntD- 

81, 22. Der Septuaginta (Lucian) folgend setzt Baethgen nach 
•]"nx Iv Xaot? xüpie ein. Dadurch entsteht ein besserer Versbau, 
indem nun das überfüllte erste Glied in zwei Glieder aufgelöst 
werden kann. 

72, 1. Besser singularisch "ItOBlTO- 

72, 16. ns ])}2b (so zu lesen) ist gleichsain der Plural von 
^1D yV und bedeutet Obstwald. Man denke an den Eindruck der 
italienischen Landschaft, etwa bei Florenz. Die Berge von Jerusalem 
waren einst auch in dieser Weise bewaldet. 

72, 17. Auch hier, wie 71, 22, vervollständigt Baethgen den 
letzten Satz nach der Septuaginta und löst ihn in zwei Glieder 
auf: alle Geschlechter der Erde sollen sich mit ihnen segnen, 
alle Völker ihn glücklich preisen. 

73, 10. Schreib mit Budde D'^X^D D'»D- 

73, 20. '•ilN kann nicht das Subject zu y^pn und den 
folgenden Verben sein. Ich habe angenommen, dass es auf Grund 
falscher Auffassung des Sinns eingesetzt sei. Budde corrigirt es 
in d:''N- 

73, 24. Man braucht keine Worte darüber zu verlieren, dass 
IIDD IHN nicht übersetzt werden darf: hernach zu Ehren. Was 
soll auch hernach bedeuten? nachdem du mich nach deinem Rat 
geführt hast? Das ist doch keine Schande und kein Unglück. 
Mein Emendations verschlag befreit uns zwar von einer unmöglichen 
Construction und von einem fremdartigen Gedanken, unterliegt 
aber auch Bedenken. 

73, 28. Um all deine Werke zu erzählen ist ein wenig 
angemessener Schluss. 

74, 11. Man muss das Vau vor ^^D^ streichen und das 



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Bemerkungen zu den Psalmen. 179 

Wort zum folgenden Gliede ziehen, als Object des ans Ende 
gestellten Imperativs, welcher bedeuten muss: zieh hervor! 

74, 13. p^n ist im Singular zu lesen, wie ]tV)b v. 14; die 
Hydra hat mehrere Köpfe. 

74, 14. Für DVh liest Hitzig richtig Qvb (Frass); die 0^^^ 
müssen Wüstentiere sein. An das sonderbare ü"^"*)ib üvb hat sich 
der eschatologische Mythus angeschlossen (4 Esd. 6, 52. Apoc. 
Baruch § 29); wie so häufig ist auch hier der Midrasch der Ur- 
sprung solcher Phantastereien gewesen. Der berichtigte Wortlaut 
des Verses ist nach Ezech. 32, 4 zu verstehn und hat nichts von 
Mythologie an sich, braucht darum auch nicht beanstandet zu 
werden. Der Leviathan ist Bild für Ägypten. 

75, 10. Lies b^:N für n^^X- 

77, 11. Vielleicht n:c^ das Schlafen? 

78, 9. Der Vers wird von Hupfeld und Hitzig gestrichen. 

80, 17. Subject zu nDN'» sind die Heiden. 

81, 16. Für )h It&^nD"» lies iblTD''- sie müssen zu Fall kommen. 

81, 17. Entsprechend dem nton 2hn muss B^DT lli: Status 
cstr. und Genitiv sein; also ist \^21 ^))i zu ändern, nach Prov. 
16, 24. Baethgen verweist zum Schutz des überlieferten Textes 
auf Deut. 32, 13. 14. Aber dort wird nur die alte Redensart 
Milch und Honig umschrieben und von Mark des Weizens ist 
gar keine Rede. Höchstens Hesse sich aus Deut. 32, 13 erklären, 
wie die falsche Lesart in unserem Psalm entstanden ist. 

82, 1. Besser D''^X im Plural. 

82, 7. Baethgen behauptet, Engel (richtiger: Götter) könnten 
nicht sterben, also seien menschliche Könige gemeint. Was bedeutet 
denn v. 7: wie Menschen? Vielmehr wenn die Nationen und 
Reiche untergehn, so sterben auch die Götter, ihre Genii im Himmel. 
Vgl. Isa. 24, 21. 22. 

83, 7 — 9. Die Völker, die sich gegen die Juden erhoben 
haben, wohnen vorzugsweise im Ostjordanlande und sind wesentlich 
Araber, Ismaeliten und Hagarener; der arabische Name Gebäl 
für das alte Land Seir ist bezeichnend, Edom Moab Ammon 
Amalek sind halbe oder ganze Archaismen. Daneben werden 
Philister und Tyrier genannt; im Hintergrund stehn die Assyrer, 
d. h. die seleucidischen Syrer. Die Situation entspricht der von 
1 Macc. 5, aber der Psalm ist nicht wie Ps. 68 nach dem Siege 
gedichtet, sondern vor dem Kampf. 

12» 



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180 Verschiedenes. 

83, 10. 11. Da die Feinde wesentlich Araber sind, so werden 
sie mit den alten Midianiten verglichen. Denn ausschliesslich von 
Midian ist hier die Rede. Das zweite Glied von v. 10 ist zu 
streichen, dav. 11 ss. sich unmittelbar an v. 10 a anschliesst Für 
Endor wird man Enharod herstellen müssen. „Tu ihnen wie 
den Midianitern, die in Enharod vernichtet wurden, die zu Dünger 
für den Acker dienten; mach ihre Fürsten wie Oreb und Zeeb etc." 

84, 5. Für "ny spricht die Septuaginta ly- ewiglich. 

85, 2 — 4 steht auf gleicher Linie mit v. 10 — 14 und ist 
G^enwart; dazwischen li^t v. 5 — 9 in einer früheren Zeit, die 
lebhaft vergegenwärtigt wird. 

86, 11. Baethgen beruft sich mit Recht auf Hier. 32, 39, 
zum Beweis dafür, dass hier Israel in 1. Sing, von sich redet. 

87, 4 — 6. Die Juden sind zerstreut in aller Welt, aber sie 
behalten doch Fuss in Sion; Sion bleibt ihrer aller Heimat, wo sie 
auch wohnen mögen. In v. 4. 5 wird gesagt: „in Ägypten und 
Babel wohnen Bekenner Jahves, in Philisterland, Phönicien und 
Kusch — aber Sion nennt ein jeder seine Mutter und ein jeder 
hat dort Geburtsrecht." Der selbe Gegensatz wiederholt sich noch 
einmal in v. 6. 7. „Jahve schreibt an im Völkerbuch: dieser 
ist da und jener dort gebürtig; aber Vornehme und Geringe, 
ihrer aller Heimat ist in dir, Jerusalem!" Vor 1D«'» v. 5 muss 
Dl< eingesetzt werden, nach einem Wink der Septuaginta. Das 
Völkerbuch v. 6 ist die von Jahve geführte Bürgerliste seiner unter 
den Völkern versprengten Untertanen. Der Satz Dl^ "1^^ Hl v. 6 
hat den hier durchaus erforderlichen distributiven Sinn nur, wenn 
er zweimal hinter einander steht; die Wiederholung scheint durch 
Versehen übergangen, dann am Rande nachgetragen und schliesslich 
an falsche Stelle geraten zu sein, nämlich an den Schluss von 
V. 4. Die Worte D'»b^nD omc^l v. 7 bezeichnen die Gesamtheit 
durch zwei Hälften; für ^y^yo lies COiyo- Damit sind wenigstens 
einige Hauptschwierigkeiten erledigt, auf Grund des mit Sicherheit 
zu ermittelnden Gesamtsinnes^ Baethgen verkennt diesen gründ- 
lich, indem er den Psalm als messianische Weissagung betrachtet. 
Zu meinen Vorschlägen nimmt er nur insofern Stellung, als er be- 
hauptet, das fii^xYjp Dk&v der Septuaginta in v. 5 sei aus [l^ t{ 
2!tcüv entstanden. Ich habe nichts dagegen, nur vermisse ich den 
Beweis. 

88, 2. Besser DD^^ ^nj?1K^ (Weir, Bevan). 



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Bemerkungen zu den Psalmen. 181 

89, 6. Nach dem zweiten Gliede wäre im ersten zu erwarten: 
im Himmel. 

89, 8. Es ist 21 zu lesen und mit Nll^l zu Verbinden. 

89, 9. ]"'Dn fällt auf, die Vokalisation wagt nicht, es als 
hebräisch anzuerkennen. Nach dem folgenden r\y)üi< ist "l^on zu 
vermuten, wegen der stehenden Verbindung riDNI lOn- 

89, 17. Baethgen ändert mit Recht lon'» in )::'V' 

89, 20. Das folgende Gotteswort fasst den Hauptinhalt der 
auf David bezüglichen Weissagungen zusammen und citirt nicht 
etwa eine bestimmte einzelne. Selbst wenn man '^n^Dnb in den 
Singular verwandelt, bedeutet er doch nicht „zu Nathan*', sondern 
„in Bezug auf David". Der Plural (16, 10) würde sich auf Israel 
als Erben Davids beziehen. Natürlich heisst dann jllHD nicht „im 
Gesicht", sondern „durch die Prophetie". 

89, 39. 40. Die Verheissung von dem ewigen Bestände der 
Dynastie Davids blieb unerfüllt und wurde nun von der Eschatologie, 
wie gewöhnlich, transponirt, d. h. in diesem Fall auf Israel über- 
tragen. Die Thebkratie oder Sion trat an die Stelle des Königs- 
hauses. Den alten Ausdrücken wurden andere Begriffe untergelegt; 
tV\^ü selber bekam einen weiteren Sinn. David wurde das Symbol 
der theok ratischen Reichsherrlichkeit, und nicht sein Geschlecht, 
sondern Israel galt als deren Inhaber von Gottes und Rechts wegen. 
Ohne Empfindung irgend eines Unterschiedes wird v. 39 von David 
. auf Israel übergegangen, als wenn es sich von selbst verstünde, 
dass Israel der Erbe der Verheissungen Davids sei. Vgl. Ps. 132. 

89, 45. Baethgen verbessert nniOD sehr gut in IT» ntOD- 

89, 48. Aus Versehen habe ich es in der Critical Edition 
unterlassen "»OX in ^^"IX zu corrigiren. 

90, 1 SS. Der Inhalt des Psalms ist Empfindung und Stimmung, 
der Gedankengang schillert und lässt sich schwer ^xiren. Man 
hat auszugehn von v. 13 — 17. Die Gemeinde redet, die bereits 
auf viele Generationen zurücksieht; schwerer Druck lastet seit 
lange auf ihr, Jahve zeigt sein Tun (sein Gericht und seine Hilfe) 
nicht, er hat sein Angesicht verborgen. Sie hat trotzdem keine 
andere Zuflucht als zu ihm, dem ewigen, allen Wechsel über- 
dauernden Gotte: dieser Fundamentalsatz eröffnet den Psalm. Er 
soll illustrirt werden durch die Antithese, die Vergänglichkeit des 
Irdischen. Aber dieses Thema wird dann für sich behandelt und 
unter den durch das Vorhergehende nicht motivirten, sondern ganz 



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182 Verschiedenes. 

neuen Gesichtspunkt gestellt, dass sich der Zorn Gottes in der kurzen* 
Dauer des menschlichen Lebens zeige. Ursprünglich ist der Zorn 
Gottes nicht darin empfunden, sondern (nach v. 13 — 17) in etwas 
viel Speciellerem, in dem geschichtlichen Unglück Israels. Aber 
unter der Last dieses Unglücks ist eine trübe Stimmung entstanden, 
die überall im Bereich des Menschentums den göttlichen Zorn 
wirken sieht. Dadurch verliert das Geschick Israels seine Besonder- 
heit und subsumirt sich unter die allgemeine Trübsal, der das 
ganze menschliche Geschlecht in Folge des Todesverhängnisses 
unterliegt. Ähnliche Übergänge finden sich im Buch Hieb; doch 
wird gewohnlich das allgemeine Elend des menschlichen Lebens 
als Motiv benutzt, um ausserordentliche Steigerungen desselben 
abzuwenden (89, 48. 49). Am Schluss des Psalmes tritt der 
israelitische Ausgangspunkt und der praktische Zweck wieder 
hervor. 

90, 5. 6. „Du triffst sie wie ein Wetter — sie verfallen in 
Schlaf, noch am Morgen der treibenden Pflanze gleich; am Morgen 
blüht sie und treibt, gegen Abend welkt sie und verdorrt." So 
windet Baethgen sich durch den Text, indem er sich allerhand 
Freiheiten erlaubt, ohne doch zu mehr als dem falschen Schein 
eines Verständnisses zu gelangen.. Ich habe gezeigt, dass Sinn 
entsteht, wenn man in v. 5 einen Buchstaben einsetzt. „Das 
Geschlecht der Menschen wandelt sich, sie sind wie spriessendes 
Kraut, das am Morgen grünt und spriesst, am Abend welkt und 
verdorrt." Das 1p3D scheint in v. 5 überflüssig und aus v. 6 ein- 
gedrungen zu sein. 

90, 7. Vielleicht ist es richtig, dass )yh3 nach ):hn2} inter- 
pretirt werden muss : wir sind zu Tode erschrocken. Aber trotzdem 
wird der Zorn Gottes hier nicht in einem besonderen Ereignis 
erkannt, sondern in der allgemeinen Tatsache, dass der Tod allem 
Leben ein Ziel setzt. Das ist etwas ganz Neues im Alten Testament, 
denn Gen. 2. 3 hat keine Wirkung geübt. 

90, 12. Der Gedanke „auf dass wir klug werden" könnte 
kaum verschrobener ausgedrückt werden als durch die Wendung 
„dass wir bringen ein Herz der Weisheit**. Auch sagt der Hebräer 
nicht ein Herz der Weisheit für ein weises Herz. Richtig 
ist vielmehr das Eetib aufzufassen: „dass wir eingehn in das Tor 
der Weisheit." 

90, 13 HDW, nämlich von dem speziellen Zorn gegen Israel 



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Bemerkungen zu den Psalmen. 133 

Denn von dem über alle Menschen verhängten Todesurteil abzu- 
geha kann Jahve nicht gebeten werden. 

91, 9. In der notwendigen Emendation ^DPID habe ich, wie 
Smend mir nachweist, einen alten Vorgänger. Lowth sagt am 
Schluss einer langen Note De sacra poesi p, 340: Quid si autem 
legamus unius tantum literae mutatione "^DriD? „Nam tu (i. e. 
te quod attinet) Jehova spes tua!" Quam emendationem mihi 
proposuit Jacobus Merrick, qui versionem Psalmorum carmine 
vernaculo iam absolvit: opus eximium, multis eruditionis artis 
ingenii luminibus distinctum. 

91, 16 b = V. 8 b. Hier ist der Ausdruck positiv, dort negativ. 

101, 3—6. In diesem Stück ist der von Budde so genannte 
Kina-vers unverkennbar. Baethgen sucht ihn überall durchzu- 
führen. In V. 2. 7 und 8 gelingt es auch mehr oder weniger 
leicht, nur nicht in v. 1. Denn wenn man nach der Septuaginta 
das schliessende H'^DIX zu v. 2 zieht, so entsteht ein unannehm- 
bares Asyndeton, und man wird ausserdem genötigt, dem n^OtS^X 
den unpassenden und im Parallelismus unmöglichen Sinn „ich will 
singen" aufzudrängen. — Übrigens werden in v. 2 die Worte 
„wann kommst du zu mir" durch den Eina-vers als echt erwiesen. 
Der Sinn muss sein: ich will auf den richtigen Weg achten, in 
der Hoffnung, dann bald dein Angesicht, deine Ankunft zum 
Gericht, zu schauen. Das ideale Israel redet, wie Baethgen mit 
Recht annimmt. 

109, 2 yiC'l ist Abstractum. Die Feinde sind Juden, sie 
arbeiten mit Yerläumdungen und falschen Anklagen gegen den 
Beter, der Liebe gegen sie gehegt und ihnen Liebe erwiesen hat. 
An ihrer Spitze steht ein Einzelner, das Haupt der Partei, gegen 
den die Flüche v. 6 ss. sich richten. Dieser Singular wird ohne 
weiteres dem vorangegangenen Plural substituirt. 

109, 6. Zur Rechten des vor Gericht Stehenden stellt sich 
keineswegs bloss der Ankläger (v. 6), sondern auch der Anwalt (v. 
31); es bedeutet also sibi vindicare, für sich reklamiren, so- 
wol im feindlichen, als im freundlichen Sinn. Da dem jtot^ v. 6 
in V. 31 Jahve gegensätzlich entspricht, so kann man nicht umhin 
darunter den Satan zu verstehn, der dann auch mit y\i/^ andeutungs- 
weise bezeichnet sein muss. Der Process ist wie gewöhnlich ein 
metaphorischer. Das hindert indessen nicht, anzunehmen, dass die 
Yerläumdungen und Anklagen gegen den Beter bei Hofe angebracht 



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Jg4 Verschiedenes. 

sind, in Alexandria oder in Antiochia. Das war ja die gewöhn- 
liche Weise, wie die rivalisirenden Parteien und Parteihäupter in 
Jerusalem einander bekämpften. 

109, 8. Die Bedeutung Amt für mp^ liegt weit näher als 
die Bedeutung Habe, welche durch Isa. 15, 7 durchaus nicht 
gesichert ist. Der ehrgeizige Streber, von dem hier die Rede ist, 
hat schon eine hohe Stellung, will aber noch höher hinaus: dabei 
soll er zu Fall kommen. 

109, 16 n^D^ ist eine Combination von NDi und HDl Man 
kann natürlich die beiden Schreibungen nicht vereinigen, sondern 
muss zwischen ihnen wählen. 

109, 24 jDK^D ist dem vorangehenden DIl^D parallel und kann 
darum nicht bedeuten: jDir^ '»^20- 

109, 31. Lies ItOEH^'DD vor seinem Widersacher. Das Poel 
tODIl^ wird von den Parteien gesagt, die mit einander rechten 
(lob 9, 15). 

118, 11. Der Vers ist eine inhaltslose Wiederholung; fatal 
wirkt die bloss grammatische Dififerenzirung des Verbs im ersten 
Gliede. Das genügt aber wol nicht als Grund ihn zu streichen. 

118, 12. Baethgen folgt der Septuaginta: „sie umringten 
mich wie Bienen das Wachs, sie brannten wie Feuer in Dornen." 
Unbegreiflich! Den allerdings bedenklichen masorethischen Text 
darf man vielleicht übersetzen: „sie* umgaben mich wie Bienen, 
sie wurden erstickt wie (Bienen) durch (rauchendes) Dornen- 
feuer." Anstössig ist, dass der Vers nicht zwei, sondern drei 
Glieder hat. Mir scheint, dass das dritte Glied überschüssig und 
zu streichen ist. 

118, 27. Auch in diesem Verse kann die Dreiteilung schwer- 
lich tolerirt werden, man muss das erste Glied als eine schlechte 
Variante zu dem ersten Gliede von v. 28 betrachten. Im Folgenden 
ist nDfc< unbrauchbar. Wenn man um dieses Wortes willen C^ray 
als Seile versteht, so gerät man ins Unwegsame. Mit Recht hält 
Baethgen die altüberlieferte Bedeutung Laubzweige fest. Laub- 
zweige wurden nicht bloss beim Laubhüttenfest gebraucht, sondern 
auch bei der Hanukka, nach 2 Macc. 10, 7: 86paoüi; xal xXocSoü«; 
d)patoüc ext hk cpotvtxac e/ovte? SfjLVOüc dve<pepov. Unser Psalm, ein 
liturgischer, ist verfasst für die kirchliche Feier eines Sieges, 
wodurch die Juden aus der Gefahr gänzlicher Vernichtung, der sie 
nach V. 17. 18 nahe genug waren, gerettet wurden. Das könnte 



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Bemerkungen zu den Psalmen. 185 

wol die Hanukka sein, denn sie war die grosse makkabäische 
Siegesfeier; vgl. zu Ps. 30. Luthers Übersetzung „schmückt das 
Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars" scheint demnach 
ungefähr den Sinn zu treffen. 

130, 5 '»K^Di nmp, hier ganz überflüssig, gehört an den Anfang 
des folgenden Verses und ergänzt richtig das dort prädikatlose 

132, 1. Es ist wol 'anvato (seine Frömmigkeit) zu sprechen, 
nach der folgenden Explicirung. Denn von Davids Demütigungen 
und Leiden ist da nicht die Rede. 

132, 4 npt?^ ist eine unmögliche Vokalisation, da das Verbum 
nicht niK^, sondern )l^'» ist. 

132, 5. Das Lamed umschreibt hier den Genitiv, ebenso wie 
122,5. 123,4. 125,4. 128,6; also „den Ort Jahves, die Wohnung 
des Starken Jakobs". Die Meinung ist, dass der Ort der Lade 
dem David unbekannt war. 

132,6. Die Verbalsuffixe sind nicht femininisch, sondern 
niasculinisch, sie beziehen sich auf Jahve, d. i. auf die Lade. 

132, 8. Die menucha, die definitive Ruhestatt Jahves (der 
Lade) ist Jerusalem; bisher war er von Ort zu Ort herumgeirrt. 

132, 10. Nach dem Relativsatz, welcher v. 2 beginnt und in 
ein langes historisches Expose (bis v. 9) auswächst, wird hier die 
Bitte V. 1 wieder aufgenommen. Israel redet, nur Israel kann 
unter dem Gesalbten verstanden werden; denn um Davids willen 
erhöre David wäre sinnlos. 

132, 13. Wie in 89, 39 ss, so wird auch hier die dem David 
und seinen Nachkommen gegebene Verheissung der ewigen Dauer 
schlankweg auf Sion oder Israel bezogen. Ebenso lebt nach 
V. 17 David fort in der Reichsherrlichkeit der Theokratie, auf 
welche auch die späteren Juden, um Davids willen, Anspruch 
machten. 

137, 1 SS. Das babylonische Exil ist hier nicht mehr Gegen- 
wart, sondern Vergangenheit; der Dichter e rin n er t sich jener Zeiten. 
Aber in Wahrheit phantasirt er bloss, eine wirkliche Erinnerung 
hat er nicht. Weshalb nehmen die Exulanten ihre Instrumente 
mit hinaus ins Freie und hängen sie dort an die Weiden, wenn 
sie doch nicht singen wollen? jedenfalls können sie sich dann nicht 
wundern, wenn sie zu singen aufgefordert werden. Wie kommen 
ferner die Babylonier dazu, sich grade Sionslieder auszubitten? 



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186 Verschiedenes. 

war denn die israelitische Poesie schon damals lediglich geistliche 
Poesie? und wussten das die Babylonier? Endlich wer sind die 
Leute, die hier in erster Pluralis reden? waren die Exulanten alle 
Musiker? Die Poesie des Psalmes verdeckt diese Unmöglich- 
keiten, aber sie sind vorhanden und von Hitzig und Olshausen 
erkannt. Real ist nur der glühende Hass gegen Babel, der durch 
ein Ereignis der Gegenwart angeschürt gewesen sein muss. 

139, 10. Smend ändert '»iron mit Recht in "»inpri. 

139, 15. Lies -il&'ND. Gewirkt in den Tiefen der Erde hat 
nur Hitzig zu verstehn gewagt; er verweist auf lob 1, 21 Sir. 40, 1. 

139, 16. Der erste Satz von v. 16 gehört logisch noch zu 
V. 15. Dann folgt eine Lücke, denn für das Pronomen DvD 
fehlt jetzt die Beziehung. Baethgen freilich glaubt durch blosse 
Umstellung helfen zu können, indem er nii'» CD"» vor "^IDD bv^ 
schiebt. „Tage wurden gebildet, und sie alle werden in dein 
Buch geschrieben, wo noch nicht einer unter ihnen Dasein hat." 
Aber Tage werden nicht in die göttliche Matrikel geschrieben, 
sondern wenigstens zunächst einmal Menschen und nur hernach 
vielleicht ihre (der Menschen) Tage. Mit ob'D müssen alle 
Menschen gemeint sein. Dann kann man nicht umhin zu fordern, 
dass vorher ein Satz mit diesem hier ganz notwendigen Subject 
gestanden haben müsse. „Demgemäss sind dir alle Menschen 
bewusst, und sie alle werden in dein Buch geschrieben." 
Bei der Fortsetzung Tage wurden gebildet fehlt der Über- 
gang und der Anschluss. Ferner ist die Aussage auch an sich 
unmöglich; geformt werden Tage noch viel weniger als in das 
Buch geschrieben. Die Anstösse verschwinden, wenn man C^tO 
liest für D^DV* „die Menschen werden in dein Buch geschrieben, 
ehe sie noch gebildet sind". Die Schlussworte DHD "IHN tS) 
haben kein Prädikat. Wer kein Deficit annehmen will, verbinde 
sie mit dem vorhergehenden Verb und lese dieses als Singular; 
"inx ^^) müsste dann wol oder übel heissen: ne unus quidem. 

139, 21. Entsprechend wie im ersten Gliede müssen auch im 
zweiten die Verba auf einander zurückschlagen. Also CD1pnt< 

140, 3. Lies mit Olshausen n.1'' als Piel, es ist aramäisch ^"^^. 
140, 9 p^^n ist aramäisch, von pD> Ebenso 144, 13. 
142, 7 nriD^ ist nicht Hiphil, sondern Piel, nämlich das ara- 
mäische ir\D warten. 



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De9 Menschen Söhn. 187 

144, 13. In p^IlD steckt das aramäische mäzön, Speisevorrat. 

lob 3, 5 — 8. In v. 8 ist nicht von der Nacht, sondern vom 
Tage die Rede. Der Vers steht also nicht an richtiger Stelle. 
Er deckt sich vermutlich mit OV '»TIDD innyD'» und vervollständigt 
diese Worte zu einem eigenen Verse. Auch v, 6 geht noch auf 
den Tag und nicht auf die Nacht. 

lob 20, 18. Der Parallelismus legt die Vermutung nahe, dass 
in b'^riD ein Participium wie D^t^o stecke und dass D^y\ ent- 
sprechend den y^2\ in Wahrheit üvb^ sei. Vgl. zu Ps. 74, 14. 

lob 20, 25. Nach v. 24 wird ^^ in ^br\ geändert werden 
müssen. Ebenso Ps. 129, 6. 

lob 38, 14. Das Licht verleiht den Dingen Gestalt und 
Farbe. Also ist für das subjects- und sinnlose I2!i'»n^ zu lesen 
VDl^n oder WtOl^n- „Durch das Licht verwandelt sich die Erde 
wie Thon unter dem Siegel, und durch das Licht färbt sie sich 
wie ein Gewand." Ich darf vielleicht bei dieser Gelegenheit 
bemerken, dass Jombaphaeus in Assemanis Bibl. Gr. 1, 185. 
188 üJic ßacpecuv ist, d. h. NyD!i 13, Mitglied der Färbergilde. 

lob 38, 41. lyn passt nicht für die noch nicht flüggen Vögel 
im Nest. Vielmehr lyD^ =sie sperren den Schnabel auf. 



Des Menschen Sohn. 

Der Ausdruck 6 oJoc toü dvöpcuTroü als Selbstbezeichnung im 
Munde Jesu ist ein Problem der neutestamentlichen Exegese, 
welches lange Zeit zwar mit Eifer gelöst, aber nicht gehörig ver- 
standen worden ist. Erst neuerdings ist eine Wendung eingetreten *). 
Das Problem ist richtig gefasst, dadurch aber nicht leichter 
geworden. Im Gegenteil, Lietzmann gibt es nun überhaupt auf, 
es zu lösen. Er beseitigt es vielmehr durch die Annahme, 
Jesus selber habe niemals Mensch oder Menschensohn statt Ich 



^) B. D. Eerdmans, de oorsprong van de uitdrukking Zoon des Menschen 
als evangelische Messiastiteli in der Leidener Theol. Zeitschrift 1894 p. 153 — 176, 
mit einem Nachtrage 1895 p. 49—71. Hans Lietzmann, Der Menschensohn, 
Freiburg 1896. Eerdmanns hat in fast allen wichtigen Punkten die Priorität, 
aber die letzte Consequenz hat erst Lietzmann zu ziehen gewagt. 



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188 Verschiedenes. 

gesagt, sondern diese eigentümliche Redeweise sei ihm überall erst 
von den Redaktoren der evangelischen Überlieferung in den Mund 
gelegt worden. Ich habe mich in den beiden ersten Ausgaben 
meiner israelitischen und jüdischen Geschichte nicht zu diesem 
Gewaltstreich entschliessen können, obwol ich nahe genug daran 
war. Am Ende habe ich doch eingesehen, dass kein anderer 
Ausweg übrig bleibt. In der Note 1 auf Seite 381 der dritten Aus- 
gabe ist dieser Erkenntnis bereits Rechnung getragen. Ich fühle 
indessen das Bedürfnis mich etwas ausführlicher zur Sache zu 
äussern, als es dort geschehen konnte. 

1. 

Für die richtige Fassung des Problems ist es von Wichtigkeit, 
zu bedenken, dass die Evangelien — ich rede hier immer nur 
von den drei ersten — nicht überall von Anfang an griechisch 
geschrieben sind. Aramäische Grundlagen schimmern noch rest- 
weise durch, und zwar nicht bloss in den Logia. Der Ausspruch 
Matth. 12, 41. 42 (Luc. 11, 31. 32) ist nur durch Retroversion 
ins Aramäische zu verstehn; dvaaxiQaovTai (l^epftTjaeTai) ^v rjj 
xpiaet [isTGt := oy Nin2 (Dlpn) )101p% und xataxpivoGai (xaiaxpivei) 
= (3^nn) pDTIV „Die Leute von Nineve werden im Rechtsstreit 
mit diesem Geschlechte es besiegen, die Königin von Jemen wird 
im Rechtsstreit mit diesem Geschlecht es besiegen" ; d. h. sie werden 
sich gerechter vor Gott erweisen als die Juden, wenn sie ihre 
Ansprüche gegen einander in die Wage legen. In Matth. 23,8 
wäre 6 xopioc zu sagen gewesen statt 6 8t8daxaXoc, paßßt bedeutet 
zwar sowol das eine wie das andere, aber hier ist Gott und nicht 
Jesus das Subject der Aussage^): „ihr sollt euch weder Herr (Rabbi) 
noch Vater (Abba) titujiren lassen, wie die Schriftgelehrten, denn 
nur Einer ist euer Herr, Einer euer Vater." An einer anderen 
Stelle der selben Rede gegen die geistlichen Leiter der Juden findet 
sich bei Lukas eine kuriose Verwechslung. Die Pharisäer werden 
Luc. 11, 41 gescholten wegen ihrer äusserlichen Reinigungen und 
zum Schluss aufgefordert: vielmehr, das Innere gebt Almosen! 
Man begreift nicht, wie das Innere Object zu Almosen geben 
sein kann. Man erwartet nach dem voraufgegangenen Gegensatz 
mit Notwendigkeit: vielmehr, reinigt das Innere! und so liest 



^) Das Verständnis von v. 8 richtet sich nach dem von v. 9, während 
V. 10, ein offenbares Interpretament zu v. 8, anders gebaut ist. 



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Des Menseben Sohn. 189 

man auch bei Matth. 23, 26*). Das Aramäische überbrückt die 
Kluft zwischen Almosengeben und Reinigen; beides heisst ^3]- 
Beispiele des Wortes in der ersteren Bedeutung gibt Dalman, 
Grammatik des jüdisch-pal. Aramäisch p. 196'). Eine Variante, 
die nicht griechischen, sondern nur aramäischen Ursprungs sein 
kann, liegt Luc. 24, 32 war. Eine Reihe von Handschriften liest 
dort: oö^t ^ xapSta -JjfiÄv xaiofievT) ^^v Iv -fjjiTv; eine andere Reihe bietet 
ßepapYjjisvY] für xatojiivY). Die Dififerenz lässt sich nur begreifen, 
wenn sie zurückgeführt wird auf l^p^ und "Vp^, wie Frau Lewis 
richtig gesehen hat. Eine andere Variante muss Luc. 4, 26 vor* 
gelegen haben; der Grieche ist der schlechteren Lesart gefolgt. 
„Es gab viele Witwen zu Elias Zeiten in Israel, und zu deren 
keiner wurde Elias gesandt, sondern (e? jxt] = N^X) nach Sarepta 
in Sidonien zu einer Frau, einer Witwe; und es gab viele 
Aussätzige in Israel zu Elisas Zeiten, und deren keiner wurde 
geheilt, sondern der Syrer Naeman". Der Ausdruck ^üvi) x^P^ 
befremdet, weil er nur an zweiter und nicht an erster Stelle 
erscheint. Vor Allem aber versteht es sich von selbst, dass die 
Frau eine Witwe war, da nach dem Vordersatz überhaupt nur 
Witwen in Betracht kommen; es darf also nicht an der nach- 
drücklichsten Stelle des Satzes wiederholt werden. Dagegen müsste 
die Pointe betont sein, dass sie eine Heidin war. So wie es hinter- 
her heisst el jit] Naip-dv 6 26poc und nicht N. 6 Xeicpoc, so muss 
es auch hier heissen ei jxy) irpic ^uvaixa 2üpav und nicht 7. x^P^^* 
Auf aramäisch heisst nun Witwe Nbonfc<; von da gelangt man leicht 
auf N^C^t« 26pa. Man wende nicht ein, dass die Frau ja eine 
Sidonierin gewesen sei und keine Syrerin ; denn "^DIN heisst bekanntlich 
einfach Heide, und entspricht dem griechischen ^'EXXr^v'). Eine 
ähnliche Verwechslung hat sich im Syrus Sinaiticus zu Marc. 7, 26 



') Freilich mit Hinzufugung eines offenbar falschen Genitivs zu dem . 
Inneren, den Lukas nicht hat. 

^ Das Misverständnis ist so sonderbar, dass es fast als beabsichtigt er- 
scheint. Vielleicht wollte der Grieche andeuten, die innere Reinigung solle 
durch Almosengeben geschehen, als bedeute ^3] die Reinigung von dem un- 
recht, welches an dem Besitz und an dem Genuss von Hab und Gut klebt, 
durch die Verzehntung. In Wahrheit ist es denominirt von zekot, arabisch 
zakät. 

>) Besser wäre auch bei Naeman die Übersetzung Heide gewesen. Aber 
da er wirklich Syrer war, ist er auch so genannt, zumal das entsprechende vor- 
hergehende Femininum verkannt wurde. 



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190 Verschiedenes. 

zugetragen; dort ist ans ursprünglichem «H'^DIX CEXXtjvic) ebenfsills 
KD^D^IN geworden. 

Vermutlich rührt noch Manches in den Evangelien, was einen 
unbefriedigenden oder gar keinen Sinn gibt, von irriger Übersetzung 
her, ohne dass es gelänge, den Fehler zu entdecken und zu ver- 
bessern: denn so etwas lässt sich schlecht forciren. Viel sicherer 
als Misverständnisse lassen sich Aramaismen von mehr formaler 
Natur nachweisen. Darunter sind solche, die nur einem Übersetzer 
zugetraut werden können, nicht einem Schriftsteller, der griechisch 
concipirte. So Matth. 18,15: „wenn dein Bruder sündigt, so stell 
ihn zur Rede [uiaih aou xat aötou^ — dieser Ausdruck für unter 
vier Augen ist aramäisch und auch arabisch^), aber im Griechischen 
unglaublich. Matth. 22, 36: „welches Gebot ist ys^dkjq im Gesetz^; 
ein nicht an die Vorlage geketteter Grieche hätte hier den Compa- 
rativ oder Superlativ anwenden müssen, der im Aramäischen nicht 
ausgedrückt wird *). Der Name des Sonntags fiia aaßßatcov, der so fest 
an der Osterperikope haftet, dass er auch im Ev. Joa. reproducirt 
und bloss in dem späten Stück Marc. 1(5, 9 ss. durch irpcoxT^ a. ersetzt 
wird, lässt sich nur als wörtliche Übersetzung aus dem Aramäischen 
begreifen, wo der Sabbath auch für die Woche steht (Luc. 18, 12) 
und beim Zählen der Wochentage das Cardinale statt des Ordinale 
gebraucht wird. In Marc. 6, 7. 39. 40 ist die distributive Wieder- 
holung des selben Wortes sehr aufTallend: er sandte die Zwölfe aus 
86o 8üo, er liess das Volk sich lagern aüjAicoaia <si}\nt6aia und sie 
lagerten sich irpctaial Tupaaiat — das ist gut aramäisch, aber ganz 
ungriechisch '). In Luc. 13, 9 xäv \ih iton^aiQ xapicöv ek xi piXXov 
ef 88 ji.T^78, ixx6<j*eic aön^v ist die Auslassung der ersten Apodosis so ist 
es gut im Griechischen unmöglich, im Aramäischen dagegen und im 
Semitischen überhaupt pflegt sie regelmässig zu geschehen. Was 
soll in Luc. 14, 18 xal -^pSavxo dicb ji-iac icavxec icapaixeia&ai das 



') Nöldeke, Syrische Gr. 1898 p. 189 n. 1. Tabari 2 44, 19 s. 38, 10. 

3) Ähnlich Matth. 18, 6. 26, 24: es wäre am besten fär ihn. 

*) In Marc. 14, 19 tU xaxA th scheint ^n ID ^u Grunde zu liegen; das 
xatd macht den Ausdruck nicht griechischer. Das öfters vorkommende el; 
ixaatoc ist wol in ^D* ^^^^ Xl^o^ inX Xfdov, Idvoc in* Idvoc, än6 icdXecoc eU 
iidXtv, in* dxptov S(oc dfxptov gehört vielleicht hieher: ein Stein auf dem anderen, 
ein Volk gegen das andere, von einer Stadt zur andern, von einem Ende bis 
zum andern. 



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Des Menschen Sohn. 191 

dnh fita; bedeuten, wenn es nicht Nin ]ü^) ist? Was in Luc. 20, 10 
xal xaipcp dTüsaxeiXsv lupic toü«; YStt>PT^i>c 8o5Xov das xaiptp, wenn 
es nicht p]3 einmal oder einst ist? Bei Marc. 12, 1 ist xtp 
xatpii> (mit dem Artikel) übersetzt und dies dann bei Matth. 21, 34 
paraphrasirt: ?Te 8s -^^Yiaev 6 xaipö«; Tcpv xapirmv — die Lesart des 
Lukas verdient den Vorzug, weil sie am schwierigsten scheint und 
doch den besten Sinn gibt. 

Wenn diese beiden Kategorien von Fällen festgestellt sind, so 
gestalten sich hernach alle verwandten Erscheinungen ebenfalls zu 
Beweisen für Übersetzung, wenn man sie vielleicht sonst auch 
einem griechisch concipirenden Schriftsteller hingehn lassen könnte '). 
Ich stelle eine kleine Auswahl aus der Masse zusammen. Parataxe 
Luc. 3, 20: Trpoae8Tfjxev .... xatsxXetaev. Auch Marc. 2, 23: 
•^pfavTo 68iv iroieTv tiXXovtsc toüc axa'xüac, sie gingen, rauften die 
Ähren, d. h. sie rauften im Gehn die Ähren '). Etwas andersartig 
Matth. 18, 21: Troaotxic djiapXTQast efc ^fii 6 dSeXcpoc P'Oo xal dcpT^aco 
aÖT(p; wie oft muss ich ihm vergeben, wenn er gegen mich sündigt? 
Matth. 26, 15: ti OeXete [loi 8oüvai xal i^fb öjiTv irapa8(oatt> aötov; 
was wollt ihr mir geben, damit ich ihn euch verrate? Parataxe 
eines untergeordneten Satzes im Conjunctiv nach einem Befehl 
oder einer Erlaubnis: 8oc xaöiatüjiev, acpe? ixßaXo) u. a. Ein Relativ- 
satz mit Wiederaufnahme des Relativs durch ein Demonstrativ 
findet sich Matth. 3, 12. Luc. 3, 17: oo 'zh irröov iv tq ^^etpl aöxoü. 
Septuagintamässig ist der Gebrauch des Inf. nach Präpositionen, 
der sich im Griechischen nur durch ein vorgesetztes substan- 
tivirendes xh durchführen lässt: iv T(j> aicetpeiv, 8iÄ xo jat] I/®^^» 
efc xo öavaxÄaat aöxov, iv x(p xa8s68stv xoö? dvftpciiTroüc (als 
die Menschen schliefen Matth. 13, 25) u. a. — Der Anfang 
einer Handlung wird gern durch ein Verbum der Bewegung wie 
Ip/sa&at und itopeueadai ausdrücklich bezeichnet: iXdoiv TupooxuviQatt) 
(Matth. 2, 8), iX8(J)v iaxdbr^ (2,10), iXdcbv irpoacpeps (5,24), icopeü»evxec 

^) d. h. auf einmal. Einen noch passenderen Sinn würde in JD (ad 
unum omnes) ergeben, aber dem widerspricht das Femininum iic6 jAiäc 

^ Im Evang. Joa. finden sich hie und da auch Hebraismen oder Ära- 
maismen, die aber nicht notwendig auf hebr. oder aram. Abfassung fuhren, 
sondern sich anderweitig erklären. 

') Im Aramäischen hat hier 6§6v Ttoieiv nach ^p^avxo ebenfalls im Particip 
gestanden, im Griechischen hätte consequent beidemal das Participium oder 
beidemal der Infinitiv gesetzt werden müssen. Naturlich soll nicht gesagt 
werden, dass sie durch Ausraufen von Ähren einen Weg machten. 



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192 Verschiedenes. 

[xadeTe (9,13), Tcopsüöjievoi xYjpüaaete (10, 7), Tropeüdevtec ditaf^et- 
Xaxe (11, 4), iropeoojjievoi aüjiTtvi^ovrai (Luc. 8, 14 sie geho hin und 
lassen sich ersticken). Auch das in den Evangelien ungemein 
häufige ap/eaUat wird oft ohne besonderen Nachdruck in dieser 
Weise vorangestellt. Analog ist der Gebrauch von diroxptvsa&at 
vor X^^eiv (hub an und sprach). Statt des gräcisirten diroxpiösW 
ecpT] oder dTrsxpi&Y) Xs-ycov findet sich noch einmal bei Marc. 7, 28 
direxpt&Y) xal Xe^st: das neben dem Präteritum direxpt&7) doppelt 
auffallende Präsens Xi-yei ist echt aramäisch, grade wie im Buche 
Daniel; man darf darnach auch für den häufigen Gebrauch des 
allein stehenden X^yei (in Marc. 2 sechs mal) aramäischen Einfluss 
vermuten*). Weiter gehört hieher TrpoaeöeTo ireji^J^ai Luc. 20, 11s 
und Trpoaftelc sTirev Luc. 19, 11. — Die Periphrase des Imperfects 
oder des Futurs durch yJjitjv oder laop.ai mit dem Particip hat 
schon Blass als Zeichen der Übersetzung aus dem Aramäischen in 
Anspruch genommen*): ?jv l^cov xTi^fiaxa icoXXd Marc. 10, 22. Auch 
der Imperativ wird so gebildet: fadi eövoÄv (Matth. 5, 25), fa&t 
ö^iT^c (Marc. 5, 34), faOi iy(wv (Luc. 19, 17), vgl. ^icdvcu ^ivoü irevie 
itoXecüv (19, 19). — In der Anwendung der Casus und der Präpo- 
sitionen lassen sich ebenfalls noch manche Aramaismen entdecken. 
*H aopiov [i.spt[i.vT^aei ^aot^i; Matth. 6, 34 (vgl. v. 25) ist von Luther 
richtig verstanden: der morgende Tag wird für das Seine sorgen; 
kaoxri^ ist D^H. Die Tochter der Herodias heisst -f] bo-^dirip 
ait^c T^c*Hp(ü8ta8oc Marc. 6, 22, weniger griechich als aramäisch. 
In Matth. 23,9 hat der Codex D die richtige Lesart xal iraxspa 
jiY) xaXiaYjte öjiTv (ihr sollt euch nicht Abba tituliren); üjiSv ist 
eine grammatische Correktur auf Kosten des Sinns. In Matth. 27, 
22 (Marc. 15, 12) tt o5v Tton^ao) 'Irjaoüv xöv XeYOfxevov Xpiaiov ist 
der Akkusativ nur aus dem aramäischen V)^^h verständlich. 
Ebenso erklärt sich der unterschiedslose Gebrauch von e?c und 
^v (Matth. 6, 18. Marc. 1, 39. 4, 8. 20) am besten als Über- 
setzung der Präposition Beth. Das häufige dvtoTrtov und IjxiupoaOev 
ist aramäisch oder hebräisch, desgleichen 8t4 täv /eipcov aöxoü 
(Marc. 6, 2, Plural bemerkenswert). O^fiTrstv mit 8iÄ (t5>v jxa&Yjxcüv 

^) Aus ano yamrin im Daniel folgt, dass auch im Singular anä yamar 
zu sprechen ist; anä steht regelrecht im Perfectum, dagegen ämar immer 
im Participium. Im Eyang. Joa. ist zwar X^^ei ebenfalls häufig, aber es heisst 
doch dntxpl^ri xal elrtev. Vgl. Nöldeke a. 0. § 274. 

2) Ev. sec. Lucam Lipsiae 1897 p. XXI. 



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Des Menschen Sohn. 193 

aÖTOü Matth. 11, 2) statt mit dem Akkusativ ist auch nicht 
griechisch *), und vermutlich ebensowenig das partitive äizh in Marc. 
6, 43: sie hüben zwölf Körbe voll Brodreste auf xotl oLTzh xcov 
lX^6wy = und ein Teil Fische. Ein eigentümlicher Fall liegt Marc. 
4, 8. 20 vor: xal i(o&p&v ek Tpiaxovta xal efc ijT^xovta xal el<; ixaxov 
und dann xal xapirocpopouatv iv xptofxovTa xotl iv ^Jt^xovt« xal ^v 
Ixatov d. h. 30 fältig, 60 fältig, 100 fältig. Eine einfache Um- 
wandlung des s^i; in sie und des dv in §v ist nicht möglich, weil in 
V. 8 nicht das Masculinum passt und in v. 20 nicht das Neutrum. 
Die Präposition Beth liegt jedenfalls zu Grunde, man wendet sie 
indessen nicht gern allein als Multiplicationszeichen an, sondern 
mit vorgesetztem in- Der Übersetzer hat sich wol gescheut 
Sv e^c und Sv iv zu sagen. — In ei [jlt] und sf hh \iri 78 glaubt man 
oft «'PN und ^5bfc<1 herauszuhören, in [jly] und fjn^xt ND^I; wenigstens 
sind diese Partikeln in dem Sinn, auf den es ankommt, im 
Griechischen sonst bei weitem nicht so häufig, und es muss auch 
auf die Proportion Gewicht gelegt werden. Für das unbestimmte 
Pronomen steht gern st?, z. B dreimal in der Parabel vom ver- 
lorenen Sohn (Luc. 15, 15. 19. 26), ferner in iv jxia xa>v Tj[x£pa>v, 
xÄv TcoXstüv, xa>v aüva^wf&v u. s. w. Matth. sagt avdpcoiroc ßaatXsüc 
für rex quidam (18, 23. 22, 2), e/Opk av&pcoiuo? (13, 28 dagegen 
V. 39), av&pcDTToc ejiTTopoc. — Zum Schluss führe ich noch einiges 
Lexikalische und Phraseologische an, mit absichtlicher Vermeidung 
des technisch Biblischen. 'A-ypoc ist Dorf Marc. 5, 14. 6, 36. 56, 
weil NrT'lp auch den Acker oder das Landgut bedeutet. Fa'jxot 
Matth. 22, 2 wechselt mit Ssitcvov Luc. 16, 16, weil beides ^'TWI^ü 
ist. Woy-q Matth. 6, 25. Luc. 12, 19. 22 ist da^ Organ, welches 
Hunger empfindet; sorget nicht für eure ^oyri, was ihr essen sollt, 
noch für euer aSfia, was ihr anziehen sollt. Xapa" Matth. 25, 21. 
23 bedeutet etwas sehr Substantielles, nämlich das Gelage, als 
dessen Gäste die Bürger des Reichs beständig vorgestellt werden. 
KptxTi? x^c dStxiac Luc. 18, 6 der ungerechte Richter. AiaXo^iafiol 
avaßatvoüdtv iv xij] xapStoL Luc. 24, 38 ist eine ganz ungriechische 
Redensart. Desgleichen aa'ßßaxov iirscpcoaxev Luc. 23, 54, Matth. 28, 1. 
Die Spuren von den aramäischen Originalen der Evangelien sind 
durch eine fortgesetzte stilistische Correctur immer mehr gemindert 
und verwischt, doch nicht ganz ausgetilgt; und die erhaltenen 



*) Daher die Correctur 860. 

Wellhausen, Skizzen und Vorarbeiten. VI. 13 

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194 Verschiedenes. 

Reste reden noch deutlich genügt). Über jeden Zweifel erhaben 
ist es aber, dass Jesus selber aramäisch geredet hat'), und vor- 
läufig wenigstens genügt uns dies. Wenden wir diese Erkenntnis 
auf die uns beschäftigende Frage an, so folgt, dass er nicht 6 ü£6c 
TOü dv&p(ü7coü gesagt hat, sondern barnascha'). Die moderne 
Exegese hat das wol gewusst, dem aber keine praktische Bedeutung 
beigelegt. Sie ist bei der Deutung nicht auf den authentischen 
Wortlaut zurückgegangen, sondern hat ohne weiteres angenommen, 
der sonderbare griechische Ausdruck decke sich vollständig mit dem 
nichts weniger als sonderbaren aramäischen. Wenn der Sinn und 
die Meinung Jesu selber ermittelt werden soll, so muss natürlich 
auch das Wort zu Grunde gelegt werden, das er im Munde führte. 
Diese Forderung hat hier fundamentale Wichtigkeit. Sie bildet den 
Ausgangspunkt einer neuen Phase der Exegese. 

2. 
Was ist nun die Bedeutung von barnascha? Lietzmann hält 
es für eine befremdliche Unterlassungssünde, dass keiner von denen, 

*) Den Process der Correctur kann man nach den Varianten der Hand- 
schriften noch einigermassen verfolgen, abgesehen von der Ausbeute, die ein 
Vergleich der drei Evangelien unter einander ergibt. Vgl. die Nachrichten 
der Göttinger Gesellschaft d. W. 1895 p. 11. 

2) Einzelne Worte Jesu sind in der Originalsprache aufbewahrt, besonders 
bei Markus. Talitha kumi (Mc. 5, 41) und lama sabachthani sind ara- 
mäisch, ebenso das sehr beweiskräftige abba (14, 36). Auch kepha zeigt 
den aram. Status emphaticus, aber nicht das etwas undurchsichtige boanerges, 
das wol mit dem Inschriftlich erhaltenen Eigennamen ragesbala (der Baal 
donnert) verglichen werden darf. Ephphata lässt sich allerdings viel leichter 
hebräisch als aramäisch verstehn. Aber aus allgemeinen Gründen ist es völlig 
undenkbar, dass Jesus sich der gelehrten und nicht der Umgangssprache sollte 
bedient haben, wenn er vielleicht auch gelegentlich einmal einen hebräischen 
Ausdruck eingestreut haben mag. Paulus betrachtet das Aramäisch als die 
eigentlich christliche Sprache, in seinen Briefen an griechische Leser sagt 
er emphatisch marana tha (Herr, komm!) und abba. — In der Er- 
zählung der Evangelien (nicht im Munde Jesu) kommt einmal ein Hebraismus 
vor, nämlich Iskariothes. Dagegen hat kananaios (Eiferer) mit dem ara- 
mäischen t<3Xip mehr Ähnlichkeit wie mit dem hebräischen ^^p. Die Wurzel 
mag hebräisch sein. 

^) Wenn es eines Beweises bedürfte, so würde die nahe Beziehung des 
Menschensohnes zu Dan. 7, 13 genügen. Das brehdbarnascha der Peschita 
ist lediglich ein theologischer Barbarismus, ein verzweifelter Versuch, das 
griechische 6 ul6c tou dvdpwicou so genau wie möglich auch syrisch wieder- 
zugeben. 



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Des Menscben Söhn. 195 

die Nachdruck darauf legen, dass Jesus dieses Wort und kein 
anderes gebraucht habe, hierauf näher eingegangen sei. Er will 
dem Mangel abhelfen und mit einer genauen Untersuchung des 
Sprachgebrauchs beginnen. Zu dem Ende nimmt er zunächst das 
officielle jüdische Targum zum Pentateuch und zu den Propheten 
vor und findet, dass der Singular barnasch oder barnascha*) 
weder bei Onkelos noch bei Jonathan vorkommt, der Plural 
bnenascha nur bei Jonathan — abgesehen von den Fällen, wo 
auch im Hebräischen das dort poetische ben adam oder bne adam 
steht. Weiter stellt er fest, dass umgekehrt im jerusalemischen 
Evangeliar barnasch im Singular und im Plural die regelmässige 
Übersetzung von avöptoTroc ist, und dass es auch im jerusalemischen 
Talmud sehr gewöhnlich in diesem Sinne sich findet. Da nun 
Onkelos und Jonathan judäischen, das jerusalemische Evangeliar 
und der jerusalemische Talmud aber galiläischen Ursprungs seien, 
so folge, dass barnascha in Judäa kein übliches, hingegen in Galiläa 
das am meisten gebrauchte Wort für Mensch gewesen sei. Indessen 
um die Häufigkeit des wirklichen Gebrauchs eines solchen Aus- 
drucks zu ermitteln, darf man eine Übersetzung wie das Targum 
nicht vergleichen mit der freien Rede des Talmud, und ferner eine 
jüdische Übersetzung aus dem Hebräischen nicht mit einer christ- 
lichen Übersetzung aus dem Griechischen. Onkelos und Jonathan 
halten sich in diesem Punkte wie in anderen streng an die hebräische 
Vorlage, und da hier der Mensch gewöhnlich nicht ben adam, 
sondern isch (Mann) heisst, so auch dort nicht barnasch, sondern 
g'bar'). Lietzmann distinguirt nicht und beweist also nichts. Es 
unterliegt keinem Zweifel, dass bar nasch in Judäa ganz ebenso 
gebraucht und verstanden wurde wie in Galiläa; das Buch Daniel 
genügt als Beweis. Ebenso unglücklich wie die lexikalische 
Statistik ist die grammatische Erklärung, die Lietzmann von dem 
Worte gibt. Er scheert die verschiedenartigsten Zusammensetzungen 
mit bar über einen Kamm, in einer Weise, die dem alten Theodoret 



*) Die Endung ä wird im Aramäischen, welches keinen Artikel hat, an- 
gehängt, um das Wort zu determiniren. 

*) Dies letztere Wort wird übrigens auch sonst im Aramäischen sehr 
häufig in dem selben allgemeinen Sinne wie bar nasch gebraucht Nament- 
lich im Syr. Guret. und Sinait. wechselt es beliebig damit, als Übersetzung 
von dfv^pcoTcoc Mit breh dgabra soll gewiss nicht gesagt werden, dass 
Jesus der Sohn eines Mannes gewesen sei. 

13* 



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196 Vergchledenes. 

nicht übel genommen werden kann, gegenwärtig aber unverzeihlich 
ist. Auf Grund davon kommt er zu dem Schluss, bar stehe voll- 
kommen pleonastisch vornascha, und das Compositum barnascha 
habe einfach die Bedeutung des Simplex nascha. Hätte er nur 
das Hebräische verglichen! Die Aramäer nennen nämlich ebenso 
wie die Hebräer das Individuum entweder Mann oder Weib; für 
den BegriflF Mensch aber haben sie ursprünglich nur ein Collectivum. 
Sie können jedoch aus diesem Collectivum ein Individualwort ab- 
leiten, durch vorgesetztes ben oder bar. Wie baqar das Vieh, 
ben bäqar das Stück Vieh heisst, so adam und nascha die 
Leute^), ben adam und barnascha das einzelne Exemplar der 
Leute, d. h. der Mensch. Nur der Unterschied besteht zwischen 
dem Hebräischen und dem Aramäischen, dass ben adamein un- 
gewöhnlicher Ausdruck ist, dagegen barnascha nicht. 

Es kommt also bei Lietzmanns methodischer Untersuchung 
des Sprachgebrauchs nichts heraus. Es bedarf indessen einer solchen 
Untersuchung auch gar nicht. Barnascha findet sich in allen ara- 
mäischen Dialekten und bedeutet nicht mehr noch weniger als 
im Griechischen 6 äv&pcüiro? oder imDeutschen der Mensch.') 
Das kann als bekannt vorausgesetzt werden, und das genügt für 
unseren Zweck. 

Was ist nun Wichtiges daran, dass Jesus aramäisch geredet 
und barnascha gesagt hat? Er hat den Unterschied nicht 
machen können, der in den Evangelien zwischen 6 av&pcuiroc 
und üJocTOü dvdpcüTcoü gemacht wird. Dieser Unterschied ist 
also jedenfalls nicht authentisch^ sondern erst von späteren 
Interpreten und Redactoren der evangelischen Überlieferung 
gemacht. Im Munde Jesu muss 6 ulhi; tou dvdpcoirou das selbe be- 
deutet haben, wie 6 avdpmiroc. Es ist von ungemeiner Wichtig- 



') Daher ohne grammatische Plural, weil schon im Singular pluralischen 
Sinnes. In der Septuaginta ist adam in b'ne adam richtig mit dem griechi- 
schen Plural wiedergegeben ulol dvOptÖTcwv, in ben adam jedoch falsch mit 
dem griechischen Singular ulöc dv^pconou. Bei dem undeterminirten adam 
und nasch hat sich der Sprachgebrauch im Hebräischen und namentlich im 
Phönicischen und Aramäischen vom ursprünglichen entfernt; dies geht uns 
hier indessen nichts an. 

^ Es ist allerdings nicht das einzige Wort dafür, vgl. p. 195 n. 2. Wie 
im Hebr., so sagte man auch im Aram. der Mann für der Mensch; und 
clies ist wahrscheinlich der ältere Gebrauch. 



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Des Menschen Sohn. 197 

keit dies festzuhalten. Der Menschensohn ist nichts anderes 
als der Mensch. Es ist eine scheinbar wörtliche und in 
Wahrheit irreführende Übersetzung. In den Evangelien wird sie 
auf eine ganz bestimmte Anwendung beschränkt. Menschensohn 
wird dort nur als Name Jesu gebraucht, den er sich selber bei- 

legf). 

Wenn Jesus aber in Wahrheit nicht einen so specifischen 
Namen gebraucht, sondern sich einfach den Menschen genannt 
hat, was kann er damit haben sagen wollen? Nach der Meinung 
der Evangelien, in ihrer uns vorliegenden Gestalt, hat er sich 
damit als Messias bezeichnen wollen. Wenigstens sind an der 
Mehrzahl der Stellen die Prädikate, die von dem Menschensohne 
ausgesagt werden, solche, die das Subject als den Messias kenn- 
zeichnen. Also entsteht die Frage: ist barnascha zur Zeit Jesu 
eine bekannte Bezeichnung des Messias gewesen? Denn die von 
H. Weisse aufgebrachte und von Th. Keim nachgesprochene 
Redensart vom ungestempelten Begriff muss vorweg abgewiesen 
werden; Jesus setzt den Ausdruck als geprägt und bekannt voraus. 
Er gebraucht ihn durchaus nicht esoterisch, nicht bloss den Jüngern 
gegenüber, aber niemand wird dadurch befremdet und verlangt 
Aufklärung, alle, lassen ihn unverwundert passiren, auch die streit- 
süchtigen Pharisäer'), die doch nicht geneigt waren, Unverständ- 
liches zu acceptiren. 

Bei dem geheimnisvoll klingenden „Menschensohn" könnte 
man es sich vielleicht vorstellen, dass es Name des Messias ge- 
wesen sei; bei barnascha aber, das weiter nichts ist als „der 
Mensch", ist es von vornherein schwer denkbar. Wenigstens 
müssten die stärksten Zeugnisse dafür vorgebracht werden, dass 
die Juden in der Zeit Christi den Messias den Menschen genannt 
hätten. Man beruft sich auf Dan. 7, 13: „siehe mit den Wolken 
des Himmels kam einer wie ein Mensch." Es ist hier zwar 
eigentlich nicht von dem persönlichen Messias die Rede, sondern 
von der idealen Theokratie der Zukunft, dieselbe erscheint im 
menschlichen Bilde im Gegensatz zu den vorangegangenen heid- 



1) Der Singular ist in den Evangelien, wenigstens nach der Absicht unseres 
jetzigen Textes, immer nur Selbstbezeichnung Jesu. So auch Marc. 8, 31. 
Luc. 9, 22, aber hier in oratio obliqua, nicht wie gewöhnlich in oratio recta. 

2) Das Evangelium Johannis 12, 34 beweist nichts dagegen, 



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198 Verschiedenes. 

nischen Weltreichen, welche in tierischer Gestalt versinnbildlicht 
worden sind. Indessen der Unterschied macht nicht viel aus und 
ist schon von den älteren Juden nicht immer beachtet. Es sei 
also zugegeben, dass der Messias gemeint ist. Aber er heisst 
doch nicht Mensch und ist nicht Mensch, sondern sieht nur 
aus wie ein Mensch. Auch die älteren Juden haben niemals in 
1^1^ 12D einen Namen des Messias gesehen, sondern immer nur, 
wie es der Ausdruck (die Partikel D und der indeterminirte Status) 
fordert, einen Vergleich*). Die Apokalypsen Ezras und Henochs 
widerlegen diese Behauptung nicht, sondern bestätigen sie. Dies 
gezeigt zu haben, ist insbesondere das Verdienst von Eerdmans. 

„Et factum est post dies Septem et somniavi somnium nocte. 
Et ecce de mari ventus exsurgebat ut conturbaret omnes fluctus 
eius. Et vidi et ecce hie ventus ascendere fecit de corde maris 
quasi similitudinem hominis'). Et vidi et ecce convolabat 
ille homo cum nubibus caeli, et ubi vultum suum convertebat 
ut consideraret , tremebant omnia quae sub eo videbantur. Et 
ubique exiebat vox de ore eius, ardescebant omnes qui audiebant 
vocis*) eius, sicut liquescit cera, quando senserit ignem. Et vidi 
post haec et ecce congregabatur multitudo hominum, quorum non 
erat numerus, de quattuor ventis caeli, ut debellarent hominem, 
qui ascenderat de mari." So beginnt die sechste Vision Ezras 
4 Esd. 13. Voran steht quasi similitudo hominis, dann folgt 
einmal ille homo, zuletzt heisst es einfach homo, gewöhnlich 
mit charakterisirendem Attribut, aber v. 12 ohne das. „Der Mensch" 
ist also hier keineswegs ein als bekannt vorausgesetzter Titel des 
Messias, sondern vielmehr nur eine sorglose Zurückweisung auf 
den zu Anfang gebrauchten eigentlichen und vollen Ausdruck „das 
Wesen, das einem Menschen glich", der aus Daniel wörtlich ent- 



^) Uloth und nach ihm Eerdmans haben mit Recht darauf aufmerksam 
gemacht, dass der Name, den die Juden (allerdings erst die späteren) zur be- 
sonderen Bezeichnung des danielischen Messias wählten, nicht der Mensch 
war, sondern der Wolkenmann 0^5^ '^2 ^^o« ve«p^X7jc und ijjy). 

2) Dieser Satz ist in der lateinischen Version ausgefallen, durch das Ver- 
sehen des Schreibers, der von dem ersten et vidi et ecce auf das zweite 
abirrte. Er findet sich aber in der syrischen und äthiopischen Übersetzung, 
und ist für den Zusammenhang unentbehrlich, da sonst ille homo keine 
Beziehung hat. 

3) Gracismus für vocem. 



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Des Menschen Sohn. 199 

lehnt ist. Es wäre pedantisch gewesen, diesen unbequemen 
Danielischen Ausdruck jedesmal im genauen Wortlaut zu wieder- 
holen; die Abkürzung genügt. Sie ist aber auch weiter nichts 
als ein Rückweis und empfängt Sinn und Inhalt lediglich aus der 
Rückbeziehung *). 

Nicht anders liegt die Sache im Buche Henoch. „Ich sah 
einen, der ein Haupt der Tage hatte, und sein Haupt war weiss 
wie Wolle; und bei ihm war ein anderer, dessen Antlitz wie das 
Aussehen eines Menschen war, und voll Anmut war sein 
Antlitz gleich einem der heiligen Engel. Und ich fragte einen 
der Engel, der mit mir ging und alle die verborgenen Dinge mir 
zeigte, nach jenem Menschensohn, wer er sei und woher er 
sei, warum er mit dem Haupte der Tage gehe. Und er antwortete 
und sprach zu mir: dies ist der Menschensohn, bei dem die 

Gerechtigkeit wohnt und dieser Menschensohn, den du 

gesehen hast, wird die Könige und die Mächtigen aufregen." Das 
Wesen führt auch hier nicht den Titel Mensch, sondern sieht nur 
aus wie ein Mensch. Nachdem dies das erste mal genau mit den 
Worten der Danielstelle gesagt ist, kann es nicht misverstanden 
werden, wenn hernach die Bezeichnung abgekürzt wird. Dass die 
Abkürzung nur ein Rückweis auf den Danielischen Ausdruck sein 
will, tritt in Henoch noch deutlicher hervor als in 4 Esdrae, 
dadurch dass das hinweisende Pronomen weit seltener ausgelassen 
wird. Es heisst in der Regel: jener Menschensohn, dieser 
Menschensohn. Man hat mit Recht gefragt, was das heissen solle, 
wenn der Menschensohn (rectius: der Mensch) Messiastitel sei. 
Der Messias ist ein Wesen sui generis, dieser Messias, jener 
Messias also eine Unmöglichkeit. 

Im stärksten Gegensatz zu der so eben widerlegten Ansicht, 
dass barnascha bei den Juden Name des Messias gewesen sei'). 



^) Beachtenswert ist, dass der griechische Übersetzer des 4 Esdrae, auf 
den der Lateiner und die Orientalen zurückgehn, richtig Mensch und nicht 
Menschensohn übersetzt hat, trotzdem er von der Danielstelle ausgeht, wo 
uloc dv^pwTTou wenigstens für die Christen durch die Septuaginta gewisser- 
massen geaicht war. Für homo findet sich auch einigemale vir, vgl. die 
Note 2 auf p. 195. 

^ Es scheint auch die Meinung laut geworden zu sein, Jesus habe um- 
gekehrt mit dem Namen barnascha dagegen protestiren wollen, dass man 
ihn für den bariah a (Gottessohn, d, h. Messias) ausgebe. Aber eiu solcher 



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200 Verschiedenes. 

steht die von Arnold Meyer erneuerte Meinung einiger Theologen 
des vorigen Jahrhunderts, dass es gar nichts bedeute, sondern 
eine völlig inhaltlose Umschreibung von Ich sei. Aber diese 
Meinung lässt sich durch den aramäischen Sprachgebrauch in keiner 
Weise begründen. Es ist nicht richtig, dass man im Aramäischen 
aus Bescheidenheit „ein Mensch" oder „dieser Mensch" sage, für 
„Ich". Die Redeweise ist dort genau so ungewöhnlich wie in 
anderen Sprachen^). Ausserdem aber heisst barnascha (Status 
emph. = 6 otöc toü dv&ptouoü) „der Mensch", und das ist nicht 
gleichbedeutend mit „ein Mensch" oder „dieser Mensch". Die 
Determination kann wol generalisiren, aber nicht individualisiren, 
wie die Indetermination (ein gewisser) oder das Demonstrativ. 
Dass in dem Aramäisch, welches hier in Frage kommt, der Emphaticus 
und der Absolutus unterschiedslos wechseln, behauptet A. Meyer 
mit Unrecht'). 

Wir kommen zum Schluss dieser exegetischen Untersuchung. 
W^enn Jesus sich wirklich barnascha genannt hat, so lässt sich 
nicht darumhin kommen, dass er sich den Menschen genannt 
hat, in keinem anderen Sinne, als den, welchen das Wort auch 
im Deutschen und im Griechischen tragen kann. Unter dieser 
Voraussetzung bleibt nichts übrig, als den Begriff emphatisch zu 
fassen^). Dazu habe auch ich mich früher drängen lassen. Aber 
ist es glaublich, dass Jesus sich als den Vollmenschen bezeichnet 
hat, dem auf der einen Seite nichts Menschliches fremd ist und 
der auf der anderen Seite die Idee des Menschentums erfüllt? Er 

Protest wäre zu Anfang seiner Wirksamkeit unmotivirt und immer sehr zweck- 
widrig gewesen. Seine eigenen Jünger hätten ihn auf das kläglichste mis- 
verstanden. 

In ganz besonderen Fällen kann sie natürlich in allen Sprachen an- 
gewandt werden.. Z. B. Tabari 1, 1804. Muhammad sagte kurz vor seinem 
Tode auf der Kanzel : Gott gab einem Menschen die Wahl zwischen dem Dies- 
seits und dem Jenseits, und er wählte das Jenseits. Abubakr verstand und 
fing an zu weinen. Die Anderen wunderten sich darüber und sagten: da 
redet der Prophet von einem Menschen, dem die Wahl gegeben wird; was 
hat denn dieser Greis darüber zu weinen! Sie merkten also nicht, dass 
Muhammad sich selber meinte. 

^ Vgl. Noldeke in der Zeitschrift der Deutschen Morgenl. Ges. 1868 
p. 507 § 37. 

*) Um Jesus in Gegensatz zu Adam zu stellen, um ihn als Anfänger einer 
neuen Menschenreihe zu kennzeichnen, dazu genügt der einfache Ausdruck 
Rieht. Ausserdem sind sonst die rabbinischen Theologumena Jesu unbekannt. 



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Des Menschen Sohn. 201 

war kein griechischer Philosoph und kein moderner Humanist, und 
er redete nicht zu Philosophen und Humanisten. Dies Bedenken 
lässt sich in der Tat nicht in den Wind schlagen. Es befremdet 
zwar an und für sich, wenn ein Mann, der nicht wie die alten 
Seher durch wunderliche Redeweise sich in einen Nimbus zu 
hüllen suchte, in dritter Person von sich spricht, unter irgend 
welchem Namen, es sei welcher es wolle. Indessen macht es doch 
einen Unterschied, ob er dann einen Namen wählte, der ihn kenntlich 
machte, oder einen so ganz allgemeinen, der ihn für seine Zuhörer 
nicht im mindesten von Anderen unterscheiden konnte und dazu 
führen musste, dass sie ihn für besessen hielten. Und die Be- 
merkung, die ich bereits früher gegen die Annahme gerichtet habe, 
dass Jesus sich mit einem „ungestempelten Begriff" den Leuten 
als Messias vorgestellt habe, trifft auch zu, womöglich in noch 
höherem Grade, wenn er sich als „der Mensch" vorgestellt hätte. 
Es müsste dann doch irgendwo in den Evangelien einmal Ver- 
wunderung sich kundgeben und die Frage auftauchen: was willst 
du eigentlich damit sagen? Aber es findet sich keine Spur, dass 
der Name den Zuhörern ein Rätsel aufgab. 

Dadurch, dass man den zu erklärenden Ausdruck 6 oJo^ toü 
dv&pwiroü richtig bestimmt als barnascha, d. h. der Mensch, wird 
das sachliche Verständnis erst recht schwierig. Es wird dadurch 
geradezu unmöglich. Und dies eben ist das Wichtige. Denn 
wenn die einzige Möglichkeit philologischer Exegese zu einem 
sachlich ganz unannehmbaren Ergebnisse führt, so folgt, dass die 
Voraussetzung falsch ist, von der die Exegese auszugehn hat, 
nämlich die Zuverlässigkeit der Überlieferung. Wenn der Name 
barnascha im Munde Jesu keinen Sinn gibt, so kann er ihn 
nicht gebraucht haben. Vielmehr muss diese seine angebliche Selbst- 
bezeichnung entweder auf irriger Deutung beruhen oder willkürlich 
eingesetzt sein. Wo sie aber nicht ersetzt und nicht weggelassen 
werden kann, wo sie eng mit dem ganzen Satze zusammenhängt, 
da kann der ganze Satz nicht von Jesus herrühren. Da das Subject 
nicht zu halten ist, so auch nicht die Aussage, falls sie mit dem 
Subject so verwachsen ist, dass sie mit ihm steht und fällt. Da 
Jesus sich nicht mit Menschensohn oder Mensch als mit einem Titel 
bezeichnet haben kann, so kann er auch die Aussprüche nicht getan 
haben, von welchen diese Selbstbezeichnung untrennbar ist. An 
dieser Consequenz, so vermessen sie scheint, lässt sich nicht rütteln. 



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202 Verschiedenes. 

Schwierig freilich ist eine positive Antwort auf die Frage, 
wie die Bezeichnung entstanden und in die evangelische Tradition 
über die Ausspräche Jesu eingedrungen ist. Es bedarf dazu einer 
näheren Untersuchung der einzelnen Stellen, die nicht überall zu 
sicheren Ergebnissen führt. Ich will ihr nicht aus dem Wege 
gehn, betone aber, dass das allgemeine negative Resultat zum 
voraus fest steht und von dem Gelingen einer positiven Erklärung 
unabhängig ist. 

3. 

In der ersten Hälfte des Evangel. Marci, bis zu der ein- 
schneidenden Epoche des Petrusbekenntnisses (8, 27), kommt 6 
ulh; TOü dv&pwTTOu nur an zwei Stellen vor. Ich gehe aus von 
2, 27. Die Jünger haben am Sabbath Ähren gerauft, die Pharisäer 
dem Meister darüber Vorwürfe gemacht. Er rechtfertigt jene mit 
dem Beispiel Davids und sagt am Ende: to aaßßaTov 8ta tov 
av9p(üTrov l-yevsTO xal oö^ 6 avöpojTroc Stä zh (jaßßaxov wofis x6pt6c 
eanv 6 u^oc toü dvöpwTroo xat tou (jaßßdioü. Wenn der Schluss 
bündig sein soll, so muss das Subject der Aussage im Folgesat« 
das gleiche sein wie in der Prämisse^): der Sabbath ist wegen des 
Menschen da und nicht der Mensch wegen des Sabbaths, also ist 
der Mensch Herr über den Sabbath. Die Unterscheidung 
zwischen 6 avöpajTro; und 6 utöc toü dvöpcuTroü und die dadurch be- 
absichtigte Beziehung des letzteren Ausdrucks auf Jesus ist also 
falsch. Sie entspringt sichtlich der Meinung, dem Menschen als 
solchem könne Jesus nicht die Gewalt, den Sabbath zu brechen, 
zuschreiben, sondern nur sich selber, weil er mehr war als Mensch. 
Aber nach dem vorher berichteten Anlass des merkwürdigen Aus- 
spruchs nimmt Jesus diese Freiheit ja zunächst für seine Jünger 
in Anspruch. 

Der zweite Fall ist Marc. 2, 10. Auch hier handelt es sich 
um die Verteidigung einer von den Pharisäern angefochtenen Be- 
fugnis. Jesus hat dem Gichtbrüchigen Absolution erteilt; die 
Pharisäer halten das für eine Lästerung: niemand könne Sünden 
vergeben als nur Gott; er aber behauptet sein Recht: JSooatav 



^) Die Prämisse fehlt bei Matth. 12, 8 und Luc. 6, 5. Sie ist in der 
Tat entbehrlich. Zur Not genügt die Berufung auf den Antecedenzfall Davids. 
Aber der Zusammenhang ist jedenfalls bei Marcus besser, als namentlich bei 
Matthäus. 



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Des Menschen Sohn. 203 

l^st 6 üJo? TOü dv&p(ü7roü Jitl t^c f^c d^fiivai afiapitac. Die Ähnlich- 
keit dieses Falles mit dem ersten ist so gross, dass das Finale hier 
unmöglich anders gedeutet werden kann wie dort, zumal auch 
der Wortlaut desselben beiderorts sich im Aramäischen fast deckt; 
denn ISoütJta ist scholtän und xüpto; schall it. Also auch hier 
ist 6 üJic TOü avöpcüTTOü einfach der Mensch. Den Gegensatz gegen 
Gott im Himmel, der nach den Pharisäern allein absolviren kann, 
bildet nicht der Messias (den jene hier am wenigsten aus barnascha 
hätten heraushören können), sondern der Mensch auf Erden. 
Gegen den Vorwurf, dass er etwas tue was Menschen nicht erlaubt 
sei, protestirt Jesus mit der Behauptung: der Mensch hat aller- 
dings diese Gewalt; obwol ich Mensch bin, habe ich sie*). 
Schlagend wird diese Auffassung bestätigt durch den Zusatz der 
Parallele Matth. 9, 7: die Leute priesen Gott, der solche Macht 
den Menschen gegeben hat — tote dvdpwicot?, nicht xij) oJcJ) xoo 
dv&pwTTOü. Natürlich haben die Späteren wiederum Anstoss daran 
genommen, dass der Mensch solche Befugnis haben sollte, und 
darum unter barnascha den Messias verstehn zu müssen ge- 
glaubt, weshalb sie 6 ütoc toü dv8p(i)irou übersetzten. 

Da also an diesen beiden Stellen der Ausdruck barnascha 
nur durch falsche Deutung specificirt ist, so kommt derselbe als 
Selbstbezeichnung Jesu bei Markus vor dem Petrusbekenntnis über- 
haupt nicht vor. Bei Matthäus und Lukas dagegen ist diese 
Grenze verwischt. An einer Stelle nun, nämlich Luc. 12, 10 
(Matth. 12, 32), ist 6 üJic toü d, ebenfalls bloss Misverständnis des 
appellativen barnascha. In Marc. 3, 28. 29 lesen wir: uofvxa 
ötcpedT^dexai tote otoTc täv dv&pwiccov tä Äjxapxi^fiaTa xal at ßXaocpyjjjLiai 
8oa 3v ßXao^TjixTQaoxjiv Sc 8'3v ßXad^yjjjLT^aTQ e?c xö Trveöjia xi a^tov 
oöx l^et a<ps(yiv ek xöv aKüva. Dagegen Luc. 12, 10 heisst es: Tuac 
8c Ipet [Xo^ov]. efc xiv olöv xoü dv&pwirou dcpe&TQasxat aöx(})' x(j> 
hh ek xö oYiov Tüvsüfia ßXaacpyjjiTjaavxt oöx dcpefti^oexat. Matth. 12, 31. 32 
sind beide Sprüche hinter einander gestellt: Tuaaa dfiapxta xal 
ßXaacpyjixta d9s8V](yexai xotc dvOptoTrotc, ^ 8^ xoü irveüfiaxoc ßXad^pyjjJita 
oöx dcps&TQaexat. xal 8? iäv exiz-q Xo^ov xaxa xoü üJoüxoü dv8pa)7üOü 
dcpeÖTjcjsxat aöx(p* 8c 8'3v eiTtiQ xaxä xou irvsüjxaxoc xoü d^ioü, oöx 



^) Der Nachdruck liegt jedoch in diesem Fall wie in dem vorhergehenden 
nicht auf der Mensch, sondern auf darf: der Mensch darf den Sabbath 
brechen, der Mensch darf Sünden vergeben. 



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204 ' Verschiedenes. 

difsbriaexai aÖTtp. Es liegen deutlich Varianten vor, verschiedene 
Fassungen eines Spruchs mit dem selben Sinn; der richtige Sinn 
ist in der Fassung des Marcus und in der ersten des Matthäus 
erhalten , so dass es sich also um den Menschen *) und nicht um 
Jesus handelt. Die Fassung des Lukas, der die zweite des Matthäus 
entspricht, ergiebt einen schiefen Gegensatz zwischen der Lästerung 
gegen Jesus und der gegen den Geist. In Wahrheit ist gerade in 
diesem Falle eine Lästerung gegen den Geist begangen durch die 
Lästerung gegen Jesus : er treibe die Teufel aus durch den Obersten 
der Teufel. Auf die Spur der Entstehung des Misverständnisses 
führt vielleicht die Lesart des Marcion zu Luc. 12, 10, wo X670V 
fehlt. Häc 8c kpsX zk tov olhv toü dvöptouoo könnte auf aramäisch 
gewesen sein: Nl^^*13^ "^^DN n ^D. Das würde nicht heissen „alles 
gegen den Menschen Gesagte", sondern „alles von dem Menschen 
Gesagte", alles was der Mensch sagt. Aus *l''DN n konnte leicht 
*lDN^n verlesen werde. 

In einigen Parallelen des Matthäus und Lukas steht nur bei 
dem einem 6 ütöc toü d., bei dem anderen aber einfach das 
Pronomen der ersten Singularis. So Matth. 5, 11: um meinet- 
willen, Luc. 6, 22: um des Menschensohnes willen. Ferner 
Matth. 10, 32: den werde auch ich bekennen, Luc. 12, 8: 
den wird auch des Menschen Sohn bekennen. Luc. 9, 18. 
Marc. 8, 27: wer sagen die Leute, dass ich sei, Matth. 16, 13 nach 
der Recepta: . . ., dass des Menschen Sohn sei. In dem letzten 
Fall sprechen auch exegetische Gründe gegen 6 ü?6c toü d. Denn 
in dieser Frage müsste die Selbstbenennung entweder ganz inhalts- 
leer sein, oder sie wäre widersinnig. Jesus will wissen, was die 
Leute und was speziell auch die Zwölfe von ihm denken und nicht 
was sie etwa vom Messias denken; er ist hoch erfreut, dass Petrus 
antwortet: du bist der Messias, hat ihm also diese Antwort nicht 
schon durch die Frage in den Mund gelegt'). 

Der Ausspruch Matth. 10, 23 fehlt in den parallelen Zu- 
sammenhängen bei Marc. 4 und Luc. 12; der ganze Passus 



*) Hier wird bei Marcus und Matthäus sogar der Plural gebraucht, bei 
Marcus in der Form toIc ulolc twv dv^pt&Tcwv, dem einzigen Beispiel der An- 
wendung dieses Ausdrucks in dem echten allgemeinen Sinne in den Evan- 
gelien. Lucas aber hat den Singular gelesen, der ebenso gut passt. 

^) Dazu kommt noch der Spruch Luc. 19, 20, der keine feste Stelle zu haben 
scheint und auch Luc. 9, 55 und Matth. 18, 11 nachgetragen ist. Vgl. Marc. 2, 17, 



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Des Menschen Sohn. 205 

V. 21 — 23 scheint hier verfrüht zu sein und vielmehr in die Paru- 
sierede zu gehören, wo er bei Matthäus und Lukas wiederkehrt. 

Zweimal kommt 6 ulh^ toü d. in Interpretationen vor, die be- 
sonders bei Matthäus beliebt sind und immer mit Vorsicht auf- 
genommen werden müssen. Zunächst Matth. 13, 34. 41 in der 
Erklärung des Gleichnisses vom Unkraut im Saatfelde, die bei 
Markus und Lukas fehlt und bei Matthäus an einem unpassenden 
Orte nachgetragen ist. Ferner Matth. 12, 40: (es wird diesem 
Geschlecht nur das Zeichen des Propheten Jonas gegeben,) denn 
wie Jonas drei Tage und drei Nächte in dem Bauche des Wal- 
fisches war, so wird des Menschen Sohn drei Tage und drei Nächte 
im Herzen der Erde sein. Diese etwas hagebüchene Erklärung ist 
schon darum nicht authentisch, weil Lukas sie nicht kennt und 
eine andere (gleichfalls mit Anwendung des Namens ulh<; toü d.) 
an die Stelle setzt. Den wahren Commentar gibt Jesus selber 
in V. 41. Ein hergelaufener Prophet predigte den Nineviten Busse 
und sie bekehrten sich sofort, während auf die Juden, die doch 
empfänglicher sein sollten als jene Heiden, die Aufforderung Jesu 
zur Sinnesänderung gar keinen Eindruck macht. Das ist die Be- 
deutung der Jonasgeschichte für die Juden, sie können sich daraus 
ihr Urteil ablesen. Lukas (11, 30) versteht halbwegs richtig, hat 
aber darin Unrecht, dass er, vielleicht wegen der Chronologie, die 
Ordnung von Matth. 12, 41 und 1 2, 42 umkehrt. Denn Matth. 12, 41 
muss direct an 12, 40 anschliessen, während 12, 42 ein Pendant 
von untergeordneter Bedeutung ist. Vgl. Marc. 8, 12. 

Es bleiben somit nur zwei Stellen vor dem Petrusbekenntnisse 
bei Matthäus und Lukas übrig, wo sie hinsichtlich des Gebrauchs von 
ü?&c TOÜ d. übereinstimmen, Matth. 8, 20. Luc. 9, 58 und Matth.Ul, 19. 
Luc. 7, 34. An diesen beiden Stellen ist der Ausdruck jedenfalls 
älter und von grösserem Gewicht als an den vorher besprochenen. 
Indessen scheint es doch, als ob derselbe in der letztgenannten 
Stelle fälschlich determinirt und dadurch zu einer Art Eigennamen 
gemacht sei. Es würde wenigstens ein guter Sinn sich ergeben, 
wenn man das undeterminirte barnasch annähme: Johannes kommt, 
isst nicht und trinkt nicht, da sagen sie: er hat den Teufel — 
nun kommt ein Mensch, der isst und trinkt, da sagen sie: ein 
Mensch'), der schlemmt und zecht u. s. w. Jesus würde sich 

Äv^pcüiroc cpayöc xal o^voTtdr?]? bemerkenswert, weil zurückschlagend 
auf ul6c dvdp(i)icou lad((i>v xal n(va>v. 



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206 Verschiedenes. 

hier dann baraasch nur in einem Sinne nennen, wie es jedermann 
tun kann. In der anderen Stelle, Matth. 8, 20, ist das freilich 
nicht der Fall. Da gebraucht er 6 olöc toü ot., ohne begleitendes 
Attribut, als seinen Titel, wenn anders die Antwort dem angegebenen 
Anlass entspricht. „Ein Schriftgelehrter trat heran und sagte zu 
ihm: Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst. Jesus aber 
sprach zu ihm: die Füchse haben Höhlen und die Vögel des 
Himmels Nester, aber des Menschen Sohn hat keinen Ort, um sein 
Haupt hinzulegen." Indessen erhellt doch auch hier so viel, dass 
6 ul6c TOÜ d. zugleich seinen appellativen Sinn der Mensch be- 
wahren muss, da es in Gegensatz steht zu den Tieren. 



Wenn nun in der ältesten nachweisbaren Gestalt der 
evangelischen Tradition, die bei Markus noch rein vorliegt, das 
specifische u{6c xou d. erst einsetzt, seitdem Petrus ausgesprochen 
hat Ol) el xpt<J'co^, so folgt ohne Weiteres, dass es den Messias 
bedeuten soll. Der Ausdruck findet sich stets in Weissagungen, in 
denen Jesus zum Teil seinen Tod und seine Auferstehung, zum 
Teil seine Wiederkunft ankündigt; er bezeichnet einerseits den 
latenten Messias der Gegenwart, der erst durch Leiden zur Herrlich- 
keit eingeht, andererseits den offenbaren Messias der Zukunft. 
Die Prädikate haben fast überall den gleichen Inhalt und stehn in 
so notwendiger Verbindung mit dem Subjecte, dass sie mit ihm 
stehn und fallen. 

In dem eschatologischen Sinn, als Messias der Zukunft, kommt 
6 ü{o? TOÜ a. bei Markus nur vor in dem Spruch „sie werden (ihr 
werdet) des Menschen Sohn kommen sehen in den Wolken des 
Himmels". Dies ist ein Verweis auf Dan. 7, 13; aber anstatt die 
Erscheinung eines Menschen heisst es abgekürzt der Mensch*). 
Hier hat ohne Zweifel die Benennung ihren ältesten Sitz und ist 
noch fast unabgelöst von ihrem Ursprung. Da wo der Spruch 
seine eigentliche Stelle hat, innerhalb der evangelischen Eschatologie 
Marc. 13, 26 (Matth. 24, 30. Luc. 21, 27), ist der ganze Zusammen- 
hang in den Hauptzügen eine Reproduction des danielischen 
Zukunftsbildes, welches bei den Juden klassisch geworden war. 
Ein Jude brauchte, wenn er wollte, nichts Christliches in Marc. 13 



') Matth. 24, 30: „das Zeichen des Menschensohns wird am Himmel 
erscheinen" — sehr altertümlich. Vgl. Apac. loa. 1, 18. 14, 14. 



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Des Menschen Sohn. 207 

zu finden, er hätte auch nicht nötig, den oföc toü d. in v. 26 auf 
Jesus zu beziehen, er könnte darunter appellativ den Messias ver- 
stehn. In den vorhergehenden Versen 21. 22 wird für 6 xp^^*^*^^ 
diese allgemeine Bedeutung sogar gefordert: „wenn jemand dann 
zu euch sagt, hier ist der Christus, da ist der Christus, so glaubt 
es nicht, denn es werden falsche Christi aufstehn und Zeichen tun 
und womöglich auch die Auserwählten verführen." Denn die 
falschen Christi geben sich nur für den Messias aus, beanspruchen 
aber natürlich nicht, der wiedergekommene Jesus zu sein. Im 
Gegensatz dazu heisst es dann: der wahre Messias ist der, der als 
Mensch in den Wolken erscheint und vom Himmel kommt ^). 

Ausser Marc. 13, 26 kommt der besagte Spruch noch einmal 
vor Marc. 14, 62 (Matth. 26, 64. Luc. 22, 69), in der Antwort 
Jesu auf die Frage des Hohenpriesters, ob er der Messias sei. Da 
aber die Jünger bei dem Verhör nicht zugegen waren, so haben 
sie von dem Wortlaut der Antwort keine zuverlässige Kunde ge- 
habt. Dazu kommt noch das andere Bedenken, dass die Gedanken- 
verbindung zwischen l^a) sfjit und xat o^j^saös tov oihv toö d. xxX. 
Jesu selber kaum zugetraut werden darf. Schwerlich hat Jesus 
selber in dem Augenblick, wo er angesichts des Todes sich als den 
Messias bekannte, das Bedürfnis gefühlt, hinzuzufügen, er werde aber 
künftig den Juden in imponirenderer Gestalt erscheinen. Die 
Wirkung des l^co d\t.i wird durch den Nachtrag nur beeinträchtigt, 
ebenso wie das ah et 6 xpt^'^^c nackt bei Marc. 8, 29 einen ganz 
anderen Eindruck macht als garnirt bei Joa. 6, 69. 

Häufiger wie bei Markus findet sich 6 otöc toü d. als Subject 
der Parusiehofifnung bei den beiden anderen Synoptikern. In 
Matth. 24 kommt es fünfmal vor (27. 30. 37. 39. 44), entsprechend 
bei Luc. 17, 24. 21, 17. 17, 26. 30. 12, 24^. Ausserhalb dieses 
grossen eschatologischen Zusammenhanges aber kommt es (abgesehen 
von Marc. 8, 38 und Parallelen, worüber später) nicht überein- 
stimmend bei Matthäus und Lukas zugleich vor'), sondern nur 



*) nicht bloss auf Erden auftritt — Dass das Schema von Marc. 13 con- 
Tentionell ist, berechtigt natürlich nicht zu Zweifeln daran, dass Jesus über- 
haupt die Zerstörung Jerusalems ge weissagt habe. Er tat es aber wahrschein- 
lich drohender und mit besonderer Beziehung auf den Tempel (13, 1. 2). 

^ wozu noch Luc. 21, 36 gehört. 

2) Dieser Umstand« spricht für die ürsprünglichkeit der grossen Ueden 
bei Matthäus und gegen die Zerstückelung bei Lukas. Für die Datirung der 



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208 Verschiedenes. 

vereinzelt entweder bei dem einen oder bei dem anderen. Bei 
Lukas in bescheidenem Maasse. Luc. 17, 22: es wird euch ver- 
langen, einen der Tage des Menschensohnes zu sehen, aber 
vergeblich (in starkem Widerspruch zu der älteren nahen Er- 
wartung). Luc. 18, 8: wird aber des Menschen Sohn, wenn 
er kommt, die Treue finden auf Erden? (ohneVelche seine Ankunft 
nichts Gutes bringt, wol ebenfalls in dieser bangen Frage eine 
cura posterior). Weit ausgeprägter bei Matthäus. 

Matth. 13, 41: des Menschen Sohn wird seine Engel senden 
und sie werden aus seinem Reich alle Gottlosen zusammenlesen 



dem Matthäus und Lukas (abgesehen von Markus) gemeinschaftlich zu Grunde 
liegenden Schrift scheint mir Matth. 23, 35. Luk. 11, 51 den Ausschlag zu geben: 
es soll über euch Jerusalemer all das unschuldig vergossene Blut kommen, 
Ton dem Blut Abels an bis auf das Blut Zacharias Baracbias Sohnes, welchen 
ihr getötet habt zwischen Tempel und Altar. Die Ausleger sind in Verzweiflung, 
wer mit diesem Zacharias gemeint sein soll. Sie finden ihn in dem Zacharias, 
dessen Tötung in 2 Chron. 24, 21 erwähnt und unter König Joas von Juda 
gesetzt wird. Aber dieser ist ein Sohn Jojadas, nicht Barachias; er wird 
einfach im Vorhof getötet, nicht zwischen Tempel und Altar; er ist ein obscurer 
Mann, der mit den Nägeln ausgekratzt werden muss. Und was das Entscheidende 
ist : sein Blut kann nicht als das letzte vergossene Blut eines Gerechten dem 
Abels, als dem ersten, entgegengesetzt werden; denn nach ihm haben die 
Juden noch viele Propheten und Gerechte getötet, z. B. unter König Manasse 
und unter König Jojakim. Gemeint ist vielmehr der von Josephus erwähnte 
Zacharias Sohn des Barachias oder des Bariskäus; das Schwanken in der 
Überlieferung des Patronyms legt der Idontificirung kein Hindernis in den 
Weg, Dieser Zacharias wurde in der Tat mitten im Heiligtum gemordet; die 
grauenvolle Weise, in welcher es geschah, rief allgemeines Entsetzen hervor 
und legte den Gedanken nah, dass der göttliche Zorn darüber nur durch die 
Zerstörung Jerusalems gesühnt werden könne. Es konnte wirklich als das 
letzte Blut gelten, das unschuldig im Tempel vergossen wurde. Aber die 
Tat wurde erst von den Zeloten verübt, kur? vor der Belagerung Jerusalems 
durch die Römer, etwa dreissig Jahre nach dem Tode Jesu. Erst geraume 
Zeit nachher konnte die Meinung entstebn, dass Jesus selber sie noch erlebt 
und daraus die Unvermeidlichkeit des Endes geschlossen hätte. Wenn also 
die Redaction einer Quelle, welcher Matthäus und Lukas gemeinsam folgen, 
nicht weit vom Ende des ersten Jahrhunderts abliegt, so wird es schwierig, 
diese Zeit als Grenze zu betrachten, bis zu welcher die Einzelevangelien des 
Matthäus und Lukas, so wie sie uns jetzt vorliegen, abgefasst sein müssten. 
Die Gründe für diese Ansicht sind in der Tat ein bischen blass und ver- 
dienen die Emphase nicht, mit der sie mitunter vorgetragen werden. Die 
Quelle selber kann übrigens von der Redaction, in- der sie Matthäus und 
Lukas benutzen, vielleicht noch unterschieden werden. 



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Des Menseben Sohn. 209 

und in den feurigen Ofen werfen. Es ist bereits bemerkt, dass 
dieser Passus in einer nachgetragenen Interpretation vorkommt. 

Matth. 16, 28: einige von den hier Stehenden werden den 
Tod nicht schmecken, bis sie des Menschen Sohn kommen 
sehen mit seinem Reiche. Statt dessen Marc. 9, 1. Luc. 9, 27: 
.... bis sie das Reich Gottes sehen. 

Matth. 19, 28: ihr, die ihr mir seid nachgefolgt, werdet bei 
der Palingenesie, wenn des Menschen Sohn auf dem Thron 
seiner Herrlichkeit sitzt, ebenfalls auf zwölf Thronen sitzen und die 
zwölf Stämme Israels richten. In dem übrigens ganz gleichen 
Zusammenhange bei Marc. 9, 28—31. Luc. 18, 28—30 fehlt dieser 
Passus vollständig; es ist keine Rede vom Menschensohn als Richter 
des jüngsten Gerichts und von den Zwölfen (inclusive von Judas 
Ischarioth?) als seinen Beisitzern. Auch der Ausdruck Palingenesie 
befremdet. 

Matth. 25, 31 ss: wenn des Menschen Sohn kommen wird 
in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm etc. Die ganze 
Perikope, in der das Bild Jesu als des Weltenrichters entworfen 
wird, fehlt nicht bloss bei Markus, sondern auch bei Lukas. 

Eine bisher übergangene gleichartige Stelle bei Markus reihe 
ich an. Marc. 8, 38: wer sich mein und meiner Worte schämt 
in diesem ehebrecherischen bösen Geschlecht, des wird sich auch 
des Menschen Sohn schämen, wenn er kommt in der Herrlich- 
keit seines Vaters mit den heiligen Engeln, übereinstimmend 
Matth. 16, 27 und Lukas 9, 26. Aber Marcus redet sonst nie in 
ähnlichen Worten vom Menschensohn, insonderheit nennt Jesus bei 
ihm Gott niemals seinen Vater 0, Ausdrücke wie „die Herrlichkeit 
meines Vaters, das Reich meines Vaters" sind ihm fremd. Be- 
merkenswert ist, dass Lukas statt h rg 86£tq to5 Tuaipb; aötoU 
sagt iv T. 8. aÖTOü xal xou Tratpo; und Matthäus fietä täv dY^eXaii' 
aöxoü statt [X. T. a. tcüv dYtwv. 

In den Abendmahlsworten spricht Jesus nach der synoptischen 



*) Nur einmal redet er im Vokativ Gott als Vater an (in einem von 
niemand gehörten Gebet 14, 36), aber in keinem andern Sinn wie es im 
Vater unser geschieht (Luc. 11, 2). Der unterschied zwischen der Vater und 
mein Vater ist überhaupt erst griechisch. Jesus hat Ab ba gesagt, was im 
Vokativ ausschliesslich (auch für unser Vater) gebraucht und im Übrigen 
sowol für der Vater als für mein Vater. Vgl. Matth. 10, 32 vor meinem 
himmlischen Vater mit Luc. 12, 8 vor den Engeln Gottes. 

Wellhansen, Skizzen und Vorarbeiten. VI. 14 



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210 Verschiedenes. 

Überlieferung (Marc. 14, 25) zum Schluss die Überzeugung aus: 

ixstv7]c oxav aixh irtvo) xatvöv äv rj ßa(ytXe&|L toü ösoü *). Er betrachtet 
sich nur als einen der Gäste an dem Tisch, an dem die Aus- 
erwählten sitzen werden, nachdem das Reich Gottes (ohne 
sein Zutun) herabgekommen ist; jeder Andere hätte die 
Hoffnung, dass er einst teilnehmen werde an den Freuden des 
Reichs, mit den gleichen Worten ausdrücken können; dieselben 
werden immer als Tafelfreuden vorgestellt. Matthäus setzt hinzu 
}is8' 6fjiÄv, um die Meinung zu erwecken, dass Jesus nur wegen 
der Gesellschaft der Jünger an den himmlichen Tisch denke. Es 
ist nun freilich nicht das aus den Abendmahlsworten zu folgern, 
dass die Erwartung der Parusie überhaupt nicht alt sei: sie geht 
sicher bis auf die Anfänge der christlichen Gemeinde zurück. Wol 
aber das, dass die älteste evangelische Überlieferung sich gescheut 
hat, diese Erwartung von Jesu selber aussprechen zu lassen. Zu- 
erst ist ihm nur die Danielstelle in den Mund gelegt „der Menschen- 
sohn wird in den Wolken des Himmels erscheinen", wo der Aus- 
druck verstohlen ist und einer authentischen christlichen Inter- 
pretation bedarf, um auf eine bestimmte Person bezogen zu werden. 
Davon ist dann die Sitte entstanden, auch in allen anderen Jesu 
selber zugeschriebenen Aussagen über seine Wiederkunft das Ich 
consequent zu vermeiden und immer den Menschensohn zum 
Subject zu machen. Dadurch hat dieser Ausdruck seine verstohlene 
Bedeutung verloren, ist zum einfachen Äquivalent für die erste Person 
Singularis im Munde Jesu geworden und als solches schliesslich 
auch ausserhalb der Eschatologie gebraucht; allerdings besonders 
im messianischen Sinn, sonst nur sporadisch. Was den materiellen 
Fortschritt über Markus hinaus betrifft, so zeigt er sich am 
deutlichsten bei Matthäus. Da ist Jesus der Weltenrichter und 
ihm zur Seite richten auch die Apostel am jüngsten Tage; schon 
in der Bergpredigt redet er von sich als künftigem Richter. 
Charakteristisch sind die Ausdrücke: mein himmlischer Vater, meines 
Vaters Reich, und namentlich: des Menschen Sohn in seinem 
Reich, in seiner Herrlichkeit, mit seinen Engeln, an seinem 
Tage. Sonst ist das Reich und die Herrlichkeit etc. vielmehr Gottes. 

•) Lucas 22, 18 ... . Ina 5too ii ßaaiXe{a tou Äeou IXOtq. Matth. 26, 29: 
2u>c T. 1^. I. ^av düTO 7:{v(o (i.eft' üfAwv xaivov iv tiq ßaaiXei^ toü Ttatpdc 

{XOU. 



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Des Menseben Sohn. ^H 

Das sind die Stellen, in denen von der Wiederkunft des 
Menschensohnes die Rede ist. Dazu kommen nun noch die anderen, 
in denen es heisst, der Menschensohn werde verraten und in der 
Menschen Hände übergeben werden, leiden, sterben und auferstehn. 
Sie beginnen bei Markus mit dem Anfang der zweiten wesentlich 
jerusalemischen Periode der evangelischen Geschichte. Dieselbe 
wird eingeleitet durch das Bekenntnis Petri: du bist der Messias. 
Jesus acceptirt das, fügt jedoch sofort die Correctur hinzu: aber 
des Menschen Sohn (ist kein Messias, wie ihn die Juden träumen, 
sondern) muss leiden und sterben. Als göttliche Gegenzeichnung 
folgt darauf die Verklärungsgeschichte mit der Pointe: dies ist mein 
geliebter Sohn (d. h. der Messias). Sie hat den selben Inhalt und 
die selbe Bedeutung, wie das Petrusbekenntnis, sie datirt in gleicher 
Weise die Epoche der Messianität, während dieselbe später mehr 
in den Anfang zurückgeschoben wird, zuerst auf die Taufe und 
endlich auf die Geburt. Und auch nach der Verklärung wird das 
Memento angehängt: es steht geschrieben, des Menschen Sohn 
müsse viel leiden. Indessen an beiden Stellen wird diese Aussage 
über den Menschensohn von den anderen Synoptikern nur einseitig 
bezeugt; Marc. 8, 31 — 33 findet sich nicht bei Matthäus und 
Marc. 9, 9 — 13 (ein offenbarer Nachtrag) nicht bei Lukas. Und 
da, wo sie bei Markus an dritter Stelle wiederkehrt (9, 30 — 32), 
ist sie den Jüngern fremd, obwol sie sie schon zwei mal müssten 
gehört haben. Doch auch die dritte Stelle wird von der vierten 
(10, 32 — 34) nicht vorausgesetzt; man hat vielmehr den Eindruck, 
dass Jesus hier unter besonderen Umständen eine ganz neue Er- 
öffnung mache. Auf der letzten Reise nach Jerusalem war er einmal 
vorausgeeilt, die verwunderten Jünger wagten ihn nicht zu stören, er 
gesellte sich dann aber wieder zu ihnen und sagte: „siehe wir gehn 
hinauf nach Jerusalem und des Menschen Sohn wird dem 
Synedrium übergeben und zum Tode verurteilt werden." Es ist 
nun zwar sehr wol möglich, dass Jesus seine Todesahnung öfters 
ausgesprochen hat, aber diese viermalige und doch immer ver- 
einzelte Wiederholung in der Tradition erklärt sich doch nur aus 
dem Schwanken über den Zusammenhang und die Gelegenheit, 
wobei es geschehen. Am meisten für sich hat die letzte Stelle 
10, 32 — 34 wegen der gut motivirenden Reise nach Jerusalem und 
der scheinbar gleichgiltigen Verumständung, deren Wert Matthäus 
und Lukas nicht begriffen haben. Der Wortlaut kann übrigens 

14* 



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212 Verschiedenes. 

auch hier nicht für verbärgt gelten; Jesus kann die Zukunft nicht 
so vorausgesagt haben, dass die Jünger sich hernach über nichts 
mehr hätten wundem können. Daraus folgt, dass auch auf den 
Ausdruck Menschen söhn, den er angeblich dabei gebraucht hat, 
kein Verlass ist. 

Ausser in dem Abschnitt nach dem Petrusbekenntnis findet 
sich 6 ul&c Tou d., als leidender Messias, noch an folgenden Stellen. 

Marc. 10, 45: des Menschen Sohn ist nicht gekommen um 
bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zum 
Lösegeld für Viele zu geben. So auch bei Matth. 20, 28. Es 
fallt auf, dass der wichtige Zusatz und sein Leben hin- 
zugeben so nachträglich in den Kauf gegeben wird. Das Fuss- 
waschen ist charakteristisch für die Demut, aber die Hingabe des 
Lebens geht weit über den Begriff des Dienens hinaus; wie der 
Knecht für den Herrn, so kann auch der Herr für den Knecht 
sein Leben lassen ohne sich etwas zu vergeben. Lukas (22, 27) 
hat einfach: ich bin unter euch wie ein Dienender. Er lässt 
jenen Zusatz aus und sagt Ich für Menschensohn. 

Marc. 14, 21: „Wahrlich ich sage euch, einer unter euch wird 
mich verraten, der mit uns isst. Sie wurden traurig und sagten 
zu ihm einer nach dem andern: doch nicht ich? Er aber sprach 
zu ihnen: einer der Zwölfe, der mit mir in die Schüssel tunkt; 
des Menschen Sohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben 
steht, doch weh dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn 
verraten wird; es wäre jenem Menschen besser, nicht geboren zu 
sein". Matthäus setzt hinzu 26, 25: „Da antwortete Judas, der ihn 
verriet und sprach: bin ich es etwa, Rabbi? Er sprach zu ihm: 
du sagest es". Das xal dvaxeifievcDV aöiÄv xal lo&tovxcov 14, 18 wird 
durch xoet iaöiovtcov 14, 22 wieder aufgenommen; der Zusammen- 
hang wird durch die Weissagung über den Verrat unterbrochen. 
Besser steht dieselbe bei Lukas erst am Schluss, hinter der 
Abendmahlsfeier (22, 21 — 23). Auch darin verdient Lukas den 
Vorzug, dass Jesus bei ihm nur im Allgemeinen von Verrat redet, 
den Verräter aber nicht nennt, so dass die Scene mit dem Ge- 
frage der Zwölf unter einander schliesst, wer es wol sein 
möchte. Bei Markus wird diese Frage an Jesus selber gerichtet, 
und die Worte: „der mit mir in die Schüssel tunkt" sollen eine 
Antwort darauf sein, als ob dadurch der Verräter näher bezeichnet 
würde — was freilich nur Schein ist, da alle Jünger mit ihm 



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Des Menschen Sohn. 213 

eintunken. Matthäus tut in der selben Richtung den letzten 
Schritt, durch den vorhin angeführten Zusatz 26, 25*). Wenn 
Jesus den Verräter gekannt und bezeichnet hätte, so wäre es un- 
begreiflich, dass man ihn ruhig hätte gewähren lassen und ihm 
nicht aus dem Wege gegangen wäre. Aber vermutlich gehört 
auch die Version bei Lukas nicht zur ältesten Tradition; sonst 
würde sie bei den beiden anderen Synoptikern nicht so ver- 
stellt und verändert erscheinen. Es wäre also wiederum ein Stück 
jungen Wuchses, in dem das olh<: xoo d. zwei mal wiederkehrt. 

Marc. 14, 41 ss.: die Stunde ist gekommen, des Menschen 
Sohn wird in der Sünder Hand gegeben, auf lasst uns gehn, der 
Verräter ist nah. Ebenso Matth. 26, 45s. Bei Lukas fehlt auch 
diese Stelle; der ganze Zusammenhang gestaltet sich bei ihm weit 
einfacher, indem Jesus seine Jünger nicht dreimal, sondern nur 
einmal schlafend findet. Dafür findet sich aber bei Lukas das 
üJ^c TOü d. in der ihm allein eigentümlichen Anrede Jesu an den 
Verräter 22, 48: Juda, verratest du des Menschen Sohn mit 
einem Kuss? Die Legende hat sich an die unheimliche Gestalt des 
Judas Ischarioth gehängt, wie aus Matth. 27, 3 — 10 und Act. 1, 
16 — 20 hervorgeht'). Damit hängt es zusammen, dass hier 6 
ulhi Tou d. verhältnismässig so häufig ist. 

Matth. 26, 2: ihr wisst, dass nach zwei Tagen das Pascha 
eintritt, und des Menschen Sohn wird übergeben zur Kreuzi- 
gung. Bei Marc. 14, 1 und Luc. 22, 1 steht an Stelle dieser 
von Jesu ausgesprochenen Weissagung einfache Erzählung des 
Schriftstellers, ohne den feierlichen Ausdruck: das Pascha 
stand in zwei Tagen bevor und die Hohenpriester und 
Schriftgelehrten suchten, wie sie sich seiner bemächtigen und 
ihn töten könnten. 

Wir stehn am Schluss. Es hat sich ergeben, dass die 
einzelnen Stellen, in denen der Menschensohn vorkommt, dem 
negativen Postulat der sprachlichen Gründe keinen unüberwindlichen 
Widerstand entgegen setzen. Dass diese Selbstbezeichnung Jesu 
nicht authentisch ist, wird endlich auch noch durch ein höchst 
gewichtiges argumentum ex silentio bestätigt. Bei Paulus findet 



') Darüber hinaus geht noch Ev. Joa. 6, 64. 

^ Über den Ursprung von Matth. 27, 3—10 vgl. meine Kleinen Propheten 
1898 p. 194. n. 2. 



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214 Verschiedenes. 

sich 6 lilh^ TOü dv&ptuTüoü nirgends. Das Hesse sich schlecht be- 
greifen, wenn der Ausdruck in der ihm bekannten evangelischen 
Überlieferung gäng und gäbe gewesen wäre. 

Die Benennung stammt, wie wir gesehen haben, aus Dan. 7, 
13. In der Apokalypse (1, 13, 14, 14) ist der danielische Wort- 
laut noch streng gewahrt; es heisst hier nicht 6 oJbc toü dvftpcoicoü, 
sondern 2[i.oto? ü{(p dvÖptoTüoü, so dass oJic d. (indeterminirt) noch 
einfach ein Mensch bedeutet und nur als Vergleich gebraucht 
wird. Dass daraus dann ein determinirter Name geworden ist, 
lässt sich aus Henoch und 4 Esdrae begreifen, obwol dort die Ab- 
hängigkeit von dem Ausgangspunkt noch deutlicher hervortritt. 
Der Name hat keinen eigenen inneren Gehalt, er ist gewählt nach 
einem auffallenden Merkmal in der visionären Erscheinung des 
danielischen Messias, welches genügt denselben kenntlich zu 
machen. Ebenso gut hätte zu dem gleichen Zweck der Name 
Wolkenmann gewählt werden können; ein inhaltlicher Unter- 
schied besteht nicht zwischen den Bezeichnungen, beide bekommen 
ihren Inhalt erst aus dem Ganzen der danielischen Vision, die sie 
mit einem kurzen Wort in Erinnerung rufen. Die Weissagung 
Dan. 7, 13 wird Marc. 13, 26 Jesu in den Mund gelegt, ohne dass 
dabei schon 6 u!6^ toü d. als sein Name gilt. Dass es dann zu 
einer gewöhnlichen Selbstbezeichnung Jesu wurde, ist vielleicht be- 
günstigt durch seine Aussprüche zur Abwehr des Vorwurfs, er 
überschreite seioe Ifoucria, in denen das appellative barnascha 
Subject ist: der Mensch darf Sünde vergeben, der Mensch darf 
den Sabbath brechen. Das Misverständnis dieser Stellen, als ob 
da Jesus mit dem Menschen sich allein meine, lag immerhin nahe. 
Rührt aber nun nicht bloss die Zwieteilung des Wortes, 
sondern auch die des Begriffs erst von den Griechen her? Ich 
glaube vielmehr, dass an manchen Stellen schon im Aramäischen 
barnascha in der spezifischen (d. h. messianischen) Bedeutung 
gebraucht ist. Die Griechen haben dann den Punkt auf das Jod 
gesetzt und das spezifische Wort eingeführt. Es ist möglich, 
dass 6 ü!ö? TOÜ dv&pcoTroü ursprünglich überall für barnascha *) ge- 



^) Bloss dem ulo« tou dvOp(()Tiou muss (wenn es nicht griechisch ist) 
barnascha zu Grunde liegen, sonst stehn noch andere aramäische Worte 
zur Wahl. Das indeterminirte c^vOpmito« kann nasch oder barnasch oder 
g'bar sein, das determinirte 6 ävO. barnascha oder gabra, der Plural ol 
£vdpu)iTot nascha oder bnenascha. 



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Zur apokalyptischen Literatur. 



215 



setzt, später aber nur da belassen wurde, wo es den Messias 
bedeuten sollte, während sonst 6 avOptüTüo? an die Stelle trat. 
Die Spur eines älteren usus promiscuus könnte man in Marc. 3, 
27 zu entdecken geneigt sein. Wir sind noch nicht so weit, 
solche feine Redaktionsfragen auch nur aufzuwerfen, und wir werden 
vielleicht niemals dahin gelangen, sie zu beantworten. Der unter 
den Fachleuten noch immer nicht ausgestorbene homo unius libri, 
der weiter nichts kennt als das Neue Testament und die neuere 
Literatur darüber, wird uns jedenfalls nicht vorwärts bringen. 



Zur apokalyptischen Literatur. 



]. 



„1. Und ein Zeichen erschien 
am Himmel, eine Frau mit der 
Sonne angetan, der Mond unter 
ihren Füssen, auf ihrem Haupte ein 
Kranz von zwölf Sternen. 2. Und 
sie war schwanger und schrie in 
Wehen und Kindesnöten. 3. Und 
ein anderes Zeichen erschien am 
Himmel, nämlich ein grosser roter 
Drache, der hatte sieben Häupter 
und zehn Hörner und auf jedem 
Haupt ein Diadem. 4 Und sein 
Schweif fegte den dritten Teil der 
Sterne des Himmels hinab auf 
die Erde. 



„7. Und es entstand ein Streit 
im Himmel, indem Michael und 
seine Engel mit dem Drachen 
stritten. Und der Drache und 
seine Engel stritten auch, 8. be- 
hielten aber nicht den Sieg, und 
ihre Stätte im Himmel war nicht 
mehr. 9. Und der grosse Drache, 
die alte Schlange, die da heisst 
der Verkläger und der Satan, der 
Verführer der ganzen Erde, wurde 
auf die Erde geworfen, und seine 
Engel mit ihm. 10. Und ich 
hörte eine Stimme im Himmel: 
nun ist die Rettung eingetreten 
und die Kraft und das Reich 
unseres Gottes und die Herrschaft 
seines Gesalbten; denn der Ver- 
kläger unserer Brüder ist nieder- 
geworfen, der sie vor unserem 
Gott Tag und Nacht verklagte. 
11. Und sie selbst haben ihn 
überwunden durch das Blut des 
Lammes und von wegen ihrer 



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216 Verschiedenes. 

Zeugenschaft, indem sie ihr Leben 
nicht geschont haben, bis zum 
Tode. 12. Deshalb freu dich, 
Himmel mit deinen Bewohnern; 
aber wehe euch, Erde und Meer; 
Und der Drache trat vor denn der Drache ist zu euch 
die Frau, die im Gebären war, herabgekommen, voll grossen 
auf dass, wenn sie geboren hätte, Zorns, da er weiss, dass er nur 
er ihr Kind frässe. 5. Und sie eine kleine Frist hat. 13. Und 
gebar ein Kind, einen Sohn, der als der Drache sah, dass er auf 
alle Heiden mit eisernem Stabe die Erde geworfen war, verfolgte 
weiden wird. Und ihr Kind er die Frau, die den Sohn ge- 
wurde zu Gott und zu seinem boren hatte. 14. Und die Frau 
Throne entrückt. 6. Und die bekam zwei Flügel (wie) des 
Frau floh in die Wüste, wo ihr grössten Adlers, um in die Wüste 
von Gott ein Ort bereitet war, zu fliegen an ihren Ort, um dort 
um dort tausendzweihundert- eine Zeit und zwei Zeiten und eine 
undsechzig Tage erhalten zu halbe Zeit erhalten zu werden, 
werden." vor der Feindschaft der Schlange." 

„15. Und die Schlange schoss aus ihrem Rachen einen ganzen 
Strom W^asser der Frau nach, um sie zu ersäufen. 16. Da half die 
Erde der Frau und öffnete ihren Mund und verschlang den Strom, 
den der Drache aus seinem Rachen schoss. 17. Und der Drache 
ärgerte sich über die Frau*) und ging fort um Krieg zu führen 
mit den Übrigen ihres Geschlechts, die die Gebote Gottes halten 
und das Zeugnis Jesu haben." 

So lautet das berühmte zwölfte Kapitel der Offenbarung 
Johannis. Es ist nicht aus Einem Guss'). Der 7. Vers fährt 
nicht fort, sondern greift zurück und versetzt uns von der Erde 
wieder in den Himmel. Es wird in v. 7 — 14 die gleiche Vision 
noch einmal beschrieben, die schon vorher beschrieben war. Also 
ist das Stück eine Parallele zu dem vorhergehenden. Dieselbe 



Dies muss sachlich besagen, dass er von ihr abliess. 

^) Dies haben auch schon Andere, z. B. Weizsäcker und Jülicher em- 
pfunden, ohne jedoch den Tvahren Ausgangspunkt der Analyse entdeckt zu 
haben. Erst nachträglich bemerke ich, dass Gunkel das Richtige gesehen hat 
(Schöpfung und Chaos p. 275 s.). Ich bin aber zu entschuldigen, denn er hat 
seine Beobachtung an einer Stelle vorgetragen, wo man sie nicht sucht und 
wo sie auch Andere nicht gefunden haben. 



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Zur apokalyptischen Literatur. 217 

divergirt etwas und zeichnet sich namentlich durch grössere Klar- 
heit aus. Das Weib hat nichts im Himmel zu tun und die Feind- 
schaft des Drachen gegen sie geht nicht dort schon an. Dadurch 
wird der himmlische Vorgang formell und genau von dem irdischen 
unterschieden. Erst nachdem der Drache im Himmel ausgespielt 
hat, beginnt er die Fehde gegen das Weib; erst als er auf die 
Erde geworfen ist, macht er sich an sie (v. 13). Der Beweis, dass 
V. 7 — 14 neben und nicht nach v. 1—6 seine Stelle hat, wird 
vollendet dadurch, dass wir erst mit v. 14 wieder auf den Punkt 
kommen, bei dem wir schon in v. 7 angelangt waren: die Frau 
floh in die Wüste an den ihr bereiteten Ort, um dort drei Jahr 
und ein halbes unterhalten zu werden. Die Congruenz der beiden 
Verse erstreckt sich bis auf |den Wortlaut. Der 15. Vers schliesst 
ebenso wol an v. 6 an, als an v. 14; hier beginnt die gemein- 
schaftliche Fortsetzung zu beiden Stücken (v. 1—6 und v. 7 — 14). 
Aus V. 1 — 6 lässt sich keine klare und widerspruchsfreie An- 
schauung gewinnen. Das Weib erscheint von vornherein am 
Himmel, als die Königin des Himmels; Sonne, Mond und Sterne 
werden verwandt um sie auszustafflren. Und in diesem Staat 
kommt sie am Himmel in die Wochen! Wenigstens wird ein 
Scenenwechsel nirgend markirt. Es wird mit keinem Wort an- 
gedeutet, dass Drache und Weib zur Erde herabgefahren sind. 
V. 2 liegt auf dem gleichen Niveau wie v. 4, 5, und in v. 3 
befinden wir uns noch im Himmel. Freilich wird es in v. 6 
vorausgesetzt. Das Weib flieht in die Wüste, nicht vom Himmel 
— denn das wäre ein unmöglicher Gegensatz zur Wüste — sondern 
von einem bewohnten Orte auf Erden: sie ist also schon vorher 
nicht im Himmel, sondern auf Erden gedacht. Ebenso in v. 5. 
Das Kind wird entrückt zu Gott d. h. in den Himmel: es ist 
also ebenfalls auf Erden gedacht. Ein solcher Scenenwechsel kann 
aber nicht stillschweigend vorausgesetzt werden; der Leser kann 
nicht wissen, dass er sich zu Ende an einem ganz anderen Orte 
befindet als am Anfang, wenn es ihm der Autor nicht sagt. Durch 
V. 7 SS. werden wir in den Stand gesetzt, die beiden Scenen in 
deutlich geschiedene Succession zu bringen. Scene im Himmel: 
der Drache führt Krieg mit den Engeln oder mit Sonne, Mond 
und Zodiakus, unterliegt und wird auf die Erde herabgeworfen*)« 



^) seine Helfershelfer, den dritten Teil der Sterne, mit sich herabziehend? 

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218 Verschiedenes. 

Scene auf Erden: er befehdet darauf das Weib, das den Sohn ge- 
boren hat; der S.ohn wird in den Himmel entrückt, das Weib 
flieht in die Wüste, der Drache verfolgt sie dorthin, muss aber von 
ihr ablassen, und wendet sich nun gegen ihre nicht mit in die 
Wüste geflohenen Angehörigen. 

Das himmlische Praeludium lassen wir vorerst auf sich be- 
ruhen und wenden uns der eigentlichgn Sache zu, nämlich dem 
irdischen Vorgange. Bis zu einem gewissen Grade herrscht Ein- 
verständnis über das Wesen der Dramatis Personae. Der Drache, 
durch V. 3 als die letzte danielische Weltmacht charakterisirt, ist 
das römische Reich, das Weib Sion, das Kind der Messias. 
Aber darüber streitet man, ob Sion und der Messias hier christliche 
oder jüdische BegrifiFe sind. Die Frage wird nicht schon dadurch 
beantwortet, dass die Offenbarung Johannis als Ganzes, in ihrer 
gegenwärtigen Gestalt, ein christliches Buch ist. Denn der letzte 
Autor hat Vorlagen benutzt und möglicherweise jüdische Vorlagen. 
Eine solche hat Eberhard Vischer vor allem in unserem Kapitel 
deutlich zu entdecken geglaubt. Er hat viel Beifall gefunden und 
auch ich stimme in diesem Punkte mit ihm überein*). 

Dass die Apokalypse des Johannes Spuren von Einverleibung 
älterer Vorlagen aufweist, hat in unserer Zeit vor allem Weizsäcker 
beobachtet und zur Geltung gebracht. Aber gegen Vischer protestirt 
er lebhaft, von jüdischen Vorlagen will er nichts wissen, und auch 
in Kap. 12 kann er keine erblicken"). Die Rettung des auf der 



Doch konnte der ursprungliche Sinn von 12, 3 auch ein anderer sein, der 
selbe wie in Dan. 8, 10. 

^) Die Offenbarung Johannis eine jüdische Apokalypse in christlicher Be- 
arbeitung, Leipzig 1886. Auf einen ähnlichen Gedanken ist gleichzeitig der 
Holländer G. J. Weyland gekommen, und schon früher hatte ihn Friedrich 
Spitta gestreift. Er lag in der Luft, auch Schnapp kann als Vorgänger Vischers 
betrachtet werden. Die einfache und consequente Ausführung, die Vischer 
seiner Hypothese gibt, halte ich nicht für richtig, billige vielmehr die Ansicht 
Weizsäckers, dass die literarische Composition der Apokalyse viel verwickelter 
ist. Um die Möglichkeit zu erweisen, dass Stücke jüdischer Apokalypsen von 
den ältesten Christen angeeignet wurden, braucht man nur an Papias zu er- 
innern, der einige Worte aus der Apoc. Baruch § 29 als Weissagung Jesu 
selber betrachtet hat (Iren. 5, 33). Die christliche Eschatologie musste sich 
notwendig auf die jüdische pfropfen. 

2) „Was den Ursprung solcher Bestandteile in der lebendigen Profetie 
der ürgemeinde betrifft, so scheint mir die Vermutung desselben mehr ge- 



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Zur apokalyptischen Literatur. 219 

Erde geborenen Messias in den Himmel sei den jüdischen Messias- 
erwartungen fremd. Sind individuelle Züge in einer jüdischen 
Apokalypse unmöglich? oder widerspricht dieser bestimmte Zug 
irgend einem festen jüdischen Dogma? Das ist nicht nachweisbar. 
Wol aber lässt es sich als unmöglich erweisen, dass die Vor- 
stellung in Apoc, 12 christlich, dass unter dem Kinde Jesus 
gemeint sei. Soll das ein altchristliches Resume vom Leben Jesu 
sein: geboren und entrafiFt! Und wolgemerkt: gleich nach der 
Geburt entrafiFt. Denn es steht keineswegs frei, die Entrückung 
von der Geburt durch einen beliebigen Zeitraum zu trennen, wie 
Weizsäcker es tut, wenn er darin die Auferstehung Jesu von den 
Toten oder die Himmelfahrt erkennt. Der Drache lauert auf die 
Ereissende, um das Eind, sobald es zur Welt ist, zu verschlingen; 
es muss also sofort nach der Geburt entrückt werden — etwas 
Anderes kann kein Unbefangener aus dem Texte herauslesen. 
Ferner: ist der christliche Messias jemals als Sohn der Gemeinde 
betrachtet worden? Der jüdische konnte so betrachtet werden und ist 
so betrachtet worden *), aber Jesus hat immer nur als Haupt der 
Gemeinde gegolten und diese niemals als seine Mutter. Endlich: 
sind die Römer (die unter dem Drachen zu verstehn sind) die 
eigentlichen Feinde Jesu gewesen, sogar schon vor seiner Geburt? 
ist er um vor ihnen gerettet zu werden in den Himmel entrückt? 
Ein sonderbarer Christ, der so etwas sollte geglaubt und als an- 
erkannt vorausgesetzt haben! Merkwürdig wie leicht Weizsäcker 
über die vernichtendsten Einwände hingleitet. „Echt judaistisch 
ist, dass der Tod Jesu nicht weiter erwähnt wird . . ..; be- 
zeichnend, dass alle Anfeindung des Christus und seiner Gemeinde 
den Römern zugeschrieben wird." Als wäre die ^'issprache des 
Rätsels des Rätsels Lösung, die Verleugnung des Christlichen ein 
Beweis christlichen Ursprungs! 

Wenn der Messias in Apoc. 12 nicht Jesus sein kann, so ist 
auch Sion nicht, wie Weizsäcker annimmt, die christliche Gemeinde 
und die Flucht Sions nicht die Flucht der Judenchristen aus Judäa 
zu Beginn des römischen Erieges gegen Jerusalem. Das steht und 



Wonnen als verloren zu haben durch die Tatsache, dass ihr die andere eines 
nicht christlichen, sondern jüdischen Ursprungs gegenubergetreten ist.** Apost. 
Zeitalter 1892 p. 358. Als wollt er sagen: ich bin durch Vischer in meiner 
Ansicht nur bestärkt worden. 
4 Esd. 9, 43 SS. 10, 44 ss. 



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220 Verschiedenes. 

fällt mit einander. Dazu kommt noch ein anderer Grund, der 
gegen Weizsäckers Deutung spricht. Nämlich auch die Flucht des 
Weibes, wie die Entrückung des Kindes, geschieht unmittelbar 
nach der Geburt; man darf nicht beinah siebzig Jahre zwischen 
die beiden Ereignisse legen, wenn man in den Text nichts Fremdes 
hineinlegen will, 

Die Widerlegung Vischers glückt nicht, er behält Recht. Das 
Kind ist nicht der historische Messias der Christen, sondern der 
phantastische der Juden. Die Vision enthält durchaus jüdische 
Weissagung. Die Zeit der erschauten Ereignisse wird bestimmt 
durch die zwölfhundertundsechzig Tage oder dreiundeinhalb 
Jahre. Diese Frist ist dem Daniel entnommen. Es ist dort die 
zweite Hälfte der letzten Jahrwoche, die allein noch übrig und zu 
überwinden ist, bis das Heil erscheint: ein starkes Motiv zu 
freudigem Ausharren, da das Ende der jetzt aufs Höchste gestiegenen 
Drangsal sich bestimmt absehen lässt. Demgemäss bezeichnen 
die dreiundeinhalb Jahr auch hier die letzte Not, die dem Kommen 
des Reichs und des Messias vorhergeht, die Wehen des Messias, 
JXqov xaip(5v (12, 12). Im Daniel beginnen sie mit der syrischen 
Religionsverfolgung, hier mit dem Römerkriege, dessen Anfang 
bereits vorausgesetzt wird. Das W^eib ist der sogenannte Rest 
(^m^<l^ oder niO^D), der aus dem Untergang des bestehenden 
jüdischen Gemeinwesens entrinnen und die Theokratie in der 
neuen Ära fortsetzen wird. Dieser Rest flüchtet aus Jerusalem, 
hat grosse Fährlichkeit zu bestehn, wird aber gerettet und wunder- 
bar bewahrt^). Die Römer lassen von ihm ab und wenden sich 
gegen die Andern'), d. h. gegen die in Jerusalem verbliebene 
Menge der Juden, die dort nun belagert werden und dem Ver- 
derben verfallen. Man weiss, dass viele Juden aus der heiligen 
Stadt zu rechter Zeit flüchteten, darunter auch sehr fromme Leute, 
Schriftgelehrte und Pharisäer, die damals von den Zeloten zur 
Seite gedrängt wären. Sie sind in der Tat der Same der Zukunft 
geworden. 

Wie der Verfasser des Buches Daniel selber schon innerhalb 
der letzten betrübten Zeit steht, so auch der Verfasser von 



^) V^eiter hat das Wasser und seine Beseitigung (12, 15. 16) realiter nichts 
zu bedeuten. Der Verfasser hat nichts Bestimmtes im Auge. 

*) ol Xonio{. Sehr unklar ist mir, wie diese als Christen verstanden werden 
können. Floh etwa nur ein Teil der Gemeinde aus Jerusalem? 



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Zur apokalyptischen Literatur. 221 

Apocal. 12. Es ist nicht Alles reine Zukunft was er schaut, die 
Zukunft hat vielmehr schon eingesetzt, die dreiundeinhalb Jahre 
haben schon angefangen. Die Grenze zwischen Zukunft und 
Gegenwart oder jüngsten Vergangenheit lässt sich aber hier nicht 
so unzweifelhaft ziehen wie im Daniel. Die Flucht des Restes aus 
Jerusalem mag bereits im Gange gewesen sein; jedenfalls stehn 
die Römer im Lande, wenngleich nicht notwendig schon vor 
Jerusalem. Die eigentlich zu weissagende Hauptsache wird ver- 
misst, die Vision ist uns nur fragmentarisch erhalten, der Schluss 
ist abgeschnitten. Es muss der Untergang der Anderen in Je- 
rusalem in Aussicht gestellt sein, besonders aber die Zerschmetterung 
der heidnischen Weltmacht oder, was das selbe sagt, die Ankunft 
des Reiches Gottes. Denn auf dieses Ziel laufen die dreiundeinhalb 
Jahre notwendig aus. Der Messias darf auch nicht bloss geboren 
und entrückt werden; er muss zuletzt aus der Latenz in Kraft 
treten, in den Wolken des Himmels erscheinen und seine eigent- 
liche Mission auf Erden erfüllen. Eine Frage bleibt dabei noch 
übrig. Warum wird er überhaupt auf der Erde geboren, warum 
ist er nicht gleich von vornherein im Himmel, aus dem er doch 
herabkommen muss? Schon Vischer hat darauf treffend geantwortet. 
Es scheint ein Compromiss zwischen zwei gleichberechtigten 
Forderungen vorzuliegen. Der Messias muss einerseits nach alter 
Vorstellung aus dem Volke Israel hervorgehn, andererseits nach 
Daniel aus dem Himmel. Das wird gereimt durch die Annahme, 
dass er zwar von der Mutter Sion, kurz vor Beginn der dreiund- 
einhalb Jahre, geboren, aber alsbald nach der Geburt in den 
Himmel entrückt ist und also während der Notzeit selber nicht 
auf Erden weilt. Dass das nicht mit natürlichen Dingen zugehn 
kann, versteht sich von selber; über das Wie nachzudenken, wäre 
eine recht üppige Geistesbeschäftigung. Eine Alttestamentliche 
Analogie könnte man in Isa. 7 — 9 sehen: der Immanuel wird 
geboren am Anfang der kritischen Zeit, verschwindet dann eine 
Weile dem Blicke, und erscheint zum Schluss plötzlich in voller 
Glorie. Der Gegensatz von Erde und Himmel findet sich da 
natürlich nicht; nur das allgemeine Schema. 

In eine eigentümlich bestimmte historische Beleuchtung wird 
das zwölfte Kapitel der Apokalypse durch ein Gegenstück gerückt. 
Das ist das nur aus zwei Versen bestehende Fragment Apoc. 11, 
1, 2. „Es wurde mir ein Rohr wie ein Stab gereicht mit den 



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222 Verschiedenes. 

Worten: auf und miss den Tempel Gottes und den Altar und 
die Anbetenden darin, aber den äusseren Yorhof des Tempels lass 
aus und miss ihn nicht mit, denn er ist den Heiden dahingegeben 
und sie werden die heilige Stadt zweiundvierzig Monat zertreten.'' 
Es wird hier die HofiFnung ausgesprochen, dass bei der Eroberung 
Jerusalems der Tempel ausgenommen bleiben und nicht in der 
Heiden Gewalt kommen werde. Jesus sah die Zerstörung grade 
des Tempels nicht als unmöglich sondern als notwendig an, und 
eine Generation nach seinem Tode hätte ihm ein Christ in diesem 
damals ganz kapitalen Punkte nicht widersprechen können, am 
wenigsten so unbewusst, wie es hier offenbar der Fall ist^). 
Ebenso wie Apoc. 12, ist also auch Apoc. 11, 1. 2 jüdischen 
Ursprungs. Ebenso wie dort handelt es sich auch hier um die 
Endzeit der dreiundeinhalb Jahre, die gleichfalls historisch bestimmt 
wird durch den Römerkrieg'). Ebenso wie dort geht auch hier 
die Hoffnung dahin, dass ein Rest aus der Katastrophe gerettet 
werden werde. Aber bei der Bestimmung dieses messianischen 
Restes beginnt nun ein höchst merkwürdiger Unterschied sich zu 
zeigen. Der Rest besteht dort aus solchen die in die Wüste 
fliehen, hier aber aus solchen die im Tempel anbeten. Ol itpoa- 
xüvoüVTsc iv aÖT(j> bietet Schwierigkeiten. Alle Juden beten 
gelegentlich im Tempel an; der Ausdruck soll aber jedenfalls nicht 
sie alle umfassen, sondern diejenigen ausheben, für die der Auf- 
enthalt im Tempel ein unterscheidendes Merkmal ist. Das müssen 
dann solche sein, die nicht nur ab und an dorthin kommen, 
sondern sich beständig dort befinden. Nun war der Tempel, eine 
Zeit lang insbesondere der innere Tempel (mit Ausschluss des 



1) Vgl. Weizsäcker a. 0. p. 453. 488. 

^) Die dreiundeinhalb Jahre fangen hier aber etwas später an als in 
Kap. 12, nämlich erst mit der Einnahme der heiligen Stadt durch die Romer; 
während der ganzen Frist wird sie von den Heiden zertreten. Ob die Ein- 
nahme wenigstens eines Teils der Stadt schon erfolgt war, als der Verfasser 
schrieb, lässt sich nicht mit voller Sicherheit ausmachen; es scheint jedoch 
so. Die eigentliche Absicht der Weissagung geht jedenfalls nur auf die 
Rettung des Tempels. Das kurze Fragment ist innerlich vollständiger und 
abgeschlossener, als die viel weitläufigeren Visionen in Kapitel 12. Mommsen 
(Romische Geschichte 5, 521) versteht es aus dem Grunde nicht, weil er nicht 
wagt, es aus dem allgemeinen^ usammenhange zu lösen, und in Folge dessen 
sich genötigt sieht, es in die Zeit Domitians zu versetzen, in welcher die 
Apokalypse als Ganzes ja in der Tat verfasst ist. 



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Zur apokalyptischen Literatur. 223 

Vorhofs der Heiden), während des römischen Krieges das Haupt- 
quartier der Zeloten. Sie benutzten sie zunächst als Festung, 
aber wie ihre Vorgänger zur Zeit Jeremias und zur Zeit des 
Sosius und Herodes klammerten sie sich zugleich an die Heiligkeit 
des Hauses Gottes und hielten sich dort für gefeit; ihre Propheten 
bestärkten sie in diesem fanatischen Glauben bis zu allerletzt, als 
schon die Römer in die Vorwerke eingedrungen waren. Ein 
interessantes Orakel von einem der zelotischen Propheten, die 
nach Josephus zahlreich waren und grossen Einfluss hatten'), ist 
uns in Apoc. 11, 1. 2 erhalten: die im Tempel ausharren, die 
sind der messianische Rest und werden von Gott gerettet. Da- 
gegen stammt Kap. 12 aus dem Kreise der Pharisäer. Diese gaben 
zwar an Römerhass den Zeloten wenig nach, sie sahen aber nicht 
den Kampf für die Freiheit als ihre Aufgabe an, sondern nur die 
Erfüllung des Gesetzes. Sie nahmen die Verwirklichung der 
messianischen Weissagung nicht selber in die Hand, sondern über- 
liessen sie Gott und suchten ihrerseits nur die Vorbedingung zu 
leisten, die genaue Beobachtung des vorgeschriebenen Willens 
Gottes; sie waren keine politisch aktive, kriegerische und patriotische 
Partei, sondern eine rein religiöse. Sie benahmen sich jetzt 
ähnlich wie bei früheren Gelegenheiten. Sie hielten es nicht für 
Verrat sich dem Kampf durch Flucht zu entziehen, im Gegenteil 
sie glaubten auf diese Weise das walire Israel zu retten, sie sagten, 
nicht die Ausharrenden, sondern die Fliehenden seien der 
messianische Rest. Es dokumentirt sich also in diesen zwei Weis- 
sagungen der jüdische Parteiengegensatz während des römischen 
Krieges. Dass die Sache bisher schief gegangen ist, setzen sie 
beide voraus, an der Hoffnung halten sie beide fest, aber nach dem 
Gesichtspunkt des Lagers, dem sie angehören. 

Damit haben wir die irdische Scene in Kap. 12 erklärt. Das Ver- 
ständnis der himmlischen folgt von selber, denn sie ist nur der voraus- 
geworfene Schatten der irdischen. Im Himmel ist der Sieg der 
guten Sache längst entschieden und damit ist er auch auf Erden 
besiegelt; die Niederlage des Drachen im Himmel ist die Bürgschaft 
für seine in Kurzem bevorstehende Niederlage auf Erden. Der 
Drache mit den sieben Köpfen und den zehn Häuptern vertritt 



^) Dass es zu jener Zeit auch fanatische christliche Propheten in Jerusalem 
gegeben habe, ist mehr als unwahrscheinlich. 



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224 Verschiedenes. 

das römische Weltreich, Michael oder auch das Weib mit Sonne 
Mond und Sternen vertritt die Theokratie. Man kennt diese male- 
rische Ausgestaltung des Prädestinationsglaubens aus dem Buch« 
Daniel: alles was auf Erden geschieht, wird im Himmel vorweg ge- 
nommen, alle irdischen Kämpfe werden zuvörderst in den Lüften 
durch die himmlischen Repräsentanten der irdischen Mächte aus- 
gefochten. Auch die wichtigsten einzelnen Zuge in Apoc. 12 sind 
dem Buche Daniel entlehnt. 

Es bleibt noch die Redactionsfrage übrig. Als christliche 
Zusätze lassen sich ohne Weiteres erkennen die Schlussworte von 
V. 17 xat ix^vTcov Ti)v [lapToptav Itj^oü und der ganze v. 11, Dieser 
letztere Vers nicht bloss am Inhalt, sondern auch daran, dass er 
zu V. 10 nicht passt. Denn zu der Ankündigung der Verkläger 
unserer Brüder ist durch Michael niedergeworfen er- 
scheint und sie selber haben ihn besiegt durch das Blut 
des Lammes weder als richtige Deutung noch als formell mögliche 
Fortsetzung. Das beste Kriterium zwischen Jüdisch und Christ- 
lich würde die Sprache sein. Die jüdischen Stücke sind ursprüng- 
lich hebräisch oder aramäisch geschrieben. Das zeigt sich deutlich 
in 11, 1.2: I86&7] [lot yLdi\a[to<; Xe-^cov es wurde mir ein Rohr gereicht 
mit den Worten, e^eipe xat iii-zpr^ao^ auf und miss, exßoXe IJcd lass 
es aus d. h. miss es nicht mit. Nicht minder in Kap. 12. Das 
ganze Kapitel lässt sich mit Leichtigkeit retrovertiren ; überall, und 
nicht bloss in Citaten, begegnet hebräische Redeweise. Die 
wichtigsten Beispiele liefert v. 6 verglichen mit v. 14: Sfiroü ixet 
V. 6. 14, ?va ixei v. 6 = Sttoü Ixei v. 14, Tpe90ücjtv v. 6 = xps- 
©etat V. 14 *). Fernere syntaktische Hebraismen sind wcp&ij xal f8ou 
V. 3 und der Infinitiv TroXejjL^afat v. 7 (Ewald § 351 c). Lexikalische: 
lilh^ apaijv V. 5, oöx layoaay v. 8, oöSI tottoc e6pe&7] aöxcov v. 8 '). 
Wenn man nur auch umgekehrt annehmen dürfte, dass die christ- 
lichen Stücke durchweg griechisch geschrieben wären ! Aber diese 
Annahme kann leider nicht erhärtet werden, und so versagt das 
Unterscheidungsmittel. Nur das lässt sich sagen, dass original 
griechische Stücke schwerlich jüdischer Herkunft sind. 

Mit der Ausscheidung der geringfügigen und leicht kenntlichen 
christlichen Zusätze ist aber die Frage nach der Redaktion von 



>) Die 3 pl. act. statt des Passivs ist im Daniel häufig. 
2) al S6o TiT^poYe; toO dsTOÜ ist vermutlich Htfi'iD D'^D^D* 



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Zur apokalyptischen Literatur. 225 

Kap. 12 nicht erledigt. Wir haben gesehen, dass v. 1—6 und 
7—14 Varianten sind. Das erste Stück ist nicht ursprünglich 
Einleitung zu dem folgenden, und dieses nicht ursprünglich Nach- 
trag zu dem vorhergehenden. Unter dieser Voraussetzung sind 
aber beide Stücke nicht mehr vollständig. In v. 13 erscheint 
plötzlich das Weib ohne vorgestellt zu sein; da auf v. 1 — 6 nicht 
zurückgegangen werden darf, so hat also der Redactor eine Prämisse 
von V. 7 — 14 abgeschnitten. Noch stärker hat er in v. 1 — 6 
gewirkt. Dort muss, wie oben gezeigt worden ist, ursprünglich 
der Sturz des Drachens vom Himmel auf die Erde berichtet worden 
sein; der Redactor hat ihn ausgelassen und dadurch die völlige 
Confusion der Scenen verschuldet. Im Zusammenhange damit 
lässt er das Weib schon im Himmel auftreten, als Vertreterin von 
Sonne Mond und Gestirnen: dadurch will er es noch deutlicher 
machen, dass es sich in dem himmlischen Kampf in Wirklichkeit 
um nichts anderes handelt als in dem irdischen, nämlich um den 
Kampf der widergöttlichen Mächte gegen Sion. Diese Aus- 
lassungen verfolgen natürlich den Zweck, allzu starke Wieder- 
holungen zu vermeiden und dadurch die Varianten, die neben 
einander gehören, hinter einander möglich zu machen, so dass es 
scheinen kann, als ob sie einander ergänzten. Endlich ist auch, 
wie wir ebenfalls bereits gesehen haben, der Schluss der Vision 
(hinter v. 17) abgeschnitten, namentlich die notwendig zu er- 
wartende Herabkunft des Messias und des Reiches Gottes vom 
Himmel, am Ende der dreiundeinhalb Jahre. Dass alle die Ein- 
griffe von dem selben Redactor herrühren, will ich nicht behaupten. 
Die Varianten können sehr wol schon von einem Juden zusammen- 
gestellt sein; der Schluss aber ist vielleicht erst von dem 
christlichen Apokalyptiker abgeschnitten, der ihn an dieser Stelle 
noch nicht gebrauchen konnte. 



Hermann Gunkels Untersuchung über Apoc. 12 habe ich bis- 
her nicht berücksichtigt ^). Er will einen neuen Weg zur Erklärung 
der Apokalyptik überhaupt einschlagen und an Apoc. loa. 12 er- 
weisen, dass derselbe zum Ziel führe. Von früherer Kenntnis- 
nahme her hatte ich den Eindruck, dass dagegen nur zu protestiren 



1) Schöpfung und Chaos (Göttingen 1895) p. 171—398. 
Wellhausen, Skizien und Vorarbeiten. VI. 15 

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226 Verschiedenes. 

sei. Bei erneutem Lesen, nachdem ich die Niederschrift meiner 
eigenen Auffassung von Apoc. 12 bereits vollendet hatte, finde ich 
freilich, dass er doch auch gute Beobachtungen gemacht hat. Im 
Ganzen und Grossen muss es jedoch beim Proteste verbleiben. 

Wenn es theologische Forscher gibt, welche meinen, jeder 
einzelne apokalyptische Schriftsteller habe aus zusammengelesenen 
Stellen des Alten Testaments auf eigene Hand ein Mosaik 
componirt, um dadurch das individuelle Zukunftsbild das er in 
sich trug darzustellen, so hat Gunkel denselben wirklich ein Licht 
aufgesteckt. Er statuirt mit Recht, dass durch die gesamte 
jüdische Eschatologie eine gemeinsame feste Tradition hindurch- 
gehe. Nur sagt er damit nichts Neues. Mit dieser Erkenntnis, 
und mit der dadurch veranlassten Einordnung der Offenbarung 
Johannis in das allgemeine literarische Genre, hat die wissenschaft- 
liche Exegese eingesetzt, seit Corrodi oder vielleicht seit Semler. 
Eben darin sieht Vatke den formellen Hauptunterschied der apo- 
kalyptischen Erwartung von der alten prophetischen, dass ihr Inhalt 
in gewissen Grundzügen dogmatisch fixirt sei. Und Schürer gibt eine 
ganz ausführliche Darstellung des Systems der messianischen 
Dogmatik. Es ist also nicht grade eine Entdeckung, dass es eine 
forterbende apokalyptische Tradition gibt. Ihre allerletzte Ver- 
steifung hat sie durch die christliche Scholastik bekommen, in der 
Lehre von den letzten Dingen. 

Neuer ist hingegen die Behauptung Gunkels, dass dieser 
traditionelle Stoff weniger aus dem Alten Testamente als aus der 
babylonischen Mythologie stamme. Er beschränkt sie zunächst 
auf bestimmte Stücke der Offenbarung Johannis, strebt aber in 
Wahrheit sie möglichst zu verallgemeinern. So redet er auch 
anfangs von der hohen Bedeutung des Alten Testaments und 
besonders der Prophetie für die Apokalyptik, sucht dieselbe aber 
in der Tat so viel er kann herabzudrücken. Er begeht zuweilen 
vorsichtige Inconsequenzen, durch die er für den Notfall aus- 
weichen kann. Das erschwert die Discussion. Ich halte es für 
das Beste, dem gegenüber zunächst positiv darzustellen, was ich 
für das Richtige halte. 

Die jüdische Eschatologie geht aus von der Prophetie, und 
zwar von der unerfüllten Weissagung^). Sie übernimmt ihren 

^) Ich kann hier nur wiederholen, was ich in den Kleinen Propheten (seit 1892) 
und in der Israelitischen und Jüdischen Geschichte (seit 1894) bereits gesagt 



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Zur apokalyptischen Literatur. 227 

Inhalt und bestimmt nur das Wann und Wie genauer. Sie deutet 
die unerfüllte Weissagung um, um an der Möglichkeit festhalten 
zu können, dass ihre Erfüllung noch bevorstehe. Ein lehreichtes 
Beispiel davon liefert schon Ezechiel. Jeremia und Sephania 
hatten den Einbruch eines nordischen Reitervolkes in Juda gedroht. 
Die Drohung war nicht eingetroffen. Nach Ezechiel muss das noch 
nachgeholt werden. Er postulirt auf Grund davon, dass nach 
bereits erfolgter Herstellung der Theokratie noch einmal alle Heere 
der Völker gegen Jerusalem anstürmen, aber bei dieser Gelegen- 
heit vernichtet werden sollen. An der Spitze der grossen Bewegung 
steht nach ihm 6og von Magog mit seinen wilden Reiterscharen. 
Das ist nach seinem eigenen Geständnis der gespenstische Reflex 
der Scythen, die jene älteren Propheten in Wirklichkeit im Auge 
gehabt hatten. Er sagt nämlich 38, 8 in Bezug auf Gog von 
Magog: „seit vielen Tagen wirst du gesucht (d. h. vermisst, ver- 
geblich erwartet), am Ende der Zeiten kommst du", und abermals 
38, 17: „du bist der, von dem ich in früheren Tagen durch die 
Propheten geredet habe, dass ich dich über Israel bringen wolle." 
Die hier in ihrem Ursprünge klar zu verfolgende Vorstellung von 
einer allgemeinen Vereinigung Gott weiss welcher Völker gegen 
das Neue Jerusalem hat sich als stehender Zug in dem eschatolo- 
gischen Schema fortgepflanzt. 

Der wahre Anfang der Eschatologie liegt indessen noch nicht 
im Exil, sondern erst in der Zeit nach der Rückkehr aus dem Exil, 
als sieh die Weissagung aller Weissagungen nicht erfüllte, dass 
nach dem Sturze von Babel das Reich Davids wieder in alter 
Herrlichkeit aufleben solle. Es wurde eine ungeheure Spannung 
dadurch erzeugt, dass das messianische Heil längst fällig war und 
sich doch nicht verwirklichte. Die Frist war abgelaufen und doch 
blieb Alles beim Alten. Ein träges Interim, das von Gottes und 
Rechtes wegen gar nicht da sein durfte, dehnte sich zwischen der 
abgetanen Vergangenheit und der noch nicht erschienenen Zukunft 
aus. Wollte man nicht verzweifeln, so musste der von Jeremia 
und seinen Nachfolgern ausgestellte Wechsel immer prolongirt 
werden. Die Hoffnung auf den Trost Israels konnte nicht auf- 



habe. Ich verweise femer auf Smends Aufsatz über die jüdische Apokalyptik 
in Stades Zeitschrift 1885 p. 221 — 251 und auf seine Ausfuhrungen über den 
Glauben der jüdischen Gemeinde im Lehrbuch der Alttestam entlichen Religions- 
geschichte (1893) § 18—24. 

15 ♦ 



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228 Verschiiödenes, 

gegeben werden, sie war das Lebenselement des Judentums und 
das Motiv auch der Gesetzesarbeit. In ruhigen Zeiten konnte sie 
freilich zurücktreten ; dann schien die Gemeinde an ihrer geistigen 
Enge, der notwendigen Folge ihrer politischen Vernichtung, Genüge 
zu finden, obwol das Ideal doch immer die alte Reichsherrlichkeit 
blieb, sowie man sie sich von hinten nach vorstellte und ausmalte. 
Die HofiFnung regte und belebte sich jedoch, sobald die Zeichen der 
Zeit sich darnach anliesseo, und zwar nicht bloss, wenn Grund 
war zu hoffen, sondern namentlich wenn das Bedürfnis zu hoffen 
stieg, in Tagen der Not und Gefahr. Unter günstigen Auspicien, 
wie es scheint, traten zuerst Haggai und Zacharia auf, be- 
kämpften die herrschende Mutlosigkeit, drangen auf den Wieder- 
aufbau des Tempels und verhiessen, dann werde auch Jahve er- 
ischeinen , die Macht des Heidentums zerschmettern und das 
davidische Königtum in Jerusalem herstellen. Aber der Tempel 
stand und Jahve kam nicht zu seinem Tempel. Sein Advent 
musste abermals verschoben werden. Malachi erklärte eine 
Wiederholung der eigentlich schon mit dem Exil abgetanen inneren 
Sichtung und Läuterung für notwendig; Eliaa, der grosse Straf- 
richter in Israel, müsse erscheinen um Jahve die Bahn zu bereiten 
und ihm die Steine des Anstosses aus dem Wege zu schaffen*). 
Die Elasticität der Hoffnung steigerte sich unter dem Druck 
der Gefahr, als Antiochus IV. daran ging, die jüdische Religion 
gänzlich zu vernichten. Damals entstand das Buch Daniel. Es 
hat Epoche gemacht und auf die Spätem bestimmenden Einfluss 
ausgeübt, in der scharf verallgemeinerten Antithese zwischen dem 
Reich Gottes und dem Reich der Welt, in der bestimmten An- 
setzung der Herabkunft des Reiches Gottes auf die allernächste 
Zeit '), in der Andeutung des Auferstehungsglaubens, und in einer 
Reihe einzelner Vorstellungen, z. B. der des Antichrists und des 
himmlischen Menschensohnes. Es ist indessen sehr bezeichnend, 
dass der Verfasser den alten Ausgangspunkt der Eschatologie fest- 
hält. Er versetzt sich selber an den Anfang des Interim^) und 



^) Vgl. weiter Joel 3. 4. Zach. 12—14. Abd. 1, 15—21. Sophon. 3 8-20 
2) Ob die Stunde angekündigt wird oder nicht, macht einen bedeutsamen 

Unterschied zwischen einer mehr feurigen und einer mehr resignirten Art 

der Apokalypsen. 

8) Daher die Wahl des Pseudonyms. 



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Zur apokalyptischen Literatur. 229 

gibt in pcophetischer Form einen grossartigen Überblick über den 
Verlauf desselben bis auf seine Gegenwart. Auch sein Problem ist 
die Nichterfüllung der Weissagung und er löst es durch Verschiebung 
des Termins. Er deutet die 70 Jahre der von Jeremia gestellten 
Frist auf 70 Jahrwochen, berechnet mit Hilfe seiner naturgemäss 
mangelhaften chronologischen Kenntnisse ^), dass davon 69 V2 Jahr- 
wochen verstrichen seien, und findet den grössten Trost für sich 
und für seine Leser darin, dass man also jetzt nur noch eine halbe 
Jahrwoche, 3 Ya Jahre, auszuhalten brauche. Die gewöhnliche Mei- 
nung, dass das Buch Daniel der erste Anfang der apokalyptischen 
Literatur sei, bedarf der Einschränkung. Gewisse Grundzüge des 
spätem eschatologischen Schemas, darunter namentlich die Zu- 
sammenrottung der Heiden vor Jerusalem, finden sich nicht in 
diesem Buch, wol aber in uns erhaltenen älteren Prophetenschriften 
aus nachexilischer Zeit. 

Diesmal schien sich die Erwartung in der Tat zu verwirk- 
lichen, obschon nicht ganz in der bei Daniel vorhergesehenen 
Weise. Die griechische Macht brach zusammen, die Hasmonäer 
stellten das Reich Davids wieder her. Jedoch auf das griechische 
Weltreich, das nach Daniel das letzte sein sollte, folgte noch ein 
anderes, das römische, und es zertrat den Staat der Hasmonäer 
im Vorübergehen. Die grausame Enttäuschung entfachte aufs neue 
die messianische Hoffnung, sie wurde fanatischer als je zuvor. Sie 
riss die Zeloten schliesslich zu Taten fort, und es kam zu dem 
tragischen Zusammenstoss von Glaube und Wirklichkeit, der mit 
dem Untergange der Theokratie endigte. Die römische Periode, 
und namentlich ihre letzte Phase, ist die eigentliche Blütezeit der 
apokalyptischen Literatur. Wiederum deutete man die ältere Weis- 
sagung um und prolongirte ihren Termin, um ihren Inhalt zu 
retten. Die Römer hatten einen Strich durch die Rechnung Daniels 
gemacht. Zunächst begnügte man sich sie als das zu bezeichnen 
was sie jedenfalls waren, als die Aufhalter des längst fälligen 
messianischen Gerichts *). Später aber interpretirte man die vierte 
und letzte Monarchie des Daniel, womit er selber die griechische 
meinte, einfach auf die römische. Sehr naiv heisst es einmal, 

1) Vgl. Kuenens Onderzoek (erste Ausgabe) § 118 n. 12. § 119 n. 16. 

^ 2 Thess. 2, 6. 7. Ich weiss nicht, warum dieser Ausdruck so schwierig 
zu erklären sein soll. Die Aufhaltung des Gerichts (besonders dur^ 
Sünden) ist den Juden von Alters her geläufig. ^ 



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230 Verschiedenes. 

Daniel habe seine Vision in diesem Punkte misverstanden und 
sich in der Deutung des vierten Tieres versehen^). 

Aus der Zeit nach der Zerstörung Jerusalems durch die 
Römer sind uns die Apokalypsen Baruchs und Ezras erhalten. 
Hier sehen wir die eschatologischen Vorstellungen in eine ganz 
andere, höhere Lage transponirt. Im Daniel gibt es noch kein 
Jenseits, das Reich Gottes verwirklicht sich auf dem Boden der 
gegenwärtigen Erde, es ist nur eine neue Ära der Weltgeschichte, 
und zwar die jüdische nach der heidnischen (griechischen). Die 
Hoffnung richtet sich lediglich auf die Herstellung des jüdischen 
Volkes und Reiches, nicht auf die Belohnung und Bestrafung 
der Individuen. Nur diejenige Generation hat teil an der Herr- 
schaft der Heiligen des Höchsten, welche sie erlebt, die früheren 
verstorbenen Generationen nicht. Ausnahmsweise werden die Märtyrer 
der jüngsten Zeit auferweckt, um Verdientermassen noch an dem 
Glück teilnehmen zu können, und ebenso die Erzbösewichter der 
jüngsten Zeit, um ihre Strafe nachzuholen: indessen nicht zum 
ewigen Leben, sondern zur Fortsetzung des vorzeitig unterbrochenen 
irdischen Lebens, das dann mit dem Tode sein natürliches Ende 
findet'). Die Auferstehung ergänzt hier also nur in einem unter- 
geordneten Punkte die Hoffnung auf die Restitution des Volkes. 
Dagegen in den Apokalypsen Baruchs und Ezras haben wir die 
allgemeine Auferstehung der Toten, das Gericht über alle Seelen, 
die je auf der Welt gewesen sind, das Paradies und die Geenna. 
An die Stelle des Volkes sind die Individuen, die Seelen, getreten 
und die zukünftige Welt ist jenseitig geworden. Die alte messia- 
nische Weissagung wird zurückgedrängt. Die Restitution des Volkes 
unter der Herrschaft des Messias ist nicht mehr das Ziel und der 
Schluss des Weltdramas, sondern ein vorübergehender Zwischenact. 
Der Messias kommt allerdings, rettet die Juden, die er in jener 



^) Gott sagt zu Ezra (4 Esdr. 12, 11. 12): Aquilam quam vidisti ascen- 
dentem de man, hoc est regnum quod visum est in visu Danielo fratri tuo; 
sed non est illi interpretatum quomodo ego nunc tibi interpretor vel inter- 
pretatus sum. Vermutlich muss non est illi interpretatum übersetzt 
werden, er hat es nicht so gedeutet (illi = dativus autoris), obgleich 
in Dan. 7 der Engel Interpret ist. Andernfalls legt der Verfasser dem Engel 
die falsche Deutung zur Last — noch naiver. 

^ Dies ist die Gonsequenz der allgemeineren Prämissen, ihr widerspricht 
zwar nicht 12, 2, wol aber 12, 13. 



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Zur apokalyptischen Literatur. 231 

Zeit in der heiligen Stadt und im heiligen Lande antrifft, richtet 
sein Reich in Palästina unter ihnen auf und beglückt sie während 
einer längeren Periode. Aber die Periode läuft ab, der Messias 
stirbt und seine ganze Generation mit ihm. und dann erst tritt 
die Endzeit, die zweite überirdische Ära, ein, mit der allgemeinen 
Auferstehung der Toten, dem jüngsten Gerichte, der Scheidung der 
Welt in Himmel und Hölle '). 

Wir dürfen die Erhebung der Hoffnung in das Individuelle 
und Transcendente wol als eine Vergeistigung bezeichnen. Wie die 
Eschatologie überhaupt das innerste Wesen des Judentums offenbart, 
so entspricht auch die Vergeistigung der Eschatologie der Vergeistigung 
* des Judentums selber, deren Consequenz das Evangelium ist. Der 
Individualismus hatte seine natürliche Ursache in der Zertrümmerung 
des alten Volkes durch die Assyrer und die Chaldäer. Die Juden 
suchten ihm entgegenzutreten; die Religion sollte die aufgelöste Nation 
zusammenhalten. Indessen der Schwerpunkt der Religion selber lag 
auch nicht mehr in der Gemeinschaft, sondern im Individuum. Die 
Herstellung des alten Zustandes blieb hauptsächlich Gegenstand 
der Sehnsucht, sie musste der Hoffnung überlassen werden. Die 
Hoffnung hielt am Volke fest und kümmerte sich lange Zeit über- 
haupt nicht um den Einzelnen. Aber schliesslich drang auch in 
dies Gebiet der Individualismus ein. Die irdische Restitution des 
Volkes erwies sich stets als aussichtslos, die Hoffnung trog jedesmal: 
kein Wunder, dass sie sich mauserte. Fremde Einflüsse mögen 
dabei eingespielt haben, dass die Ideen von Jenseits, Auferstehung, 
jüngstem Gericht, Himmel und Hölle im ersten Jahrhundert vor 
Christus aufkamen. Diese Ideen lagen in der Luft und tauchten 
überall auf. Die Juden wohnten mitten in der Welt und konnten 
sich nicht gegen ihre Umgebung abschliessen. Sie waren nicht 
tot, sondern lebendig, sie hatten die Kraft zu assimiliren. Sie 
nahmen aber nichts eigentlich Fremdartiges auf, sondern nur das 
was ihnen gemäss war, worauf sie genugsam vorbereitet waren. 
Dass sie, trotz allem Streben den Ausgangspunkt festzuhalten, im 
Lauf der Entwicklung sich doch innerlich weit davon entfernten, 
ist nichts weniger als auffällig. 

^) In der christlichen Eschatalogie findet sich zwar auch das messianische 
Reich als blosses Interregnum (Chiliasmus), allein das wahrhaft Christliche 
ist Yielmehr, dass der Messias zum Weltrichter imd die alte messianische 
Weissagung selber ins Allgemeine ■ und Jenseitige erhoben wird. 



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232 Verschiedenes. 

Der traditionelle Stoff der Eschatologie wird trotz dieser 
geistigen Veränderung fortgeschleppt^). Die Grundzüge, deren Ent- 
stehung bis zu Ezechiel hinauf zu verfolgen ist, erscheinen im 
ersten christlichen Jahrhundert zu einem festen Schema ausgestaltet. 
In der näheren Ausführung der einzelnen Loci herrscht weder da- 
mals noch früher ein Zwang, wenngleich ein gewisser Stil und die 
Neigung, die einmal gebrochene Bahn breiter zu treten. Die Fund- 
grube des Details ist vielfach die Bibel und das Fördermittel der 
Midrasch. Dass der Behemoth den Braten und der Leviathan den 
Fisch für die Tafel des Messias liefert, an dem die Reichsgenossen 
beständig sitzen, ist aus Ps. 74, 14 entsponnen; Theodotion über- 
setzt: IScDxa? (xiv Spotxovxa) ßpcojia xtj) Xa<p icp la^^axcp. Es 
kommt aber noch ein Anderes dazu. Die Form der Vision, die 
alle Apokalypsen haben, nötigte zu sinnenfalliger Veranschaulichung, 
und es mussten neue Ausdrucksmittel für neue Ideen gefunden 
werden. Auch sie werden zum Teil der Bibel entnommen. Der 
alte Gottesgarten von Gen. 2, 3 wird umgewertet und muss nun 
den jenseitigen Aufenthalt der Seligen bezeichnen. Ebenso wird 
das Tal der Söhne Hinnoms bei Jerusalem zum Namen des jen- 
seitigen Aufenthaltes der Verdammten gemacht'). Zum Teil aber 
müssen alte populäre Vorstellungen herhalten, über die Toten, die 
Seelen, die Heere der Geister auf Erden, in der Hölle und im 
Himmel. Der alte Volksglaube war vor dem prophetischen Mono- 
theismus zurückgewichen und kommt im Alten Testament nur 
spurenweise zum Vorschein. Er erhielt sich aber in der Tiefe und 
tauchte wieder auf, als die Frage, die er zu beantworten schien, 
auch der monotheistischen Religion auf einer späteren Stufe sich 
aufdrängte. Da dieser alte Volksglaube den Israeliten mit den 
Heiden gemeinsam war, so lässt es sich freilich den etwa ihm zu- 
zuweisenden Vorstellungen an inneren Merkmalen nicht ansehen, 
ob sie wirklich von Anfang an dazu gehört haben oder erst in 
späterer Zeit von den Heiden entlehnt sind. Dass hier ein be- 



^) Ein bereits angeführtes merkwürdiges Beispiel davon ist der Chiliasmus. 

^ Dort stand in der Zeit des Königs Manasse ein Altar, worauf Kinder 
verbrannt wurden. Diese Frevelstätte soll nach Jeremia bei der Einnahme 
der Stadt durch die Chaldäer zu einer Stätte des Gemetzels und zu einer 
allgemeinen Leichengrube werden. Daher in der Septuaginta die Übersetzung 
7coXuG(v§piov und daher dann weiter die Bedeutung der Geenna: sie ist das 
Massengrab der zu bestrafenden Missetäter. 



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Zur apokalyptischen Literatur. 233 

ständiger Ab- und Zufluss stattgefunden hat, unterliegt keinem 
Zweifel; die Communication auf diesem kosmopolitischen Gebiete 
wird durch keinerlei Schlagbäume gehemmt. Dass auch baby- 
lonisches Material importirt ist, muss ebenfalls anerkannt werden. 
Man hat längst vermutet, dass z. B. in Dan. 7 die aus dem 
gährenden Meere aufsteigenden Tiere, durch welche die Phasen in 
der Entwicklung des Weltreichs versinnbildlicht werden, eine 
irgendwie vermittelte Reminiscenz an die babylonische Schöpfungs- 
geschichte enthalten, wie Berosus sie überliefert. 

Wozu es aber nötig ist und wozu es dienen soll, eine förm- 
liche babylonische Reunionskammer einzurichten, lässt sich schwer 
begreifen. Gunkel reklamirt alles Mögliche und Unmögliche als 
aus Babylon entsprungen. Die dreiundeinhalb Jahre der Endfrist 
im Buche Daniel sind in Folge der eigenen Angaben des Verfassers 
nach Entstehung und Sinn vollkommen klar; Gunkel glaubt sie 
„enträtseln*' zu müssen durch einen babylonischen „Weihnachts- 
mythus", in dem sie nur zu finden sind, wenn man sie hinein- 
conjicirt Das Proton Pseudos ist, dass er der ürsprungsfrage 
überhaupt grossen Wert beimisst. Von methodischer Wichtigk-eit 
ist es zu wissen, dass tatsächlich ein Stoff in den Apokalypsen 
vorliegt, der von der Conception des Autors nicht immer völlig 
durchdrungen, in seinem Guss nicht immer ganz aufgegangen ist 
und noch öfter für unsere Erklärung einen undurchsichtigen Rest 
lässt; woher jedoch dieser Stoff ursprünglich stammt, ist methodisch 
ganz gleichgiltig. Die apokalyptischen Schriftsteller selber haben 
ihn sicher nicht aus ^er letzten Quelle geschöpft. Sie haben auch 
nicht nach seiner ursprünglichen Bedeutung gefragt, sondern ihren 
eigenen Sinn so gut es ging hineingelegt. Und den Sinn, in 
welchen sie selber ihn verwandt haben, müssen wir zu erkennen 
suchen. Gunkel glaubt sie corrigiren und ihrer Deutung das wahre 
Verständnis entgegen setzen zu müssen. Das hat vielleicht anti- 
quarisches Interesse, ist aber nicht die Aufgabe des Theologen und 
des Exegeten. Wenn es feststeht, dass Goethe selber im Fischer 
mit der Todesglut, in die der Fisch aus seinem kühlen Element 
hinaufgelockt wird, eine Bratpfanne gemeint hat, so ist es über- 
flüssig, sich in die Etymologie des Wortes zu vertiefen und daraus 
den eigentlichen Sinn zu schöpfen. Wenn in Apoc. 12 der 
himmliche Kampf Michaels mit dem Drachen nach der eigenen 
^.bsicht des Verfassers das Präludium zu dem irdischen Kampfe 



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234 Verschiedenes. 

der Theokratie mit dem romischen Beich sein soll, so ist die Sache 
damit für den Exegeten erledigt*). Er kann zufrieden sein, wenn 
es ihm gelingt zu ermitteln, ia welchem Sinne der Apokalyptiker 
selber seinen Stoff verwertet; darüber hinauszugehn hat er nicht 
nötig. Rückt er einen Nebenpunkt in den Vordergrund, so zeugt das 
nicht von Methode. Denn Methode ist die auf die Hauptsache ge- 
richtete Fragstellung, es gehört dazu weiter nichts als Sachverständnis. 
Gunkel setzt seine traditionsgeschichtliche Methode der zeit- 
geschichtlichen Methode entgegen, als ob sie einander ausschlössen '). 
Er will die zeitgeschichtliche ganz aus den Angeln habe. Er 
polemisirt gegen sie, indem er ihr Dinge zur Last legt, 
an denen sie unschuldig ist, z. B. die Verkehrtheit, die drei- 
undeinhalb Jahre des Daniel als geschichtlich erfüllt nach- 
weisen zu wollen. Ich halte es nicht für nötig erst noch zu 
demonstriren , dass der eigentliche Zweck der Apokalypsen ein 
praktischer und aktueller, für die Zeitgenossen berechneter ist, und 
dass man sie datiren, die Situation, in der sie entstanden sind, 
erkennen muss, um ihr Herz zu entdecken und sie zu verstehn. 
Dass dies nicht leicht ist und nicht immer gelingt, ist kein Beweis 
gegen die Richtigkeit der Forderung. 

2. 

Die Apokalypse des Baruch ist uns nur in syrischer, die des 
Ezra in mehreren Versionen erhalten, von denen vorzugsweise die 
lateinische und die syrische in Betracht kommen. Alle diese 
Versionen sind aus dem Griechischen geflossen; es fragt sich, ob 
dies auch die Originalsprache der Autoren war, oder vielmehr das 
Hebräische'). Die Frage kann auf die Apokalypse Ezras be- 
schränkt werden, da dadurch zugleich über die Apokalypse Baruchs 
entschieden wird; eine solche Beschränkung empfiehlt sich, weil 
die Hebraismen in der nicht verwandten lateinischen Sprache 
stärker auflfallen als in der verwandten syrischen. Ewald steht 
fast allein mit der Ansicht, das s. g. 4. Esdrae sei ursprünglich 

^) Häufig steht anfangs die Vision, und nachträglich wird durch einen 
Engel die Deutung hinzugefügt. 

2) Man verzeihe die grässlichen Ausdrücke ; ich habe sie nicht verbrochen. 
Methode kann weder das eine noch das andere genannt werden; denn sie ist 
kein Hauptschlüssel, der alle Türen öffnet. 

^) Ich sage der Kürze halber hebräisch, schliesse damit aber die Möglich- 
keit nicht von vornherein aus, dass das Hebräische vielmehr Aramäisch war. 



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Zur apokalyptischen Literatur. 235 

hebräisch geschrieben^) Lücke, Volkmar, Hilgenfeld * stimmen 
darin überein, dass es vielmehr ursprünglich griechisch abgefasst 
sei '). Ihre Meinung hat sich durchgesetzt. Sie ist aber grund- 
falsch. Sie Hess sich vielleicht entschuldigen, so lange der un- 
klare Begriff des Judengriechisch noch Credit hatte und kein 
Unterschied gemacht wurde zwischen solchen jüdischen Schriften, 
die aus dem Hebräischen übersetzt, und solchen, die von vornherein 
griechisch concipirt sind *). Jetzt ist sie nicht mehr zu entschuldigen. 
Es ist weiter nichts als Trägheit, wenn man sich gewöhnlich noch 
immer bei Volkmar und Hilgenfeld beruhigt, die in Wahrheit 
nichts bewiesen haben*). Indem ich mich anschicke dies Urteil 
zu begründen, bemerke ich ein für allemal, dass ich mich 
natürlich an den von Bensly (Cambridge 1895) herausgegebenen 
genuinen Text halte und nicht an die Vulgata. In der Vulgata 
sind nämlich die Hebraismen öfters corrigirt, weil sie als un- 
verständlich empfunden wurden. 

Die syntaktischen Erscheinungen, die auf ein hebräisches 
Original schliessen lassen, stelle ich voran. Es gibt in 4 Esdrae 
nur wenig eigentliche Syntaxis, die Parataxis überwiegt. Die Sätze 
werden am liebsten mit und an einander gereiht, Protasis und 
Epitasis auf gleicher Linie, so dass es oft schwer fällt den logischen 
Hauptsatz, der natürlich dennoch vorhanden ist, zu erkennen und 
demgemäss richtig zu interpungiren; z. B. 3, 12. 17 s. 29s. 5, 4ss. 
31. 6, 18s ^). Besonders beachtenswert ist die Wendung: et 

Geschichte d. V. Israel VIL (1868) p. 69. In älterer Zeit hat Jo. 
Morinus (Exerc. bibl. p. 225) die selbe Überzeugung ausgesprochen. 

2) Lücke, Versuch einer Einl. in die Offenb. Joh. (1852) p. 152 ss. recht- 
fertigt Alles aus dem schriftstellerischen Typus des jüdischen Hellenismus. 
Volkmar, Esdra Propheta (1863) p. 325 ss. geht in Lückes Spuren. Hilgen- 
feld, Messias ludaeorum (1869), übersetzt den Lateiner ins Griechische, mit 
dieser dankenswerten Arbeit ist indessen die Frage nach der Originalsprache 
nicht erledigt. 

*) Um die Möglichkeit des hebräischen Gerundiums für das Griechische 
zu erweisen, sagt Volkmar p. 326, es sei zwar im Neuen Testament selten, 
in der Septuaginta aber gewöhnlich. 

*) Lietzmann (Menschensohn 41) verweist auf Hilgenfeld p. XXXVIII ss. 
Da wird aber nur gezeigt, dass die erhaltenen Versionen alle eine griechische 
Vorlage gehabt haben. Daran zweifelt niemand. — Ich finde übrigens, dass 
in England James das Richtige gesehen hat. 

^) Die Interpunktion ist nicht bloss in den Ausgaben der Vulgata und 
bei Volkmar, sondern öfters auch bei Bensly verkehrt So trennt er z. B. 



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236 Verschiedenes, 

imperasti pulveri et dedit tibi Adam (3, 4, 5); der Inhalt des 
Befehls wird durch et mit dem Präteritum angeschlossen und 
dadurch zugleich die Ausführung berichtet: auf deinen Befehl 
lieferte dir der Staub den Adam. Die Sätze beginnen auch schon 
mit und; in diesem Fall wird dann häufig, eben um den Beginn 
kenntlich zu machen, weitläufiger gesagt: et factum est et und 
et erit et, iö etwas anderer Anwendung auch et ecce (sehr 
häufig in Kap. 10 und 11), namentlich merkwürdig in der Ver- 
bindung et vidi et ecce (4, 48. 11, Iss.) oder et audivi et 
ecce (6, 18). Das Alles ist charakteristisch hebräisch und 
charakteristisch ungriechisch. Neben und kommen allerdings auch 
andere Partikeln am Anfang der Sätze vor, namentlich häufig die 
causativen quoniam, enim, nam. Sie haben zum Teil ad- 
versativen Sinn; nam scheint fast ausschliesslich so gebraucht zu 
werden (7, 88. 9, 32. 33. 37. 11, 4. 21. 12, 15. 34. 13, 45). 
Dies kommt auch sonst im Vulgärlatein vor, und es ist vielleicht 
nicht nötig in solchen Fällen nam und enim auf griechisches yap 
und weiter auf das adversative ^D zurückzuführen. Manchmal in- 
dessen kann man mit diesen Partikeln nach dem lateinischen 
Sprachgebrauch so wenig etwas anfangen wie nach dem griechischen, 
sie geben gar keinen Fingerzeig für den Zusammenhang, man muss 
denselben ganz unabhängig davon nach dem Innern Verhältnis der 
Gedanken bestimmen. Doch möge das auf sich beruhen, da die 
Sache auch durch das Hebräische nicht immer klar wird. Dagegen 
ein sehr auffallender Hebraismus ist wieder die Aufnahme des 
Relativs durch ein Demonstrativ. Beispiele: de quibus si mihi 
renunciaveris ex his 4, 4, de quo me interrogas de eo 4, 28, in 
quo stas super eum 6, 14, super quem stabam super eum 6, 
29, qui persemetipsum liberabit creaturam suam 13, 26^). 
Misverständnis der hebräischen Relativpartikel, welche Genus 
Numerus und Casus nicht ausdrückt, liegt vor in 9, 20 und 13, 40. 



6, 18 und 19 falsch durch einen Punkt. Ebenso 3, 9 und 10; ein grosserer 
Disjunctivus hätte dagegen vor sicut v. 10 gesetzt werden müssen. ,,Darauf 
brachtest du seiner Zeit die Sündflut über die Bewohner der Welt und ver- 
derbtest sie und ihr Untergang erfolgte auf einmal : wie dem Adam der Tod, 
so wurde ihnen die Sündflut bestimmt." 

^) Dies heisst nämlich: der Messias, durch welchen er (Gott) seine 
Creatur befreien wird; das griechische 8t' aitoü (13 *WiO ist als Reflexiv 
misver standen. 



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Zur apokalyptischen Literatur. 237 

Statt: orbis erat periclitans propter cogitationes quae in eo 
advenerunt 9, 20 hätte übersetzt werden müssen: cogitationes 
eorum qui. Und statt: quem captivum duxit Salmanassar 13, 
14 hätte es heissen müssen: quas oder quos captivos duxit. 

Ungemein häufig erscheint der hebräische Infinitivus absolutus 
neben dem Verbum finitum; er wird durch das Participium oder 
auch wol durch ein abstractes Substantivum wiedergegeben^). 
Excedens excessit cor tuum 4, 2. Festinans festinat saeculum 
pertransire 4, 26. Mensura mensuravit tempora et numero 
numeravit tempora 4, 37. Odiens odisti populum tuum 5, 30. 
Commotione commovebitur locus 6, 14. Auditu audita est vox 
tua 6, 32. Loquens locutus es ab initio 6, 38. Data dabitur 
civitas 7, 9. Si ergo non ingredientes ingressi fuerint 7, 14. 
Mandans mandavit deus 7, 21. Salvati salvabimur, tormento 
tormentabimur 7, 67. Conservati conservabimur in requie 7, 75. 
Metiens metire in temet ipso 9,1. Ostendens ostensus es patribus 
nostris in deserto 9, 29. Sion tristitia contristatur et humilitate 
humiliata est 10, 7. Apparens non appareas 11, 45. Derelinquens 
dereliquisti nos 12, 41. Revelans revelatus sum 14, 3. Peregrinantes 
peregrinati sunt 14, 28. Nicht gleich, aber ähnlich und ebenfalls 
trotz der figura etymologica schwerlich griechisch: pondera pondus 
4, 5; cogitaverunt cogitationes 4, 13. 15, 19; requiem quam 
requiescent 7, 95. 10, 24; timor quem expavi 12, 5. 

Der Infinitivus absolutus drückt häufig das Adverbium sehr 
aus. Das Hebräische hat, wie das Altsemitische überhaupt, wenig 
Adverbia; es treten Ersatzmittel dafür ein, z. B.: ich fügte hinzu 
zu sagen für: ich sagte noch weiter. Auf diese oder ähnliche 
Weise erklären sich im 4 Esdrae die Ausdrücke: adiciam (dicere) 
coram te 5, 32 ; superdixerunt 7, 23 ; noli ergo adicere inquirendo 
8, 55; adiciam dolorem 9, 41; adposui adhuc loqui 10, 19. 

Der Gebrauch der Präpositionen ist vielfach ganz hebräisch. 
So bei in: factus est Jacob in multitudine magna (zu einer grossen 
Menge) 3, 16; excössit cor tuum in saeculo hoc (du regst dich 
auf über den gegenwärtigen Weltlauf) 4, 2. 5, 33; loquebatur in me 
(mit mir) 5, 15 etc. etc. Bei super: super cubili meo recumbens 
3, 1. 12, 26; cogitationes meae ascendebant super cor meum 

^) Wie in der Septuaginta. Im Neuen Testament wol immer Zeichen der 
Übersetzung aus nichtgriecbischer Vorlage, z. B. Act 5, 28 napafttkicf. icapT^y- 
']ft(Xofitv. 



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238 Verschiedenes. 

3, 1; nomen quod invocatum est super nos 4, 25. 10, 22.; 
sta super dexteram partem 4, 47. 6, 29. 10, 30; surge 
super pedes tuos 5, 15. 6, 13. 17. 10, 30. 11, 7; super 
Stellas fulgebat facies eorum 7, 125. 8, 47. 10, 6; super terram 
natus est homo 7, 127. 11, 6; gaudium super eos quibus persuasa 
est salus 7, 131. Domine super nos wechselt ab mit domine in 
nobis 8, 6. 45. 9, 29. Nach dicere steht fast nie der Dativ, 
sondern vielmehr die Präposition ad. Oder wenn eine Respekts- 
person, namentlich Gott selber, angeredet wird, so steht cor am 

5, 22. 32. 7, 87, in conspectu 8, 28, ante oculos 4, 44, wie 
im späteren Hebräisch ^:s^, in der Septuaginte ^vwictov und im 
Targum regelmässig dp. In conspectu, ante oculos wird 
wie ^JS7 oder ^rP7 rein präpositionell gebraucht, ebenso in 
manibus wie n^3: pastor (derelinquit) gregem suum in manibus 
luporum 5, 18. Adiciam coram te 5, 32 bedeutet: ich will dir 
noch mehr sagen; welcher Lateiner oder Grieche würde sich aus 
freien Stücken so ausdrücken! „Unrecht vor dir", „gottlos vor 
dir" (d. h. was dir als unrecht gilt, unrecht für dich) 3, 8. 13 ist 
ebenfalls nicht griechisch, obschon es als Reminiscenz wol auch 
bei Paulus vorkommt. Durchaus hebräisch aber ist radix sig- 
nata est a vobis 8, 53: die Wurzel (des Bösen, der angeborene 
böse Hang) ist versiegelt, so dass sie nicht mehr in euch wirkt — 
nach dem prägnanten negativen Gebrauch von )D')« 

Der Dialog zeigt die charakteristische hebräische Weitläufig- 
keit. Er antwortete und sprach — so heisst es in den ersten 
Kapiteln durchweg, hinterher wird es dem Übersetzer zu viel und 
er beschränkt sich. So auch: frag und sag 5, 46. 50. Vor den 
Anfang der oratio recta wird immer pffichtschuldigst ein ID^b 
gesetzt, es findet sich sogar dixit dicens 11, 37. 12, 40. Die 
Rede an den Engel beginnt mit domine, bez. mit deprecor (rogo) 
te domine 4, 22. 5, 56, die an Gott selber correct mit dominator 
domine (si inveni gratiam ante oculos tuos); doch verwischt sich 
zuweilen der Unterschied zwischen Gott und dem Engel. Der Redende 
nennt sich dem Angeredeten gegenüber dein Knecht 5, 45. 56 

6, 12. 7, 75. 102. 8, 6. 24. 10, 37. 12, 8. 13, 14, oder deine 
Magd 9, 43. 45. 

^) Der Gebrauch der Tempora spricht ebenfalls für hebräisches Original, 
doch verzichte ich darauf dies nachzuweisen, weil es ohne Exegese des Zu- 
sammenhangs nicht geschehen kann. • 



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Zur apokalyptischen Literatur. 239 

Auch sonst zeigt sich die Umständlichkeit der hebräischen 
Redeweise, namentlich in dem kindlich anschaulichen Hervor- 
heben selbstverständlicher Voraussetzungen. Vad e pondera mihi 4, 5 ; 
venite et eamus 4, 14; venite ascendentes debellemus 4, 15; 
vade et interroga 4, 40: bei Imperativen wird das Eintreten in 
die Handlung von der Handlung selber unterscheiden*). Respexi 
oculis meis et vidi 9, 38; apertum est os meum et inchoavi 
dicere 9, 28; cecidi in faciem meam 4, 11; surge super 
pedes tuos 5, 15. 6, 13. 17. 10, 30. 11, 7; capax est tibi visus 
oculorum videre 10, 55; torquent me renes mei 5, 31; 
cogitationes meae ascenderunt super cor meum 3, 1; conturbatus 
est sensus cordis tui 10, 31; ne expavescat cor tu um 10, 55; 
vultus tuus tristis 5, 16; amara animo 9, 41; figmentum 
manuum tuarum 3, 5. 8, 7; plantavit dextera tua 3, 6: die 
handelnde oder empfindende Person genügt nicht, es muss auch 
das Organ hinzugefügt werden, mit dem sie handelt oder empfindet. 
Man sagt: deine Rechte hast gepflanzt, für: du hast gepflanzt; dein 
Gesicht ist traurig, für: du bist traurig u. s. w. In Ausdrücken 
wie: die Tiere oder die Bäume des Feldes (4, 13) kann sich 
der Begriff nicht von dem Orte der Anschauung losreissen. Etwas 
anders erklärt sich cor meum turbabatur in me (6, 36. Luc. 24, 32) 
vgl. Ps. 42, 6. 12. 

Richtige Hebraismen sind ferner: dixi in corde meo 3, 28 
accepisti in corde tuo 7, 16; reddere animam suam 7, 75; non 
dirigentur viae eorum (söo8o5a&at 5, 12); dare vocem suam 5, 5. 7 
nomen uni vocasti 6, 49; nomen tuum invocatum est super nos 
4, 25. 10, 22; fiebat species coruscus 10, 28; factus est in uno 
casus eorum 3, 10; factus est Jacob in multitudine magna 3, 16; 
factus est in vano 4, 16; concupiscentia gustus multiformis (von 
mancherlei Art lieblichen Geschmacks) 6, 44. Ich füge noch 
einiges Lexikalische hinzu: confractio (12\i/) 7, 108, cor maris 4, 7, 
epulum (Hochzeit) 9, 47, flumen (Euphrat) 13, 40, lignum (Baum) 
4, 13. 5, 5, multus (für magnus) 10, 38, nationes (nn^in) 3, 7, 
nomina (Individuen, vgl. Apoc. lo 11, 13) 3, 36, opus (Lohn) 7, 35, 



^) ungemein häufig wird das allgemeine Incipere in dieser Weise ge- 
braucht, nicht bloss bei Imperativen (6, 8. 19. 32. 7, 75. 88. 97. 122. 126 etc.) 
Wenn Gott das Subject ist, so entspricht ^^KIH» Auch in den Evangelien 
ist dfp^eodai ungemein häufig. 



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240 Verschiedenes. 

proximus 5, 11^), radix (Pflanze) 5, 28. 8, 53, a saecnlo (cbiPD) 
9, 7. 18, sermo (^21) 7, 101. 10, 5, spiritus intellectus 5, 22, 
unicus (l^n^) 5, 28, vas bellicosum (Waffe) 13, 9. 28, via (Verfahren, 
Ratio) 4, 3 und öfters. Unter den Verbis sind hervorzuheben 
vincere und vinci (HDT und 3in) 3, 21. 6, 28. 7, 115. 128. Ferner 
confortare (pTn) 5, 15, congregari (P|DNJ) 7, 33; inquirere iniustitiam 
ab (|D tS^nn) 6, 19, manere und sperare (n)p) 4, 35. 7, 93. 95, 
spernere (absolut, wie xaxacppovetv = i:d), Salvari hat 8, 41 ganz 
die Bedeutung von n^n. Man könnte aus 4 Esdrae eine ganze 
hebräische Semasiologie Rhetorik und Stilistik zusammenstellen'). 
Auf Lücke, Volkmar,HiIgenfeld und Genossen hat alles dies keinen 
Eindruck gemacht. Sie berufen sich dagegen auf Gräcismen, die 
in den ja sämtlich aus dem Griechischen geflossenen Afterversionen 
des 4. Esdrae vorkommen. Gräcismen wird man aber auch in 
der Septuaginta finden. Die jüdischen Übersetzer konnten natür- 
lich griechisch, und wenn sie frei geschrieben hätten, würden sie 
diese Fähigkeit schon bewiesen haben. Nur unter dem Zwang der 
Übersetzung behielten sie vielfach Hebraismen bei; nicht aus 
Grundsatz, sondern aus Unbeholfenheit, darum auch nicht consequent*). 
Sie vermieden Gräcismen keineswegs, wenn sie ihnen zu rechter 
Zeit einfielen und äquivalent schienen. Gräcismen fallen also auch 
in einer griechischen Übersetzung nicht auf. Beweisend für 
Lücke und seine Anhänger würden nur Wortspiele sein, bei denen 
es feststünde, dass sie notwendig vom Schriftsteller selber 
beabsichtigt und dass sie nur im griechischen Gewände möglich 
wären. Solche aber lassen sich nicht nachweisen. Sonderbarer 
VTeise gibt man für das Buch Henoch ein nicht-griechisches 
Original zu, obwol dasselbe doch lange nicht so deutlich durch- 



*) Interrogabit regio proximam suam: ein Land fragt das andere. 

2) Es finden sich auch Misverständnisse des Übersetzers, die sich aus dem 
Hebräischen berichtigen lassen; aber es ist weitläufig sie zu erörtern, und ich 
verzichte darauf. Man kann s|cb dabei auch irren. So habe ich früher Adam 
in 3, 5 (Imperasti pulveri et dedit tibi Adam) als Misverständnis von Adama 
betrachtet, nach Analogie von i^Utn i% täv CtCav^wv tou ASafx (Vita Adae 
§ 16 für rfii Y^c)- Aber Adam ist richtig; es wird bestätigt durch 7, 116 
(meliuserat non dare terram Adam) und durch Apoc. Baruch § 48 gegen 
Ende (tu enim olim imperasti pulveri ut daret Adam um). 

^) Aus diesem Grunde ersetzt auch die sklavischste Übersetzung niemals 
das Original. 



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^ Zur apokalyptischen Literatur. 241 

L schimmert wie im 4 Esdrae. Man tappt in ratloser Unschuld 

^ hin und her. 

I Ich habe die Frage offen gelassen, ob die Apokalypse Ezras 

I ursprünglich hebräisch oder aramäisch geschrieben sei. Der 

t Verfasser des Daniel gebraucht beide Sprachen, der des Henoch 

[ wahrscheinlich das Aramäische^). Hinterher aber scheint das 

l Hebräische als Literatursprache einen neuen Aufschwung genommen 

5 zu haben, im Zusammenhange mit der nationalen Wiedergeburt 

' des Volkes. Die Apokalypse Ezras scheint hebräisch abgefasst zu 

> sein. Dafür spricht das ewige et factum est, et erit, et ecce, 

k und namentlich der häufige Gebrauch des Infinitivus absolutus. 

^ Derselbe findet sich zwar vereinzelt auch in syrischen Original- 

E Schriften — Peschita und Targume kommen natürlich nicht in 

P Betracht — , aber niemals in dem doch immer zunächst zu berück- 

sichtigenden jüdischen Aramäisch der biblischen Bücher Daniel 
und Ezra. Ein strengerer Beweis wird sich kaum führen lassen; 
es kommt indessen nicht viel darauf an. 

Das Datum der Apokalypse Ezras pflegt man nach dem Adler- 
gesicht (Kap. 11. 12) zu bestimmen; man setzt darnach ihre Ab- 
fassung in die Zeit Domitians. Zwar stellt der Text in seiner 
gegenwärtigen Gestalt dieser Rechnung grosse Schwierigkeiten 
entgegen'). Aber daran ist eine spätere Überarbeitung schuld, 
welche die Flügel einzeln, statt paarweise gezählt hat, wahrschein- 
lich um die Frist der Erfüllung von Domitian auf einen späteren 
römischen Kaiser hinauszuschieben. So nehmen Volkmar, Renan 



') Die Form der Namen weist auf das Aramäische; so der Plural -/tpoM- 
ßcv 14, 11. 18 und mehrere Status empb., besonders (jiavSoßapa uud ßaß57]pa 
28, 1. 29, 1, das als Misverständnis für fJiaSßapa scbwer in die Wage fällt. 
Freilich zä ocißßa'ca aÖTÖv 10, 17 eher auf das Hebräische; jedenfalls ist DPlDt^ 
ihr Greisenalter: „Sie verbringen alle Tage ihrer Jugend und ihres 
Alters (nicht: und ihre Sabbathe) in Frieden**. Ich bemerke bei dieser Ge- 
legenheit, dass xaT' dXi^^etav 5, 8 weder in xar' da^ßetav noch in xaxd Xi^^v, 
sondern in xax' ciyvoiav zu verbessern ist: wegen des Gegensatzes xaxd bntp-q- 
«pavetev. FNO = AHO, t = ei. üeber das Alter der Grundschrift des Buchs 
Henoch wage ich keine Vermutung. Die Art der Eschatologie reicht zu einer 
genauen Datirung nicht aus, die übliche Ansetzung nach der Geschichtsvision 
steht auf schwachen Füssen. 

^ Vermutlich wird Gunkel sie lösen, indem er die „zeitgeschichtliche" 
Deutung des Adlers verwirft und ihn aus der babylonischen Mythologie erklärt. 

Wellhauien, Sklsien und Vorarbeitea. VI. 16 



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242 Verschiedenes. 

und Dillmann mit Recht an '). Die Mögliclikeit, sechs Flügelpaare 
als zwölf Flügel zu bezeichnen, kann nicht bezweifelt werden'). 
Praktisch aber ist mit einem einzelnen Flügel nichts anzufangen. 
Mit einem einzelnen Flügel fliegt der Adler nicht, und eine gleich- 
zeitige Regierung von zwei Kaisern hat es in Rom als ständige 
Einrichtung nicht gegeben'). 

Die grossen Flügel, die kleinen Flügel, und die Häupter 
müssen drei auf einander folgende Gruppen von Kaisern dar- 
stellen, die unter sich verbunden sind und zusammen gehören^). 
Die erste Gruppe kann, eben als erste, nur die Dynastie der 
Julier sein, und dies wird dadurch bestätigt, dass die Charakteristik 
des zweiten Gliedes dieser Gruppe nur auf den Kaiser Augustus 
passt, wie allgemein anerkannt wird. Also sind die zwölf grossen 
Flügel die sechs Julier, von Cäsar bis Nero. Weiter kann kein 
Zweifel sein, dass die drei Häupter der letzten Gruppe — die 
natürlich nicht paarweise erscheinen — die drei Flavier sind. 
Die Zwischengruppe der kleinen Flügel muss demnach in dem 
Interregnum zwischen den Juliern und den Flaviern gesucht werden. 
Aber die Beschreibung dieser Zwischengruppe ist verworren, und 
der ursprüngliche Sinn ist weder von Volkmar noch von Dillmann 
ins Reine gebracht worden. Eben hier nämlich hat die Über- 
arbeitung störend eingegriffen. Ich setze der Anschaulichkeit 
wegen den Text her, mit Weglassung der überflüssigen zwei 
ersten Verse*). 



1) Volkmar a. 0. p. 338 ss. Renan, Revue des Deux Mondes 1875, 1 
Mars p. 127 SS. Dillmann, Berliner Akad. Sitzungsberichte 1888 p. 215 ss. 

') Isa. 6, 2. Ezech. 1, 6. 11. Nach Philo (Müllers Fragm. H. G. 3, 569) 
hatte der El Yt)n Byblos sechs Flügel; auf dem erhaltenen Bilde sind es 
drei Paare. 

3) Man hat kaum Anlass die etwas prekäre Vermutung zu Hilfe zu nehmen, 
dass der Autor den Kaiser als den beständigen ersten Consul neben einem 
wechselnden zweiten (als den rechten Flügel neben dem linken) angesehen 
habe, in einer Art Vermischung der alten republikanischen Regierungsform 
mit der imperatorischen. 

*) Bei der dritten Gruppe ist dies ausdrücklich gesagt v. 29 : das mittlere 
Haupt, das grosser war als die beiden anderen, umfasste die beiden anderen mit. 

^) Diese beiden Verse (20. 21) greifen dem Folgenden vor, um einen Zu- 
satz anzubringen, des Inhalts, dass zwar noch mehr als sechs Flügelchen 
während des Interregnums sich erhoben hätten, aber nicht in Rechnung ge- 
zogen wären, weil sie tatsä(^licfa nicht zur Herrsehaft gelangten. Sie stören 



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Zur apokalyptischen Literatur. 243 

22. „Und ich sah darauf, und sieh die zwölf Flügel waren ver- 
schwunden [und zwei Flügelchen]. 23. Und nur die drei ruhenden 
Häupter und die sechs Flügelchen waren noch übrig am Leibe 
des Adlers. [24. Und zwei von den sechs Flügelchen sonderten 
sich ab und steckten sich unter das Haupt an der rechten Seite, 
die vier anderen aber blieben an ihrem Orte.] 25. Und diese 
ünterflügel gedachten sich zu erheben und zur Herrschaft zu 
gelangen. 26. Und der erste erhob sich, verschwand aber sofort, 
27. und der zweite auch, verschwand aber noch schneller. 28. Und 
das noch übrige Paar^) gedachte bei sich ebenfalls zu herrschen; 
29. als es sich aber damit trug, da erwachte eins der drei ruhenden 
Häupter, das mittlere ^); das war grösser als die beiden anderen 30. 
und umfasste die beiden anderen mit. 31. Und das Haupt, mit 
denen die ihm beistanden, wandte sich und frass das Paar Unter- 
flügel, das nach der Herrschaft trachtete. 32. Dieses Haupt aber 
hatte die ganze Erde in der Gewalt und zwang ihre Bewohner 
mit grossem Druck und führte die Herrschaft über den Erdkreis 
mächtiger als alle die ehemaligen Flügel. 33. Und darauf ver- 
schwand das mittlere Haupt plötzlich, ebenso wie die Flügel. 34. Nun 
waren noch zwei Häupter übrig, die ebenfalls über die Erde und 
ihre Bewohner herrschten. 35. Und ich sah, wie das Haupt auf 
der rechten Seite das auf der linken frass." 

In V. 22 fallen die beiden kleinen Flügel auf. Denn es wird die 
Summe von dem was in v. 12 — 19 berichtet ist zusammengezogen; 
da dort aber nur von den zwölf grossen Flügeln und nicht ausser- 
dem noch von zwei kleinen gehandelt wird, so darf auch hier von 
zwei kleinen keine Rede sein; denn in einem Resume werden keine 
neuen Tatsachen vorgebracht. Et duo pennacula ist also ein 
Zusatz. Derselbe hängt zusammen mit einer andern Interpolation 
in V. 11: et numeravi contrarias pennas eins et ecce 
erant octo. In dem Stück, worin ausdrücklich von den kleinen 
Flügeln oder den Gegenflügeln — die Ausdrücke wechseln gleich- 
bedeutend — gehandelt wird, sind es nicht acht, sondern nur 



formell, inhaltlich widersprechen sie der ursprünglichen Anschauung nicht. 
Mit Y. 19 dürfen sie nicht verbunden werden. 

^) Wunderlich hat hier Volkmar die Bedeutung von superare verkannt. 

^ Zeitlich kommt das mittlere Haupt zuerst, es ist nur örtlich das 
mittlere, in der Anschauung der Vision, worin der Vogel mit all seinen Gliedern 
auf einmal und gleichzeitig erscheint, als dreiköpfiger Adler. 

16* 



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244 Verschiedenes. 

sechs. Der Interpolator hat wahrscheinlich zu Prolongations- 
zwecken eine Erhöhung der Zahl vorgenommen, muss sie aber 
sofort in v. 22 wieder unschädlich machen, ehe noch die kleinen 
Flügel überhaupt in Aktion treten. Es ist übrigens in v. 11 
nicht etwa bloss sex in octo verwandelt; sondern der ganze Vers 
ist eingeschoben. Denn er erscheint an dieser Stelle wie mit den 
Haaren herbeigezogen. — In v. 24 wird umgekehrt der Versuch 
gemacht, die sechs kleinen Flügel vorläufig auf vier zu reduciren: 
et vidi et ecce de sex pennaculis divisa sunt duo et 
manserunt sub capite quod est ad dexteram partem, 
nam quatuor manserunt in loco suo. Dazu gehört als 
Consequenz, was über das Ende der zwei abgetrennten kleinen 
Flügel in 12, 2. 3 gesagt wird: et surrexerunt alae duae quae 
ad eum*) transierunt eterectae sunt ut regnarent, et erat 
regnum eorum exile et tumulti plenum, et vidi et ecce 
ipsa non apparescebant. Für die ursprüngliche Conception 
gehören die sechs kleinen Flügel grade so zusammen und in eine 
Zeit, wie die zwölf grossen Flügel und die drei Häupter; es dürfen 
nicht zwei von ihnen aus dem Fache herausgenommen und in ein 
anderes eingeschmuggelt werden. Auch dürfen sie hinterher nicht 
dann noch zum Vorschein kommen und zu flattern versuchen, 
nachdem schon der Löwe von Juda mit dem rechten Haupt fertig 
geworden ist: denn das ist nach der Absicht des ursprünglichen 
Verfassers der der Hoffnung angehörende Schluss des ganzen Dramas, 
er sieht nicht über das rechte Haupt hinaus. Nach Fortfall von 
v. 24 ergibt sich engster Anschluss von v. 23 an v. 25; die hae 
subalares v. 25 sind die sex pennacula v. 23 und es beginnt 
der Bericht über ihr Ergehen. In v. 26 erhebt sich der erste 
kleine Flügel und verschwindet, in v. 27 erhebt sich der zweite 
und verschwindet, in v. 28 ss. erheben sich die zwei die noch 
übrig sind und werden von dem nun erwachenden mittleren 
Haupte gefressen. Damit sind die sämtlichen sechs kleinen Flügel 
abgetan'). Eins und noch eins und zwei sind aber doch nicht 
sechs, sondern nur vier? Der Verfasser lüftet hier etwas den 
Schleier, am Schluss der ganzen Aufzählung der Flügel. Er 



^) Inconcinn für ad id, nämlich Caput dexterum. 

^ Die duae quae superaverant y. 28 sind das letzte Paar. Es wird 
dadurch die von v. 24 introducirte Vorstellung ausgeschlossen, dass es ausser- 
dem noch ein allerletztes Paar gab, welches erst post festum auftreten sollte. 



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Zur apokalyptischen Literatur. 245 

behandelt den Dual an dritter Stelle ebenso als Einheit wie die 
Singulare an erster und zweiter Stelle. Alle drei sollen der Sache 
nach Singulare sein, einzelne Regenten, der Form nach aber Duale, 
Flügelpaare: drei mal zwei macht sechs. Wer die sechs Unter- 
flügel oder die drei Zwischenkaiser sind, darüber kann kein 
Zweifel sein*). 

Nach Beseitigung der Störungen schliesst sich die Kaiserreihe 
lückenlos, auf die der Autor zurücksieht: die sechs Julier, Galba 
Otho Vitellius, die drei Flavier. Damit ist dann auch die Tat- 
sache gesichert, dass er unter Domitian geschrieben hat. Gegen 
diesen richtet sich das Auftreten des Messias, das natürlich noch in 
der Zukunft liegt. Domitian lebt also noch. 

Das Adlergesicht ist indessen ein Anhang, und man könnte 
zweifeln, ob das Datum des Anhangs auch für die Apokalypse Ezras 
im Ganzen gelte. Dass sie aus der Zeit nach der Zerstörung 
Jerusalems durch die Römer stammt, sieht man freilich, sobald 
man auch nur den Anfang gelesen und etwa mit dem Anfang der 
Apokalypse Baruchs zusammen gehalten hat; das Problem ist, wie 
nur diese Katastrophe habe zugelassen haben können, der Zweck, 
der durch sie erzeugten Verzweiflung zu begegnen'). Und ein 
bestimmterer Anhalt für die Bestimmung der Abfassungszeit, der 
von dem Adlergesicht unabhängig ist, scheint sich aus 5, 1 — 13 
zu ergeben, wo Ezra vom Engel Aufklärung erhält über die Zeichen, 
die das Nahen des Endes verkünden. 

1. „Siehe es kommen Tage, da werden die Bewohner der Erde 
in grosse Verwirrung geraten, und der Weg der Wahrheit wird 
verborgen sein und das Land unfruchtbar an Glauben. 2. Und 
die Ungerechtigkeit wird noch grösser als wie du sie jetzt siehst 
und von früher gehört hast. 3. Und das jetzt herrschende Land 

*) Die Interpolationen in der Vision haben selbstverständlich ihre Nach- 
wirkung in der Deutung. Darauf brauche ich indessen hier nicht einzugehn. 

2) Unbegreiflich ist es, dass Hilgenfeld auf weit frühere Zeit zurückgeht. 
Er versteht unter der Herrschaft Edoms 6, 9 die Herrschaft des Herodes. »Die 
Hand Jakobs — heisst es dort — hielt am Anfang die Ferse Esaus. Das Ende 
des ersten Äon ist Esau und der Beginn des zweiten ist Jakob, die Hand ist 
das Erste am Menschen und die Ferse das Letzte. Zwischen Ferse und Hand 
nun suche nichts weiteres, Ezra!* Der erste Äon ist der, in dem die Heiden 
die Weltherrschaft haben, der zweite der, in dem die Juden herrschen; zwischen 
dem Ende des ersten und dem Anfang des zweiten liegt kein Interim mehr. 
Die Ära der Heiden geht zu Ende mit der Weltherrschaft Edoms, dieser folgt 



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246 Verschiedenes. 

wird ein wüster Wirrwarr werden, und man wird es verödet sehen 
4. Wenn aber der Höchste dir zu leben gestattet, so wirst du 
sehen, nach ... .^), da wird plötzlich die Sonne nachts leuchten 
und der Mond bei Tage, 5. und von dem Baume träufelt Blut, 
und der Stein gibt eine Stimme von sich, und die Völker werden 
erregt und die . . .') wechseln. 6. Und zur Herrschaft gelangt 
einer, den die Bewohner der Welt nicht erwarten, und die Vögel 
wandern fort und das Meer') wirft seine Fische aus. 7. Und einer, 
den die Meisten nicht kennen*), lässt nachts seine Stimme er- 
schallen, und Alle werden seine Stimme hören. 8. Und ein Erd- 
spalt entsteht auf weite Strecken und Feuer bricht lange Zeit 
aus^), und die wilden Tiere verlassen ihr Revier und die Weiber 
bringen Misgeburten *') zur Welt, 9. und in den süssen Quellen 



die der Juden auf der Ferse d. h. zu deutsch: auf dem Fusse. Mit Edom 
können unmöglich die Antipatriden gemeint sein, weil sie niemals die Weltherr- 
schaft besassen und dem Äon ihren Stempel aufdrückten, wie die Chaldäer, 
Perser, Griechen und Romer, also auch nicht als Repräsentanten der letzten Phase 
desselben gelten können. Vielmehr ist Rom unter Edom zu verstehn. Diese 
versteckte Bezeichnung ist bekanntlich bei den Rabbinen gebräuchlich genug. 
Ich habe in der oben gegebenen Übersetzung die Lücke des Lateiners in v. 9 
nach dem Syrer und Äthiopen ergänzt: die Hand ist das Erste am Menschen 
und die Ferse das Letzte. Vielleicht handelt es sich um eine (richtige) Glosse, 
die in den Lateiner nur fragmentarisch eingedrungen ist. 

Post tertiam turbatam ist unverständlich, denn in v. 3 ist schon 
das Ende der römischen Zeit als Gegenwart angenommen und nach der 
Zerstörung der dritten (griechischen) Monarchie käme also post festum. 
Post tertiam tubam der Vulgata ist schlechte christliche Correctur; Ezra 
kennt wie alle Älteren nur eine Posaune. 

2) Gressus commutabuntur. Ich habe früher einmal vermutet, dass 
eine Verwechslung von hta^-f^iaxa und Sia^fxaxa vorliege. 

^) Sodomiticum ist ein falscher Zusatz; das Tote Meer hat gar keine 
Fische. Vgl. vielmehr Osee 4, 3. Sophon. 1, 3. 

*) Quam (non noverunt multi) bezieht *)tiyx falsch auf vocem. Es muss 
quem heissen; nur so bekommt dabit vocem ein Subject, das eben in dem 
Relativsatz enthalten ist, nach hebräischer Weise. 

^) Chaus ist vom Syrer richtig als y(d(Sp.a verstanden (Zach. 14, 4); denn 
das Feuer bricht daraus hervor. Per loca multa bedeutet nicht: an vielen 
Stellen, sondern: auf weite Strecken. Der Ausdruck ist prägnant für: der 
Riss entsteht und geht über weite Strecken. Frequenter bedeutet in 4 Esdrae 
nicht: häufig, sondern: lange Zeit, dauernd (4, 26. 7, 112). 

^) Menstruatae monstra ist aus den Varianten monstrua monstra 
entstanden. Richtig Syr. und Aeth. 



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Zur apokalyptischen Literatur. 247 

findet sich Salzwasser. Und die Freunde bekämpfen sich plötzlich ')» 
und der Verstand verbirgt sich dann und die Weisheit entfernt 
sich in ihre Kammer, 10. und sie wird von Vielen gesucht aber 
nicht gefunden, und es mehrt sich Ungerechtigkeit und Zuchtlosig- 
keit auf Erden. 11. Und ein Land fragt das andere und sagt: ist 
die Gerechtigkeit bei dir vorbeigekommen oder*) einer der gerecht 
handelt? und jenes wird nein sagen. 12. Und in jener Zeit 
werden die Menschen hoffen und nicht erlangen, sich mühen aber 
kein Glück haben. 13. Diese Zeichen bin ich befugt dir mitzuteilen." 
Unter der vagen und phantastischen Spreu* apokalyptischer 
Teratologie finden sich hier doch einige wirkliche Zeichen der Zeit 
versteckt. Die grosse Verwirrung im Römerreich und der Wechsel 
der Herrscher (v. 3. 5) führt auf die Zeit nach dem Untergange der 
julischen Dynastie. Der geheimnisvolle Mann, der plötzlich zur Herr- 
schaft gelangen wird (v. 6. 7,), kann kaum etwas anderes als das 
neronische Gespenst sein. Mit dem Feuer, das aus dem grossen 
Erdspalt lange Zeit hervorkommt (v. 8), wird auf den Ausbruch des 
Vesuv im Jahre 79 Bezug genommen '). Nero und der Vesuv stützen 
einander, denn sie werden auch sonst in Verbindung gebracht. 
In den sibyllinischen Büchern 4, 117 — 139 heisst es bekanntlich, 
der acpavToc aTnxjToc jenseit des Euphrat werde mit vielen 
Myriaden hervorbrechen, nachdem aus einer Kluft italischer Erde 
sich ein Feuer bis zum Himmel erhobea und grosses Unheil auf 
Erden angerichtet habe. Die Ähnlichkeit der beiden Weissagungen 
führt auf ungefähr gleichzeitige Abfassung. Die sibyllinische ist 
indessen die ältere. Denn in der des Ezra wird das feurige 
Zeichen sehr abgeschwächt, dadurch dass es mit nichtssagenden 
anderen in einem Haufen steht; auch Nero selber erscheint da 
nur „unter Anderem". Sie ist schwerlich, wie die sibyllini3che, 
noch unter der Aufregung des Erlebnisses und des ersten Gerüchtes 
geschrieben, bald nach 79, sondern wol erst gegen Ende der 
Regierung Domitians. Dann stanimt also das Adlergesicht aus der 
gleichen Zeit wie 4 Esdrae 3 — 10, wenngleich seine formelle Zu- 
gehörigkeit zu dem eigentlichen Corpus zweifelhaft ist. 



*) So Syr. und Aeth. statt omnes des Lateiners. 

2) Syr. und Aeth. schieben mit Recht ein oder ein; im Lateiner wird 
es vermisst. 

^ Dass der Verfasser die Grösse des Erdspalts übertreibt und yielleicht 



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248 Verschiedenes. 

Die Apokalypse des Baruch ist eine Zwillingsschwester der 
Apokalypse Ezras. Sie hat die gleiche Veranlassung und den 
gleichen Zweck. Die Übereinstimmung erstreckt sich bis in die 
Einzelheiten, so dass die beiden Schriften nicht unabhängig von 
einander entstanden sein können. Gemeiniglich schreibt man der 
Apokalypse Ezras die Priorität zu. Nur Schürer (2, 642 ss.) ist 
von den Gründen, die man dafür anführt, nicht überzeugt. Er 
lässt sich nicht rühren von Dillmanns beweglicher Rede, in 4 Esdrae 
sei „die Stimmung trostloser, das Ringen nach Aufschluss und 
Beruhigung tiefer unmittelbarer und gewaltiger, die Eindrücke der 
furchtbaren Ereignisse noch frischer, eben darum auch die Darstellung 
bei aller Redseligkeit noch packender". Er findet eher umgekehrt, 
dass grade bei Baruch die Frage im Vordergrund stehe, wie das 
Unglück Israels und die Straflosigkeit seiner Bedrücker möglich 
und denkbar sei, während dem Ezra das theologische Problem 
m^ehr am Herzen liege, weshalb doch so Viele verloren geben und 
so Wenige gerettet werden. Er hat vollkommen Recht. Man erwäge 
eine Stelle in § 48 der Apokalypse Baruchs, die von den Zeichen 
der Endzeit folgendermassen redet. 

„Es wird viel Gerücht und nicht wenig Gerede geben und 
Gaukelwerke werden gezeigt und nicht wenige Verheissungen 
werden vorgetragen, die sich zum teil als nichtig erweisen und 
zum teil sich bestätigen. Und Ehre wird in Schmach verwandelt 
und Stärke erniedrigt zur Verachtung, und Festigkeit löst sich auf 
und Schönheit wird zu Schande. Und Manche werden dann zu 
Manchen sagen: wo hat sich die Menge der Einsicht verborgen und 
wohin die Fülle der Weisheit verzogen? Und während diese 
solche Gedanken hegen, erwacht der Eifer in solchen, bei denen 
man es nicht hätte vermuten sollen, und Leidenschaft ergreift 
den der ruhig war. Und Viele werden in zornige Erregung 
kommen, und sie bringen Unheil über Viele. Und sie werden 
Heere aufbringen, die Blut vergiessen, und mit ihnen zusammen 
werden sie zuletzt zu Grunde gehn." 

Die Zeit des jüdischen Krieges ist hier nicht zu verkennen. 
Bezeichnend dafür ist das Anwachsen der Gaukler und Propheten, 
das Zurücktreten der Vornehmen und der Weisen, und hinwiederum 



gar annimmt, Herculanum und Pompeji seien in den Spalt versunken, kann 
nicht Wunder nehmen und ist kein Einwurf gegen die Deuttmg. 



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Zur apokalyptischen Literatur. 249 

das Erwachen des Eifers und der Leidenschaft in Leuten denen 
man es nicht hätte zutrauen sollen, das Aufkommen der Zeloten, 
die die Menge mit sich fortreissen und grosse Heere auf die Beine 
stellen, freilich nur zu ihrem und der Anderen Verderben. Diese 
Schilderung hat beinah historischen Wert, es zeigt sich in ihr die 
Empfindung des Erlebten; wer sie geschrieben hat, hat seine Kunde 
nicht von Hörensagen. Im 4 Esdrae gibt es keine Stelle von annähernd 
gleicher Actualität. Wo dort „der Eindruck der furchtbaren Ereignisse 
frischer" hervortritt, hat Dillmann leider nicht gesagt; es würde 
ihm auch schwer geworden sein, auf diese Frage zu antworten. 
Grade das Gegenteil ist der Fall. Dass die Katastrophe statt ge- 
funden hat, gibt sich zwar deutlich kund, aber gar nicht, dass 
der Verfasser dabei gewesen ist und noch eine lebendige Erinnerung 
von den Vorgängen hat, die dazu geführt haben. Er setzt nur 
das Resultat voraus, [von einem Haften des Herganges in seiner 
Seele verrät sich keine Spur. 

Es ist noch etwas Weiteres erwägenswert. Baruch erlebte 
wirklich die Zerstörung Jerusalems und die Vernichtung des 
jüdischen Gemeinwesens, Ezra aber trat erst anderthalb Jahr- 
hunderte später auf den Schauplatz. Die Wahl Baruchs als 
Pseudonym für einen Autor, der ebenfalls unter dem Eindruck der 
Zerstörung Jerusalems schrieb, wenn auch nicht der ersten sondern 
der zweiten, lag also weit näher als die Ezras; diese erklärt sich 
am besten dann, wenn Baruch bereits verausgabt war. Und ein 
gewisses Eingeständnis der Posteriorität der Apokalypse Ezras scheint 
darin zu liegen, dass sie erst im dreissigsten Jahr nach der Kata- 
strophe entstanden sein will, während Baruch seine Visionen noch 
auf den rauchenden Trümmern Jerusalems hat, unmittelbar nach 
der Zerstörung der Stadt. 

Zum Schluss bemerke ich, dass die Frage nach dem zeitlichen 
und literarischen Verhältnis der Apokalypsen Baruchs und Ezras 
allerdings nicht absolut gestellt werden darf. Es brauchen nämlich 
nicht alle ihre Teile gleich alt zu sein. Meine Vermutung soll 
nur für den Kern der beiden Schriften gelten. 



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250 Verschiedenes. 

€ber einige Arten schwacher Yerba im Uebräisehen. 

Schwache Verba sind solche, die nicht völlig zu 'friliteren 
ausgebildet, vielmehr auf einer Übergangsstufe stehn geblieben 
sind. Die Sprache versucht für den fehlenden dritten Radikal 
Ersatz zu schaffen. Am Anfang bei den V'S, beziehentlich auch 
]"?, auf die ich mich hier nicht einlassen will. In der Mitte und 
am Ende bei den V'P, V'% und n"b. 

1. Den ersten Schritt zur richtigen Auffassung der V"V und 
)"y hat Ewald getan. Er stellt sie als Bilitera zusammen und 
gibt mit der Bezeichnung der fy als mittelvokaliger Wurzeln 
einen bedeutungsvollen Wink (Grammatik § 112. 113). Friedrich 
Böttcher ist ihm gefolgt, er spricht sich (Lehrbuch § 1127) 
schon klarer aus: die V'V und die )''V streben ihren zweilautigen 
Stamm dreilautig zu verstärken ' oder einen dritten Laut an- 
zunehmen, jene durch Consonantenvermehrung, diese durch Vokal- 
dehnung. Indessen weder Ewald noch Böttcher haben ihren 
Gedanken durchzuführen und fruchtbar zu verwerten gewusst. 
Das ist vielmehr erst von B. Stade (Lehrbuch 1879 p. 109) und 
namentlich von August Müller (Zeitschrift der D. M. G. 1879 
p. 698—700) geschehen. 

Der charakteristische Vokal steht bei den starken Verben 
hinter dem zweiten Radikal, bei den )"V und V"V aber hinter dem 
ersten, weil es hier nur eine Stammsilbe gibt. Von Haus aus 
kurz wird er bei diesen beiden Arten von Verben lang, und zwar 
bei den V'y natura, bei den V"V positione, durch Verdoppelung des 
auf ihn folgenden Consonanten'); für das Lautgewicht der Sylbe ist das 
vollkommen äquivalent, eben sowie das Piel qattal und das Pool qätal 
äquivalent sind. Er behält ausserdem regelmässig den Ton, während 
er bei den starken ^Verben den Ton verliert, wenn die Endungen 
vokalisch antreten '). Ein Piel gibt es nicht von den )"V und V"V, 
weil, auch wenn ein mittlerer Radikal angenommen wurde, er doch 
viel zu schwach schien um eine Verdoppelung zu ertragen. Statt 

Natürlich nur, wenn die allgemeinen Lautgesetze die Verlängerung und 
Verdoppelung überhaupt gestatten. Sonst bleibt der Vokal kurz und der 
Consonant unverdoppelt. 

^ Nur im Aramäischen hat er hier den Ton in der 3. Pluralis Perfecti 
behalten. Bei jequmün(a) verliert er ihn natürlich auch bei den )"y; bei den 
y"y gegen die Regel öfters in 3 PI. Pf. 



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über einige Arten schwacher Verba im Hebräischen. 251 

dessen bilden die V"V ein Peel (so beb) und auch die TV eine da- 
von nicht zu trennende, völlig gleichlautende Form (qomem); im 
Aramäischen entspricht die Form q au rar von qarr. Von derivirten 
Stämmen kommen nur Niphal und das Hiphil vor. 

Im Niphal lautet die Perfektform des starken Verbs naqtaP). 
Fällt der mittlere Radikal (t) aus, so bleibt naqal. Daraus ent- 
steht durch Verlängerung oder Versteifung der Stammsylbe naqäl 
bei den V'J? oder naqal 1 bei den y"y. Da ursprünglich langes ä 
im Hebräischen sich verdunkelt, so wird für naqäl gesprochen 
naqol. Das Imperfectum wird ganz so gebildet, als wäre das 
Perfectum ein Perfectum Qal von ]"5 : jiqqol, jissobb. Nach dieser 
Analogie findet sich auch die intransitive Aussprache jimmass, 
die bei den V"V die gewöhnliche ist, sogar im Perfectum aus- 
nahmsweise namess. 

Das Hiphil des starken Verbs lautet arabisch aqtal juqtil, 
hebräisch mit teilweise weniger ursprünglichem Vokalismus hiqtil 
jaqtil'). Bei Ausfall des mittleren Radikals arabisch aqal juqil, 
hebräisch hiqil jaqil. Daraus durch Verlängerung oder Ver- 
steifung der Stammsylbe arabisch aqäl juqil oder aqall juqill, 
hebr. hiqil jaqil oder hiqill jaqill. Passivisch im Hebräischen 
hüqäl und hüsabb: der passivische Vokal hat hier der Sprache 
mit Recht für wichtiger gegolten als der Stammvokal. 

Der einfache Stamm, das Qal, ist bekanntlich reicher ent- 
wickelt als die abgeleiteten. Während dort der charakteristische 
Vokal immer der selbe ist , wechselt er hier und erscheint als a oder i 
oder u. Im Perfectum überwiegt a im Hebräischen sehr stark; 
die gewöhnliche Form des Triliterum ist qatal. Das biliterale qal 
wird bei den V"V zu qall versteift. Beispiele intransitiver Aus- 
sprache in Contrahirten Formen gibt es hier nicht. Vielleicht 
darf man das nach dem Arabischen erklären, welches mit dem 
charakteristischen Vokal in der dritten Perf. des V"V nach 
mechanischen Lautgesetzen schonungslos aufräumt. Man sagt 
vadda (vadidta), labba (labubta), dagegen bi'sani^ma (für 
ba'isa na'ima); subha (subibta), aber qila. Im Hebräischen 

') naqtal = niqtal. Das i findet sich im Präformativ bei "jiy^ Zach. 2, 17. 

2) ursprünglich hat auch das Hebräische in der Stammsylbe des Perfects 
ein a und erst in der des Imperfects ein i gehabt; daher hiqtälta, abe 
taqtelna. Die Verlängerung des i in der Stammsylbe auch der starken Yerba 
ist spät und findet sich in keiner anderen semitischen Sprache. 



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252 Verschiedenes. 

scheinen wenigstens die Nomina auf a-i ebenso nicht das i sondern 
das a beizubehalten, vgl. makk dall mit aram. makik dalil. 
Zwischen Nomen und Verbum kann freilich ein Unterschied ge- 
waltet haben. 

Im Perfectum Qal der )"y würde die wirkliche Verlängerung 
von qam qim qum lauten: qom qim qüm. Statt dessen finden 
sich gleichmässig (was sehr zu beachten ist) die bloss tonlangen 
Formen qäm qemqom; die vorkommenden intransitiven Beispiele 
sind met ör bosch tob. Der tonlange Vokal unterscheidet sich 
freilich dadurch von seinesgleichen, dass er niemals wegfällt, auch 
wenn der Ton vorrückt — was übrigens hier verhältnismässig 
selten vorkommt. Trotzdem wird man zu urteilen haben, dass in 
diesen Perfectformen der )"V die ursprünglichen Kürzen erhalten 
sind und nur die Tonverlängerung erfahren haben, welche sich in 
der Stammsylbe des starken Verbs zwar bei den Intransitiven aber 
nicht beim Transitivum findet. Im Aramäischen zeigen qäm mit 
die richtige Verlängerung. Ebenso im Arabischen qäma; die 
intransitive Aussprache kommt hier in der einfachen Form nicht 
zum Vorschein und auch nicht in der entsprechenden Form des 
Participiums (mät = met; gär = ger.) 

Dagegen das Imperfectum der )"V zeigt auch im Hebräischen 
die regelmässige und wirkliche Verlängerung. Als charakteristischer 
Vokal überwiegt u, sowol bei )"V als bei V"V. Die triliterale 
Form jaqtul lautet biliteral jaqul, verlängert oder versteift jaqül 
oder jaqull. Die intransitiven Verba haben im Imperfect a. Die 
triliterale Form jaqtal lautet biliterel jaqal (jeqal), verlängert 
oder versteift jaqäl oder jeqall; regelrecht wird jaqäl in den vor- 
kommenden Beispielen zu jaqol (jeqol) verdunkelt^). Mit u 
wechselt im Imperfect transitiver Verben der charakteristische 
Vokal i. Er ist im Hebräischen bei starken Verben kaum im 
Gebrauch, bei schwachen dagegen häufig. So namentlich auch bei 
den )"y: ja bin, jadin, jarib jasim u. s. w.*). 

Mit dem Imperfectum geht bei den )"]) — die V"V interessiren 
uns jetzt nicht mehr — nicht bloss der Imperativ, sondern auch 
der Infinitiv. Dem Imperfectum jaqüm entspricht der Infinitiv 



^) Neben jaor konnte auch jeor (wie jebosch) Impf. Qal sein, denn 
naor Ps. 76, 5 ist verschrieben für norä (furchtbar). 

2) Vgl. Nöldeke in der Zeitschr. der D. M. G. 1883 p. 525 ss. 



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über einige Arten schwacher Verba im Hebräischen. 253 

qüm, dem Impf, jadin der Inf. din, dem Impf, jabo (für jabä) 
der Inf. bo (für bä). Die Correspondenz tritt hier viel deutlicher 
hervor als bei dem starken Verbum, wo der Infinitiv q'tul den 
Infinitiv q'tal bis auf wenige Fälle (sch'kab, sch'kan) verdrängt 
hat und der Infinitiv q'til nicht vorkommt, weil das Imperfectum 
jaqtil oder jiqtil verschwunden ist. Wol aber findet sich zu 
den Imperff. jH^ und IT auch der entsprechende Infinitiv mit 
charakteristischem i. 

Die Beurteilung der Formen jadin din, jarib rib, um deren 
willen zunächst diese Seiten geschrieben worden sind, widerspricht 
der gewöhnlichen, auch von Nöldeke festgehaltenen Betrachtungs- 
weise. Sie stimmt aber zu den Tatsachen im Hebräischen (und 
im Aramäischen). Der Unterschied zwischen qüm und rib findet 
sich dort nur im Qal und nur in der Imperfectgruppe, im Perfectum 
Qal entspricht den beiden Vokalisirungen des Imperfects gleich- 
massig die mit a^). Sowie in qam und rab der charakteristische 
Vokal des Perfects erscheint, so in jaqüm jarib der des Imperfects, 
und so wie in jabä (jabo) der intransitive Vokal des Imperfects ver- 
längert ist, so in jaqüm jarib der transitive. Wenn überhaupt 
das Princip gilt, dass in den )"V der charakteristische Vokal der 
Stammsylbe, der im starken Verb kurz erscheint, zur Compensation 
der BiliteraHtät verlängert wird, so muss man die Imperfectformen 
jaqüm jabin jabä von vornherein postuliren. Wenn aber umge- 
kehrt ein durchgehender wurzelhafter Unterschied zwischen Verbis 
mediae Vau und mediae Jod existirt, und sie alle entweder der 
einen oder anderen Klasse angehören, so fällt damit die ganze 
Müllersche Theorie über den Haufen. Denn dann haben wir wieder 
qavam neben raj ab und können sehen, wie von qavam zu qam, 
von qavamta zu qamta, von hiqvim zu hiqim, von naqvam 
zu naqom der Übergang zu machen, und wie die Concordanz der 
Formen von V'y und V"V zu erklären sei. Ewald war von einem 
feinen Gefühl dabei geleitet, dass er die Ain Jod zu beseitigen 
strebte, die den von ihm geahnten Charakter der „mittelvokaügen" 
Verba störten; er hat sich jedoch darin versehen, dass er sie, 
getäuscht von einzelnen späten Analogiebildungen, als ursprüng- 
liche Hiphilformen betrachtete, statt als Imperfecta des Qal. 



^) Auch banta, rabta. Die Formen binota ribota sind secundär und 
kommen nicht in Betracht. 



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254 Verschiedenes. 

Der Einwand, dass das Arabische den Unterschied zwischen u 
und i doch auch im Perfectum aufweise, besagt nicht viel. Die 
Vokalisirung qumta ribta ist erst vom Imperfectum qüm rib ins 
Perfectum eingedi'ungen und dort anerkanntermassen nicht ui-sprüng- 
lich. Ursprünglich erscheint das i, als Charaktervokal des Perfects, 
im Intransitivum chifta. Schwerlich wird das intransitive i in 
chifta und das transitive in ribta von Anfang an neben einander 
gestanden haben; das perfectische i entspricht imperfectischem a 
(chifta chäf) und nicht imperfectischem i (ribta rib). Analog 
würde auch perfectisches u sich in Wahrheit nur für solche Verba 
gehören, die mit hebräisch or bosch tob in gleicher Reihe zu 
setzen sind. 

Das Vorkommen von Verben, in denen mittleres Vau oder 
Jod wirklich radikal war, soll dadurch nicht ausgeschlossen werden. 
Consonantische Aussprache des Vau oder Jod ist freilich kein 
Beweis dafür, wie Nöldeke wiederholt gezeigt hat. Aber wenn ein 
Unterschied zwischen mediae Vau und mediae Jod nie und nirgend 
existirt hätte, so würden gewisse Paare von Verbalstämmen ver- 
schiedener Bedeutung (vorzugsweise im Arabischen) lautlich völlig 
zusammenfallen. 

Die Nomina gehn in Müllers Theorie schwieriger auf, wenigstens 
diejenigen einfachster Bildung mit nur einem kurzen Vokal. Den 
Formen qatl qitl qutl entsprechend kommen zwar qäl (hebr. qol) 
qil qül neben einander vor, z. B. dor diu ruh im Hebr., im 
Arab. sogar räh rih ruh aus einer Wurzel*). Aber wie soll man 
über qail und qaul urteilen? soll man sie mit qäl (etwa wie das 
Paial und Paual mit dem Päal) zusammenstellen*) oder mit qil 
und qül? Auf alle Fälle wird die Consequenz von den Verbis 
her auch für die Nomina gezogen werden müssen. Es kann auch 
unter ihnen nur ganz wenige mit wirklich radikalem Vau oder 
Jod geben. Consonantische Aussprache dieser Halbvokale ist hier 
erst recht kein Beweis. Formen wie madian ma'ian, die anders- 
wo früher vorkommen, sind im Hebräischen spät recipirt. Die 



1) Ich sehe nicht em, warum das Substantiv qal nicht mit qil und qul 
in eine Reihe gehören soll. 

^ Wechsel von a und ai findet sich in Deminutivum, übäd übaid, ünäs 
ünais, Hudhäfa Hudhaifa. Auch ghuläm und ghazäl gehören dahin. 



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über einige Arten schwacher Verba im Hebräischen. 255 

alte hebr. Aussprache ist madon maon^), und da lässt sich Vau 
oder Jod nicht unterscheiden. 

2. Unter den r\"b gibt es wol auch wirkliche ultimae Jod, 
wenigstens wirkliche ultimae Vau. Der Unterschied einiger Wurzeln 
erklärt sich nicht gut anders, wie W und n^y» )b\i/ und rbtl/» 
Wurzelhaftes Vau scheint nach dem zweifachen )^Vt< der Mesa- 
inschrift einst sogar in abgeleiteten Verbalstämmen sich erhalten 
zu haben; denn als Suffix der 3 sg. m. lässt sich das Vau hier 
so wol aus syntaktischen Gründen als auch deshalb nicht auffassen, 
weil das betreffende Suffix sonst überall mit He geschrieben wird, 

Im Ganzen und Grossen aber fehlt auch bei diesen Verben 
eigentlich der dritte Radikal. Ihre biliterale Natur zeigt sich noch 
in manchen Formen erhalten, in denen die Endungen ganz so an 
den zweiten Radikal antreten, wie bei den starken Verbis an den 
dritten. Namentlich ist dies im Hebräischen der Fall. Gal-at als 
3 sg. f. pf. ist allgemein; im Hebr. kommt hinzu gal-u jigl-ün 
tigl-ün tigl-in; Bildungen wie ataju jetajun mit Jod als 
drittem Radikal sind spät. Beim Nomen tritt die Endung 6n 
direct an den zweiten Radikal: ason 'avon gaon hamon ra^on; 
den Formen herajon hizzajon^) stehn die älteren haron hazon 
gegenüber, 'iniän qiniän sind Aramaismen. Auch die Genus- 
und Numerusendungen treten direct an: gol-at qasch-at, gol-im 
qasch-im, gol-ot qasch-ot; im Aramäischen geschieht dasselbe 
sporadisch (g'din g'dai, sch'min sch'mai) bei der masc. Plural- 
endung des Status abs. und constr., durchgehend bei der alten 
Endung des Status emph. aija, die nicht etwa den dritten Radikal 
Jod in sich birgt, da sie ja auch bei den nicht zu r\"b ausgebildeten 
richtigen Biliteris erhalten ist'). Interessant sind namentlich 



1) ^^IxA d, i. ^ä:^ Tab. 2 151, 16 (Jaq. 4, 571, 5 s.). »Die Wässer der 
Araber**, sind ihre einzigen festen Stätten, wo der Hädir bleibend siedelt, die 
übrigen zu gewissen Jahreszeiten lagern. Es ist ein altes Nomadenwort, ebenso 
wie nave (Ziel der Wanderung, daher sowol Weide als Wohnung). Eine 
Wurzel py wohnen gibt es nicht. Eine Nebenform zu ma'än ist vielleicht 
ma'in; die Aussprache richtet sich im ersten Fall nach dem Schema maqtal, 
im andern nach manzil. 

^ Andersartig sind ebion 'elion ga'ion (Ps. 123, 4). Alt scheint nur 
ebion zu sein, das indessen keine Wurzel hat. 

') Es heisst auch nicht qascfaiaija, sondern q^schaija. 



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256 Verschiedenes. 

einzelne substantivische Feminina wie alät kalät manät (neben 
aliat *ervat) und tödättörät (neben taklit tabnit) im Hebräischen. 
Sie sind deutlich von Wurzeln n"h derivii*t. Andere ähnlich ge- 
bildete, die in grosser Zahl namentlich im Arabischen vorkommen, 
sind das allerdings nicht; es sind wenigstens überwiegend für sich 
stehende biliterale Substantive mit Femininendung^). Es ist aber 
sehr bezeichnend, dass die Neigung herrscht, sowol sie wie die 
entsprechenden Masculina als r\"h zu behandeln — respective zu 
n"*? fortzubilden, wie od aus IK' oder "IH- Und auch ein etwaiges 
Schwanken, ob diese bilit'eralen Urwörter in dieser oder jener 
Weise zu Triliteris zu ergänzen seien, ist bezeichnend. Arabisch 
irät ist vermutlich hebräisch ari (Ezech. 43, 15. 16), wechselt 
aber im Arabischen selber mit rijat'), einem Devirat von primae 
Vau; umgekehrt wird humät wii'klich mit einem Verbum primae 
Vau zusammenhängen, hat aber den Plural wie von n"b- Die 
Femininform X h'> lässt veimuten, dass das Wort ^n> der Pfeil, 
eigentlich ein richtiges Biliterum ist, es erscheint aber faktisch 
entweder als V'% im Hebräischen und Arabischen, oder als r\"b 
im Abessinischen, Arab., Hebr. und Aramäischen'). Ebenso mag 
yp eigentlich Biliterum sein; es erscheint aber entweder als V"V 
oder als r\"by der erst spät nachzuweisende Plural (st. cstr.) lautet 



^ ß j , j , ^ ^ ^ 

^) B«t /üot B^ 'i^ BlX^> x^»> >U.>> äJj äJLm 'mJ^ 'mJo 'i^ Hjc 

> y 

K*ac 'iah Kid KJü ÄxJ. Meist mit plur. san. masc, aber auch ^Jos^ lS'*'^'' 

2) Dies seltene Wort (Lisan 20, 267) scheint vorzukommen in der Er- 
zählung des Mufaddal über den Tag Yon.Faruq im Kriege der Abs und Fazara 
zu Prov. 21, 96. Es steht dort allerdings iC^t ^j und darnach übersetzt 
Freytag (2, 280) relictis ignibus inter viliora impedimenta. Aber dies 
passt nicht in den Zusammenhang. Qais b. Zuhair bricht das Lager ab, lässt 
aber die Feuer auf der Feuerstelle brennen, damit der Feind den Abzug 
nicht merke. 

*) Vgl. den arab. Plural ^J^^^^ 15^^' ^^^ ^*^ ^®"°* ^^-^i^. Hebräisch 
^x^n 1 Sam 20. 2 Reg. 9. Aramäisches t<^ün ist nachgewiesen von Olshausen 
in den Berliner akad. Sitzungsber. 1880 p. 879. — Aus v\X^ dagegen kann 
man nicht mit gleichem Recht auf ein ürwort ]n (Brust) schliessen, weil 
eine von da ausgehende Bifurcation fehlt, vielmehr das Hebr. und Aram. darin 
übereinstimmen; dass niPl ^^^ N^IPI ^1*« Jod sind. 



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über einige Arten schwacher Verba im Hebräischen. 257 

sogar qa9ve. Umgekehrt kommen auch Rückbildungen vor. Wie 
es im Syrischen schel heisst für scheli, so hat sich im alten 
Aramäisch INS aus nS gebildet; denn die Wurzel ist überall 
lediglich ultimae Jod, nirgend mediae Aleph. Ebenso hebr. gur 
(Welfe)aus güri oder güru, wiedasAramäischeundAi'abischebeweist. 
Dabei wird Betonung der ersten Sylbe vorausgesetzt, die sich in 
der uns überliefei-ten Aussprache bei ultimae Jod nicht findet, nur 
bei ultimae Vau im Hebräischen. Vgl. noch qart qiriat qir. 

Die Vermutung liegt nun nahe, dass bei den n"S> wie bei den 
Vy» zum Ersatz der unvollkommenen Entwickelung eine Vokal- 
verlängerung eingetreten sei, nur nicht hinter. dem ersten, sondern 
hinter dem zweiten Radikal, wodurch die Ähnlichkeit mit den 
starken Verben schon grösser wird. Weiter würde man dann er- 
warten, dass der verlängerte Vokal auch bei den n"7 dem charakte- 
ristischen Vokal des starken Verbs oder Nomens entspreche. Sehen 
wir, wie weit die Tatsachen mit dieser Erwartung im Einklang 
stehn. 

Im Hebräischen und Aramäischen ist der Unterschied der 
ultimae Vau und. Jod nur im Nomen, nicht im Verbum aus- 
gebildet. Das Perfectum des einfachen Stammes zeigt, abgesehen 
von der dritten Person, im Hebr. i, im Aram. ai und nur intrans. i; 
das Imperfectum ae oder e*). Die Imperfecta der abgeleiteten 
Stämme enden ebenso wie das des einfachen, die Perfecta haben hier 
itu Aram. überall i, im Hebr. daneben auch e=ai. Ein Wechsel 
der die Stelle des dritten Radikals vertretenden Vokale, der dem 
Wechsel der charakteristischen Vokale des starken Verbs entspräche, 
findet nicht statt; es erscheint vielmehr überall ein und der selbe 
Vokal i als wurzelhaft, der den chai-akteristischen Vokal entweder 
verdrängt oder in sich aufnimmt. Bloss in der 3 s. g. m. pf. zeigt 
sich das lange a, im Aramäischen nur noch im einfachen Stamme. 

Anders liegt die Sache jedoch im Arabischen. Die arabischen 
Imperfecta von n"b jaglu jarmi jarä entsprechen in der Tat, 
genau wie die von V'V jaqüm jarib jachäf, den drei wechselnden 
Aussprachen jaqtul jaqtil jaqtal; der charakteristische Vokal 
ist, wie dort im Inlaut, so hier im Auslaut verlängert. Und 
so wie qumta sich nach jaqum richtet und ribta nach 
jarib, so entspricht das u in galauta dem u in jaglu und das i 



^) Intrans. Imperativ im Aram. auf ai. 

Wellhansen, Skizzen nnd Vorarbeiten. VI. ]_7 

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2&8 Verschiedenes. 

in ramaita dem i in jarmi; während in chaschita wie in chifia 
der regelmässige intransitive Vokal des Perfects geblieben ist, 
nnbeeinflnsst von dem a des Imperfects. Der Diphthong würde sich 
aus der Einwirkung des transitiven Perfectvokals erklären, der in 
der 3. m. s. dominirend geblieben ist. Im Nomen zeigt sich Ver- 

längerung des charakteristischen Vokals a in ^J<b und Lot. Con- 

sonantisches Jod und Vau erscheint vorzugsweise in den Nomina 
einfachster Bildung. Vermutlich ist indes die vokalische Aus- 
sprache güri gäru (mit Vombetonung) älter*). 

Beim Nomen findet sich nun aber eine ähnliche Erscheinung auch 
im Aramäischen und Hebräischen. Ich gehe zunächst von einzelnen 
Substantiven aus, die nicht zu n"b ausgebildet, sondern als Bilitera 
erhalten sind, von den bekannten Verwandtechaftsnamen für Vater 
Bruder und Schwäher. Hier ist die auslautende Nominalendung 
im Hebr. zu j, im Ai'am. zu ü verlängert: abi achi hamx, abü 
achü hamu*). Ebenso auch die Femininendung ät in ät (hebr. 6t): 
achät hamat. Dieser letztere Fall interessirt uns besonders, denn 
er lässt sich in grossen Umfang auch bei den n"7 nachweisen, 
namentlich im Aramäischen: Verlängerung der Femininendung ät 
zum Ersatz des fehlenden dritten Radikals. 

Wie aus galät, wenigstens bei den Westsyrern g'lät geworden 
ist, so aus manät (hebr.) bei allen Aramäern m'nät und ver- 
dunkelt m'not'); neben schaviat steht sch'vät. Nur in ra'ta 
und pha'ta, die nicht richtige itb sind, bat sich die Verlängerung 
nicht vollzogen. Den Absolutus dieser langen Femininendung 
erkennt man in dem syrischen Infinitiv meglä; das palästinische 
Aramäisch hat dafür die Masculinform megle, wovon auch im 



') Vielleicht ist hier u und i ursprÜDglich Nominalendung und wurde 
dann zur tertia radicalis. Vgl. die folgende Note. 

^) Die Annahme einer vokal. Nomiualendung auch für das Hebr. und 
Aram. ist notwendig, weil sonst die Segolatformen von Anfang an nicht hätten 
ausgesprochen werden können* Aber i und u wurden dabei promiscue ge- 
braucht. Wenn es hebr. abi und aram. abu heisst, so heisst es umgekehrt 
hebr. zu und aram. zi, und im Arab. wechselt (ella)dhi mit dhu (bei den 
Taiji). Das u findet sich im Hebr. noch in Metu- Betu- 8chemu-el. 
Ohne verlängerten Auslaut scheint sich ab und ach erhalten zu haben im 
Status constr. auf den aramäischen Inschriften. 

») Weitere Beispiele bei Nöldeke § 77. 78. 101. 



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über einigd Arten schwacher Verba im Hebräischen. 259 

Syrischen die Suffixformen abgeleitet werden. Der eigentliche 
Emphaticus zu megla würde megläta lauten; wie maumäta, 
das sich neben maumita noch erhalten hat. In den abgeleiteten 
Verbalstämmen findet sich at statt it oder iat nicht; hebr. todät 
heisst ai-am. nicht taudät sondern taudit. Doch wäre es möglich, 
dass tar'üt (neben tar'it) ursprünglich tar^ot gelautet hätte. 

Einzelne Wörter auf ät und 6t werfen im Plural die Endung 
ab und haben (ganz entsprechend den p. 256 n. 1. aufgezählten 
Femininen) einfach aija, womit freilich schon äje wechselt. So 
t'phäta^) t'phaija, Fbota k'baija, und analogisch auch q'tota 
q'taija. Dies ist höchst charakteristisch; es steckt kein i oder u 
in dem ät. 

Im Hebräischen sind q'^ät m'nät Aramaismen, echt dagegen 
q'pot, das iiiig füi' einen Plural gehalten wird. Ferner aschpot 
(mit Aleph prosth.); denn die Wurzel ist in Wahrheit n"/ ). 
Weitere Substantive dieser Foim sind nicht vorhanden; dagegen 
gehören die Infinitive der r\"b sämtlich hierher. Vielleicht lässt 
sich auch D)2\t^ (neben n^Dl^O ^' ^- ^'s fortgeschrittene Ver- 
dunkelung von sch'bät betrachten. 

Im Arabischen sind zakät palät Lehnworte. Ebenso auch 
taurät; hier aber haben erst die Araber das ät von torät in ät 
verlängert. Echt arabisch sind manät qanät (hebräisch manät 
und qanät) u. a. Daneben steht manijat; t'phät aschpot heisst 
auf arabisch uthfijat. Die Worte »Lu »utoi und »US mit langem 
ät können den Plural q^U qj^I q^ bilden, gradeso wie Ky^r 
H^ mit kurzem ät; die Analogie mit dem syrischen t'phäta t'phaija 
fällt dabei auf. Das Nomen Actionis »Lto^ entspricht der syrischen 
Infinitivform; man könnte es dem Femininum des Partie. Pass. 
(mardijat) gleichsetzen, das im vierten Stamm fui* das Nomen 
Actionis gebraucht wird (mughnät). 

Mir scheint damit das Princip der Verlängerung des Auslautes, 
als Ersatzes der fehlenden tertia radicalis, für die n"b erwiesen zu 
sein, obgleich man damit nicht in allen Fällen auskommt. Ich 
leugne nicht, dass ich zu einer ganz klaren Anschauung noch nicht 



*) Dass dies die richtige Aussprache von psn, dem Singular von t'phaija 
ist, lehrt der Vergleich von aschpot. Vgl. Isr. und jüd. Geschichte 1897 
p. 129 n. 2. 

^ Tab. 1 1927, 2. Dagegen ^q, Hatim (ed. Schulthess) 27, 8, ' 



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260 Ober einige Arten schwacher Verba im Hebräischen. 

durchgedrungen bin, hoffe aber, dass meine Darlegungen eine solche 
vorbereiten können. Dass das feste und fertige Schema der arab. 
Grammatik überhaupt nicht einfach als das was da war am 
Anfang angesehen werden darf und, wenn es doch geschieht, öfters 
die Erklärung mehr hemmt als fördert, ist nachgrade wol all- 
gemeine Überzeugung. Ewald hat im Ganzen mehr Recht be- 
halten als Olshausen. Namentlich seine arabische Grammatik 
verdient nicht die Ignorii-ung, der sie verfallen ist; sein Lv^tein 
ist noch immer verständlicher als sein Deutsch. 



Berichtigungen. 
Lies Jamama für Jamam (40, 37), Dan. 12, 2 für 12, 12 (171, 9), 
Bedingung für Bedeutung (175, 18). Das Misverständnis tä ofltßßat« a{)TÄv 
(241, 29) erklärt sich aus aramäischem ]inmD.l5^ (sebuthon, nait Sin für Samech) 
nicht eben schlechter als aus hebräischem cnD.C<^' ^^^^ manün (259, 25) 
von den Arabern selber nicht als Pluralis sanus behandelt wird, ist mir nicht 
unbekannt, s. Ham. 14 y, 1. 44 y. 6. 531 v. 3. 



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